Der Jemen rückt in den vergangenen Tagen ins Zentrum der Berichterstattung – nicht wegen des Leids seiner Bevölkerung, sondern wegen steigender Benzinpreise im Westen.
Stefan Wachtberger
Am Wochenende erreichte der Krieg im Jemen die saudische Hauptstadt. In Riad waren Explosionen zu hören, nahe dem internationalen Flughafen stiegen Flammen und schwarzer Rauch auf. Die Huthi erklärten, sie hätten sensible Ziele mit Raketen und Drohnen angegriffen. Auch eine Anlage des Ölkonzerns Aramco in Yanbu soll attackiert worden sein. Saudi-Arabien meldete den Abschuss einer ballistischen Rakete.
Die Schlagkraft der Huthi kommt nicht wirklich überraschend. Ihr Aufstieg vollzog sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Nur wollten die wenigsten genau hinsehen. Lange wurde die vom Iran unterstützte Miliz als Truppe rückständiger Stammeskrieger belächelt. Kämpfer in jemenitischer Tracht und Sandalen, den traditionellen Krummdolch am Gürtel und eine alte AK-47 über der Schulter, wurden nicht ernst genommen.
Heute verfügen die Huthi über ballistische Raketen, Marschflugkörper, Kampfdrohnen und moderne Waffen gegen Schiffe. Sie kontrollieren weite Teile des Jemen und große Abschnitte der Küste am Roten Meer. Damit sitzen sie an einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Sie können Riad und Tel Aviv angreifen und den internationalen Schiffsverkehr bedrohen.
Verengter Blick
Der Jemen ist seit Jahren ein weitgehend zerfallener Staat mit einer hochgerüsteten Miliz als treibender Kraft. Nach dem Arabischen Frühling scheiterte der politische Übergang. Die Huthi aus dem Norden des Landes nahmen 2014 die Hauptstadt Sanaa ein. Ein Jahr später intervenierte die von Saudi-Arabien geführte Koalition in einen Krieg, der, so halbherzig, wie er geführt wurde, für sie nicht zu gewinnen war. Zurück blieb ein zerstörtes Land.
Mehr als 22 Millionen Menschen benötigen heute humanitäre Hilfe, Millionen sind Vertriebene im eigenen Land. Hunderttausende Kinder leiden an schwerer Unterernährung. Krankenhäuser funktionieren nur eingeschränkt, Bildung findet vielerorts kaum noch statt. Trotzdem blieb der Jemen in der westlichen Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar. Große Proteste? Fehlanzeige. Politischer Druck? Fehlanzeige. Ausführliche Berichterstattung über den Jemen? Ebenfalls Fehlanzeige.
In den Fokus der Öffentlichkeit rückten die Huthi, als sie im Zuge des Gaza-Kriegs Israel mit Raketen beschossen. Auf propalästinensischen Demonstrationen wurden sie als Freiheitskämpfer gefeiert. Ihre blutige Herrschaft im Jemen spielte dabei kaum eine Rolle. In dieser Wahrnehmung schien vor allem entscheidend, dass ihre Raketen in die vermeintlich richtige Richtung flogen.
Natürlich geht es nicht darum, einen Krieg gegen einen anderen aufzurechnen. Der Jemen zeigt vielmehr, wie sehr der westliche Blick auf den Nahen Osten von Israel und dem Gaza-Krieg bestimmt wird. Andere Konflikte und Entwicklungen geraten häufig erst dann in den Fokus, wenn ein Zusammenhang mit Israel hergestellt werden kann.
Diese Verengung rächt sich heute. Denn dabei ging der Blick auf die Region als Ganzes zunehmend verloren. Der Aufstieg der Huthi, der Machtkampf am Golf, der Zerfall arabischer Staaten, die iranische Strategie und die Bedeutung der Handelswege wurden zu oft getrennt voneinander betrachtet. Dabei hängen sie eng zusammen. Die Antwort kann deshalb nicht sein, über Israel weniger zu berichten, sondern den Nahen Osten wieder in seiner Gesamtheit zu analysieren.
Natürlich ist der Jemen ein schwieriges Berichtsgebiet. Unabhängige Recherchen sind gefährlich, der Zugang ist beschränkt und verlässliche Informationen sind rar. Viele Redaktionen haben zudem ihre Auslandsberichterstattung reduziert. Aber man muss nicht dauerhaft vor Ort sein, um Entwicklungen zu verfolgen und größere Zusammenhänge zu erkennen.
Schlüssel zum Verständnis
Der Iran hat die Huthi über Jahre mit Waffen, Technologie, Ausbildung und logistischer Hilfe unterstützt. Dennoch sind sie keine iranischen Vasallen. Sie verfügen über eine eigene Führung, eigene Einnahmen und eine gesellschaftliche Basis. Für Teheran sind sie damit ein mächtiger Verbündeter, der regional Druck ausüben kann, ohne dass Iran selbst unmittelbar militärisch aktiv werden muss.
Die jüngste Eskalation zeigt zugleich die Verwundbarkeit der hochgerüsteten Golfstaaten. Raketen und Drohnen lassen sich nicht vollständig abwehren. Auch militärisch gibt es keine einfache Lösung. Der jahrelange Feldzug der saudisch geführten Koalition konnte die Huthi-Herrschaft nicht brechen.
Dabei geht es längst um mehr als den Jemen. Am Roten Meer, am Golf und an der Straße von Hormus überlagern sich regionale Machtkämpfe und die Interessen der führenden Mächte. Zugleich verlaufen hier zentrale Routen des Welthandels. Was noch immer als eine Reihe einzelner Krisen betrachtet wird, ist längst ein weltpolitischer Konflikt, dessen Ausmaß noch kaum begriffen wird.
Der Jemen ist deshalb einer der Schlüssel zum Verständnis dieser neuen Lage. Wer ihn ignoriert, versteht weder die iranische Strategie noch die Verwundbarkeit der Golfstaaten noch die Gefahr für den Welthandel. Doch erst wenn Frachter umgeleitet werden, Versicherungsprämien steigen und Benzin teurer wird, schafft es das Land zuverlässig in die Schlagzeilen. Das ist keine Nahostberichterstattung. Das ist schlicht und ergreifend billiger Zapfsäulenjournalismus.
