Der mehrdimensionale Krieg des Iran

Einschlagsort eines iranischen Raketenangriffs in Bahrain

Die Islamische Republik Iran führt keinen isolierten Krieg gegen die USA. Sie führt einen Krieg gegen die Sicherheitsordnung der gesamten Region.

Kazem Moussavi

Die Vereinigten Staaten befinden sich in einem mehrdimensionalen Krieg gegen das Regime der Islamischen Republik. Es hat diese Eskalation durch sein aggressives Atomprogramm, die systematische Unterstützung von Terrororganisationen und Milizen, Raketenangriffe auf Nachbarstaaten sowie die Bedrohung internationaler Schifffahrtswege selbst herbeigeführt.

Der Krieg beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf das iranische Territorium. So sind Kuwait, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Jordanien von iranischen Vergeltungsschlägen betroffen. Die Revolutionsgarden bedrohen die Straße von Hormus, die Huthi im Jemen den Bab al-Mandab und damit eine zweite strategische Verbindung für den internationalen Seehandel.

Regionales Netzwerk

Nach fast zwei Wochen ununterbrochener US-Luftangriffe auf Ziele im Süden und Westen des Iran erklärte US-Präsident Donald Trump am Freitag, den 17. Juli, eine Waffenpause. Doch bereits in der Nacht zum 19. Juli griff das Mullah-Regime Ziele in Kuwait und Bahrain mit Raketen und Drohnen an. Auch in Jordanien heulten die Luftabwehrsirenen. Die Waffenpause führte damit nicht zu einer Deeskalation, sondern nur zu einer kurzen Unterbrechung der Kämpfe.

Die Entwicklung hat eine historische Dimension. Kuwait und Saudi-Arabien haben Berichten zufolge in koordinierten Operationen mit den USA iranische Militäranlagen angegriffen. Getroffen wurden Kommandozentralen, Raketenstellungen und Einrichtungen der Revolutionsgarde. Damit treten Golfstaaten erstmals offen als direkte Kriegsparteien gegen das Mullah-Regime auf.Sie sind nicht länger nur das Ziel iranischer Aggression, sondern beteiligen sich aktiv an der militärischen Schwächung des Regimes, was die strategische Lage am Golf grundlegend verändert.

Besonders gefährlich ist die Situation an der Straße von Hormus. Die Revolutionsgarde hat dort im Juli wiederholt Handelsschiffe und Tanker unter Beschuss genommen. Schiffe, die die Meerenge passieren wollen, müssen Anträge stellen, vorgegebene Routen einhalten und sich der Kontrolle der Revolutionsgarde unterwerfen. Damit versucht das Regime, die internationale Handelsroute in ein Instrument politischer und militärischer Erpressung zu verwandeln. Die Folgen reichen weit über den Golf hinaus: steigende Ölpreise, gestörte Lieferketten und zusätzlicher wirtschaftlicher Druck auf die Golfstaaten und Europa.

Auch die Huthi im Jemen sind Teil dieser Strategie. Sie können den Bab al-Mandeb blockieren oder Handelsschiffe angreifen und damit eine zweite wichtige Seeverbindung zwischen dem Indischen Ozean und dem Roten Meer bedrohen. Das Ziel ist nicht nur militärischer Druck auf die USA und Israel, sondern auch die Destabilisierung des internationalen Öl- und Warenhandels. Die Straße von Hormus und Bab al-Mandab sind für das Regime damit wirtschaftliche Druckmittel von enormer strategischer Wirkung: gewissermaßen eine »Atombombe« im wirtschaftlichen Sinne.

Das Regime führt diesen Krieg nicht also allein mit seinen eigenen Streitkräften. Neben den Huthi verfügt es über ein Netzwerk regionaler Stellvertreter und verbündeter Milizen von der Hamas über die Hisbollah bis zu den schiitischen Milizen im Irak.

Der Oberste Führer des Iran, Mojtaba Khamenei, hat jüngst der Hisbollah seine Unterstützung zugesichert und zu einem fortgesetzten Dschihad gegen Israel und die USA aufgerufen. Damit soll die libanesische Terrororganisation unmittelbar in den Konflikt hineingezogen werden, insbesondere für den Fall einer neuen israelischen Beteiligung an weiteren US-Angriffen. Parallel dazu wurden laut Berichten Milizen der Hashd al-Shaabi aus dem Irak in den Iran verlegt, wo sie als Bodentruppen gegen eine mögliche US-Invasion im Süden des Landes eingesetzt werden sollen.

Auch die Hamas hat ihre Loyalität zum Regime bekräftigt. Der im Juli neu gewählte Hamas-Chef Khalil al-Hayya dankte dem Regime in einem Telefonat mit Außenminister Abbas Araghchi ausdrücklich für die Unterstützung seiner Organisation im Krieg gegen Israel. Zugleich gratulierte er den Machthabern in Teheran zum Sieg im »Ramadan-Krieg«, was eine klare Referenz an die iranischen Angriffe auf Israel und die USA im Frühjahr 2026 war.

In Folge erklärte Al-Hayya, der als treuer Statthalter der Teheraner Interessen in Gaza gilt, dass die Hamas weiterhin auf die Unterstützung Teherans zählen kann. Dass seine Wahl von der Hisbollah im Libanon und den Huthi im Jemen bejubelt wurde, ist ein deutliches Signal, dass die »Achse des Widerstands« trotz massiver Schläge intakt bleibt und weiter gegen Israel und die USA operiert.

Repression und Unterdrückung

Parallel zur regionalen Eskalation führt das Mullah-Regime seinen Krieg gegen die eigene Bevölkerung und gegen die iranische Opposition weiter. Wiederholt griffen die Revolutionsgarde und mit ihr verbündete Kräfte die Stützpunkte iranisch-kurdischer Oppositionsparteien in der autonomen Region Irakisch-Kurdistan mit Drohnen und Raketen an. Dabei wurden zahlreiche Menschen getötet und verletzt – auch Familien, Frauen und Kinder in den dortigen Lagern waren betroffen. Die Angriffe zeigen, dass das Regime seine militärische Repression gegen die kurdische Opposition auch über die Grenzen des Iran hinaus fortsetzt.

Im Land selbst verschärfte das Regime während des Krieges seine Menschenrechtsverletzungen. Am 28. Juli 2026 wurden in Isfahan zwei weitere junge Demonstranten, Abolfazl Sepahi Badjani und Amirhossein Safari Hosseinabadi, öffentlich hingerichtet. Zuvor waren bereits Erfan Esfandyari und Gol-Mohammad Mohammadi exekutiert worden. Diese vier und mindestens acht weitere politische Gefangene waren im Zusammenhang mit den Protesten vom Januar 2026 zum Tode verurteilt worden. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Verfahren und berichten über erzwungene Geständnisse und fehlende rechtsstaatliche Garantien. Laut Amnesty International droht derzeit mindestens sechzig Menschen im Iran die Hinrichtung, darunter drei Personen, die zum Zeitpunkt der ihnen vorgeworfenen Taten minderjährig waren.

Gleichzeitig trägt die iranische Bevölkerung die unmittelbaren Kosten dieses Krieges. Besonders im Süden des Landes werden durch die militärischen Auseinandersetzungen lebenswichtige Infrastrukturen beschädigt oder zerstört. Energieversorgung, Wasseranlagen, Verkehrswege, Brücken und andere für das tägliche Leben notwendige Einrichtungen geraten unter zusätzlichen Druck.

Hinzu kommen steigende Lebenshaltungskosten, eine extreme Inflation, wachsende Armut und zunehmendes soziales Leid. Die wirtschaftliche Krise trifft damit gerade jene Menschen, die bereits unter jahrzehntelanger Misswirtschaft, Korruption und der Politik des Regimes leiden. Die Inflation liegt inzwischen auf einem extrem hohen Niveau, während Lebensmittel- und Energiepreise massiv gestiegen sind.

Krieg um die Zukunft der Region

Am Dienstag, den 28. Juli, empfing US-Präsident Donald Trump den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu im Weißen Haus. Es war das erste persönliche Treffen der beiden seit Beginn des Iran-Krieges im Februar 2026. Neben der Trauerfeier für den verstorbenen Senator Lindsey Graham ging es vor allem um die weitere Strategie gegenüber dem iranischen Regime.

Beide Seiten bezeichneten das Gespräch als »positiv und produktiv«. Netanjahu sprach von einem der besten Gespräche, die er mit Trump geführt habe. Im Mittelpunkt standen die Verhinderung einer iranischen Atomwaffe, die Lage im Libanon, ein möglicher Atomdeal mit Saudi-Arabien und die Stärkung der Abraham-Abkommen. Netanjahu übermittelte Trump zudem israelische Geheimdienstinformationen über das iranische Atomprogramm. Beide Seiten vereinbarten eine engere Koordination hinsichtlich weiterer militärischer Schritte gegen das Regime.

Der Iran-Krieg hat inzwischen auch noch eine weitere internationale Dimension. So hat die Ukraine Transportschiffe des Regimes im Kaspischen Meer angegriffen, um die Lieferung iranischer Waffen zu unterbinden, die Russland in seinem Krieg gegen Kyiv einsetzt. Das Mullah-Regime hat der Ukraine mit Vergeltung gedroht, womit auch die europäische Sicherheitslage indirekt in den Iran-Konflikt hineingezogen wird.

Zugleich liefern Russland und China dem Regime Berichten zufolge Kriegsmaterialien, darunter Raketenkomponenten und Flugabwehrsysteme. Diese Unterstützung stärkt die militärischen Fähigkeiten Teherans gegenüber den USA erheblich. Der Krieg Teherans ist militärisch, wirtschaftlich, diplomatisch und ideologisch zugleich. Das Regime nutzt Raketen, Drohnen, Milizen, Terrororganisationen und Seeblockaden, um seine Gegner unter Druck zu setzen und die gesamte Region zu destabilisieren.

Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten stehen dabei nicht nur dem iranischen Militär gegenüber. Sie kämpfen gegen ein regionales Netzwerk, das von Gaza über den Libanon und den Irak bis zum Jemen reicht und durch Russland und China unterstützt wird.

Das Mullah-Regime führt damit keinen isolierten Krieg gegen die USA. Es führt einen Krieg gegen die Sicherheitsordnung der gesamten Region. Die Golfstaaten sind nicht mehr nur Opfer iranischer Aggression, sondern teilweise zu aktiven Kriegsparteien geworden. Die Straße von Hormus ist zur strategischen Waffe geworden, und der Konflikt reicht inzwischen bis in die europäische Sicherheitsordnung. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr, ob dieser Krieg weiter eskaliert, sondern wie weit Teheran bereit ist, die Eskalation noch zu treiben.

Dabei ist der Krieg für die Islamische Republik nicht nur eine außenpolitische Auseinandersetzung. Er gehört seit ihrer Gründung zu ihrer politischen und ideologischen Struktur. Khomeinis Doktrin vom Krieg als »göttlichem Segen« und die Parole »Der Weg nach Jerusalem führt über Kerbela [im Irak]« waren nie nur religiöse, sondern immer auch politische Aussagen. Sie dienten dem Aufbau der Revolutionsgarde, der Mobilisierung von Anhängern, der Unterdrückung der Opposition und der ideologischen Rechtfertigung des staatlichen Antisemitismus gegen Israel – sowie der Rekrutierung von antizionistischen Linken weltweit, die sich als Verbündete im Kampf gegen den »gemeinsamen Feind« und für die »Sache Palästinas« instrumentalisieren ließen.

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