Die Bahai als Sündenböcke: Wie das iranische Regime eine alte Verschwörungserzählung neu belebt

Der Bahai-Schrein im israelischen Haifa

Wenn die Islamische Republik Iran in eine Krise gerät, dauert es meist nicht lange, bis sie im Inneren nach Schuldigen sucht. Nach den jüngsten Protesten und dem Krieg mit Israel und den Vereinigten Staaten trifft die staatliche Repression erneut besonders jene Gemeinschaft, die seit Jahrzehnten als bequemer Sündenbock dient: die Bahai.

Anhänger der im 19. Jahrhundert in Persien entstandenen Bahai-Religion werden in iranischen Staatsmedien als Feinde, moralisch verdorbene Abweichler und zunehmend als Agenten Israels dargestellt. Razzien, Festnahmen und öffentliche Hetze haben sich in den vergangenen Monaten noch einmal deutlich verschärft. So sollen seit Januar Dutzende Bahai allein wegen ihrer Religionszugehörigkeit inhaftiert worden sein. Bei Hausdurchsuchungen wurden religiöse Schriften beschlagnahmt oder zerstört, zahlreiche Betroffene werden ohne klar erkennbare Anklage festgehalten.

Einer der bekannt gewordenen Fälle ist jener von Peyvand Naimi. Er wurde Anfang Januar an seinem Arbeitsplatz festgenommen und beschuldigt, während der Proteste Angehörige der staatlichen Sicherheitskräfte getötet zu haben. Seine Familie weist die Anschuldigungen zurück. Nach Angaben von Amnesty International sollen die ihm zur Last gelegten Vorfälle erst stattgefunden haben, nachdem Naimi bereits in Gewahrsam war.

Trotzdem zeigte das iranische Staatsfernsehen im Februar ein angebliches Geständnis. Naimis Familie und Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass die Aussagen unter Zwang zustande kamen. Ein Gericht soll im März zwar seine Freilassung angeordnet haben, dennoch blieb er in Haft. Als Angehörige bei der Staatsanwaltschaft nachfragten, habe man ihnen erklärt, »die Bahai« würden nicht freigelassen. Nicht sein angebliches Vergehen, sondern seine religiöse Zugehörigkeit war damit offenbar das entscheidende Kriterium.

Nach Angaben der Bahá’í International Community befanden sich am 11. Juni mindestens 63 Bahai in iranischen Gefängnissen. Die Organisation geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl höher liegt, weil manche Familien aus Angst vor weiteren Repressalien nicht öffentlich über Verhaftungen sprechen.

Viele der Festgenommenen kennen die gegen sie erhobenen Vorwürfe nicht. Andere werden wegen »Propaganda gegen das System«, wegen angeblicher Verstöße gegen islamische Normen oder wegen Kontakten zu ausländischen Organisationen verfolgt. Solche bewusst vage formulierten Tatbestände ermöglichen es den Behörden, friedliche religiöse und gesellschaftliche Aktivitäten nach Belieben zu kriminalisieren.

Eine Religion aus Persien

Die Bahai-Religion entstand im 19. Jahrhundert im damaligen Persien. Ihr Begründer Bahá’u’lláh verkündete die Einheit der Menschheit und betrachtete die großen Religionen als aufeinanderfolgende Etappen einer fortschreitenden göttlichen Offenbarung. Für schiitische Geistliche stellte diese Vorstellung eine fundamentale Herausforderung dar. Nach traditioneller islamischer Auffassung gilt Mohammed als letzter Prophet. Der Anspruch einer späteren Offenbarung wurde deshalb als Häresie betrachtet.

Die Feindseligkeit gegenüber den Bahai begann somit nicht erst mit der Islamischen Revolution von 1979. Unter der Herrschaft der Islamischen Republik wurde sie jedoch zu einem systematischen staatlichen Projekt. Bahai sind in der iranischen Verfassung nicht als religiöse Minderheit anerkannt. Während Christen, Juden und Zoroastrier zumindest formal über einen begrenzten Schutz verfügen, existieren Bahai aus Sicht des Staates als legitime Religionsgemeinschaft praktisch nicht. Ihnen wird der Zugang zu Universitäten erschwert oder vollständig verweigert, sie verlieren Arbeitsplätze, Geschäfte werden geschlossen und Eigentum wird beschlagnahmt.

Dass das internationale Verwaltungs- und Pilgerzentrum der Bahai heute in Haifa und Akko liegt, dient dem iranischen Regime seit Jahrzehnten als scheinbarer Beweis für eine Verbindung zum israelischen Staat. Die goldene Kuppel des Schreins des Báb und die darunterliegenden Bahai-Gärten gehören zu den bekanntesten Wahrzeichen Haifas. Die historische Ursache dafür wird in der iranischen Propaganda jedoch bewusst unterschlagen. Bahá’u’lláh wurde im 19. Jahrhundert von den damaligen persischen und osmanischen Herrschern mehrfach verbannt und schließlich in die Gefängnisstadt Akko gebracht. Seine Ankunft dort erfolgte 1868 – rund achtzig Jahre vor der Gründung des Staates Israel.

Das Bahai-Weltzentrum befindet sich daher nicht aufgrund eines politischen Bündnisses mit Israel in Haifa und Akko, sondern weil die religiösen Führungsfiguren der Gemeinschaft dorthin verbannt wurden. Dennoch macht die Islamische Republik aus dieser geografischen Verbindung eine politische Verschwörung. Staatsmedien bezeichnen die Bahai regelmäßig als »zionistische Sekte« oder als Spionagenetzwerk.

Angst als Herrschaftsmittel

Die aktuelle Kampagne gegen die Bahai muss im Kontext der umfassenderen Repression innerhalb des Iran gesehen werden. Nach den landesweiten Protesten und der militärischen Eskalation mit Israel und den Vereinigten Staaten intensivierten Sicherheitskräfte ihre Suche nach angeblichen Kollaborateuren.

Menschenrechtsorganisationen beobachteten bereits nach der militärischen Auseinandersetzung mit Israel im Juni 2025, dass die iranischen Behörden unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit eine neue Verhaftungswelle einleiteten. Betroffen waren nicht nur Bahai, sondern auch Angehörige der jüdischen Gemeinschaft, Aktivisten, Journalisten und Menschen, denen Kontakte ins Ausland vorgeworfen wurden. Zwischen Juni und November 2025 dokumentierte die Bahá’í International Community mehr als 750 staatliche Verfolgungsmaßnahmen gegen Bahai.

Dass die Verfolgung während politischer Krisen zunimmt, ist kein Zufall. Die Bahai eignen sich aus Sicht des Regimes besonders gut als Sündenböcke: Sie sind eine vergleichsweise kleine, religiös nicht anerkannte Gemeinschaft, verfügen über keine politische oder militärische Macht und können sich in den staatlich kontrollierten Medien kaum gegen Anschuldigungen verteidigen. Gleichzeitig soll ihre öffentliche Stigmatisierung eine Botschaft an die gesamte Bevölkerung senden. Wer von der religiösen oder politischen Linie des Staates abweicht, kann jederzeit zum äußeren Feind erklärt werden.

Das Regime richtet seine Propaganda nicht ausschließlich gegen bereits bekannte Bahai. Die Iraner werden aufgefordert, Nachbarn zu melden, wenn sie diese für Anhänger der Religion halten. So wird Misstrauen in Wohnhäuser, Schulen und Arbeitsplätze getragen. Die Verfolgung soll nicht nur die betroffene Minderheit isolieren, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt schwächen.

Die Behauptung, Bahai seien für wirtschaftliche Probleme, Proteste oder ausländische Angriffe mitverantwortlich, lenkt zugleich von der Verantwortung der politischen Führung ab. Inflation, Arbeitslosigkeit, Korruption und die Folgen außenpolitischer Konfrontation erscheinen nicht mehr als Ergebnis staatlicher Entscheidungen, sondern als Produkt einer verborgenen inneren Verschwörung.

Diese Logik verbindet die Verfolgung der Bahai mit der umfassenderen Ideologie der Islamischen Republik. Israel ist darin nicht bloß ein geopolitischer Gegner, sondern ein universelles Erklärungsmuster. Oppositionelle, Frauenrechtlerinnen, Journalisten, Juden und Bahai können durch den Vorwurf einer Verbindung zu Israel aus der nationalen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob eine solche Verbindung tatsächlich besteht. Entscheidend ist, dass die Anschuldigung in einem System funktioniert, dessen Gerichte weitgehend von den Sicherheitsorganen abhängig sind und in dem Spionagevorwürfe schwerste Strafen nach sich ziehen können.

Mehr als religiöse Diskriminierung

Die internationale Reaktion auf die Lage der Bahai bleibt vergleichsweise begrenzt. UN-Experten warnten wiederholt vor willkürlichen Festnahmen, dem Verschwindenlassen von Betroffenen, Eigentumsbeschlagnahmungen und einer systematischen Politik religiöser Verfolgung. Der damalige UN-Sonderberichterstatter für die Menschenrechtslage im Iran, Javaid Rehman, sprach 2024 sogar von einer Verfolgung der Bahai mit »genozidaler Absicht« und forderte einen unabhängigen internationalen Mechanismus zur Untersuchung schwerer Verbrechen der Islamischen Republik.

Dennoch kann das Regime seine Politik weitgehend ungehindert fortsetzen. Selbst wenn einzelne Gefangene freigelassen werden, bleibt das System bestehen, das ihre erneute Festnahme jederzeit ermöglicht.

Die erneute Kampagne gegen die Bahai zeigt mehr als die prekäre Lage einer religiösen Minderheit. Sie zeigt ein Regime, das auf gesellschaftliche Unzufriedenheit und militärischen Druck nicht mit Reformen reagiert, sondern mit einer alten Methode: Es sucht Menschen, die schwach genug sind, um sie verantwortlich zu machen, und sichtbar genug, um an ihnen ein Exempel zu statuieren.

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