Gadi Eisenkot gewinnt in den Umfragen weiter an Boden und baut seinen Vorsprung auf Benjamin Netanjahu aus. Mena-Watch analysiert regelmäßig die aktuellen Zahlen.
Fände die israelische Parlamentswahl nicht am 27. Oktober, sondern am kommenden Sonntag statt, hieße der Sieger wohl Gadi Eisenkot. Zumindest wenn es nach den aktuellen Umfragen geht. Die Zahlen sind freilich mit Vorsicht zu genießen. Viele Parteien kämpfen um die 120 Sitze in der Knesset. Für den Einzug müssen sie mindestens 3,25 Prozent der gültigen Stimmen erreichen. Mehrere liegen derzeit knapp an dieser Hürde, wobei die Stichproben der Umfragen meist nur rund 500 Befragte umfassen. Schon kleine Verschiebungen können deshalb große Auswirkungen auf die Sitzverteilung haben.
Doch bei aller Volatilität verfestigt sich ein Trend. Gadi Eisenkot gewinnt weiter an Boden. Der Vorsprung seiner Partei Yashar auf den Likud von Premierminister Benjamin Netanjahu wächst.
Besonders deutlich zeigt das die jüngste Umfrage für die israelische Zeitung Maariv. Yashar kommt hier auf 26 Mandate, während der Likud 20 erreicht. Innerhalb einer Woche legte Eisenkots Partei drei Sitze zu, während die Fraktion von Netanjahu ein Mandat verlor.
Gadi Eisenkot hat gegenwärtig das Momentum auf seiner Seite. Der 66-Jährige war von 2015 bis 2019 Generalstabschef der israelischen Armee und saß nach dem 7. Oktober 2023 als Beobachter im Kriegskabinett. Der Sohn marokkanischer Einwanderer gilt als Antithese zu Netanjahu. Der Krieg traf ihn auch persönlich. Sein 25-jähriger Sohn Gal fiel im Dezember 2023 als Reservist im Gazastreifen, einen Tag später sein 19-jähriger Neffe Maor. Im November 2024 verlor Eisenkot einen weiteren Neffen. Politisch stellt er diese Verluste kaum in den Vordergrund. Das macht offenbar auch seinen Erfolg aus. Im Juni 2025 verließ Eisenkot Benny Gantz‘ Nationale Einheit. Im September gründete er seine eigene Partei Yashar.
Auf Platz drei der Maariv-Umfrage folgt das Bündnis Beyachad der beiden ehemaligen Ministerpräsidenten Naftali Bennett und Yair Lapid mit 14 Mandaten. Avigdor Libermans Israel Beitenu und die Demokraten von Yair Golan kommen auf jeweils zehn Sitze. Itamar Ben Gvirs Otzma Yehudit erreicht neun. Das Vereinigte Tora-Judentum kommt auf acht Mandate, Schas auf sieben. Hadash-Ta’al erhält sechs. Ra’am und der Religiöse Zionismus von Bezalel Smotrich kommen auf jeweils fünf Sitze.
Stärkste Partei zu werden, reicht allerdings nicht. Entscheidend sind 61 Mandate: So viele braucht eine Koalition für die Mehrheit in der Knesset. Auch hier sehen die Zahlen für Netanjahu eher düster aus. Die Parteien der gegenwärtigen rechtsgerichteten Regierungskoalition kommen bei Maariv zusammen nur noch auf 49 Mandate. Netanjahus Widersacher erreichen 60, womit ihnen ebenfalls ein Sitz für die Mehrheit fehlen würde. Die arabischen Parteien sind dabei noch nicht eingerechnet.

Viele Umfragen mit unterschiedlichen Ergebnissen
Eine fast gleichzeitig veröffentlichte Umfrage von Zman Yisrael, der hebräischsprachigen Schwesterseite der Times of Israel, sieht das Rennen hingegen knapper. Auch dort liegt Yashar vorn. Die Partei kommt auf 23 Mandate, der Likud auf 21. Bennett und Lapid erreichen 15. Israel Beitenu erhält elf Sitze, Schas neun. Das Vereinigte Tora-Judentum und die Demokraten kommen auf jeweils acht. Otzma Yehudit und Hadash-Ta’al-Balad kommen auf jeweils sieben, die Religiösen Zionisten auf sechs und Ra’am auf fünf Mandate.
Auch bei den politischen Lagern weichen die Zahlen voneinander ab. Zman Yisrael sieht Netanjahus Block bei 51 Mandaten. Das Oppositionslager kommt dort auf 57 Sitze. Ra’am und Hadash-Ta’al-Balad werden keinem der beiden Lager zugerechnet.
Noch unangenehmer für Netanjahu: Eisenkot führt nicht nur mit seiner Partei. Auch persönlich legt er zu. Maariv fragte, wen die Israelis für geeigneter halten, als Ministerpräsident das Land zu führen. 52 Prozent sehen in Eisenkot die bessere Wahl, nur 38 Prozent stimmten für Netanjahu. Der Abstand beträgt 14 Prozentpunkte. So groß war Eisenkots Vorsprung in dieser Frage noch nie. Aber auch Naftali Bennett liegt im direkten Vergleich vor Netanjahu. Allerdings deutlich knapper. Er kommt auf 45 Prozent, der regierende Premier auf 41 Prozent.

Die 3,25-Prozent-Hürde und die arabischen Parteien
Bei den kleineren Parteien kämpfen gleich mehrere Fraktionen um den Einzug in die Knesset. Dafür müssen sie mindestens 3,25 Prozent der gültigen Stimmen erreichen. Bei Maariv liegen derzeit unter anderem die folgenden Parteien unter dieser Hürde: Beit Zioni von Chili Tropper und Yoaz Hendel, die neue Partei des ehemaligen Generals Ofer Winter, Gilad Erdans und Yuli Edelseins Einheit, die Wirtschaftspartei von Yaron Zelicha und Benny Gantz‘ Blau Weiß.
Zusammen kommen diese Parteien auf 8,3 Prozent der Stimmen. Das entspricht rechnerisch rund zehn Knessetmandaten. Schon kleine Verschiebungen können deshalb die Mehrheitsverhältnisse verändern. Besonders schlecht sieht es für Gantz aus. Zman Yisrael sieht Blau-Weiß bei nur 2,4 Prozent.
Bleibt die Frage nach den arabischen Parteien. Bei Maariv kommen Hadash-Ta’al auf sechs und Ra’am auf fünf Mandate. Die Umfrage wurde allerdings noch vor der angekündigten Vereinigung von Hadash Ta’al und Balad durchgeführt. Insgesamt kommen die arabischen Parteien in dieser Umfrage auf elf Sitze.
Genau diese Mandate könnten am Ende den Unterschied machen. Ra’am-Chef Mansour Abbas hat Interesse daran geäußert, sich an der nächsten Koalition zu beteiligen, um die derzeitige rechte Regierung abzulösen. Landen Netanjahus Gegner knapp unter 61 Mandaten, könnte Abbas deshalb eine entscheidende Rolle spielen. Rechnerisch wäre eine Mehrheit dann möglich. Ob daraus auch eine gemeinsame Regierung entsteht, ist eine andere Frage.
Eine Zahl zeigt indessen, wie tief das Misstrauen im Land ist. Fünfzig Prozent der Befragten fürchten, dass die unterlegene Seite das Wahlergebnis nicht akzeptieren könnte. 38 Prozent teilen diese Sorge nicht.
