Die Kurden – wieder einmal fallengelassen

Nach Angriffen auf heimkehrende kurdische Flüchtlinge: Protest in der syrischen Stadt Qamishli
Nach Angriffen auf heimkehrende kurdische Flüchtlinge: Protest in der syrischen Stadt Qamishli (© Imago Images / Middle East Images)

Die jüngsten Entwicklungen in Syrien und im Irak zeigen, wie die Kurden fallengelassen werden, wenn man sie – wie nach dem Kampf gegen den Islamischen Staat – nicht mehr benötigt.

Die Kurden, ein Volk von etwa 35 Millionen Menschen, verteilen sich auf ein zusammenhängendes Gebiet der südlichen Türkei, des nördlichen Syriens und Iraks und des westlichen Irans. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches war ihnen im Vertrag von Sèvres vom 10. August 1920 ein vorerst autonomes, später unabhängiges Gebiet in Aussicht gestellt worden. Der Vertrag wurde infolge türkischer Opposition nie umgesetzt. Dennoch erreichte das de facto kurdisch kontrollierte Gebiet vor einigen Jahren eine maximale Ausdehnung von der iranisch-irakischen Grenze bis nach Afrin im Westen Syriens.

In Syrien kontrollierten die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), eine der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) der Türkei nahestehende Koalition der Kurden mit arabischen Stämmen, seit Beginn des Bürgerkrieges im Jahr 2011 den Norden des Landes. Später bildeten sie die Speerspitze des Kampfes gegen den Islamischen Staat (IS) unter amerikanischer Führung.

Die autonome kurdische Region im Norden des Irak ist zwischen der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) der Barzani-Familie und der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) der Talabani-Familie aufgeteilt. 2017 hielt die KDP ein nicht mit der PUK koordiniertes und vom Westen nicht unterstütztes Unabhängigkeitsreferendum ab, worauf die irakische Regierung mit Unterstützung schiitischer Milizen militärisch gegen die Kurden vorging und letztere das erdölreiche Gebiet um Kirkuk verloren. Die USA sind nach dem Ende des Kampfes gegen den IS dabei, die Unterstützung der Kurden im Irak komplett einzustellen.

Fallengelassen

In Syrien wiederum traf US-Präsident Trump die Entscheidung, die neue Zentralregierung des ehemaligen al-Qaida-Islamisten Ahmed al-Sharaa zu unterstützen, die ihre Kontrolle auf das kurdische Gebiet in Nordsyrien ausbaute, nachdem die USA die kurdischen Teile der SDF zum Stillhalten bewegen konnte. Im Rahmen der Abkommen nach dem Sturz des Assad-Regimes sollen die SDF aufgelöst und in die syrischen Streitkräfte eingegliedert werden. Eine neue Vereinbarung mit der Zentralregierung sieht zwar einige Zugeständnisse – wie die Zulassung der kurdischen Sprache im Schulwesen – vor, ist aber weit von der vorherigen Selbstverwaltung entfernt.

Wie schon zuvor wurden die Kurden fallen gelassen, als sie nicht mehr benötigt wurden, schreibt Jonathan Spyer in einer Jerusalem-Post-Analyse der Entwicklungen. Insbesondere die USA setzen auf islamistische Regierungen wie in der Türkei oder in Syrien, doch Europa verhält sich nicht viel besser. Wenn man die Kurden das nächste Mal braucht, wären sie gut beraten, mit mehr Einigkeit und Verhandlungsgeschick aufzutreten, um mehr Selbstbestimmung für sich durchsetzen zu können und nicht wieder der »Stabilität« wegen zu einem Rückzieher gezwungen zu werden.

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