Jordanien: König Abdullahs Reise nach China

Staatsbesuch in China: Jordaniens Flagge auf dem Tian'anmen-Platz in Peking
Staatsbesuch in China: Jordaniens Flagge auf dem Tian’anmen-Platz in Peking (© Imago Images / VCG)

Jordanien braucht Investitionen, Technologie und ein größeres Exportpotenzial. Pekings Kapital und industrielle Kapazitäten könnten dabei helfen, bergen aber auch Gefahren für Amman.

Carice Witte

Ende August war der jordanische König Abdullah II. auf Staatsbesuch in China. Da der letzte Besuch davor elf Jahre zurückliegt, stellt sich die Frage, warum er gerade jetzt nach Peking reiste. Vielleicht hängt der Zeitpunkt mit der ungewöhnlichen Frustration über die Region zusammen, die Chinas führende Nahost-Experten zum Ausdruck brachten, als ich im Juli mit einer Delegation der Signal Group in Peking war. Sie sprachen dabei offen über die Schwierigkeit, den Konflikt zwischen zwei strategischen Partnern Chinas – dem Iran und Saudi-Arabien – zu bewältigen. Auch die Instabilität im Roten Meer und die anhaltende Sperrung der Straße von Hormus waren Thema der Beratungen.

Was in Peking lange Zeit als fernes regionales Problem behandelt worden war, wurde in der jüngeren Vergangenheit nämlich zu etwas viel Dringlicherem: zu einer Herausforderung für die Energiesicherheit Chinas. Es ist dieser Hintergrund, vor dem Präsident Xi Jinping den jordanischen König Abdullah zu seinem ersten Besuch seit mehr als einem Jahrzehnt nach China einlud.

Wechselseitige Interessen

Jordanien ist für Peking ein ungewöhnlich nützlicher Ort, um neue Perspektiven zu gewinnen. Amman ist einer der engsten arabischen Partner Washingtons. Es ist politisch stabil und verfügt über tiefe Verbindungen in der gesamten arabischen Welt. Außerdem steht es in regelmäßigem Kontakt mit Israel, während es gleichzeitig eine stark pro-palästinensische Haltung einnimmt, die sich nahtlos in Pekings Rhetorik zu diesem Konflikt einfügt. Gleichzeitig steht Jordanien eindeutig nicht auf der Seite des Iran. Vom Iran unterstützte Kräfte haben in Jordanien stationierte US-Truppen angegriffen, und das Land hat sich an der regionalen Zusammenarbeit im Bereich der Luftverteidigung mit den Vereinigten Staaten und Israel beteiligt.

Für Peking bietet Amman daher etwas relativ Seltenes: Zugang zu einem Staatschef, der Washington nahesteht, tief im arabischen politischen System verankert ist, sich mit Israel auskennt und nicht an Teheran gebunden ist. Das lässt Xis Einladung an Abdullah weniger wie routinemäßige Diplomatie erscheinen, sondern eher wie den Versuch, sich mit einem regionalen Akteur auszutauschen, der China helfen könnte, eine Region zu verstehen, die es nur schwer einschätzen kann.

Abdullah scheint jedoch eine eigene Chance erkannt zu haben. Anstatt die Reise als Gipfelbesuch in Peking zu betrachten, machte er daraus eine einwöchige Rundreise, die in Shanghai und Shenzhen begann, zwei der wichtigsten Wirtschafts- und Technologiezentren Chinas. Ein Treffen war dabei besonders aufschlussreich. Der jordanische König besuchte auch die staatliche Kommission für die Überwachung und Verwaltung von Staatsvermögen (SASAC), das mächtige Gremium, das für die Aufsicht über Chinas staatliche Unternehmen zuständig ist. Nach Angaben des Königshofs in Amman wurde Abdullah darüber informiert, wie Peking staatliche Unternehmen verwaltet, und bekundete Interesse daran, aus den chinesischen Erfahrungen zu lernen.

Dieses Treffen verdient mehr Aufmerksamkeit, als es bisher erhalten hat. Im März verabschiedete Jordanien eine neue Richtlinie zu staatlichem Eigentum und Unternehmensführung. Diese zielt darauf ab, die Rolle des staatlichen Eigentums zu klären, die Unternehmensführung zu stärken und die Überwachung der Leistung sowie der finanziellen Risiken staatlicher Unternehmen zu verbessern. Das Treffen mit der SASAC deutet darauf hin, dass Amman nun prüft, ob bestimmte Aspekte des staatskapitalistischen Modells nützliche Erkenntnisse bieten könnten. Jordanien bittet China nicht einfach nur um Investitionen. Es scheint vielmehr zu untersuchen, wie der Staat strategische Vermögenswerte effektiver verwalten, die Leistung öffentlicher Unternehmen verbessern und Kapital anziehen kann, ohne die Kontrolle über kritische Sektoren aufzugeben.

Es ist ein ehrgeiziger Balanceakt. Jordanien braucht Investitionen, Arbeitsplätze, Technologie, Produktionskapazitäten und ein größeres Exportpotenzial. Chinesisches Kapital und industrielle Kompetenzen könnten dabei helfen. Doch Amman muss auch seine Beziehungen zu Washington, den Golfstaaten und internationalen Finanzinstitutionen schützen. Ein stärkeres Engagement Chinas kann Infrastruktur- und Industriewachstum bringen, aber auch Bedenken hinsichtlich Transparenz, Verschuldung und politischem Einfluss wecken.

Risiken und Chancen

Die Reise scheint daher zwei unterschiedlichen Zwecken gedient zu haben. Für China war König Abdullah möglicherweise eine Quelle für politische und strategische Erkenntnisse in einer Zeit, in der Peking darum ringt, einen tragfähigen Ansatz für die Bewältigung der Instabilität im Nahen Osten zu formulieren. Für Jordanien bot China die Gelegenheit, Investitionen, Technologie, Produktion und vielleicht sogar Erkenntnisse zur Führung staatlicher Unternehmen zu gewinnen, da Amman bestrebt ist, in der wirtschaftlichen Wertschöpfungskette aufzusteigen.

Der politische Austausch verlief vergleichsweise reibungslos. China bekräftigte seine Unterstützung für Jordaniens Souveränität, Stabilität sowie dessen Position zu den Rechten der Palästinenser und einer Zwei-Staaten-Lösung. Jordanien wiederum unterstützte Pekings Kernpositionen zum Ein-China-Prinzip, zu Taiwan, zur Souveränität und zur territorialen Integrität. Es gab kaum Reibungspunkte, da jede Seite die Positionen der anderen mit relativ geringem politischem Aufwand unterstützen konnte.

Für Israel lohnt es sich, dies genau zu beobachten. Ein wirtschaftlich leistungsfähigeres und politisch stabileres Jordanien liegt eindeutig im Interesse Jerusalems. Jordanien ist ein entscheidender Puffer an Israels längster Grenze, ein Sicherheitspartner und ein wichtiger Bestandteil der regionalen Architektur, die sich gegen gemeinsame Bedrohungen herausgebildet hat. Wenn chinesische Investitionen dazu beitragen, Jordaniens Wirtschaft und industrielle Basis zu stärken, ohne dessen strategische Ausrichtung zu verändern, könnte Israel indirekt davon profitieren.

Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite. Eine stärkere wirtschaftliche Präsenz Chinas in Jordanien würde Peking unmittelbar an Israels Ostgrenze rücken und Zugang zu einem der engsten regionalen Partner Washingtons verschaffen. Das könnte potenziell Fragen der nationalen Sicherheit aufwerfen und zu Spannungen mit den Vereinigten Staaten führen. Jordanien wird zudem nicht nur abwägen müssen, wie viel China investiert, sondern auch, wo, in welche Technologien, unter welchen Eigentumsverhältnissen und mit welchem Zugang zu Daten, Infrastruktur und strategischen Ressourcen.

Das macht Jordanien auch für Jerusalem zu einem interessanten Testfall. Israel hat ein Interesse daran, dass Jordanien Investitionen anzieht und wirtschaftlich widerstandsfähiger wird, aber es hat auch ein Interesse daran, dass die Rahmenbedingungen mit den US-geführten Sicherheitsvereinbarungen vereinbar bleiben. Jerusalem sollte daher sein Augenmerk nicht auf Jordaniens diplomatische Annäherung an Peking richten – die relativ wenig überraschend ist –, sondern darauf, ob sich die wirtschaftlichen Beziehungen auf strategisch sensible Sektoren ausweiten.

Die wichtigere Frage ist, wie es weitergeht. Sollte der Besuch zu einer vertieften wirtschaftlichen Beziehung führen, wird Jordanien diese sorgfältig steuern müssen. Die Herausforderung für Amman wird darin bestehen, Nutzen aus chinesischem Kapital, Technologie und industriellen Kapazitäten zu ziehen, ohne dass diese Verbindungen seine strategischen Beziehungen zu anderen Akteuren untergraben. Für Peking wird die Bewährungsprobe eine andere sein. Wird Jordanien mehr als nur ein diplomatischer Partner werden und stattdessen als nützlicher regionaler Anknüpfungspunkt dienen, während China versucht, seine Interessen in einem Nahen Osten zu schützen, in dem es sich immer schwerer tut, sich zurechtzufinden?

Je nachdem, ob und wie sich die Beziehungen zwischen China und Jordanien entwickeln, könnte dies den Beginn eines weitreichenderen Austauschs markieren: China sucht bei Jordanien nach regionalem Know-how, Jordanien bei China nach Wirtschaftsmodellen, Kapital und Einfluss – und Israel beobachtet genau, wohin dies führen wird.

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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