Ein ZDF-Beitrag zum 9/11 rückt Kritiker von Zohran Mamdani in die Nähe der Islamophobie und adelt die Israelfeindin Linda Sarsour zur moralischen Instanz. Während der Trauerfeier am Ground Zero werden Mamdani und Alexandria Ocasio-Cortez beim Lachen erwischt.
Vor wenigen Tagen stand an dieser Stelle der 25. Jahrestag des Terroranschlags von 9/11 im Mittelpunkt. Es ging um Erinnerungskultur und die gegenständlichen Gefahren des Geschichtsrevisionismus. Wie rasch die Auseinandersetzung mit dem historischen Einschnitt des 11. Septembers wieder in die politischen Deutungskämpfe der Gegenwart kippen kann, zeigt kurz darauf ein Beitrag über Zohran Mamdani im Zweiten Deutschen Fernsehen.
Ein auffälliges Framing
Der von ZDF-Korrespondent Armin Coerper aus New York verfasste Bericht beschäftigte sich mit der Kontroverse über Mamdanis Teilnahme an der Gedenkzeremonie. Dabei rückt er die Auseinandersetzung auffällig schnell in den Kontext von Islamfeindlichkeit. Die Verschiebung beginnt bereits mit der Darstellung der Petition, die die Auseinandersetzung einleitete. Das ZDF berichtet, mehr als 100.000 Menschen hätten sich gegen Mamdanis Teilnahme an der Gedenkveranstaltung ausgesprochen. Als Begründung folgt unmittelbar: »Weil er Muslim ist und sich selbst als Sozialist bezeichnet.« Danach wird Mamdani als »erster muslimischer Bürgermeister von New York City« vorgestellt und in die Geschichte der Stadt nach den Anschlägen eingeordnet.
Diese Darstellung ist insofern bemerkenswert, als der Beitrag damit zunächst die religiöse und politische Identität Mamdanis in den Vordergrund rückt, bevor er die politischen Konfliktlinien ausführt, entlang derer sich die Kontroverse entspann. Der Eindruck drängt sich auf, dass für seine Kritiker die Verbindung von linker Gesinnung und muslimischer Identität den Ausschlag gab, eine Petition zu initiieren.
Später im Beitrag kommt zur Sprache, dass Mamdani unter anderem wegen seiner Haltung zu Israel und seiner Ankündigung, den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu bei einem Aufenthalt in New York festnehmen zu lassen, erheblichen Widerspruch hervorruft. Coerper stellt dazu fest, dass die USA den Internationalen Strafgerichtshof nicht anerkennen und Bürgermeister keine Richter sind. Die politische Dimension der Auseinandersetzung wird damit durchaus benannt, steht in der Dramaturgie des ZDF-Berichts jedoch gleichsam an zweiter Stelle. Dass Mamdani in der Petition für sein Naheverhältnis zu Personen kritisiert wird, die 9/11 relativierten, indem sie diesen als Reaktion auf »US-Kapitalismus, Rassismus, weiße Vorherrschaft und Islamophobie« bezeichneten, wird hingegen nicht erwähnt.
Die historische Einordnung folgt unmittelbar danach. Der ZDF-Korrespondent erinnert an die Zeit nach dem 11. September, als Muslime in New York unter Generalverdacht gerieten. Häuser und Geschäfte seien zur Zielscheibe des Hasses geworden, willkürliche Festnahmen hätten stattgefunden, bis in Moscheen habe die Staatsmacht ihre Spione geschickt. Diese teils verfassungsrechtlich bedenklichen Vorgänge gehören zur Geschichte der Anschläge und ihrer Folgen und verdienen somit selbstverständlich Erwähnung – sagen aber wenig über die spezifischen Vorwürfe gegen Mamdani aus.
Daraufhin führt der Beitrag Linda Sarsour ein. Die palästinensisch-amerikanische muslimische Aktivistin wurde als Mitorganisatorin des Women’s March 2017 bekannt – aus dem 2019 wegen Antisemitismus ausgeschlossen wurde. Sie engagiert sich seit Jahren für muslimische Bürgerrechte und die palästinensische Sache, unterstützt die Boykott-Kampagne (BDS) gegen Israel und gehört zu den politischen Unterstützerinnen Zohran Mamdanis. Armin Coerper stellt sie als Aktivistin vor, »für Frauenrechte, für Muslime, gegen Trump und für Zohran Mamdani«. Ihre Reaktion auf die Debatte lautet: »Es ist traurig, dass wir immer noch diesem Hass gegenüberstehen.« Auch die Frage, ob der Bürgermeister an einer Gedenkveranstaltung zum 11. September teilnehmen dürfe, tue »sehr weh«, wird sie zitiert.
Eine entscheidende Information zur Einordnung von Sarsours Aussage fehlt im Beitrag. Für eine sachgerechte journalistische Einordnung wäre es relevant gewesen, ihre persönliche und politische Nähe zu Mamdani offenzulegen. Denn Sarsour ist keine x-beliebige Mamdani-Aktivistin, sondern eine enge Freundin, Mentorin, Spenderin und Unterstützerin. Die Beziehung reicht fast ein Jahrzehnt zurück. Sarsour lernte den sozialistischen Politiker während einer New Yorker Lokalwahlkampagne im Jahr 2017 kennen und unterstützte seinen politischen Aufstieg in New York maßgeblich, unter anderem über den von ihr mitbegründeten Muslim Democratic Club of New York. Sie ist damit keine unbeteiligte Beobachterin, sondern eine politische Weggefährtin des Demokraten Mamdani, die 2024 mit ihm gemeinsam eine Kampagne gegen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden führte, weil dieser ihnen zu israelfreundlich war.
Würde ist keine Gesinnungsfrage
In dem ZDF-Beitrag wird Mamdani mit den Worten zitiert, er »denke, der Fokus des Gedenkens sollte auf den New Yorkern liegen, die an dem Tag ermordet wurden. Auf ihren Familien, den Überlebenden und den Ersthelfern. Um Politiker sollte es dabei nicht gehen.« Wie also, ließe sich hieran fragend anschließen, sollten sich die hinter den Opfern und Hinterbliebenen zurücktretenden Politiker an einem solchen Ort und an einem solchen Tag verhalten?
Während der Verlesung der Opfernamen bei der Trauerfeier am Ground Zero wurden Mamdani und die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez beim Lachen erwischt. Kurz vor dem Kameraschnitt ist ein schwarzer Trauernder zu sehen, der den Kopf tief in seine Arme legt, sich an das Denkmal klammert und bitterlich weint. Der Kontrast der Bilder ist auffällig und lässt die Frage aufkommen: War dieses Verhalten an einem Ort des Gedenkens angemessen? Pietät bemisst sich nicht allein an der inneren Absicht, sondern auch am sichtbaren Auftreten. Wer an einer Zeremonie zum Gedenken an die fast 3.000 Ermordeten öffentlich scherzt und lacht, muss damit rechnen, dass dies als unangemessen wahrgenommen wird. Das ist keine Frage von Religion oder Parteizugehörigkeit, sondern von Haltung und Respekt gegenüber einem Ort der Trauer.
Wenn der Fokus, wie Mamdani selbst sagt, auf den Opfern, ihren Familien, den Überlebenden und den Ersthelfern liegen soll, dann gilt dieser Maßstab auch für die Berichterstattung über den Gedenktag. Fünfundzwanzig Jahre nach den Anschlägen sollte die Erinnerung weder für antimuslimische Ressentiments noch für aktuelle Identitätskämpfe instrumentalisiert werden. Der 11. September verlangt etwas Schlichteres und zugleich Anspruchsvolleres: die Opfer im Mittelpunkt zu halten, politische Kontroversen als solche zu benennen und zwischen Diskriminierung und legitimer Kritik sauber zu unterscheiden. Genau diese Trennschärfe hätte auch dem ZDF-Beitrag gutgetan.
