Die Presse reklamiert die Rolle des gesellschaftlichen Korrektivs, verweigert jedoch jede Kritik am eigenen Haus. Während der Antisemitismus grassiert, blenden viele Medien aus, wie ihre Berichterstattung über den Gazakrieg den Nährboden mitbereitet.
Der Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 war weit mehr als ein Angriff, er markierte einen epochalen Zivilisationseinschnitt, der fundamentale Normen des Zusammenlebens infrage stellte, als rund 1.200 Menschen einem terroristischen Akt zum Opfer fielen, Tausende – zum Teil schwer – verletzt und Hunderte als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden.
Angesichts dieser Zäsur lässt sich die Bilanz der medialen Berichterstattung nicht mehr als bloße Fehlleistung einordnen. Die Presse rühmt sich gemeinhin, neben den staatlichen Gewalten wie Exekutive, Legislative und Judikative zu stehen und diese kritisch zu begleiten. Wer diesen Anspruch anlegt, die Vierte Gewalt zu sein, muss sich an den eigenen Maßstäben messen lassen. Genau an dieser kritischen Selbstreflexion aber mangelt es in vielen Redaktionen seit dem Schwarzen Schabbat spürbar.
Wenn Journalisten die Punkte nicht verbinden
Besonders eklatant zeigt sich das Versäumnis dort, wo die Fakten des 7. Oktober eigentlich eine zwingende journalistische Schlussfolgerung nahelegten. Die Opfer waren eben nicht bloß zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort. Unter den Ermordeten befanden sich Holocaust-Überlebende wie der 91-jährige Moshe Ridler, Zeitzeugen des historischen Farhud-Pogroms im Irak wie Shlomo Mantzur und Friedensaktivisten wie Vivian Silver. Gerade Vivian Silver hätte den Medien posthum als Schlüsselfigur dienen können. Die kanadisch-israelische Friedensaktivistin hatte ihr Leben dem israelisch-palästinensischen Dialog gewidmet und half sogar palästinensischen Patienten aus Gaza bei der Fahrt zur medizinischen Behandlung in Israel.
Es traf auch Kinder wie Yanan und Iya Sharabi, zwei Schwestern 13 und 15, die in ihrem Schutzraum keine Zuflucht fanden. Auch Säuglinge wurden nicht verschont. Dazu zählen das neun Monate junge Mädchen Mila Cohen und Naama Abu Rashed, das Baby einer schwangeren Beduinin, die von Hamas-Kämpfern angeschossen wurde. Naama Abu wurde zwar in einem Krankenhaus per Notkaiserschnitt entbunden, erlag jedoch wenig später ihren Verletzungen. Studenten aus Afrika und Asien wurden massakriert. Vor laufender Kamera in Kibbuz Nahal Oz ermordete die Hamas den aus Tansania stammenden Agrarpraktikanten Joshua Mollel.
Diese von den Vereinten Nationen bestätigten Angaben lieferten eigentlich eine Steilvorlage zur moralischen und politischen Entlarvung der Hamas. Der schiere Umfang der Gewalt beweist, dass es sich nicht um »Widerstand« gegen militärische oder geopolitische Strukturen handelte, sondern um eine mechanisierte Menschenverachtung, bei der weiche Ziele, sprich Zivilisten jeglicher Couleur, beabsichtigt ins Visier genommen wurden. Doch weite Teile der internationalen Medienlandschaft versäumten es, diese Mosaiksteine zusammenzustückeln. Vielmehr erlagen sie dem Phänomen, was im Englischen als »the failure to connect the dots« bezeichnet wird.
Anstatt die Punkte miteinander zu verbinden, wurde der 7. Oktober in isolierten Episoden erzählt: hier die ermordete Familie, dort der thailändische Erntehelfer, hier die entführte Greisin. Das menschliche Schicksal blitzte zwar kurz auf, aber die politische Dimension der Opferstruktur blieb im Hintergrund. Mangels eines klaren Verweises auf die islamistisch-antisemitische Vernichtungsideologie verfielen viele Berichterstatter in das tradierte Narrativ einer zyklischen »Eskalation«: eine fatale Täter-Opfer-Umkehr, bei der die genozidalen Absichten der Hamas geflissentlich übergangen wurden.
Zurückhaltung ist Zustimmung
Die westliche Berichterstattung über die »Free Palestine«-Proteste leidet an einem gravierenden Defizit: Statt kritisch nachzufragen, verharren viele Medien bei bloßen Slogans. Besonders paradox ist, dass Demonstranten hierzulande konsequent westliche Grundrechte wie Versammlungs- und Meinungsfreiheit nutzen, während sie Ideologien unterstützen, die genau diese liberalen Werte fundamental ablehnen.
Pro-palästinensische Ikonen wie Greta Thunberg verkörpern genau diesen Nexus: Sie instrumentalisieren westliche Freiheiten für radikalen Aktivismus, während sie von den meisten Medien nie zur Rechenschaft gezogen werden. Die Gretchenfrage wird Greta & Co. nicht gestellt: Welches Gemeinwesen soll im Gazastreifen entstehen? Wenn die Hamas als Teil eines vermeintlich emanzipatorischen Widerstands verklärt wird, blendet das völlig aus, dass diese Organisation mit Pluralismus, Demokratie und Freiheit, gelinde gesagt, inkompatibel ist.
Dahinter wirkt eine ideologisch bedingte Beißhemmung: In postkolonialen und sogenannten »woken« Theorielandschaften gilt das Dogma, dass sich marginalisierte Gruppen im Kampf gegen eine vermeintlich westlich-koloniale Vorherrschaft solidarisieren müssen. Journalisten, die diesen Theorien nahestehen, verschweigen Konflikte innerhalb dieser Allianz, um das Narrativ der »vereinten Unterdrückten« nicht zu schwächen. Besonders grotesk zeigt sich diese Leerstelle bei den »Queers for Palestine«, die krampfhaft ausblenden, dass die Hamas und ihre Sittenpolizei die LGBTQ-Community gnadenlos verfolgen. Hier haken die etablierten Medien selten nach: Aus Angst, den Vorwurf der Islamophobie auf sich zu ziehen oder rechtspopulistische Ressentiments gegen Muslime und Migranten zu bedienen, umschiffen Redaktionen das Thema.
Bildungsauftrag oder Beweihräucherung?
Besonders im Bereich der öffentlich-rechtlichen (ÖRR) Medien sind solche Fehlleistungen in der Berichterstattung über den Gazakrieg von folgenschwerer Wirkung. Das ist umso gravierender, als der gebührenfinanzierte ÖRR einen Bildungs- und Informationsauftrag hat. Er soll nicht vorhandene Deutungsmuster reproduzieren, sondern zur freien und vielfältigen Meinungsbildung beitragen. Umso auffälliger ist die geringe Neigung des Systems zur Selbstkorrektur und der Hang zur Selbstreferenzialität. Statt eigene blinde Flecken offenzulegen, erzeugt der öffentlich-rechtliche Betrieb nicht selten seine eigene Beglaubigungsinstanz: Preise, Ehrungen und Branchenlob werden zu einer Art argumentativer Immunisierung gegen Kritik von außen.
Eine Akteurin wie Sophie von der Tann verkörpert diese widersprüchliche Medienlogik geradezu exemplarisch. Ihre fünf Jahre als ARD-Nahostkorrespondentin haben ein Bild vermittelt, in dem Israel als treibende Kraft des Konflikts gezeichnet wird und die Verantwortung palästinensischer Akteure verblasst. Das ist keine Petitesse der Gewichtung, sondern eine Frage journalistischer Einseitigkeit. Gleichwohl wurde von der Tann mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis 2025 und dem Katharina-Zell-Preis 2026 ausgezeichnet. Nun soll sie beim Bayerischen Rundfunk (BR) neue multimediale Auslandsformate entwickeln und über soziale Medien gezielt ein jüngeres Publikum erreichen. Die Auszeichnung für vergangene Berichterstattung wird damit zur institutionellen Verstärkung ihrer Deutungsmacht für die Zukunft.
Wer A wie ARD sagt, muss auch Z wie ZDF sagen. Dunja Hayali steht für die zweite Hälfte derselben öffentlich-rechtlichen Selbstbeglaubigungslogik. Der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis 2026 geht an die ZDF-Journalistin – trotz einer Nahostberichterstattung, die erheblichen Anlass zur Kritik bietet. Letzten Oktober bezeichnete Hayali in einer Sendung palästinensische Häftlinge als »Geiseln« und verwischte damit den kategorialen Unterschied zu den von der Hamas verschleppten israelischen Gefangenen in Gaza. Im vergangenen Juni lastete sie im »heutejournal« Israel den Bruch eines vermeintlichen Friedensplans an, obwohl der jüdische Staat an den betreffenden Verhandlungen überhaupt nicht beteiligt war. Zwei Vorfälle, ein Muster: sprachliche und sachliche Verschiebungen, die im Nahostkontext nicht folgenlos bleiben. Trotzdem wird Hayali mit einem der renommiertesten Preise für unabhängigen Fernsehjournalismus ausgezeichnet.
Die Tragik und die Tragweite
In den Redaktionsräumen reproduziert eine soziodemografisch weitgehend homogene Schicht aus Redakteuren und Ressortleitern ihre eigenen Deutungsmuster. Ähnliche akademische und urbane Prägungen treffen dabei auf eine zunehmend migrantisch geprägte Gesellschaft und postkoloniale Deutungsmuster, die den journalistischen Blick auf Israel mit beeinflussen. Israel erscheint überwiegend durch die Brille der Anklage, während palästinensische Täterverantwortung nachrangig behandelt wird – wenn überhaupt. Die vermeintlich unterdrückte Seite wird moralisch aufgewertet, Israel als westlicher und mächtiger Akteur grundsätzlich erklärungspflichtig.
Gerade deshalb bleiben moderate palästinensische Stimmen, die den Irrweg der Intifada aus eigener Erfahrung kritisieren, leider draußen. People of Color, die sich mit Juden und Israel solidarisieren, werden aus dem Kreis der relevanten Stimmen ausgeschlossen. Eine bedenkliche Form von Cancel Culture, die bemerkenswert selten beleuchtet wird.
Genau hier zeigt sich die ganze Tragweite dieses Mechanismus: Drei Jahre nach dem 7. Oktober, während der Antisemitismus wächst und jüdische Menschen die Folgen dieses Klimas zunehmend unmittelbar erfahren, verharren Medien vielfach in einem moralischen Kokon, der die eigene Perspektive gegen Korrektur von außen abschirmt.
