Nach der Weiterverbreitung einer Verschwörungstheorie über ein »US-israelisch-marokkanisches Bündnis« zur Spaltung Europas geriet ARD-Studioleiter Georg Restle in die Kritik. Der Fall legt tiefe Probleme beim Sender offen.
Der Westdeutsche Rundfunk Köln (WDR) bildet das Schwergewicht innerhalb des ARD-Verbundes. Auch im europäischen Vergleich nimmt das Haus gemessen am Personal eine Spitzenposition ein und rangiert direkt hinter der britischen BBC. Dass schiere Größe allein kein Garant für journalistische Sorgfalt und Sensibilität ist, zeigt ein aktueller Vorfall um eines der bekanntesten Gesichter des Senders:
Der Journalist Georg Restle, Leiter des ARD-Studios Nairobi und zuvor langjähriger Moderator des WDR-Politmagazins »Monitor«, steht nach einem Beitrag auf der Plattform X in der Kritik. Am 6. August 2026 verlinkte Restle dort einen Artikel der amerikanischen Zeitung The Nation zur Migrationskrise in der spanischen Exklave Ceuta und zitierte daraus eine Kernpassage.
Restle übernahm dabei einen Abschnitt, nach dem die Vorgänge in der spanischen Exklave nicht als eigentliche humanitäre Krise oder als antikolonialer Konflikt zu verstehen seien. Vielmehr handele es sich um eine Strategie der zunehmend engeren Allianz zwischen Israel, Marokko und den Vereinigten Staaten. Dieses Bündnis habe das Ziel, eine progressive europäische Regierungspolitik zu schwächen, Europa zu spalten und das Völkerrecht zu beschädigen. Dies behauptete der Autor Stephen Zundes in The Nation – und Restle teilte gerade diese ebenso hochspekulative wie unbelegte These bedenkenlos weiter.
Ein vertrautes Muster
Da der kontroverse Textauszug ohne eigenen Kommentar oder Fragezeichen erschien, entstand naheliegenderweise der Eindruck, Restle mache sich diese verschwörungstheoretisch anmutenden Thesen über ein gesteuertes geopolitisches Netzwerk zu eigen.
Bei Restles Tweet handelt es sich um mehr als den bloßen Flüchtigkeitsfehler einer fehlenden Zuordnung. Der ARD-Korrespondent ist schließlich kein Volontär im Medienbetrieb, sondern ein erfahrener Fernsehmoderator, der wissen muss, dass Aussagen von Journalisten unter besonderer Beobachtung stehen. Doch damit nicht genug: Der 1965 geborene Restle hat darüber hinaus Rechtswissenschaft an der Universität Freiburg und Internationales Recht an der London School of Economics studiert. In Anbetracht all dessen sollte ihm eigentlich klar sein, wo die Grenzen zwischen legitimer Kritik und bedenklicher Hetze verlaufen.
Der von Restle verlinkte Artikel zeichnet den jüdischen Staat als einen im Hintergrund agierenden Strippenzieher, der politische Entwicklungen steuert und Staaten für ihre Haltung bestraft. Während rechte Verschwörungstheoretiker den jüdischen Staat eher für einen angeblichen Bevölkerungsaustausch in Europa verantwortlich machen, werfen die im links-akademischen, pazifistischen und menschenrechtsorientierten Milieu angesiedelten Israelkritiker dem Land insbesondere vor, sich für Spaniens Haltung im Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof rächen zu wollen. Denn Madrid hatte sich 2024 als erstes EU-Mitglied der von Südafrika angestrengten Völkermordklage gegen Israel angeschlossen.
Die von Restle gepostete Äußerung löste umgehend scharfe Reaktionen aus. Die Kritiker sehen darin ein eindeutig antisemitisches Verschwörungsmuster am Werk. Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, wandte sich mit einer offiziellen Beschwerde an die Programmdirektion des Senders. »Solche weitreichenden politischen Behauptungen ohne nachvollziehbare Einordnung oder erkennbare Distanzierung halte ich für äußerst problematisch«, erklärte Schotland, der von der fehlenden Glaubwürdigkeit öffentlich-rechtlicher Medien spricht.
Auch Serap Güler, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, erblickte in Restles Tweet eindeutigen Antisemitismus und Antiamerikanismus: »Dass sich ein Journalist des ÖRR nicht schämt, Verschwörungstheorien zu verbreiten, ist dabei der Gipfel.« Die türkischstämmige CDU-Politikerin verlieh der Kritik gerade als migrantische Stimme in der Debatte zusätzliches Gewicht.
Zwei Tage nach dem Beitrag stellte Restle unter demselben Post klar, dass es sich um ein Fremdzitat handele und er sich die Aussage nicht zu eigen mache. Er räumte ein, dass das kommentarlose Teilen ein Fehler gewesen sei, »weil mir hätte klar sein müssen, dass mir dieses Zitat zugeschrieben wird.« Eine merkwürdige und weitgehend unreflektierte Formulierung, bar jeglicher Empathie. Echtes Bedauern klingt anders. Die Vorwürfe des Antisemitismus wies er Restle als haltlos zurück.
Das Versagen des Systems
Die Kritik zieht ungeachtet dessen immer weitere Kreise. Was als einzelne Verfehlung auf X begann, hat sich zu einer grundsätzlichen Debatte über die Standards und das Verantwortungsbewusstsein – nicht nur – im beitragsfinanzierten Rundfunk ausgewachsen. In der Folge schaltete sich Nordrhein-Westfalens Medienminister Nathanael Liminski (CDU) direkt ein. Im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen fand er deutliche Worte für das Vorgehen: »Solche Geschichten bedienen ein Erzählmuster, das wir aus der Entwicklung des Antisemitismus nur zu gut kennen. Wer eine solche These kommentarlos weiterverbreitet, macht sie sich zu eigen, ob gewollt oder nicht.« Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, so Liminski weiter, lebe von einem Vertrauensvorschuss, den er sich täglich neu verdienen müsse.
Auf die Beschwerde des Rundfunkratsmitglieds Felix Schotland stellte der WDR eine schriftliche Antwort für die Folgewoche in Aussicht. Vorab wiegelte die Sendeanstalt jedoch ab und stellte sich demonstrativ vor ihren Korrespondenten. »An der persönlichen Integrität von Georg Restle besteht für den WDR keinerlei Zweifel«, beteuerte die Pressestelle. »Ihn als Person aufgrund dieses Posts in die Nähe des Antisemitismus zu rücken, ist aus Sicht des WDR keinesfalls gerechtfertigt.«
Man wolle das Personal künftig erneut für die gebotene journalistische Sorgfalt auf privaten Online-Kanälen schulen, fügte der Sender hinzu. Eine fast schon zynische Verharmlosung: als ließe sich ideologisch verfestigte Israel-Skepsis und das Weiterverbreiten klassischer Verschwörungsmythen einfach mit einem Nachmittag im Fortbildungskurs für Medienkompetenz abstellen.
Die WDR-Reaktion offenbart das eigentliche Problem: Anstatt den Vorgang inhaltlich aufzuarbeiten, flüchtet sich die Sendeanstalt in Relativierung und Korpsgeist. Sobald Narrative bedient werden, die im links-akademischen Umfeld als fortschrittlich gelten, greift sofort eine erstaunliche Beißhemmung. Wo man sich sonst der Aufarbeitung von Diskriminierung verschreibt, versagen die Prüfmechanismen auf ganzer Linie, sobald Postkolonialismus und vorgeblich progressive Machtkritik bedient werden.
»Sich stark machen für die Schwachen« heißt für engagierte Streiter wie Georg Restle, Minderheiten zu schützen. Die Opferperspektive ist heilig, wenn es um Rassismus oder LGBTQ+-Diskriminierung geht. Wenn aber jüdische Stimmen sich zu Wort melden gegen Antisemitismus in Wissenschaft, Kultur, Politik oder im Journalismus, dann wird dies empört als Einschüchterungsversuch diffamiert«, kommentierte Esther Schapira in der Jüdischen Allgemeinen.
Gleichzeitig greift ein verhängnisvoller Schutzreflex: Ideologische Seilschaften im Haus schirmen die eigenen Aushängeschilder konsequent vor jeder echten Rechenschaftspflicht ab. Gegenüber Kritik von außen errichtet der WDR reflexhaft eine kollektive Wagenburg, wiegelt PR-wirksam ab und flüchtet sich in Floskeln. Besonders gefährlich ist dieser Korpsgeist mit Blick auf den Zeitpunkt: Während der Sender Verfehlungen als bedeutungslos abtut, füttern seine Journalisten Mythen, die den Hass auf den Straßen weiter anheizen – und Juden wie Israelis geraten in Deutschland wieder einmal in kollektive Sippenhaftung.
