Netanjahu als »Einflüsterer«: Wie der »Spiegel« gefährlich nah an antisemitische Muster rückt

Der »Spiegel« gerät immer wieder wegen antisemitisch konnotierter Sprachbilder in die Kritik

Ein Spiegel-Bericht zeichnet das Bild von Benjamin Netanjahu als Strippenzieher, der die USA immer tiefer in die Konfrontation mit dem Iran hineinziehen möchte.

Steven Oberstein

In der »Lage am Morgen« aus dem Spiegel-Hauptstadtbüro zeichnete Marina Kormbaki am 28. Juli ein sprachlich auffällig zugespitztes Bild des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, das aus dem kritisierten Ministerpräsidenten einen »Einflüsterer« macht. Gerade von einer leitenden Journalistin eines großen deutschen Nachrichtenmediums dürfte man in einem historisch und politisch so belasteten Themenfeld mehr Sorgfalt erwarten. Denn die Formulierungen wirken nicht nur polemisch, sondern eröffnen eine Lesart, die anschlussfähig an israelbezogenen Antisemitismus ist.

Altes Verschwörungsbild

Kormbaki nennt Netanjahu also einen »Einflüsterer« und schreibt, er sei nach Washington gereist, um Donald Trump für Schläge gegen die Islamische Republik Iran zu gewinnen und die USA »immer tiefer in die Konfrontation hineinzuziehen«. Schon diese Metaphorik hat einen problematischen Kern. Sie beschreibt Netanjahu nicht schlicht als politischen Akteur mit klar benennbaren Interessen, sondern als verdeckt wirkende Figur, die im Hintergrund Einfluss auf andere ausübt.

Wenn dann noch von »dem Israeli« die Rede ist, der die Angriffe fortsetzen wolle, verschiebt sich die Darstellung schon rein auf sprachlicher Ebene von einer konkreten Person zu einem Typus. Das ist am Ende keine bloße sprachliche Zuspitzung mehr, sondern ein semantischer Schritt in Richtung Kollektivzuschreibung.

Genau hier liegt das eigentliche Problem. Die IHRA-Arbeitsdefinition nennt als Beispiel antisemitischer Erscheinungsformen »falsche, entmenschlichende, dämonisierende oder stereotype Anschuldigungen« gegen Juden als Kollektiv, insbesondere Mythen über eine jüdische Weltverschwörung oder die Kontrolle von Regierungen durch Juden.

Auch wenn der Spiegel-Text nicht offen von »den Juden« spricht, bewegt er sich sprachlich in einem Feld, das historisch sehr nah an solchen Mustern liegt: Ein israelischer Regierungschef erscheint als verborgene steuernde Figur, die die USA in einen Krieg hineinziehen will. Genau diese Kombination aus Einfluss, Hinterzimmerlogik und Kriegstreiberei ist in der antisemitischen Bildtradition stark verankert. Gerade in der heutigen Zeit bleibt Antisemitismus oft bewusst uneindeutig. Das Bedienen der entsprechenden sprachlichen Bilder und Chiffren gerade im journalistischen Kontext ist fatal.

Besonders heikel wird es vor dem Hintergrund des aktuellen Konfliktgeschehens. Es war der Iran, der mit Angriffen auf Schiffe in der Straße von Hormus die Waffenruhe brach und die Eskalation wieder anheizte. Die USA reagierten mit neuen Angriffen auf iranische Ziele, worauf Teheran wiederum mit Gegenschlägen auf US-Stützpunkte und Schiffe reagierte sowie mit dem Angriff auf befreundete Staaten der USA in der Region. Israel ist zwar ebenfalls Konfliktpartei im Nahen Osten und in eigene Auseinandersetzungen mit Iran und dessen Verbündeten – vor allem der Hisbollah – verwickelt, doch es war nicht Israel, das die Waffenruhe durch neue Angriffe auf iranisches Territorium gebrochen hat.

Vor diesem Hintergrund wirkt die im Spiegel-Text vorgenommene Zuschreibung nicht nur verkürzt, sondern auch sachlich schief. Die Verantwortung für die aktuelle Eskalation wird sprachlich in Richtung einer israelischen Figur verschoben, obwohl die militärische Initiative derzeit bei den USA liegt. Die Frage, ob und wie ein solcher Angriff gerechtfertigt sein könnte, stellt sich der Text erst gar nicht.

Hinzu kommt die Gegenüberstellung: »Der Israeli will den Krieg, der Amerikaner die Öffnung der Straße von Hormus.« Diese Formulierung ist mehr als nur ein stilistisches Mittel. Sie macht aus Netanjahu keine präzise benannte politische Person, sondern einen Repräsentanten nationaler oder gar kollektiver Interessen. Gerade im deutschen Sprachraum ist das riskant, weil sich solche Schemata leicht mit älteren antisemitischen Deutungsmustern verschränken. Zu denken wäre hier an das Bild vom mächtigen, im Hintergrund agierenden Juden, der fremde Regierungen beeinflusst, Kriege lenkt und Staaten gegeneinander ausspielt.

Kritik oder Ressentiment?

Die medienethische Forschung beschreibt genau diese Kippstelle: Israelbezogener Antisemitismus liegt nicht erst dann vor, wenn ausdrücklich Juden genannt werden, sondern bereits, wenn Israel oder israelische Akteure durchgängig als dämonisch, verschwörerisch oder besonders skrupellos erscheinen. Eine aktuelle Inhaltsanalyse deutscher Print- und Onlinemedien zeigt zudem, dass problematische Zuschreibungen oft über wiederkehrende Frames laufen: Israel wird dann nicht nur kritisiert, sondern in Mustern von Kriegslogik, Intrige und moralischer Sonderverurteilung dargestellt. Genau diese Tendenz ist im Spiegel-Text erkennbar.

Nicht nur die israelbezogenen Antisemitismus druchwegs verharmlosende Jerusalem Declaration hält fest, dass politische Kritik an der israelischen Regierung zulässig ist, sofern sie nicht in essentialistische Feindbilder kippt. Auch die vielgescholtene IHRA-Definition betont ausdrücklich, dass Kritik an Israel nicht antisemitisch ist, solange sie mit der Kritik an anderen Staaten vergleichbar bleibt. Die entscheidende Frage ist also nicht, ob Netanjahu kritisiert werden darf, sondern wie. Und genau hier liegt das Problem des Spiegel-Textes: Er kritisiert weniger die Politik, als dass er mit einer Bildsprache arbeitet, die den israelischen Premier in die Nähe eines geheimen Strippenziehers rückt.

Zentral ist hierbei die Frage nach der semantischen und historischen Anschlussfähigkeit der gewählten Darstellung. Entscheidend ist, ob die Sprache nur zugespitzt ist oder ob sie ein Deutungsmuster aktiviert, das an antisemitische Topoi anknüpft. Die Übertragung solcher Topoi auf den Staat Israel oder seine Bevölkerung ist ein wiederkehrendes Muster. Dabei werden insbesondere Bilder des verschwörerischen Einflusses oder des Strippenziehers reaktualisiert und gezielt für die Deutung aktueller politischer Konflikte genutzt.

Das normalisiert bewusst ein Narrativ, das historisch tief belastet und in antisemitischen Deutungsmustern anschlussfähig ist. Eine Analyse des Irankriegs und der Spannungen zwischen USA, Israel und der Islamischen Republik hätte sich hingegen auch formulieren lassen, ohne den Text mit einem alten Verschwörungsbild zu garnieren.

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