Im MENA-Talk mit Jasmin Arémi spricht der israelische Oberstleutnant der Reserve und Syrien-Analyst Eyal Dror über die neue Führung unter Ahmed al-Sharaa, die Bedrohung religiöser und ethnischer Minderheiten und weshalb den politischen Versprechungen aus Damaskus nicht allzu bereitwillig Glauben zu schenken ist.
Mit dem Sturz des syrischen Machthabers Bashar al-Assad endet eine jahrzehntelange Diktatur. Für die syrische Bevölkerung eröffnet sich damit die historische Möglichkeit eines politischen Neuanfangs. Ob aus dem Ende der alten Herrschaft bereits der Beginn einer verheißungsvolleren Zukunft folgt, ist eine andere Frage. Der israelische Oberstleutnant der Reserve Eyal Dror jedenfalls warnt davor, die Hoffnungen auf ein friedlicheres Syrien vorschnell mit der politischen Wirklichkeit zu verwechseln.
Zwar hat sich die Sicherheitslage für Teile der syrischen Bevölkerung verbessert, doch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme des Landes bestehen fort. Besonders deutlich zeigen sich die Widersprüche der neuen Führung im Umgang mit ethnischen und religiösen Minderheiten. Während Ahmed al-Sharaa unter der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit erhebliche Unterstützung genießt, begegnen ihm Alawiten, Drusen, Kurden und Christen weiterhin mit Misstrauen. Der mangelnde Schutz dieser Gemeinschaften und die unzureichende Aufarbeitung von Übergriffen lassen Zweifel daran aufkommen, ob die neue Führung tatsächlich einen Staat für alle Syrer errichten will.
Dror hält die Neuformierung der syrischen Armee für mindestens ebenso problematisch, da dort auch ehemalige islamistische Milizen aufgenommen wurden. Eine Armee sollte dem Schutz der Bevölkerung dienen und nicht zum Instrument religiöser oder politischer Radikalisierung werden. Ob diese Unterscheidung auch in Damaskus hinreichend verstanden wird, ist gegenwärtig keineswegs ausgemacht. Zwischen den öffentlichen Bekenntnissen al-Sharaas zu einem geeinten Syrien und dem tatsächlichen Handeln seiner Sicherheitskräfte besteht jedenfalls eine erhebliche Diskrepanz. Sie lässt sich nicht durch diplomatische Freundlichkeiten vertreiben.
Risiken und Chancen
Auch die israelischen Militärpositionen auf syrischem Gebiet betrachtet Dror vor diesem Hintergrund. Er verteidigt sie als notwendige Sicherheitsmaßnahme. Israel habe kein Interesse an syrischem Territorium, müsse aber angesichts der Erfahrungen des 7. Oktober 2023 verhindern, dass bewaffnete Extremisten erneut zu einer unmittelbaren Bedrohung für israelische Grenzgemeinden werden. Eine politische Annäherung zwischen Israel und Syrien hält er durchaus für möglich. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die neue Führung nicht nur Gesprächsbereitschaft signalisiert, sondern durch konkrete Maßnahmen Vertrauen schafft.
Hinzu kommen die wirtschaftlichen Herausforderungen eines Landes, dessen Infrastruktur durch Krieg und jahrzehntelange Misswirtschaft weitgehend zerstört ist. Für den Wiederaufbau benötigt Syrien internationale Investitionen in erheblichem Umfang. Doch wer investieren soll, erwartet zumindest ein Mindestmaß an politischer Stabilität und verlässlichen Sicherheitsstrukturen. Al-Sharaa bemüht sich deshalb um günstigere Beziehungen zu westlichen Staaten ebenso wie zur Türkei, Saudi-Arabien und Russland. Die diplomatische Anerkennung soll dabei helfen, jene wirtschaftlichen Voraussetzungen zu schaffen, ohne die auch die neue politische Ordnung kaum Bestand haben dürfte.
Trotz seiner deutlichen Kritik kann das Ende der Assad-Herrschaft als historische Chance für die syrische Bevölkerung betrachtet werden. Ob diese Chance genutzt wird, hängt allerdings weniger von der internationalen Inszenierung des neuen Machthabers ab als von dessen tatsächlicher Bereitschaft, mit seiner islamistischen Vergangenheit zu brechen und politische Verantwortung für sämtliche Bevölkerungsgruppen zu übernehmen.
