In Damaskus wird nach Jahren des Krieges um Syriens politische Ordnung gerungen. Die neue Führung sucht einen Weg zum Frieden mit Israel, ohne die Stabilität des eigenen Landes und dessen staatliche Souveränität aufs Spiel zu setzen.
Vom Gipfel des Hermon blickt man weit nach Syrien und in den Libanon hinein. In Israel, wo er auch als »Auge des Staates« bezeichnet wird, ist er deshalb nicht nur ein Stück Hochland, sondern ein strategisch wichtiger Beobachtungsposten – und ein Ort, an dem sich die Geschichte des Konflikts mit seinem nordöstlichen Nachbarland verdichtet.
Der Berg war schon mehrfach Schauplatz von Kämpfen zwischen den beiden Staaten. Im Oktober 1973 eroberten syrische Truppen dort zu Beginn des Jom-Kippur-Krieges den Militärposten des jüdischen Staates. Es gelang den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) jedoch, die Stellung in den letzten Tagen der Kämpfe zurückzuerobern. Das 1974 vereinbarte Truppenentflechtungsabkommen ordnete die Front neu und schuf eine von den Vereinten Nationen überwachte Pufferzone.
Mehr als fünf Jahrzehnte später stehen israelische Soldaten erneut auf syrischem Boden. Nach dem Sturz von Diktator Baschar al-Assad im Dezember 2024 rückte die IDF in die Pufferzone vor und bezog auch Stellungen auf dem syrischen Teil des Hermon. Während ein Teil des Bergmassivs seit Jahrzehnten unter israelischer Kontrolle steht, liegt der größere, östliche Teil auf syrischem Gebiet.
Gleichzeitig begann in Damaskus ein politischer Neuanfang. Ahmed al-Sharaa, dessen frühere Organisation aus dem syrischen Al-Qaida-Netzwerk hervorgegangen war und der einst gegen das Assad-Regime kämpfte, versucht als Präsident, Syrien neu zu positionieren. Ausgerechnet mit dem jüdischen Staat, dem langjährigen Gegner, wird über eine neue Sicherheitsordnung verhandelt. Zeitweise schienen die Gespräche bereits weit fortgeschritten; eine Verständigung über die künftige Ordnung an der gemeinsamen Grenze ist jedoch weiterhin mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden.
Die Gegensätze bleiben groß
Damaskus verlangt den Rückzug der IDF auf die Linien des Truppenentflechtungsabkommens von 1974. Israel betrachtet die Entwicklungen in Südsyrien dagegen vor allem unter sicherheitspolitischen Gesichtspunkten und will verhindern, dass von dort neue Gefahren für seine Grenzgemeinden ausgehen. Damit steht Syrien vor einer schwierigen Entscheidung: Kann aus Jahrzehnten der Feindschaft eine pragmatische Verständigung werden – oder entwickelt sich das Land nach dem Ende der Assad-Herrschaft zur nächsten Bedrohung an Israels Nordostgrenze? Für Jerusalem hängt die Sicherheit auch davon ab, wer die Höhen auf der syrischen Seite des Hermon kontrolliert und inwieweit sich mögliche Bedrohungen von der Grenze fernhalten lassen.
»Der Staat Israel braucht strategische Tiefe an allen Grenzen«, betont Mosche Avner aus dem Moshav Nov, einer genossenschaftlich organisierten ländlichen Siedlungsform im südlichen Golan. »Realistisch gesehen werden wir eine breite Sicherheitszone halten müssen, die verhindert, dass feindliche Kräfte bis an den Grenzzaun gelangen. Deshalb befürchte ich, dass die IDF dort noch längere Zeit bleiben wird.«
Der 73-jährige Veteran des Jom-Kippur-Krieges von 1973 kennt den Konflikt mit Syrien aus eigener Erfahrung. Als junger Offizier der Golani-Infanteriebrigade war er an den Kämpfen um den höchsten Berg Israels beteiligt, dessen israelische Stellung die IDF in den letzten Kriegstagen wieder unter ihre Kontrolle brachten. Seine damaligen Erfahrungen gewinnen angesichts der heutigen Lage neue Bedeutung: Israel steht erneut vor der Frage, wie es sich gegenüber seinem Nachbarn absichern soll. Mit dem Ende der Assad-Herrschaft hat sich auch das regionale Kräftefeld verschoben. Welche Akteure künftig Einfluss auf Syriens Entwicklung gewinnen, ist noch offen. Für den jüdischen Staat geht es damit nicht allein um die unmittelbare Grenzsicherung, sondern auch darum, welche Kräfte künftig die regionale Ordnung prägen.
»Israel betrachtet die Bedrohung längst nicht mehr nur unter dem Gesichtspunkt einzelner Terrororganisationen«, erzählt Avner. «Entscheidend wird sein, welche regionalen Machtblöcke sich herausbilden und welchen Einfluss sie auf Syriens Zukunft gewinnen. Die israelischen Stellungen jenseits der Grenze sind deshalb auch im Kontext des Versuches zu sehen, solche Bedrohungen auf Abstand zu halten.«
Doch die Kontrolle über strategische Höhenzüge ist nur ein Teil des Problems. Die neue Führung in Damaskus muss sich nach dem Sturz Assads nicht nur innenpolitisch behaupten, sondern auch ihre außenpolitische Ausrichtung finden. Hinzu kommen die unterschiedlichen Interessen der arabisch-sunnitischen, alawitischen, kurdischen, drusischen und christlichen Gemeinschaften, die mit der neuen Ordnung jeweils eigene Hoffnungen und Befürchtungen verbinden. Was manche als pragmatischen Ausweg aus der jahrzehntelangen Konfrontation betrachten, könnten andere als untragbare Konzession an den einstigen Gegner verstehen.
Für die neue Führung bedeutet das einen schwierigen Spagat. Sie muss ihre staatliche Eigenständigkeit behaupten, ohne sich außenpolitisch zu isolieren, und zugleich die schwer beschädigten Institutionen wieder stärken. Eine Verständigung mit Israel könnte der neuen Führung außenpolitische Spielräume eröffnen, zugleich aber Widerstand im eigenen Land auslösen. Was strategisch sinnvoll erscheint, muss sich deshalb nicht zwangsläufig auch politisch durchsetzen lassen. Entscheidend wird sein, ob al-Sharaas Führung aus den unterschiedlichen Interessen im Land eine tragfähige politische Linie entwickeln kann.
»Dass Jerusalem und Damaskus unter amerikanischer Vermittlung über eine neue Sicherheitsordnung verhandeln, ist ein Zeichen dafür, dass nach Jahrzehnten der Feindschaft zumindest begrenzte Verständigungen möglich erscheinen«, sagt Professor Eyal Zisser vom Institut für Geschichte des Nahen Ostens und Afrikas der Universität Tel Aviv. »Doch ein belastbares Abkommen ist damit noch lange nicht erreicht. Das derzeitige Vorgehen Israels ist dabei nicht besonders hilfreich. Denn es könnte den Handlungsspielraum der neuen syrischen Führung weiter einschränken und sie in die Arme der Türkei treiben.«
Institutioneller Neubeginn notwendig
Der Historiker beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte und Politik Syriens. Seine Kritik betrifft nicht nur die unmittelbaren Sicherheitsinteressen des jüdischen Staates, sondern auch die möglichen Folgen des israelischen Vorgehens für die außenpolitische Orientierung seines Nachbarlandes. Ein konfrontativer Kurs könnte damit genau jene regionale Kräfteverschiebung begünstigen, die Jerusalem verhindern möchte. Zugleich muss sich die syrische Regierung ihre außenpolitischen Entscheidungen gegenüber einer Gesellschaft vermitteln, in der unterschiedliche Gruppen eigene Interessen und Erwartungen verfolgen.
Die Gewalt gegen Drusen in der südlichen Provinz Suwayda im Juli 2025 verdeutlichte, wie schwierig es für die neue Staatsmacht ist, Sicherheit zu gewährleisten und das Vertrauen religiöser Minderheiten zu gewinnen. Für eine Sicherheitsvereinbarung ist damit auch entscheidend, ob Damaskus seine Verpflichtungen im eigenen Land durchsetzen kann.
»Ein Abkommen war tatsächlich schon nahe, aber jedes Mal ergab sich eine neue Situation«, erklärt Zisser. »Die inneren Spannungen in dem vom jahrelangen Bürgerkrieg gezeichneten Land erschweren eine Verständigung zusätzlich. So forderte Jerusalem unter anderem einen Landkorridor, über den die Drusen im Süden Syriens mit Hilfsgütern versorgt werden könnten – eine Forderung, die Damaskus ablehnte.« Hier zeigt sich für den Nahost-Forscher ein grundlegendes Dilemma: »Selbst wenn beide Seiten eine weitere Eskalation verhindern wollen, bleibt offen, ob die jeweiligen Sicherheitsinteressen miteinander vereinbar sind.«
Doch die Zukunft Syriens entscheidet sich nicht allein in den Verhandlungen zwischen Regierungen. Ebenso entscheidend ist, welche politische Ordnung sich nach Jahren des Krieges herausbildet. Für die neue Führung liegt darin ein doppeltes Risiko: Sie muss ihre Eigenständigkeit behaupten und Kräfte zusammenführen, deren Vorstellungen von der Zukunft des Landes weit auseinanderliegen. Zugleich hängt die Bereitschaft zu Zugeständnissen davon ab, worauf sich ihre politische Legitimität künftig stützen soll. Eine Annäherung an Israel wäre deshalb mehr als eine außenpolitische Kurskorrektur; sie würde auch zeigen, welches politische Modell die Machthaber anstreben.
»Syrien sollte keine Arena sein, auf der andere miteinander konkurrieren«, sagt Fahad al-Masri, Präsident der Syrischen Liberalen Partei und langjähriger Gegner des Assad-Regimes. »Mein Heimatland muss ein Partner sein, niemals ein Stellvertreter. Also ein souveräner Staat, niemals eine Einflusssphäre.« Er kritisiert, dass der jüdische Staat zu sehr darauf schaue, welchen Einfluss er auf seinen Nachbarn ausüben kann. »Jerusalem sollte nicht fragen, ob Damaskus schwach genug ist, um in Schach gehalten zu werden, sondern ob dieses Land stark genug werden kann, um Frieden zu schließen, und stabil genug, um ihn zu bewahren.«
Der syrische Oppositionspolitiker, der im Pariser Exil lebt, hatte sich schon lange zuvor für eine Verständigung mit Israel ausgesprochen. Seit Jahren wirbt er für einen politischen Neuanfang, der die Konfrontation zwischen beiden Ländern überwindet und seinem Geburtsland zugleich eine eigenständige Rolle in der Region ermöglicht. Dabei verbindet er die Aussicht auf Frieden mit einem institutionellen Neubeginn: Nicht persönliche Macht und wechselnde politische Konstellationen, sondern belastbare Institutionen sollen dessen Zukunft bestimmen.
»Israel sollte nicht nur nach einer Person in Damaskus suchen, der es vertrauen kann«, argumentiert al-Masri. »Sondern helfen, einen starken und stabilen syrischen Staat zu fördern, der seine Verpflichtungen einhalten und dafür sorgen kann, dass sie über die Amtszeit eines einzelnen Machthabers hinaus Bestand haben.« Zugleich zieht er eine klare Grenze gegenüber einer Politik, die die staatliche Eigenständigkeit seines Landes beschneidet: »Wir lehnen die Besetzung von Gebieten und die Einmischung in die inneren Angelegenheiten unseres Landes ebenso ab wie Maßnahmen, die seine staatlichen Institutionen untergraben. Die Einheit unserer Nation darf aber nicht mit der Vorherrschaft einer Bevölkerungsgruppe verwechselt werden. Wir wollen ein geeintes Syrien, das aber nicht bedeutet, dass die Mehrheit ihren Willen allen anderen aufzwingt.«
Ziel: Mehr Sicherheit vor Ort
Ob sich eine neue Ordnung in Syrien etablieren lässt, wird sich nicht allein an den Erklärungen der politischen Führung messen lassen. Sie muss sich vielmehr daran bewähren, ob es gelingt, die unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen im Land in einen tragfähigen politischen Rahmen zu überführen. Eine Verständigung mit Israel setzt zudem voraus, dass die syrische Führung ihre sicherheitspolitischen Zusagen im eigenen Land gewährleisten kann. Für den jüdischen Staat bleibt damit die Frage, ob der politische Umbruch im Nachbarland den Weg zu einer verlässlicheren Nachbarschaft ebnet.
»Der Sturz Assads hat Syrien nicht automatisch zu einem geeinten und stabilen Staat gemacht«, sagt Mosche Avner aus dem Moshav Nov auf den Golanhöhen. »Die neue Führung steht weiterhin vor ungelösten Konflikten mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Ob sie diese bewältigen und ihre Autorität im gesamten Land durchsetzen kann, bleibt offen.« Für den Kriegsveteranen hängt damit auch die Frage zusammen, ob politische Zusagen aus Damaskus für Jerusalem mehr sein können als ein vorläufiges Signal. Internationale Anerkennung und diplomatische Annäherung allein schaffen noch keine verlässlichen Sicherheitsgarantien. Entscheidend ist vielmehr, ob sich die politische Neuordnung auch in einer dauerhaft tragfähigen Sicherheitsordnung niederschlägt.
»Dass die neue syrische Führung internationale Anerkennung sucht und sich diplomatisch neu positioniert, bedeutet noch nicht, dass sich die Machtverhältnisse im Land grundlegend verändert haben«, warnt Avner. »Entscheidend ist, ob sie tatsächlich in der Lage und bereit ist, bewaffnete Gruppen zu kontrollieren und verlässliche Zusagen einzuhalten. Für Israel wird sich die Verlässlichkeit dieser Neuorientierung letztlich daran messen lassen, ob sie auch vor Ort zu mehr Sicherheit führt.«
