Israel betrachtet die Türkei in ihrer derzeitigen Form als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung, weshalb es eine verstärkte Präsenz Ankaras in Syrien nicht dulden kann.
Über die Fakten besteht kein Streit. In der Nacht von Montag auf Dienstag dieser Woche griff Israel den Luftwaffenstützpunkt Abu al-Duhur im Norden Syriens nahe der Grenze zur Türkei an. Satellitenbilder, die einige Tage später aufgenommen wurden, zeigen mehrere Krater auf den Landebahnen des Stützpunkts. Uneinigkeit herrscht darüber, ob die israelischen Bedenken, die zu dem Angriff führten, berechtigt waren und ob das Problem auf andere Weise hätte gelöst werden können.
»Israel erhielt eindeutige Geheimdienstinformationen, die darauf hindeuteten, dass die Türkei beabsichtigt, ihre militärische Präsenz in Syrien erheblich auszubauen. Diese stellte aus unserer Sicht eine rote Linie dar«, erklärt der israelische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Yechiel Leiter, gegenüber Mena-Watch.
In den Tagen vor dem Angriff teilte Israel Geheimdienstinformationen über den geplanten türkischen Truppeneinsatz. Dies ging mit der unmissverständlichen Warnung einher, dass solch ein Einsatz gegen den Status quo in Syrien verstoße. Gegen Ende der Amtszeit von US-Präsident Joe Biden hatte Israel mit dem Al-Sharaa-Regime, das gerade den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad gestürzt hatte, eine Vereinbarung getroffen, wonach der Status quo gewahrt bleiben sollte. Aus israelischer Sicht bedeutete dies unter anderem, dass sich keine türkischen Truppen auf syrischem Boden befinden dürften.
Diese Vereinbarungen wurden in zwei Treffen während der Amtszeit von Präsident Trump bekräftigt, an denen Botschafter Yechiel Leiter und Benjamin Netanjahus damaliger Militärsekretär Roman Gofman – der heute als Direktor des Mossad fungiert – sowie der syrische Außenminister Asaad al-Shaibani teilnahmen. Nun, so führen israelische Beamte aus, seien diese Vereinbarungen verletzt worden, worauf als Konsequenz der Luftangriff erfolgte.
Teil des Problems, nicht Teil der Lösung
In dem Zusammenhang ist wichtig zu verstehen, dass die Türkei aus israelischer Sicht als »Wendeland« gilt: als ein Staat, zu dem Israel in den 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre ausgezeichnete Beziehungen unterhielt, das dann jedoch eine 180-Grad-Wende vollzog. Nun wird die Türkei inoffiziell als feindlich eingestellte Nation angesehen, auch wenn dies nicht die offizielle Einstufung seitens Jerusalem ist.
»Wir sind durchaus offen für einen Dialog, doch laut Aussagen hochrangiger türkischer Vertreter würden sie Israel am liebsten von der Landkarte tilgen«, erklärte Leiter gegenüber Mena-Watch. Der Botschafter bezog sich dabei auf wiederholte Äußerungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, in denen dieser Israel Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwarf, sowie auf Kommentare des türkischen Außenministers Hakan Fidan, der Israel als »Schandfleck der Menschheit« bezeichnete. »Während die Türkei Hamas-Führer beherbergt und Gelder an die Hisbollah und die Hamas – die Stellvertreterkräfte des Iran gegen Israel – überweist, ist es untragbar, dass sie nun auch beginnt, Einfluss im Libanon und in Syrien auszuüben«, sagte Leiter.
Viele Beobachter haben die Ereignisse dieser Woche als den Moment beschrieben, in dem Israel und die Türkei einer militärischen Konfrontation bislang am nächsten gekommen sind. Eine der ranghöchsten Persönlichkeiten, die diese Einschätzung vertreten – wenn nicht sogar die ranghöchste –, ist der US-Botschafter in der Türkei und Trumps Sonderbeauftragter für Syrien, Tom Barrack.
Laut Barrack hat die Türkei die israelischen Flugzeuge auf ihrem Anflug auf den rund siebzig Kilometer von der türkisch-syrischen Grenze entfernten Militärstützpunkt entdeckt. Es habe die Befürchtung bestanden, dass sie in türkisches Hoheitsgebiet eindringen könnten. »Die türkischen Streitkräfte wussten weder, dass die israelischen Flugzeuge auf dem Weg zu genau diesem syrischen Stützpunkt waren, noch kannten sie den beabsichtigten Zweck des Einsatzes. Sie hätten daher beschließen können, ihre eigenen Kampfflugzeuge zu starten, in der Annahme, dass sie selbst angegriffen würden«, erklärte Barrack gegenüber Mena-Watch und bezeichnete den Angriff als gefährliche Eskalation.
Israel legt großen Wert darauf, zu betonen, dass es weder mit Syrien noch mit der Türkei eine Eskalation wünscht. Gleichzeitig wird es jedoch eine türkische Militärpräsenz auf syrischem Territorium nicht akzeptieren. »Ich sage der Türkei: Tut das nicht«, erklärte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einer Botschaft, die an die Warnung von Ex-Präsident Biden an die Hisbollah und den Iran erinnerte, sich in den Tagen nach dem Massaker vom 7. Oktober nicht in die Kämpfe zwischen Israel und der Hamas einzumischen.
In den letzten Jahren hat sich die Türkei zu einer Militärmacht entwickelt und eine fortschrittliche Rüstungsindustrie aufgebaut, die hochmoderne Schiffe, Flugzeuge und Drohnen produziert. Gleichzeitig hat sie versucht, ihren Einfluss in der Region auszuweiten, und erst kürzlich gemeinsam mit Pakistan und Saudi-Arabien den trilateralen »Mekka-Pakt« unterzeichnet.
Während der als Trumps leitender Berater fungierende Tom Barrack der Ansicht ist, dass die Türkei Teil der Lösung im Nahen Osten sein kann, widerspricht Botschafter Leiter dem vehement. »Die Türkei kann unter den gegenwärtigen Umständen keine Kraft sein, die zur Beruhigung der Region beiträgt. Ich wünschte, wir könnten in den Beziehungen zwischen Jerusalem und Ankara zur Situation von vor einigen Jahrzehnten zurückkehren. Damals waren wir bereit, den türkischen Einfluss in der Region zu akzeptieren. Aber es ist nicht hinzunehmen, dass der türkische Einfluss in der Region wächst, während die Türkei terroristische Organisationen finanziert.«
Und genau das ist im Wesentlichen die Botschaft Israels: Unter den gegenwärtigen Umständen wird Jerusalem nicht zulassen, dass die Türkei Teil der Lösung in Gaza, im Libanon, in Syrien oder anderswo ist – denn sie ist das Problem.
