Begründet das unlängst in Mekka geschlossene Verteidigungsabkommen zwischen Saudi-Arabien, Pakistan und der Türkei so etwas wie eine »islamische NATO«?
Paushali Lass
Am 6. August telefonierte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit dem indischen Premierminister Narendra Modi. Einen Tag später unterzeichneten Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei in Mekka ein gemeinsames Verteidigungsabkommen. Gibt es einen Zusammenhang – oder handelt es sich um Zufall? Auch wenn es keinen Hinweis darauf gibt, dass beide Ereignisse miteinander verbunden waren, ist der zeitliche Zusammenhang doch bemerkenswert. Denn während sich neue Machtkonstellationen im Nahen Osten und in Südasien herausbilden, gewinnt die strategische Partnerschaft zwischen Israel und Indien an Bedeutung.
Das Mekka-Abkommen sieht vor, dass ein bewaffneter Angriff auf eines der drei Länder als Angriff auf alle gewertet wird – eine Regelung, die an Artikel 5 der NATO erinnert. Doch auch dort bedeutet ein Angriff auf einen Mitgliedstaat nicht automatisch einen Kriegseintritt der anderen. Wie sie reagieren, bleibt letztlich den einzelnen Mitgliedern überlassen. Ist der Mekka-Pakt also tatsächlich eine »islamische NATO« oder vor allem ein Instrument der Abschreckung, politischen Signalgebung und strategischen Positionierung?
Vom saudisch-pakistanischen Abkommen zum Dreierpakt
Die Entwicklung begann im September 2025 mit dem strategischen Verteidigungsabkommen zwischen Saudi-Arabien und Pakistan. Riad erhielt einen noch engeren militärischen Partner in Islamabad, Der Hauptstadt des einzigen offen nuklear bewaffneten muslimischen Mehrheitsstaat. Pakistan wiederum vertiefte seine strategische Beziehung zu einer einflussreichen Golfmacht.
Mit dem Beitritt der Türkei kommt eine weitere Dimension hinzu. Pakistan betrachtet Indien als seinen wichtigsten militärischen Rivalen und unterhält seit langem eine offen feindselige Haltung gegenüber Israel. Erst vor wenigen Tagen rief der pakistanische Verteidigungsminister Khawaja Asif dazu auf, dass sich muslimische Staaten gegen Israel zusammenschließen sollten. Auch die Türkei steht Israel insbesondere wegen Gaza und der Palästinafrage zunehmend konfrontativ gegenüber. Gleichzeitig ist sie NATO-Mitglied und verfolgt eine zunehmend eigenständige sicherheitspolitische Rolle in der muslimischen Welt. Ihre wachsende militärische Zusammenarbeit mit Islamabad und ihre wiederholte Unterstützung der pakistanischen Position zu Kaschmir verstärken diese Dynamik.
Israel und Indien wiederum bauen ihre Verteidigungsbeziehungen zu Griechenland und Zypern aus – zwei Staaten, die seit Jahren strategische Konflikte mit der Türkei haben.
Die entscheidende Frage lautet nun: Was geschieht, wenn der Pakt tatsächlich auf die Probe der Beistandspflicht gestellt wird? Saudi-Arabien wurde wiederholt vom Iran und von iranisch unterstützten Gruppen wie den Huthi im Jemen angegriffen. Würden Pakistan und die Türkei im Falle einer Eskalation Waffen, Geheimdienstinformationen, Luftverteidigung oder Truppen bereitstellen? Und wären sie tatsächlich bereit, gegebenenfalls auf saudischem Boden gegen einen Aggressor zu kämpfen?
Die Antwort ist offen. Gerade diese Unklarheit kann jedoch ein Teil der Abschreckungsstrategie sein. Der Pakt soll den Iran dazu bringen, bei einem Angriff auf Saudi-Arabien mit einer Reaktion der Türkei und Pakistans zu rechnen. Gleichzeitig ermöglicht er den drei Staaten, ihren Einfluss am Golf auszuweiten. Ein Angriff auf Saudi-Arabien könnte damit weitaus komplexer werden und möglicherweise eine Konfrontation auslösen, in die neben der Türkei und Pakistan auch die USA und Israel einbezogen würden.
Wirtschaftliche Interessen setzen dieser Logik allerdings Grenzen. Pakistan kann sich einen regionalen Krieg kaum leisten, Saudi-Arabien ist auf stabile Handels-, Energie- und Seewege angewiesen. Und sollte die Türkei selbst in einen Konflikt mit Griechenland oder Israel geraten, stellt sich die Frage, ob Pakistan tatsächlich seine eigenen wirtschaftlichen Interessen für einen größeren Krieg aufs Spiel setzen würde.
Doch das interessanteste Mitglied des Paktes ist möglicherweise Saudi-Arabien. Kronprinz Mohammed bin Salman versucht seit Jahren, das Königreich durch seine »Vision 2030«, durch wirtschaftliche Diversifizierung, Technologie und Investitionen grundlegend zu verändern. Eine Normalisierung mit Israel schien lange mit dieser Strategie vereinbar. Inzwischen knüpft Riad sie jedoch zunehmend an die Perspektive eines palästinensischen Staates, womit die Palästinafrage zugleich zur diplomatischen Bedingung und zum politischen Druckmittel wird.
Für die Türkei und Pakistan bietet die Unterstützung der Palästinenser wiederum die Möglichkeit, ihre Stellung in der muslimischen Welt zu stärken und sich als eigenständige Regionalmächte zu profilieren. Dennoch ist die muslimische Welt zu fragmentiert für ein einfaches Szenario »muslimische Staaten gegen Israel«. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrain und Marokko unterhalten im Rahmen der Abraham-Abkommen Beziehungen zu Israel. Die VAE sind zugleich ein zunehmend bedeutender strategischer Partner Indiens.
Warum die Partnerschaft zwischen Indien und Israel zählt
Bei der Betrachtung des Nahen Ostens spielt Geografie eine zentrale Rolle. Auf der Landkarte bildet der Mekka-Pakt ein auffälliges Dreieck: die Türkei im Nordwesten, Saudi-Arabien im Süden und Pakistan im Osten. In der Mittes dieses Dreiecks wiederum liegt der Iran. Strategisch entscheidender kann jedoch eine andere Karte sein, die zugleich eng mit dem Iran verknüpft ist: die Seewege zwischen Indischem Ozean, Rotem Meer und Mittelmeer.
Indiens wachsende sicherheitspolitische Beziehungen zu Europa umfassen zunehmend auch die maritime Sicherheit. Die EU-Indien-Partnerschaft und die Kooperation mit Frankreich betonen die Freiheit der Schifffahrt und die Sicherheit im Indischen Ozean und im Indo-Pazifik. Israel wiederum hat mit der Anerkennung Somalilands im Dezember 2025 seine Präsenz am strategisch wichtigen Horn von Afrika erweitert – unmittelbar am Golf von Aden und nahe der Bab al-Mandab-Straße.
Damit entsteht zwar kein formelles Gegenbündnis. Doch betrachtet man neben der Landkarte auch die Karte der strategischen Seewege, ergibt sich ein bemerkenswertes Bild. Indien, Israel, Europa sowie die Partner am Golf und am Horn von Afrika sind zunehmend durch gemeinsame Interessen an maritimer Sicherheit, Technologie und stabilen Handelswegen verbunden.
Indien und Israel sind keine Mitglieder eines gegenseitigen Verteidigungsbündnisses. Ihre strategische Partnerschaft ist jedoch weit substanzieller, als der erste Blick es vermuten lässt. Seit Jahrzehnten kooperieren beide Länder bei Raketenabwehr, Drohnen, Radar, Aufklärung, Präzisionswaffen, elektronischer Kampfführung, Cybertechnologie und Nachrichtendiensten. Gleichzeitig entwickelt sich die Beziehung von einem klassischen Beschaffungsverhältnis hin zu gemeinsamer Entwicklung, Produktion und Technologietransfer.
Ihre größte strategische Stärke ist dabei Verlässlichkeit. Israel hat sich über Jahrzehnte als Partner erwiesen, der Indien bei konkreten sicherheitspolitischen Herausforderungen moderne Verteidigungsfähigkeiten und Technologie zur Verfügung stellen kann. Diese Erfahrung hat Vertrauen geschaffen – und dieses Vertrauen ist strategisch wertvoller als eine bloße Zusicherung auf Papier. Gerade in einer Zeit, in der die strategische Bedeutung des Roten Meeres, des Golfs von Aden und des Indischen Ozeans wächst, wird diese Verbindung bedeutsamer.
Was folgt daraus?
Der Mekka-Pakt sollte weder unterschätzt noch dramatisiert werden. Er kann ein ernstzunehmendes Abschreckungsinstrument werden, die strategische Position seiner Mitglieder stärken oder sich zu einer tatsächlichen militärischen Verpflichtung entwickeln. Die größte Gefahr liegt weniger in einem unmittelbar bevorstehenden Krieg als in einer Fehlkalkulation. Eine zukünftige Krise zwischen Indien und Pakistan könnte gefährlicher werden, wenn türkische Verpflichtungen gegenüber Pakistan mit der strategischen Partnerschaft Israels mit Indien zusammentreffen.
Deshalb ist Netanjahus Gespräch mit Modi am 6. August, einen Tag vor Bekanntgabe des Mekka-Paktes, bemerkenswert, auch wenn, wie eingangs angemerkt, kein unmittelbarer Zusammenhang nachgewiesen ist. Indien und Israel brauchen darauf keinen neuen Block. Sie brauchen strategische Eigenständigkeit. Dabei bedarf es engerer Zusammenarbeit bei Raketenabwehr, Drohnen, Cyber-Technologie, Künstlicher Intelligenz, Raumfahrt und anderen Schlüsseltechnologien sowie starker Partnerschaften mit den VAE, Europa und Staaten im Indischen Ozean und mit Somaliland im Horn von Afrika.
Die muslimische Welt ist kein einheitlicher Block, und Indien und Israel sollten sie auch nicht als solchen betrachten. Entscheidend sind wirtschaftliche Stärke, Kooperation dort, wo Interessen übereinstimmen, der Schutz lebenswichtiger Seewege und genügend strategischer Spielraum, um nicht von einer einzelnen Macht abhängig zu werden. Die stärkste Antwort auf einen neuen Sicherheitsblock ist nicht zwangsläufig ein weiterer Pakt. Sie besteht darin, selbst unabhängig handlungsfähig zu sein – und zugleich verlässliche Partner zu haben, die im entscheidenden Moment an der eigenen Seite stehen.
Paushali Lass ist geopolitische Beraterin mit Schwerpunkt auf Israel, Mitgründerin des India-Israel Nexus und Fellow des Israel-India Friendship Clubs. Sie publiziert regelmäßig zu Sicherheits-, Außen- und Nahostthemen in internationalen Medien.
