Präsident Al-Sharaa strebt Handlungsfreiheit Syriens an

Syriens Präsident Ahmed al-Sharaa versucht, die Beziehungen seines Landes zu diversifizieren
Syriens Präsident Ahmed al-Sharaa versucht, die Beziehungen seines Landes zu diversifizieren (© Imago Images / Anadolu Agency)

In einer Strategie der Diversifizierung versucht Syrien, mit vielen Ländern Beziehungen einzugehen, statt von einer oder zwei Mächten abhängig zu sein.

Eyal Dror

Vor weniger als zwei Jahren wäre es schwer vorstellbar gewesen, dass Ahmed al-Sharaa – der Mann, dessen Truppen den langjährigen syrischen Präsidenten Bashar Assad gestürzt hatten – eine Einigung mit jenem Land erzielen würde, das Assad an der Macht gehalten, seine Gegner jahrelang bombardiert und dem gestürzten syrischen Präsidenten schließlich Zuflucht gewährt hatte. Doch genau das ist nun geschehen.

Am 9. August gaben Syrien und Russland nach rund achtzehnmonatigen Verhandlungen eine Vereinbarung über die Zukunft der russischen Präsenz auf dem Luftwaffenstützpunkt Hmeimim und im Hafen von Tartus bekannt. Im Rahmen der neuen Regelung soll Damaskus wieder mehr Kontrolle über die Standorte erlangen, während Russland eine reduzierte militärische Rolle behält.

Moskau muss sich zwar nicht aus Syrien zurückziehen, behält aber auch nicht mehr die außerordentliche Handlungsfreiheit und privilegierte Stellung, die es unter Assad genoss. Und die Vereinbarung wird bereits in die Praxis umgesetzt. Am 12. August nahm Syrien den Betrieb eines kommerziellen Anlegeplatzes in Tartus auf, der zuvor von russischen Streitkräften genutzt worden war, während russisches Militärpersonal voraussichtlich vor Ort bleiben wird.

Der Zeitpunkt, zu dem all dies erfolgte, macht die Entwicklung noch interessanter. Nur wenige Tage zuvor hatte Damaskus Berichten zufolge Washington mitgeteilt, dass es bereit sei, seine Importe von russischem Öl drastisch zu reduzieren. Zugleich unternahmen die USA Schritte, um Syrien endgültig von der Liste der Staaten zu streichen, die den Terrorismus unterstützen. Die Listung stellt die letzte noch bestehende große Sanktionsmaßnahme Washingtons gegen Damaskus dar.

Strategie der Diversifizierung

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Schritte widersprüchlich zu sein. Al-Sharaa signalisiert Washington, dass er bereit ist, die wirtschaftliche Abhängigkeit Syriens von Moskau zu verringern, während er Russland gleichzeitig erlaubt, einen militärischen Stützpunkt im Land aufrechtzuerhalten.

Doch gerade dieser Widerspruch könnte der springende Punkt sein. Der syrische Übergangspräsident scheint nicht nach einem neuen Schutzherrn zu suchen, der die alten ersetzen könnte. Er scheint vielmehr darauf hinzuarbeiten, dass Syrien gar nicht erst wieder von einem einzigen Schutzherrn abhängig wird.

Unter Assad wurde Syriens Abhängigkeit von Russland und dem Iran geradezu existenziell. Teheran stellte Geld, Waffen, Milizen und strategische Tiefe zur Verfügung. Moskau lieferte Luftunterstützung, diplomatischen Schutz und die entscheidende militärische Intervention, die es dem Assad-Regime ermöglichte, noch lange zu überleben, nachdem es andernfalls längst zusammengebrochen wäre. Diese Abhängigkeit rettete das Regime, hatte jedoch ihren Preis. Syrien wurde nach und nach zu einer Arena, in der ausländische Mächte enormen Einfluss auf das Territorium, die militärische Infrastruktur und strategische Entscheidungsprozesse erlangten.

Al-Sharaa scheint entschlossen, ein anderes Modell aufzubauen. Er braucht die Türkei, aber das bedeutet nicht, dass er möchte, dass Syrien ein türkischer Vasallenstaat wird. Er braucht Investitionen aus den Golfstaaten, hat aber kaum einen Grund, die militärische Abhängigkeit von Teheran durch finanzielle Abhängigkeit von einer einzelnen arabischen Hauptstadt zu ersetzen.

Darüber hinaus braucht der syrische Präsident Washington, um Syriens Rückkehr ins internationale System zu vollenden, Investitionen anzuziehen und verbleibende Beschränkungen aufzuheben. Er kann es sich aber nicht leisten, sich als der Führer zu präsentieren, der Syrien ins westliche Lager geführt hat. Russland könnte Syrien trotz allem, was es getan hat, um Assad an der Macht zu halten, noch immer etwas zu bieten haben. Wenn Moskaus Einfluss reduziert, eingedämmt und von einer Dominanz in einen Hebel umgewandelt werden kann, gibt es für Damaskus kaum einen Grund, ihn gänzlich auszuschalten.

Dies ist das sich abzeichnende Muster: die Türkei für Handel, Sicherheit und geografischen Zugang; die Golfstaaten für Kapital und Wiederaufbau; Washington und Europa für internationale Legitimität und wirtschaftliche Integration; und Russland für jeglichen militärischen, diplomatischen oder strategischen Wert, der noch aus der Beziehung gewonnen werden kann. Anstatt von einer oder zwei Mächten abhängig zu sein, versucht Damaskus möglicherweise, in moderatem Maße von vielen abhängig zu werden. Das ist keine Unentschlossenheit. Es ist eine Strategie der Diversifizierung.

 Risiken und Chancen

Ich habe kürzlich argumentiert, dass sich das durch Assads Sturz geöffnete strategische Fenster allmählich zu schließen beginnt und dass – sofern Israel, die Vereinigten Staaten und pragmatische arabische Staaten nicht handelten – die Türkei am besten positioniert sei, das Vakuum zu füllen und zur dominierenden externen Macht zu werden, die Syriens Zukunft prägt.

Diese Einschätzung gilt nach wie vor. Doch die jüngsten Entwicklungen fügen ihr eine bedeutsame Ebene hinzu: Al-Sharaa selbst könnte die Gefahr erkennen, eine Abhängigkeit durch eine andere zu ersetzen. Sein Ziel könnte in etwas anderem bestehen als darin, Russland gegen die Türkei auszutauschen. Vielmehr könnte es darin bestehen, die Türkei, Russland, Saudi-Arabien, die Vereinigten Staaten und Europa so gegeneinander auszuspielen, dass sich die Handlungsfreiheit von Damaskus stetig vergrößert.

Israel sollte dies aufmerksam verfolgen, denn dadurch ändern sich die Fragen, die Jerusalem sich in Bezug auf Syrien stellen sollte. Die häufigste Frage diesbezüglich lautet, ob al-Sharaa ein Freund oder ein Feind ist. Es gibt für Israel keine Grundlage, al-Sharaa als Freund zu behandeln. Seine dschihadistische Vergangenheit lässt sich nicht einfach auslöschen, und Israel sollte auch nicht die Gewalt gegen Minderheiten ignorieren, die unter der neuen syrischen Ordnung stattgefunden hat; ebenso wenig wie Damaskus’ Widerstand gegen Israels Präsenz in Südsyrien. Jerusalem sollte das neue Regime nach seinen Taten beurteilen, nicht nach westlichen Hoffnungen oder beschwichtigenden Reden.

Doch es gibt noch eine weitere Frage, die ebenso irreführend sein könnte: Zu welchem Lager gehört Syrien nun? Vielleicht will al-Sharaa gar nicht, dass Syrien irgendeinem Lager angehört, was für Israel nicht unbedingt schlecht wäre. Jerusalem braucht kein pro-israelisches Syrien. Eine solche Erwartung wäre auf absehbare Zeit unrealistisch. Was Israel braucht, ist ein Syrien, das nicht erneut zu einem iranischen Korridor wird. Es braucht ein Syrien, das es dschihadistischen Organisationen nicht erlaubt, sich entlang der israelischen Grenze zu etablieren, und das nicht zu einer exklusiven strategischen Plattform für die Türkei, Russland oder irgendeine andere regionale Macht wird.

Ein stärker souveränes Syrien könnte daher für Israel taktisch eine größere Herausforderung darstellen, wäre aber strategisch vorzuziehen. Je stärker der syrische Staat wird, desto weniger wird er bereit sein, eine anhaltende israelische Militärpräsenz auf seinem Territorium zu tolerieren. Damaskus hat bereits deutlich gemacht, dass es eine Sicherheitsvereinbarung mit Israel anstrebt, dabei aber auf der Wiederherstellung der syrischen Souveränität besteht. Israel kann diese Forderung nicht ignorieren. Ebenso wenig kann es die Sicherheitserfordernisse aufgeben, die es überhaupt erst dazu veranlasst haben, im Süden Syriens zu agieren.

Die Herausforderung für Israel besteht darin, seine legitimen Sicherheitsinteressen zu schützen, ohne Damaskus neue strategische Anreize zu schaffen, externen Schutz zu suchen. Sollte die syrische Führung zu dem Schluss kommen, dass sie nicht aus eigener Kraft ihre Souveränität wahren oder dem israelischen Druck standhalten kann, wird sie einen stärkeren Anreiz haben, ihre Abhängigkeit von der Türkei, Russland oder einer anderen externen Macht zu vertiefen. Israel sollte al-Sharaa durch seine eigene Politik keinen Grund geben, nach einem Beschützer zu suchen.

Das strategische Ziel sollte ein Syrien sein, das in der Lage ist, sich gegen externe Vorherrschaft zu wehren, ohne dabei zu einer direkten Sicherheitsbedrohung für Israel zu werden. Wenn jeder Schritt Syriens in Richtung Washington als Täuschung abgetanund jede Vereinbarung mit Moskau als Beweis dafür gewertet wird, dass sich nichts geändert hat; wenn jede Beziehung zu Ankara als Beleg dafür angesehen wird, dass Syrien bereits zu einem türkischen Satellitenstaat geworden ist, läuft Israel Gefahr, die sich in Damaskus abzeichnende Strategie falsch einzuschätzen.

Ahmed Al-Sharaa scheint sich so viele Türen wie möglich offen zu halten. Israel sollte klare rote Linien in Bezug auf iranische Aktivitäten, dschihadistische Organisationen, die Grenzsituation und die Sicherheit der drusischen Bevölkerung aufrechterhalten und gleichzeitig skeptisch, wachsam und handlungsbereit bleiben, wenn seine Sicherheit bedroht ist. Gleichzeitig sollte Jerusalem ein potenziell wichtiges strategisches Interesse anerkennen: eine syrische Regierung, die stark genug ist, um sich dagegen zu wehren, zum Stellvertreter einer anderen Macht zu werden.

Jahrzehntelang war Syrien für seine Verbündeten gerade deshalb wertvoll, weil es von ihnen abhängig war. Al-Sharaa versucht nun möglicherweise das Gegenteil und macht Syrien für viele Mächte nützlich, damit keine einzelne Macht das Land dominieren kann. Israel sollte diesen Unterschied verstehen, bevor seine eigene Politik dazu beiträgt, Damaskus zurück in die Arme eines dominierenden Schutzherrn zu treiben.

Eyal Dror gründete und leitete die »Operation Good Neighbor« an der israelisch-syrischen Grenze. Der Autor von »Embracing the Enemy: The Inside Story of Israel’s Secret Humanitarian Mission to Rescue Syrian Civilians From Civil War« hält Vorträge zu den Themen Sicherheit, Naher Osten, humanitäre Hilfe, Führung und gesellschaftliche Resilienz. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten. Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung.
Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte
oder direkt über Ihren PayPal Account.