Die Sterblichkeitszahlen für das Jahr 2025, die das Hamas-Gesundheitsministerium Ende September veröffentlichte, zeigen, dass es im Gazastreifen Krieg, aber keinen Völkermord gibt.
Zurzeit sorgt ein Film in Europa für Furore, der laut Eigenanspruch das System hinter Israels »technisch kalkuliertem Massenmord an palästinensischen Zivilisten im Gazastreifen« dokumentieren möchte. In »NAZA« wird dem jüdischen Staat nicht nur Völkermord vorgeworfen, vielmehr rückt der Film »das Tun der rechtsextremen Regierung Benjamin Netanjahus in assoziative Nähe zum Holocaust«, wie der profil-Journalist Stefan Grissemann vor rund einem Monat feststellte, ohne diese gegen Israels Kriegsführung gerichteten Anschuldigungen einer kritischen Prüfung zu unterziehen.
Mena-Watch hat in den vergangenen Wochen eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, die sich kritisch mit Aspekten des Films beschäftigen: dem Begriff des »Kollateralschadens«, der Rolle, die Künstliche Intelligenz im Prozess der Zielerfassung der israelischen Streitkräfte spielt, oder der Behauptung, Israel erlaube es seinem Militär, ohne Rücksicht gegen Zivilisten vorzugehen, die den Evakuierungsaufrufen nicht Folge leisten.
Doch was sagen eigentlich die bislang bekannten Opferzahlen aus Gaza über den von »NAZA« erhobenen und den Medien weiterverbreiteten Vorwurf eines von Israel »systematisch« verfolgten Projekts, »die palästinensische Bevölkerung in weiten Teilen auszulöschen«?
Ende September veröffentlichte das von der Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium in Gaza einen – international weitgehend ignorierten – Bericht über die Sterblichkeitszahlen für das Jahr 2025. In diesem wird zum ersten Mal seit Beginn des Krieges zwischen der Hamas und Israel im Jahr 2023 zwischen natürlichen Todesfällen, Kriegstoten und Unfallopfern unterschieden. Er bietet damit aufschlussreiche Einblicke in die Realität vor Ort, abseits des in den Medien betriebenen Propagandafeuerwerks gegen Israel.
Männer im wehrfähigen Alter
Wie aus dem Bericht hervorgeht, gab es im Jahr 2025 in Gaza keine über die Kriegshandlungen hinausgehende Übersterblichkeit. Die größte Zahl an Todesfällen findet sich genau in der Alterskohorte, in der man sie im Kriegsfall erwarten würde: bei Männern im wehrfähigen Alter, deren Anteil an der Gesamtsterblichkeit im Vergleich zur Vorkriegsphase stark angestiegen ist. »Es ist deutlich erkennbar, dass der Anteil der Todesfälle in der Altersgruppe der 20- bis 34-Jährigen erheblich gestiegen ist und 28,8 Prozent der Todesfälle ausmachte. Der Anteil der Todesfälle in der Altersgruppe der unter 20-Jährigen stieg auf 28 Prozent, während er 2022 noch bei 17,4 Prozent gelegen hatte«, heißt es von Seiten des Gesundheitsministeriums.
52 Prozent der Getöteten waren zwischen 15 und 44 Jahren alt, was eine deutliche Übersterblichkeit markiert, insofern der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung nur knapp 46 Prozent beträgt, wie der Militärblogger U. M. Osint unter Bezug auf das Palestinian Central Bureau of Statistics festhält.
Kriegshandlungen und Unfälle, so der Bericht weiter, seien für »76,5 Prozent aller Todesfälle« verantwortlich, wobei Kriegsgründe allein mit 70 Prozent beziffert werden. Wie U. M. Osint ebenfalls konstatiert, ist ein Anteil von 6,5 Prozent eine sehr hohe Zahl für Unfälle, sodass in diese Kategorie wahrscheinlich auch kriegsbedingte Vorfälle – wie Querschläger, fehlgegangene Raketen oder verfrühte Explosionen von Sprengfallen – einberechnet wurden. Bei einer Gesamtzahl von 24.650 Toten im Jahr 2025 betrug die Zahl der natürlichen Todesfälle knapp 5.800 (23,5 Prozent), was in etwa den Vorkriegszahlen entspricht.
Wenn es vor allem Männer im wehrfähigen Alter waren, die die Hauptursache für die im Vergleich zu Friedenszeiten erhöhte Sterblichkeit in Gaza darstellten, lässt sich daraus ableiten, dass unmittelbare Kriegshandlungen für die meisten Todesfälle verantwortlich zu machen sind. Darauf verweist auch, dass rund 73,5 Prozent der Getöteten oder Verstorbenen männlich und nur 26,5 Prozent weiblich sind. Würde Israel willkürlich gegen die Zivilbevölkerung vorgehen, müsste hier Normalverteilung herrschen und sich die Zahlen in etwa im Bereich 50:50 bewegen.
Geht man nun von der angegebenen Zahl von 24.650 Todesfällen aus, so beträgt das Verhältnis in absoluten Zahlen 18.118 Männer zu 6.532 Frauen. Zieht man von letzteren noch die rund 2.900 natürlichen Todesfälle ab, bleibt für das Jahr 2025 die Zahl von 3.632 durch Kriegshandlungen getöteten Frauen in Gaza. Berücksichtigt man obendrein die für 2025 vorliegenden Geburtenzahlen von 50.227, hat in diesem Jahr in Gaza sogar ein Bevölkerungswachstum von 1,2 Prozent stattgefunden.
Offiziell gibt das Gesundheitsministerium an, dass im Verlauf des Krieges seit dem 7. Oktober 2023 insgesamt 74.228 Menschen ums Leben gekommen seien. Zieht man davon die in drei Jahren anfallenden rund 17.400 natürlichen Todesfälle ab, so verbleiben rund 57.000 Opfer von Kriegshandlungen übrig, was ziemlich genau den 76,5 Prozent des aktuellen Sterblichkeitsberichts entspricht.
Urbaner Anti-Terrorkampf
Israel geht aktuell davon aus, während des Gazakriegs rund 22.000 Hamas-Kämpfer getötet zu haben, von denen Mitte 2025 rund 8.900 namentlich identifiziert waren. (Übrigens war es Yuval Abraham, einer der beiden Regisseure von »NAZA«, der damals die manipulative Falschbehauptung aufstellte, dass aus dieser Identifizierungsliste hervorgehe, dass 83 Prozent der Opfer im Gazastreifen Zivilisten gewesen seien.) Zieht man schließlich diese Zahl von den 57.000 Todesfällen ab, so verbleiben noch rund 35.000 Opfer des Gazakriegs. Selbst wenn man davon ausginge, dass jeder einzelne von ihnen Zivilist war, ergäbe das ein Verhältnis von eineinhalb getöteten Zivilisten pro gefallenem Kämpfer.
Auch wenn jedes unschuldig im Krieg getötete Opfer zu bedauern ist, so verweisen namhafte Kriegsrechtsexperten doch immer wieder darauf, dass ein solches 1,5:1-Verhältnis für einen Anti-Terrorkampf in dicht verbautem urbanem Gebiet eine bemerkenswert niedrige Zahl darstellt.
Zu verweisen wäre in dem Zusammenhang auch darauf, dass es die Hamas war, die mit ihrem Massaker den Krieg vom Zaun gebrochen hat und so für dessen Folgen verantwortlich zeichnet. Zudem ist es ihre bewusste Kriegstaktik, die Zivilbevölkerung als Schutzschild zu nutzen und öffentlich zu verkünden, deren vergossenes Blut wecke »den revolutionären Geist«. Doch allein schon die nackten Zahlen, die wohlgemerkt vom Hamas-Gesundheitsministerium selbst stammen, zeigen, dass es in Gaza keine systematische Auslöschung der Zivilbevölkerung durch Israel gab. Kurz gesagt: Völkermord sieht anders aus.
