Der Film »NAZA« erzählt eine moralisch einfache Geschichte. Um das zu können, blendet er einen wesentlichen Teil der Realität aus.
Von Sarit Zehavi
Die Macher der kürzlich erschienenen Dokumentation »NAZA« (ein hebräisches Militärakronym für »Nezek Agavi« – Kollateralschaden) mussten sich nicht allzu sehr anstrengen, um die Wahrheit herauszufinden. Sie hätten einfach mich interviewen können. Ich hätte mich, ohne meine Identität zu verbergen, vor die Kamera gestellt – auf dem Dach meines Hauses, das neun Kilometer vom Libanon entfernt liegt, nachdem wir hier endlose Raketensalven hinnehmen mussten. Ich hätte ihnen die Realität vor Ort erklärt.
Vor knapp 20 Jahren gehörte ich zu den Begründern des Bereichs innerhalb der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), der sich mit der Warnung der Bevölkerung jenseits der feindlichen Linien und dem Schutz des Lebens ihrer Zivilisten befasst. Wir haben die Arbeitsabläufe entwickelt, die festlegen, wie die Bevölkerung zur Evakuierung aufgefordert und wie diese Evakuierung nachverfolgt wird. Ich war persönlich an der Ausarbeitung der Zielgenehmigungsverfahren und an den operativen Beratungen beteiligt.
Vermeidung von Kollateralschäden
Hätten sie mit mir gesprochen, hätte ich ihnen erklärt, dass die zu Beginn des Films gezeigte Tabelle keine zur Durchführung von Tötungen ist, sondern eine Planungstabelle für ein Ziel, das als von der Hamas genutzt identifiziert wurde.
Ihr Zweck besteht darin, festzustellen, ob ein Ziel überhaupt angegriffen werden soll, wer in der Befehlskette befugt ist, dies zu genehmigen, mit welcher Munition und unter welchen Bedingungen. Im krassen Gegensatz zu den Aussagen im Film bedeutet die Angabe »Naza 500 – geschätzter Kollateralschaden 500« im Genehmigungsverfahren, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die Kollateralschäden zu verringern.
Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie zum Beispiel einen Evakuierungsaufruf, Präzisionsmunition oder die vollständige Absage des Angriffs (was als »nicht genehmigtes Ziel« bezeichnet wird). Die Vermerkung des Kollateralschadens auf dem Zielblatt bedeutet nicht die Absicht, die Tötung von Zivilisten oder einen »Völkermord« durchzuführen; sie dient in erster Linie dazu, dies zu verhindern.
Unsere Feinde, sowohl die Hamas als auch die Hisbollah, platzieren ihre Raketen und Hauptquartiere bewusst mitten in der Zivilbevölkerung, in Tunneln unter Beirut oder in Wohnhochhäusern im Südlibanon. Die Hamas im Gazastreifen tat dasselbe und setzte Kinder als menschliche Schutzschilde ein. Sie handeln dabei nach der Arbeitshypothese, dass 500 Zivilisten getötet werden, wenn Israel ohne Vorwarnung zuschlägt. Genau das ist ihr Ziel. Israel entscheidet sich jedoch anders: Es gibt mindestens Hunderte von Soldaten und Offizieren in den IDF, deren einzige Aufgabe der Schutz der feindlichen Bevölkerung ist. Das ist es, woran sie denken, wenn sie morgens aufwachen. Dafür bezahlen die IDF ihnen ein Gehalt.
Hätten die Macher des Films ernsthafte Recherchen betreiben wollen, hätten sie ehemalige (wie mich) und aktive Soldaten und Offiziere der IDF interviewen können, die ihnen die Wahrheit über Kollateralschäden erzählt hätten. Aber sie haben sich dagegen entschieden.
Schutzmaßnahmen werden zum Gegenteil erklärt
In der Filmankündigung wird behauptet, die IDF »überprüfe niemals die Zahl der getöteten Zivilisten«. Die Wahrheit ist, dass die Überprüfung der genauen Zahl der Opfer in feindlichem Gebiet in Echtzeit eine komplexe und nahezu unmögliche Aufgabe ist. Genau deswegen wurde im Vorfeld ein Verfahren zur Bewertung von Kollateralschäden geschaffen, um die Größe des Gebäudes und die übliche Anzahl von Zivilisten in dessen Umgebung zu berücksichtigen.
Die IDF haben enorme Ressourcen investiert und tun dies auch weiterhin – Geheimdienstmitarbeiter, Rechtsexperten, Einsatzkräfte der Luft- und Bodentruppen sowie Technologieexperten –, um Führungs- und Kontrollsysteme zu entwickeln, die genau widerspiegeln, wo sich Zivilisten aufhalten und wo nicht. Ich war während meines Wehrdienstes im Nordkommando und während meines anschließenden Reservedienstes persönlich an der Entwicklung dieser Instrumente beteiligt.
Aus eigener Erfahrung kann ich bezeugen, dass hinter diesen Bemühungen ein ganzes Universum an nachrichtendienstlichen Erkenntnissen steht. In der Nachrichtendienstdirektion gibt es mehrere Abteilungen, deren ausschließliche Aufgabe darin besteht, die Evakuierungsquoten der Bevölkerung aus ländlichen und städtischen Gebieten zu verfolgen, nachdem die Streitkräfte Warnungen veröffentlicht haben. Wenn ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung nach den Warnungen evakuiert wurde, sinkt die Bewertung des Kollateralschadens, und erst dann ist ein Angriff auf die Terrorinfrastruktur zulässig.
Leider wurden gerade die Bemühungen der IDF, das Leben der feindlichen Bevölkerung zu schützen – insbesondere durch Evakuierungswarnungen und die Verfolgung des Evakuierungsstatus – in den internationalen Medien als »ethnische Säuberung« interpretiert, während das Ausmaß der Terrorinfrastruktur, die in und unter den Dörfern sowohl im Libanon als auch im Gazastreifen in jedem einzelnen Haus aufgedeckt wurde, ignoriert wird.
Ich wurde bereits mehrfach von Reportern gefragt, warum wir so ausgedehnte Gebiete evakuieren. Hier ist meine Antwort: Wenn die Hamas oder die Hisbollah ein Tunnelnetz unter Dörfern graben, ist es unmöglich, dieses zu zerstören, ohne die Dutzenden von Häusern darüber zu beschädigen. Eine gezielte Evakuierung eines bestimmten Hauses während einer Tunnelsprengung würde zu zivilen Opfern führen.
Hohe Unsicherheit
Trotz der umfangreichen nachrichtendienstlichen Bemühungen, um sicherzustellen, dass sich keine Zivilisten im Zielgebiet befinden, ist dies eine Welt, in der die Unsicherheit außerordentlich hoch ist. Nachrichtendienstliche Erkenntnisse werden immer lückenhaft und unzureichend sein. Es gibt zahlreiche dokumentierte Fälle, in denen keine Informationen über die Anwesenheit von Zivilisten in der Terrorinfrastruktur oder in der Nähe von Terroristen vorlagen und diese infolgedessen getötet wurden. Dieses düstere Ergebnis kann nicht die Tatsache auslöschen, dass tatsächlich Anstrengungen unternommen werden, um Kollateralschäden zu verhindern.
Die Entscheidungsfindung auf dem Schlachtfeld ist komplex, die Dilemmata sind immens, und es liegt in der Natur des Schlachtfelds, dass manchmal Fehler gemacht werden. Doch der Unterschied zwischen uns und dem Feind ist enorm. Im Gegensatz zur radikalislamischen Ideologie der Hamas und der Hisbollah, die öffentlich erklären, dass es ihr Ziel ist, israelische Zivilisten zu töten (und entsprechend handeln), erklären wir unmissverständlich, dass wir keinerlei Absicht haben, Zivilisten in feindlichem Gebiet zu töten, und wir gestatten sogar den Zugang humanitärer Hilfe in das Kampfgebiet, obwohl dies unseren operativen Erfolgen im Kampf gegen den Terrorismus schadet.
Als Eltern von Soldaten erziehen wir unsere Kinder genau so: Zivilisten sind kein Ziel. Und diese Kinder wachsen zu Soldaten und Offizieren heran, die in der IDF dienen.
Bruch journalistischer Ethik
Es ist bedauerlich, dass die Filmemacher darauf verzichtet haben, echte Recherchen anzustellen. Entgegen den Anforderungen der journalistischen Ethik haben sie es sogar unterlassen, ihre Berichte den IDF zur Stellungnahme vorzulegen, sodass es unmöglich ist zu erfahren, welche Rollen die Befragten innerhalb des Systems innehatten und ob ihre Sichtweise – vorausgesetzt, sie ist authentisch – überhaupt relevant ist, um die Kette der Genehmigungen und Maßnahmen zu verstehen, die vor dem Angriff auf ein Ziel ergriffen wird.
Die Filmemacher zogen es vor, eine Geschichte aus einem sehr engen Blickwinkel zu erzählen und anonyme Quellen zu befragen, deren Grad der Beteiligung, Rang und Verständnis des Prozesses unklar sind. Sie ignorierten auch völlig die Experten, die diese Systeme mit einem einzigen Ziel entwickelt haben: Menschenleben zu retten. Es gibt solche Experten. Ich war einer von ihnen.
(Der Text ist ursprünglich auf Englisch im Newsletter des Alma Research and Education Center erschienen. Die Organisation ist in Nordisrael ansässig und spezialisiert sich auf Analysen der Sicherheitslage, insbesondere an den Grenzen zu Libanon und Syrien. Sarit Zehavi ist die Gründerin und Präsidentin des Alma Centers. Zuvor diente sie 15 Jahre lang bei den IDF. Übersetzung von Florian Markl.)
