Stehende Ovationen in Venedig, Empörung in Israel: Der jüngst ausgezeichnete Film »NAZA« sorgt für Aufruhr und erklärt dabei journalistische Standards zu Kollateralschäden.
Auf dem 83. Filmfestival von Venedig wurde die rund 80-minütige Dokumentation »NAZA« mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Der Film des israelischen Regie- und Journalisten-Duos Yuval Abraham und Rachel Szor beschäftigt sich mit der israelischen Kriegsführung im Gazastreifen seit dem 7. Oktober 2023. Für ihre Recherche führten die Filmemacher 24 anonymisierte Interviews mit Angehörigen des israelischen Militärs und Geheimdienstes. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Zielauswahl, der eingesetzten Technologien und des erwarteten zivilen Opferaufkommens.
Produziert wurde der Film unter anderem von der britischen Tageszeitung Guardian und von JW Films. Als Executive Producer fungierte Jonathan Glazer, der Regisseur des 2023 erschienenen Films »Zone of Interest« über den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. »Naza« knüpft an Recherchen des Guardian, von +972 Magazine und Local Call aus den Jahren 2023 bis 2025 an. Der Guardian beschreibt ihn als Untersuchung einer »berechneten Massentötung palästinensischer Zivilisten«. International wurde der Film rasch zum kulturellen Ereignis. In Israel löste er dagegen Empörung und politische Abwehrreaktionen aus.
Die Grammatik des Kalküls
Der Titel des Films stellt das Akronym des hebräischen Begriffs »nezek agavi« dar, was auf Deutsch »Kollateralschaden« bedeutet. Gemeint ist jene Zahl ziviler Opfer, die bei einem militärischen Angriff als erwartbare Folge einkalkuliert wird. Die Filmemacher behaupten, Israel setze künstliche Intelligenz ein, um mögliche Ziele der Hamas im Gazastreifen zu identifizieren und anschließend zu bombardieren. Dabei wird häufig in Kauf genommen, dass bei einem Angriff zahlreiche Nichtkombattanten getötet werden könnten.
Das israelische Militär bestätigt den Einsatz von KI zur Unterstützung bei der Zielidentifizierung, betont jedoch, dass vor jedem Angriff ein Mensch die abschließende Entscheidung treffe. Zivile Tote erscheinen in »NAZA« nicht lediglich als tragische Begleiterscheinung militärischer Operationen, sondern als Teil eines Systems, in dem ihr erwartetes Ausmaß in die Entscheidungsprozesse einfließt. Das ist ein legitimes journalistisches Untersuchungsfeld. Gerade eine Demokratie muss sich daran messen lassen, wie militärische Gewalt geplant, kontrolliert und verantwortet wird.
Doch genau hier beginnt das journalistische Problem. Die Filmemacher stützen wesentliche Aussagen auf 24 anonymisierte Gesprächspartner, deren Gesichter nicht gezeigt werden. Auch ihre konkreten Funktionen, ihr jeweiliger Zugang zu den behaupteten Vorgängen und die Umstände, unter denen sie ihre Informationen erhielten, bleiben für das Publikum weitgehend im Dunkeln. Quellenschutz ist im investigativen Journalismus legitim. Er entbindet Journalisten jedoch nicht von der Pflicht, die eigene Recherche so transparent wie möglich zu machen.
Der Film verdichtet die Aussagen der anonymen Whistleblower zu einer dramatischen Darstellung automatisierter Zielauswahl, militärischer Geheimhaltung und eines Systems, in dem menschliches Leben auf Zahlen reduziert werde. Die israelischen Streitkräfte widersprechen zentralen Darstellungen des Films und bestreiten unter anderem die behauptete Funktionsweise automatisierter Systeme. Das macht ihre Darstellung nicht automatisch glaubwürdig. Aber sie ist journalistisch relevant.
Anonyme Quellen sind manchmal unvermeidlich. Gerade deshalb müssen sie besonders sorgfältig verifiziert werden. Je schwerer eine Behauptung wiegt, desto größer ist die Pflicht, ihre Grundlage nachvollziehbar zu machen. Wo die Geheimhaltung selbst zur Begründung wird, bleibt dem Publikum letztlich nur eines: zu vertrauen. Das ist keine Kleinigkeit. Denn das eigentliche Problem besteht nicht darin, dass »NAZA«Israel kritisiert. Es besteht darin, dass politische und moralische Schlussfolgerungen auf Aussagen beruhen, deren Grundlage sich einer unabhängigen Überprüfung weitgehend entzieht.
Die Reaktionen aus Israel fielen scharf aus. Kulturminister Miki Zohar sprach von »Verrat am Staat« und forderte sogar, den Regisseuren die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Zudem warf er ihnen vor, sich den Beifall von Antisemiten sichern zu wollen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezeichnete den Film als antisemitische Aufstachelung. Diese Zuspitzungen sind auch vor dem Hintergrund des israelischen Wahlkampfs zu betrachten. Der Film bietet Politikern eine hochwirksame Projektionsfläche für innenpolitische Profilierung.
Beifall ersetzt keine Belege
Für die internationale Debatte wird diese politische Auseinandersetzung zur Nebelkerze. Die Reaktionen aus Israel bestimmen die Schlagzeilen, während die entscheidende journalistische Frage in den Hintergrund rückt: Wie belastbar ist die Recherche von »NAZA«selbst? Welche Belege stehen hinter den anonymisierten Aussagen? Was davon lässt sich unabhängig überprüfen? Und wo geht die filmische Darstellung über das tatsächlich Nachweisbare hinaus?
Gerade diese Fragen müssten im Mittelpunkt stehen. Denn eine Behauptung in einem Dokumentarfilm ist noch keine überprüfte Tatsache. Wer schwerwiegende Vorwürfe erhebt, muss nicht nur seine Quellen schützen, sondern auch die Grundlage seiner Recherche nachvollziehbar machen. Sonst wird die politische Wirkung des Films zum Ersatz für die journalistische Prüfung, die er selbst beansprucht. Zumal Yuval Abraham ja nicht das erste Mal zur Quelle von – bezeichnenderweise just im Guardian erschienenen – Behauptungen werden würde, die in der internationalen Presse breites Echo finden, sich aber schon auf den zweiten Blick als unhaltbar erweisen.
Der Applaus in Venedig ist kein Beleg für die Richtigkeit journalistischer Behauptungen, der Spezialpreis kein Gütesiegel für ihre politische Aussage. Entscheidend bleibt, was sich belegen lässt. Zwischen dokumentierter Tatsache, anonymem Zeugnis und politischer Interpretation muss unterschieden werden.
»NAZA«handelt vom Kollateralschaden. Doch wenn die politische Wirkung eines Films die Prüfung seiner Recherche ersetzt, geraten dabei ausgerechnet jene journalistischen Standards unter die Räder, auf die sich der Film selbst beruft. Presseethik setzt keine politische Neutralität voraus. Sie verlangt jedoch, dass die Messlatte der journalistischen Sorgfalt nicht davon abhängt, gegen wen sich ein Vorwurf richtet.
