Der türkische Präsident Erdoğan erklärte, die Welt solle den »Machenschaften des Völkermordnetzwerks« in Gaza nicht tatenlos zusehen, wie sie es bei Hitler oder Pol Pot getan habe.
Joshua Marks
Nachdem der türkische Außenminister Hakan Fidan den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu als Kriminellen bezeichnet hatte, der Spaß am Blutvergießen habe, warf ihm sein israelischer Amtskollege Gideon Sa’ar Anfang der Woche vor, »Lügen und Blutverleumdungen« gegen den jüdischen Staat zu verbreiten.
Bei einer Veranstaltung zum mit Saudi-Arabien und Pakistan geschlossenen Verteidigungsabkommen von Mekka in Istanbul hatte Fidan erklärt: »Dieser Kriminelle, Netanjahu, der Freude daran hat, palästinensisches und muslimisches Blut zu vergießen, muss jetzt gestoppt werden.« Der türkische Außenminister warf dem israelischen Ministerpräsidenten zudem vor, eine »völkermörderische und besatzungspolitische Strategie« zu verfolgen, und erklärte, dass »das internationale System gegen die von Netanjahu ausgehende Bedrohung vorgehen muss«.
In seiner Stellungnahme auf X schrieb Sa’ar, dass Fidan »weiterhin Lügen und Blutverleumdungen gegen Israel verbreitet« – und dass er dies im Dienste des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan tue. Sa’ar wies Fidans Völkermordvorwurf zurück und erklärte: »Es ist das türkische Regime, das die Terrororganisation Hamas beherbergt und unterstützt, die am 7. Oktober ein Massaker mit Völkermordcharakter an Israelis verübt hat. Erdoğans Regime dringt in andere Länder ein, unterdrückt und inhaftiert Oppositionsführer und verhaftet Richter und Journalisten – gerade heute wurde erneut ein Reporter festgenommen. Um von all dem abzulenken, greift es auf den ältesten Trick im antisemitischen Repertoire zurück: falsche Anschuldigungen gegen Juden und den jüdischen Staat.«
Wortgefechte zwischen Ankara und Jerusalem
Die Äußerungen markierten die jüngste Eskalation in den anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen Jerusalem und Ankara. Vergangenen Samstag verurteilte Israel den türkischen Präsidenten wegen antisemitischer Hetze, nachdem dieser den Zionismus als völkermörderische Ideologie bezeichnet, den Holocaust zu Angriffen auf den jüdischen Staat instrumentalisiert und muslimische Länder dazu aufgefordert hatte, sich gegen Israel zu vereinen.
Einen Tag zuvor erklärte Erdoğan, die israelische Regierung versuche, die Region zu destabilisieren, und behauptete, »die als Zionismus bekannte genozidale Ideologie ziele auf jeden ab, der humanitäre Werte verteidigt«. Unter Bezugnahme auf Nazideutschland und das Regime der Roten Khmer in Kambodscha sagte der türkische Präsident, dass Zivilisten den Preis für die internationale Untätigkeit gegenüber »Hitler, Pol Pot und anderen wahnsinnigen Unterdrückern« gezahlt hätten.
»Millionen von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Glaubensrichtungen wurden in Hitlers Konzentrationslagern und auf Pol Pots Killing Fields einem Völkermord ausgesetzt. Die Menschheit hat leider tatenlos zugesehen, wie sich die Ereignisse entfalteten. Derselbe Fehler wiederholt sich heute in Gaza, im Westjordanland und im Libanon. Die Welt versäumt es, angemessen auf die gesetzlosen Machenschaften dieses Völkermordnetzwerks zu reagieren, das keine Prinzipien, Werte und Grenzen anerkennt.«
Der türkische Staatschef forderte zudem die muslimischen Länder auf, sich nicht auf externe Mächte zu verlassen. Er glaube, »dass nun klar sein muss, dass wir als Muslime nichts erreichen können, wenn wir unsere Hoffnungen auf andere setzen«, sagte Erdoğan. «Wir müssen stark und abschreckend sein, gemeinsam unsere Rechte verteidigen sowie Frieden und Sicherheit in unserer Region schaffen.«
Das israelische Außenministerium erklärte am Samstag als Reaktion darauf, Erdoğan erklimme immer »neue Höhen in der wilden Hetze gegen den jüdischen Staat, um die Aufmerksamkeit von seinen Handlungen gegen das eigene Volk und in der gesamten Region abzulenken«. Das Ministerium warf dem türkischen Staatschef vor, politische Gegner zu inhaftieren, die Terrororganisation Hamas zu unterstützen und in Nachbarländer einzufallen. »Wie die schlimmsten Antisemiten der Geschichte versucht Erdoğan, die Aufmerksamkeit von seinen eigenen schändlichen Handlungen abzulenken, indem er falsche Blutverleumdungen verbreitet.«
Das türkische Außenministerium wies die Reaktion aus Jerusalem zurück und warf Netanjahu und seiner Regierung Völkermord im Gazastreifen vor. Es erklärte zudem, israelische Institutionen agierten »in einer Weise, die der Propagandamaschinerie von [NS-Propagandaminister Joseph] Goebbels ähnelt«.
Die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) führt »Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der der Nazis« als eines der Beispiele für Judenhass auf. Die israelische Regierung definiert den Zionismus als »nationale Bewegung, die sich für die Rückkehr der Juden in ihre Heimat – das Land Israel – und die Wiederaufnahme eines souveränen jüdischen Lebens dort einsetzt«.
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)
