In dieser Reihe stellen wir die jüdische Dichterin und Widerstandskämpferin Chana Szénes vor. Sie emigrierte 1939 als 18-Jährige von Ungarn nach Palästina, wo sie sich 1943 einer Freiwilligeneinheit des britischen Geheimdienstes anschloss, deren Ziel es war, als Fallschirmspringer über feindlichem Gebiet abzuspringen, um abgeschossene britische Piloten und Juden zu retten.
Yoel Palgi und Peretz Goldstein treffen sich in Budapest mit Mitgliedern des zionistischen Untergrunds und werden dabei unablässig beschattet. Rudolf Kasztner konfrontiert die beiden mit einem tollkühnen Plan.
Sie sollten am nächsten Tag zu einem Treffen ins Haus der jüdischen Gemeinde kommen, hatte Rudolf Kasztner zu Yoel Palgi und Peretz Goldstein gesagt. Dort angekommen, bemerkte Palgi zwei verdächtige Personen: »Beide trugen den Gelben Stern, aber er stand im Widerspruch zu ihrem selbstbewussten Auftreten und ihrer Gelassenheit. Sie zeigten keinen Ausdruck der Verzweiflung oder Verwirrung, der für Juden typisch war, und ihr Blick hatte etwas Grausames. Es war offensichtlich, dass sie keine Juden waren.«
Palgi und Goldstein beschlossen, das Haus getrennt zu verlassen und sich zu einem verabredeten Zeitpunkt in einer bestimmten Bar wieder zu treffen. Auf der Straße bemerkte Palgi, dass er von einem der beiden Männer verfolgt wurde und versuchte, ihn abzuschütteln, indem er mit der Straßenbahn fuhr und an mehreren Stationen in eine andere umstieg. Doch der Mann folgte ihm weiter. An einer Haltestelle schließlich rannte Palgi über die Gleise zu der Linie, die in die andere Richtung fuhr, während ein Schaffner brüllte: »He, das ist verboten!« Palgi fuhr mit der Straßenbahn einmal im Kreis und stieg an derselben Station wieder aus, in der Annahme, dass der Verfolger ihn nicht dort erwarten würde, wo er ihn abgeschüttelt hatte.
Er wusste, dass es nicht klug war, noch ein zweites Mal zu Kasztners Haus zu gehen und hoffte, ihn am nächsten Tag auf dessen Nachhauseweg abzupassen. Als er dem Haus schon recht nahe war, traf er Shalom Offenbach, der einer von Kasztners Mitarbeitern beim Hilfs- und Rettungskomitee war. Nachdem Samuel (Shmuel) Springman – eine der Personen, die Palgi hätte kontaktieren sollen – im Januar 1944 Aliyah gemacht hatte, war Offenbach dessen Nachfolger als Schatzmeister geworden.
Gemeinsam mit anderen stellte Offenbach eine Liste jener Juden zusammen, die mit einem vom Hilfs- und Rettungskomitee organisierten Zug in die Schweiz fahren sollten. Er war zudem für die Beschaffung von Geldern für die Einrichtung und Ausstattung von Kinderheimen zuständig. Als Empfänger der aus Istanbul und der Schweiz überwiesenen Gelder stellte er diese den zionistischen Jugendbewegungen für ihre Rettungsaktionen zur Verfügung.
Offenbach war von Kasztner geschickt worden, um Palgi zu warnen. In der Pension, in der Kasztner wohnte, hatte es eine Razzia gegeben, bei der nach zwei Spionen gesucht wurde. Der Ring zog sich enger zusammen. Palgi sollte Kasztner am nächsten Morgen im Büro von Elisheva (Erzsi) Kurcz treffen. Kurcz war die Vertreterin des Schweizer Kinderhilfswerks Oeuvre de Secours aus Enfantsin Budapest. Sie war jene Frau, die aufgelegt hatte, als Palgi sie angerufen, den Code gesagt und nach Mosche Schweiger gefragt hatte.
Palgi fand es zu gefährlich, ins Hotel zurückzukehren, aber des Nachts durch die Straßen zu laufen, wäre ebenso auffällig gewesen. Also verbrachte er die Nacht im Zug. Elisheva begrüßte ihn am nächsten Tag freundlich, entschuldigte sich für die Situation am Telefon und informierte ihn über Mosche Schweigers Verhaftung gleich nach dem Einmarsch der Deutschen. Er war bezichtigt worden, einen Anschlag auf Adolf Hitler geplant zu haben. Elisheva hatte nicht gewusst, dass jemand aus Palästina nach Ungarn kommen und mit ihr Kontakt aufnehmen würde.
Untergrundtreffen
Einige Kameraden der zionistischen Organisationen waren bereits anwesend, unter ihnen Peretz Révész, ein gut gekleideter und sorgfältig gekämmter junger Mann. Er entschuldigte sich, kein Hebräisch und nur wenig Ungarisch zu beherrschen und bat darum, die Besprechung auf Deutsch zu führen.
Peretz Révész wurde 1916 im slowakischen Holic geboren. Mit Beginn der antijüdischen Politik in der Slowakei 1938 musste er sein Medizinstudium abbrechen; trat der zionistischen Jugendbewegung Gordonia-Hamaccabi Hatza’ir (Makkabi-Jugend) bei und avancierte 1941 zu einem ihrer Anführer. Er schmuggelte Mitglieder seiner Bewegung ins benachbarte Ungarn, wo er nach Helfern für die Versorgung der Flüchtlinge Ausschau hielt, wurde aber von vielen Juden abgewiesen.
Dann lernte er Joel Brand und Rudolf Kasztner kennen und arbeitete beim Aufbau des Hilfs- und Rettungskomitees mit. Nach dem deutschen Einmarsch am 19. März 1944 entstand der zionistische Untergrund, in dem Révész eine wichtige Rolle spielte. Er traf sich mit den Flüchtlingen Zvi Goldfarb und Rafi Friedl, Anführern anderer zionistischer Jugendbewegungen, um zu besprechen, wie man reagieren sollte. Friedl stammte ebenfalls aus der Slowakei, Goldfarb aus Polen.
Gemeinsam mit Goldfarb mietete Révész einen Keller, um gefälschte Dokumente herzustellen, die ihre Inhaber als Nichtjuden auswiesen. Vor allem junge Frauen wurden aufs Land geschickt, um Mitglieder der Bewegung nach Budapest zu bringen. Dort stießen sie auf Unverständnis. Jüdische Funktionäre rügten die Boten wegen ihrer vermeintlich unnötigen »Panikmache«.
Etwa zur gleichen Zeit begannen erste Versuche, Juden aus Ungarn herauszuschmuggeln. Sehr bald wurde klar, dass die Grenze nach Jugoslawien, wo sich einige den Partisanen anschließen wollten, unpassierbar war. Auf der ungarischen Seite waren Gendarmen, auf der jugoslawischen die Ustascha. Rumänien wurde zum Hauptziel, da man hoffte, von dort aus eine Aliyah zu ermöglichen. Mehrere tausend Juden konnten sich in Sicherheit bringen, bis Rumänien am 23. August 1944 sein Bündnis mit Deutschland aufkündigte. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Grenze zwischen Ungarn und Rumänien stärker bewacht, da die beiden Länder nun Feinde waren.
In seinen Memoiren zeigte Révész zwar Verständnis für die persönliche Motivation von Juden wie Chana Szénes, Yoel Palgi und Peretz Goldstein, den ungarischen Juden helfen zu wollen. Dass sie erfolgreich sein würden, habe er aber von Anfang an nicht geglaubt: »Wir im Untergrund kannten nach zwei Jahren Überlebenskampf das Gebiet gut, kannten die Gefahren und wussten, wie wir ihnen begegnen sollten. Wir wussten auch, dass selbst die talentiertesten Abgesandten keine nennenswerte Hilfe leisten konnten. Im Gegenteil: Indem sie mit dem Fallschirm über feindliches Gebiet absprangen, brachten sie sich selbst in Gefahr und vermehrten unsere Sorgen.«
Tatsächlich standen Yoel Palgi und Peretz Goldstein seit ihrer Ankunft in Budapest unter ständiger Beobachtung von Gendarmen und wurden auch gleich am Bahnhof fotografiert, wie Palgi nach seiner Verhaftung erfuhr. Das Ziel der ungarischen Behörden war klar: sie zu beobachten und zu sehen, wen sie in Ungarn treffen würden.
Der verräterische Schal
Zu seinem ersten Treffen in Kurcz’ Büro mit Palgi und Goldstein hielt er fest: »Wir waren glücklich und aufgeregt, sie zu sehen, doch unsere Freude war mit tiefer Sorge vermischt. Wir berichteten ihnen von der schrecklichen Lage der ungarischen Juden, von denen bereits Hunderttausende, vor allem aus den ländlichen Gebieten, deportiert worden waren, und schilderten unsere verschiedenen Rettungsaktionen. Sie verrieten nichts über ihre Mission, da sie nichts preisgeben durften, außer der Tatsache, dass sie mit dem Fallschirm über Jugoslawien gelandet waren, um Mut zu machen und die Grüße der besorgten Bevölkerung von Eretz Israel zu überbringen.«
Palgi habe die Idee von »Widerstand« erwähnt. Er, Révész, habe ihm erklärt, dass aus seiner Sicht die Rettung von Juden vordringlich sei. Er war erstaunt über die offensichtliche Sorglosigkeit, welche die Fallschirmspringer und vor allem der britische Geheimdienst, der es hätte besser wissen sollen, bei der Vorbereitung der Mission an den Tag gelegt hatten. Als sie geplant wurde, stand Ungarn noch nicht unter deutscher Besatzung, und nach der Invasion am 19. März hatte man es offenbar nicht für nötig befunden, an die neue Lage angepasste Anweisungen zu erteilen.
Auch über Peretz Goldstein machte sich Révész Gedanken: »Peretz war jünger als Yoel. Er war groß, und sein hübsches Gesicht strahlte Integrität und Ehrlichkeit aus.« Bei einem Abendessen in Révész Wohnung unterhielten sich die beiden: »Peretz war aufgeregt, aber müde. Er sagte nicht viel. Nach dem Essen kamen wir gleich zur Sache. Er trug einen khakifarbenen Armeepullover und ich schlug ihm vor, stattdessen einen von meinen anzuziehen, was ihm ein ›ziviles‹ Aussehen verlieh.«
Révész fragte Goldstein, »ob er noch weitere militärische Gegenstände bei sich habe. Ich fiel aus allen Wolken, als er einen Seidenschal mit einer aufgedruckten Karte von Ungarn aus der Tasche zog. Ich sagte ihm, dass er für einen Spion gehalten worden wäre, hätte man seinen Schal gefunden. Ich verbrannte ihn und warf den Militärpullover in eine Mülltonne auf der Straße, weit weg von meiner Wohnung. Ich fragte mich, welche Informationen er wohl erhalten hatte.«
Goldstein erzählte Révész von seinem Kibbuz am Ufer des Sees Genezareth und vom Leben in Eretz Israel. »Er sprach über die Gefahr für die jüdischen Siedlungen im Land, als Rommels Armee in Afrika vorgerückt war [Frühjahr 1942; Anm. Mena-Watch]. Er erzählte, dass er zusammen mit Yoel der britischen Armee beigetreten war. Wir unterhielten uns noch ein wenig über das Leben im Untergrund und die Vorsichtsmaßnahmen, die wir befolgen mussten, um zu überleben. Ich begleitete ihn dann zur nächsten Straßenbahnhaltestelle. Wir verabredeten, einander über Israel Kasztner [Israel war der jüdische Vorname von Rudolf Kasztner; Anm. Mena-Watch] wiederzusehen und verabschiedeten uns herzlich.«
Eine verrückte Idee
Laut Révész hatte Hansi Brand, die Frau von Joel Brand, die Idee, Yoel Palgi und Peretz Goldstein könnten sich gegenüber Eichmann als offizielle Gesandte der Jewish Agency ausgeben. Der Historiker Daniel Brand – Sohn von Hansi und Joel – stimmt zu: »Die Idee, den Deutschen die Fallschirmspringer als Vertreter der Jewish Agency vorzustellen, war wahrscheinlich Hansis.«
Der Versuch von Kasztners rechter Hand, Joel Brand, mit jüdischen oder alliierten Führern im Nahen Osten über Eichmanns Vorschlag zu sprechen, bis zu eine Million ungarische Juden auszuliefern, würden die Alliierten im Gegenzug Lkw und andere Güter liefern, war kläglich gescheitert. Am Flughafen Istanbul war nicht einmal ein Vertreter der Jewish Agency erschienen, um ihn abzuholen und ein Visum für ihn ausstellen zu lassen, sodass die Türken ihn mit demselben Flugzeug nach Wien zurückgeschickt hätten, mit dem er gekommen war, hätte nicht der ihm von Eichmann als Aufpasser zur Seite gestellte Bandi Grosz, der nicht vorhatte, nach Ungarn zurückzukehren, die Sache in die Hand genommen und mit einigen Anrufen bei türkischen Geschäftspartnern die Einreise in die Türkei ermöglicht.
In Aleppo wurde Brand von den Briten verhaftet. Er konnte Briefe nach Budapest schicken, in denen er behauptete, die »Verhandlungen« machten »Fortschritte«, doch Eichmanns Geduld ging zu Ende. Falls Eichmann bis dahin an die Macht des »Weltjudentums« geglaubt hatte, ihm die von ihm geforderten Waren zu schicken, würde ihm, kehrte Brand nicht bald zurück, klar werden, dass das nicht der Fall war.
Hansis Plan sah vor, dass Palgi und Goldstein zum lebendigen Beweis würden, dass es die Jewish Agency mit den Verhandlungen ernst meinte. Palgi erinnerte sich lebhaft, wie Kasztner bei einem der Treffen plötzlich den »schockierenden Vorschlag« unterbreitet habe: »Das war Wahnsinn, wenn nicht schlimmer. Vielleicht lag in diesem Wahnsinn eine gewisse Logik, aber zwei Dinge wusste er nicht: dass wir Soldaten waren und dass unser Erscheinen vor Eichmann einem Verrat gleichkam. Außerdem sollte jeden Tag eine weitere Fallschirmspringerin, Chana, in Ungarn eintreffen. Was würde passieren, würden ihre Spuren aufgenommen werden? Wie würde ihre Ankunft mit diesem verrückten Plan harmonieren?«
Sein Gesicht müsse seine »Zweifel und Spekulationen« deutlich zum Ausdruck gebracht haben, so Palgi, denn plötzlich habe Kasztner leise gesagt: »Ich habe sie [die Gestapo; Anm. Mena-Watch] informiert, dass ihr kommt.«
In der Serie »Nur die Sterne waren nah« bisher erschienen:
- Teil 1: Die jüdische Widerstandskämpferin Chana Szénes
- Teil 2: Hinwendung zum Zionismus
- Teil 3: Sehnsucht nach Eretz Israel
- Teil 4: Das Zertifikat
- Teil 5: Ankunft und Eretz Israel
- Teil 6: Bomben auf Haifa und Tel Aviv
- Teil 7: Im Kibbuz Sdot Jam
- Teil 8: Palmach
- Teil 9: Gyuris Flucht
- Teil 10: Union Jack und Menora
- Teil 11: Haganah gegen Hitler
- Teil 12: Abschied von Eretz Israel
- Teil 13: Hitzige Diskussionen in Kairo
- Teil 14: Schwere Stunde
- Teil 15: Die Fallschirmspringerin aus Palästina
- Teil 16: Nach Jugoslawien
- Teil 17: Bei den Partisanen
- Teil 18: Gesegnet sei das Streichholz
- Teil 19: An der Grenze
- Teil 20: Die Katastrophe
- Teil 21: Rudolf Kasztner
