Rund sechzig Lehrende aus deutschen, österreichischen und schweizerischen Universitäten berichten in dem Buch »Ausnahmezustand – Zeugnisse von Betroffenen«, wie sie seit dem 7. Oktober 2023 antisemitische Anfeindungen und Ausgrenzung erleben, sich zunehmend zurückziehen – oder ihre Hochschulen verlassen haben. Nur wenige hoffen noch auf eine Verbesserung.
Die 550 Seiten des Buchs wiegen schwer in der Hand. Fast scheint es, als wollten sie sagen: Das Thema ist ein gewaltiger Brocken und längst keine Fußnote mehr im universitären Alltag. Wer jüdisch ist oder sich für jüdisches Leben und Israel einsetzt, berichtet von gravierenden Erfahrungen an Universitäten im deutschsprachigen Raum. Davon erzählen 61 Lehrende in Essays und Interviews unterschiedlicher Länge.
Das Thema ist durch zahlreiche Vorfälle schon bekannt. Besonders markant war der gewaltsame Angriff auf das Präsidiumsgebäude der Freien Universität Berlin am 17. Oktober 2024. Doch bislang fehlten Einblicke in das, was einzelne Hochschullehrende persönlich erleben, wenn Antisemitismus sich an ihren Universitäten ausbreitet. Diese Lücke will das Buch »Ausnahmezustand – Zeugnisse von Betroffenen. Hochschulen im deutschsprachigen Raum seit dem 7. Oktober« schließen.
Beklemmendes Gefühl
Das beklemmende Gefühl, das bereits nach der Lektüre weniger Zeugnisse entsteht, findet sich auch typographisch auf dem Cover wieder. Die Buchstaben von »Ausnahmezustand« sind teilweise unsichtbar. Der Platz scheint zu eng, einzelne Striche verschwinden. Das so symbolisierte Grundklima der Angst zieht sich dann wie ein roter Faden durch das Buch. Die persönlichen Berichte dokumentieren, warum jüdische Lehrende sich in den vergangenen drei Jahren zum Schweigen gezwungen sahen, sich zurückzogen oder kündigten – und wie Boykotte, Mobbing und Hetze sie unter Druck setzten.
Jedes Zeugnis ist ein Dokument. Und vielleicht wird es eines Tages historischen Wert besitzen, weil es festhält, was heute an Hochschulen geschieht und von den Betroffenen als nicht länger überseh- oder überhörbar beschrieben wird. Das Herausgebertrio Julia Bernstein, Alfred Bodenheimer und Elisabeth Schilling hat die Berichte gesammelt und damit eine Dokumentation geschaffen, deren Lektüre erschreckt.
Wie groß die Angst um den Arbeitsplatz oder vor persönlichen Angriffen ist, zeigt sich nicht nur in den Inhalten der Beiträge, sondern auch in einem kleinen Detail: Hinter den Namen von fünfzehn der Lehrenden steht in der Autorenliste das Wort »Pseudonym«. »Sich schreibend zu offenbaren bedeutet, die Deckung aufzugeben«, erläutern die Herausgeber. Die Angst sei real und betreffe nicht nur befristet Beschäftigte oder Promovierende. Bis in die Ebene der Professorenschaft geschehen Anfeindungen und Ausschluss. Das betreffe nicht nur jüdische Lehrende, sondern auch Menschen, die sich mit ihnen solidarisierten.
Manche der Autoren wählten als Pseudonyme die Namen von Vorfahren, die die Shoah überlebt hatten. Darin liege der Versuch, eine historische Kontinuität des Überlebens als Schutzschild zu nutzen, schreiben die Herausgeber. In zahlreichen Beiträgen tauchen Erinnerungen an die Berichte von Verwandten über die Jahre kurz vor der Schoah auf: »So hat es sich also damals auch angefühlt«, stellen mehrere Beiträge fest. Was nur vom Hörensagen der Vorfahren bekannt war, wird nun als eigene berufliche Realität erfahren.
Die Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit beschreibt besonders eindringlich der Professor für Computational Material Science Marek Sierka in seinem Beitrag »Vom ›judenfreien‹ Polen zur Angst vor einer ›judenfreien‹ deutschen Wissenschaft«. „Bis zum 7. Oktober 2023 waren ihm seine jüdischen, polnischen Wurzeln »bemerkenswert gleichgültig«. Erst danach sei ihm die »jüdische Verwundbarkeit« bewusst geworden. Heute frage er sich, ob Deutschland eines Tages wieder so »judenfrei« werden könnte, wie Polen nach 1968 weitgehend geworden sei. Deswegen gehe er heute mit einer israelischen Fahne auf Demonstrationen und bange um die Zukunft jüdischen Lebens an deutschen Hochschulen.
Unter der Überschrift »Antisemitismus ist wie Rost am Auto« beschreibt der Paläontologe Ilja Kogan seine Wahrnehmung des Judenhasses: Er komme immer wieder, egal, wie man ihn bekämpfe. Gegen ihn vorzugehen, sei eine lästige Notwendigkeit. Man solle ihn nur rechtzeitig zurückdrängen und nicht zulassen, dass er das Auto unbrauchbar macht. Israel vergleicht Kogan mit einer Lebensversicherung: einem sicheren Hafen, den man immer ansteuern könne, wenn es da, wo man lebt, unerträglich werde.
Warnruf und Hilfeschrei
Das Buch verharrt jedoch keineswegs in einer Opferperspektive. Der Geschichtsdidaktiker Luigi de Ambrosia nennt Maßnahmen, die er an Hochschulen für organisatorisch realisierbar und zugleich symbolisch notwendig hält. Dazu gehören institutionell getragene Gedenkformate am 27. Januar und 9. November, Begegnungsräume für jüdische Studierende, koschere Ernährung in der Mensa sowie eine langfristige Verankerung jüdischer Studien, der Antisemitismusforschung und der Israel-Studien.
Die Judaistin Bat Hiob beschreibt unter ihrem Pseudonym, wie sie seit dem 7. Oktober 2023 nur noch Angst und Scham kenne, sich klein mache, kaum noch den Kopf hebe und möglichst niemandem begegne. Von ihr werde erwartet, dass sie mitmacht: »Beschimpfe Israel, und du darfst dazugehören, du darfst weiterleben in dieser Gemeinschaft.« Eine Stimme in ihr flüstere ihr zu: »Verfluche Israel und lebe.« Doch das werde sie nie tun. Sie beendet ihren Beitrag mit einem zweifachen »Schma Israel«.
Wie ein Echo erinnert der Professor für Zeitgeschichte Frank A. Stern daran, dass »Katzbuckeln, Leisetreten, den Zeitgeist umschmusen« nie eine Lösung war, um die jeweils modernisierten Varianten der Judenhatz zurückzudrängen. Das Zeitalter der Hofjuden sei eigentlich schon lange vorbei.
Der Reichtum des Buches liegt auch in der Vielfalt seiner Stimmen und Stile. Ein Beitrag klingt wie ein Psalmgebet, ein anderer sachlich-wissenschaftlich, ein weiterer emotional und politisch. Brillante Schreiberinnen und Schreiber haben zum Stift gegriffen und zeugen davon, was Deutschland wieder verlieren würde, wenn sie das Land verlassen. Einige von ihnen berichten, dass sie diesen Schritt bereits getan haben, andere, dass sie gerade dabei sind, und wieder andere denken konkret darüber nach.
Das Buch ist mehr als ein Warnruf, es ist ein Hilfeschrei – ein Hilfeschrei, der teilweise bereits verstummt ist und dessen Urheber sich hinter Pseudonymen verstecken müssen. Zwischen den Zeilen ist ein Zittern zu spüren: die begründete Sorge derjenigen, die trotz allem den Mut aufbringen, über ihre Erfahrungen zu schreiben, und die zugleich die möglichen Folgen für ihre berufliche Biografie nicht ermessen können.
Das Lesen hinterlässt ein Gefühl der Unfassbarkeit. Denn das, was sich an Hochschulen abspielt, ist nur ein Vorzeichen von dem, was die nächste Generation der berufstätigen Akademikerinnen noch breiter in die Gesellschaft ausstrahlen wird. Es bleibt zu hoffen, dass dieses eindrucksvolle Buch dazu beiträgt, dass sich etwas verändert – und jüdische Lehrende an Universitäten im deutschsprachigen Raum wieder selbstverständlich und ohne Angst lehren und forschen können.

