Im Gespräch mit Jasmin Arémi berichten die Journalistin und Autorin Sarah Cohen-Fantl und die Autorin und Bloggerin Jenny Havemann wie sich ihr Podcast »Moin & Shalom« seit dem 7. Oktober und den Angriffen des iranischen Regimes verändert hat, wie sich der Alltag unter Raketenalarm anfühlt und warum sie den Eindruck haben, dass in Deutschland oft über Israel gesprochen wird, aber zu selten mit Menschen, die tatsächlich dort leben.
Die Idee zu Moin&Shalom entsteht aus einer Begegnung in Tel Aviv. Jenny Havemann organisiert damals mit dem Café Hamburg eine Veranstaltungsreihe für deutschsprachige Menschen in der Stadt. Über gemeinsame Kontakte lernt sie Sarah Cohen-Fantl kurz nach deren Alija kennen. Während der Corona-Zeit intensiviert sich der Austausch, aus gemeinsamen Live-Gesprächen wird schließlich ein regelmäßiges Format.
Cohen-Fantl, die bereits als Korrespondentin arbeitet, erinnert sich daran, dass es damals kaum deutschsprachige Nachrichten-Podcasts aus Israel gab. Gleichzeitig fällt den beiden auf, dass hier nicht nur eine journalistische Lücke besteht, sondern auch die Chance, eine andere Perspektive auf Israel zu zeigen – eine Sichtweise jenseits der ständigen Krisenrhetorik, ohne Antisemitismus als Raster, aber auch ohne politische Konflikte auszublenden.
Der Podcast soll erklären, vermitteln und nahbar sein. Schon früh verbindet er politische Einordnung mit Alltagsbeobachtungen. Im Mittelpunkt stehen Geschichten aus Tel Aviv und Jerusalem, historische Hintergründe, Empfehlungen für Besucher, aber auch Debatten über Antisemitismus, israelbezogenen Hass und mediale Verzerrung.
Seitdem 7. Oktober: Weniger Feelgood
Durch den 7. Oktober ist der Podcast ernster geworden, unmittelbarer, existenzieller. Die Leichtigkeit früherer Folgen weicht einer Form von dokumentarischer Dringlichkeit.
Sarah Cohen-Fantl: »Feelgood-Content haben wir, glaube ich, seitdem wenig gemacht.«
Statt Reisetipps und Stadteindrücken geht es nun um Überlebensgeschichten, um Kinder im Krieg, um Raketenalarm, um psychische Erschöpfung. Gerade darin sehen die beiden Podcast-Macherinnen auch die Stärke ihres Formats. Sie berichten nicht aus der Distanz, sondern aus einem Alltag heraus, in dem Schule, das Leben im Schutzraum, gemeinsames Familienleben und politische Analyse gleichzeitig stattfinden. Dabei ist es den beiden wichtig, das mitzubringen, was normaler Journalismus nicht immer leisten kann. Trotz der Schwere, sagen beide, versuchen sie, im Podcast nicht nur Verzweiflung weiterzugeben. Resilienz ist Bestandteil der israelischen Realität und auch Teil ihres eigenen Sprechens. Gerade deshalb bekommt das Format so viel Resonanz.
Auf ihre Folgen erhalten Cohen-Fantl und Havemann viel positiven Zuspruch. Viele Hörerinnen und Hörer sind dankbar für Informationen, die sie in deutschen Medien so nicht finden, insbesondere wenn es um die konkreten Erfahrungen israelischer Zivilistinnen und Zivilisten geht. Havemann berichtet von Rückmeldungen auf Posts über Raketenangriffe auf Nordisrael. Während in deutschen Nachrichten vor allem über israelische Militärschläge berichtet wird, fehlt ihrer Wahrnehmung nach häufig der Kontext dessen, was Israelis gleichzeitig aushalten müssen. Gleichzeitig erleben beide auch massive Anfeindungen in sozialen Netzwerken.
Alltag im Ausnahmezustand
Der Krieg ist in Israel längst kein Ausnahmezustand mehr, der sich klar vom Alltag trennen lässt. Für die Podcast-Macherinnen ist er in Routinen eingesickert. Schulen und Kindergärten bleiben teils geschlossen, Eltern müssen dennoch arbeiten. Wer kleine Kinder hat, jongliert zwischen Betreuung, Erwerbsarbeit und ständiger Alarmbereitschaft. Wer keinen Schutzraum im Haus hat, muss bei Vorwarnungen sofort loslaufen. Dazu kommt die Müdigkeit, die sich mit jeder weiteren Woche tiefer in den Körper schreibt.
Cohen-Fantl beschreibt einen auch Kinder betreffenden Zustand permanenter Wachsamkeit, in dem selbst Windgeräusche wie zuschlagende Türen oder das Knattern von Motorrädern sofort Alarmassoziationen auslösen. Gleichzeitig erzählt sie von einer israelischen Gesellschaft, die gerade in solchen Zeiten enger zusammenrückt.
Die Angriffe aus dem Iran empfinden beide als Bedrohung eigener Qualität. Ballistische Raketen, direkte Einschläge und die Dimension der Angriffe unterscheiden sich für sie deutlich von früheren Konflikten mit der Hamas oder der Hisbollah. Auch wenn die Luftabwehr verbessert worden ist, bleibt das Gefühl, dass sich die Fragilität des eigenen Lebens jederzeit schlagartig zeigen kann.
Viel Israel, wenig israelische Stimmen
Cohen-Fantls und Havemanns Eindruck von der deutschen Medienlandschaft ist klar: Es wird viel über Israel gesprochen, aber zu oft mit Schlagseite und zu selten mit Menschen, die dort verwurzelt sind. Statt israelische Stimmen einzuladen, bekommen häufig Personen Raum, die Desinformation reproduzieren oder offen antiisraelische Narrative bedienen. Havemann kritisiert vor allem, dass in Talkshows und Debattenformaten viel zu selten Menschen zu Wort kommen, die in Israel leben und die politische wie gesellschaftliche Realität aus eigener Erfahrung beschreiben können. Das Problem ist nicht mangelnde Aufmerksamkeit für Israel, sondern eine Berichterstattung, die immer öfter eine klare Agenda erkennen lässt.
Jenny Havemann: »Wie kann das eigentlich sein, dass in deutschen Medien Menschen eingeladen werden, in Sendungen, in Talkshows als sogenannte Experten, die wirklich Terror-Propaganda betreiben?«
Beide Podcast-Macherinnen sprechen von einer medialen Praxis, in der journalistische Standards aus ihrer Sicht nicht mehr konsequent eingehalten werden. Besonders frustrierend ist für sie, als »kontrovers« markiert zu werden, obwohl sie sich selbst ausdrücklich in der politischen Mitte verorten. In Deutschland seien sie kontrovers, weil sie nicht antisemitisch sind, meint Cohen-Fantl.
Der Podcast als politischer Raum
Für beide ist Moin&Shalom inzwischen mehr als ein Podcast. Er ist Ventil, Denkraum, Dokumentation, politische Intervention, aber auch ein Ort persönlicher Nähe. Weil sich die beiden Autorinnen im Alltag trotz geografischer Nähe selten sehen, ist schon das Gespräch vor der Aufnahme ein wichtiges Ritual. Im Podcast selbst können sie Dinge aussprechen, die im klassischen journalistischen Format so keinen Platz hätten. Zugleich verstehen beide ihr Projekt als Gegenöffentlichkeit. Sie machen den Podcast ohne Werbung, aus eigener Motivation. Nicht zuletzt, weil sie den Eindruck haben, dass Desinformation über Israel zu oft unwidersprochen bleibt.
Am Ende des Gesprächs wird deutlich, dass Cohen-Fantl und Havemann ihren Podcast auch als Archiv dieser Zeit begreifen. Als Ort, an dem festgehalten wird, was geschieht. Militärisch, politisch, gesellschaftlich sowie emotional. Dass dabei auch Hoffnung mitschwingt, ist kein Widerspruch, sondern Teil ihres Blicks auf Israel. Trotz Krieg, Erschöpfung und internationaler Fehldeutungen halten beide an der Vorstellung fest, dass ein anderes Leben möglich sein muss, eines, in dem das Terrorregime im Iran nicht länger geschützt und seine Opfer nicht länger überhört werden.
