»Ich zeige die Vielfalt jüdischer Identität und möchte Neugierde wecken«

Lorie Quint: »Vielfalt jüdischer Identität zeigen und Neugierde wecken«

Im Interview mit Elisa Mercier spricht Lorie Quint, pädagogische Leiterin des Projekts Shalom Rollberg in Berlin-Neukölln, über Begegnungen zwischen vorwiegend muslimischen Kindern und jüdischen sowie israelischen Betreuern.

Elisa Mercier (EM): Der Rollbergkiez in Berlin-Neukölln ist ein sozial benachteiligter Stadtteil mit großem muslimischen Bevölkerungsanteil. Welche Rolle spielt Shalom Rollberg im Kiez?

Lorie Quint (LQ): Die Grundidee des Projekts ist simpel: Wir wollen mit Shalom Rollberg Begegnungen der im Kiez lebenden überwiegend muslimischen Kinder und Jugendlichen sowie Israelis, Jüdinnen und Juden schaffen. Bei Shalom Rollberg kann man leicht in Beziehung zueinander treten. Das geschieht durch verschiedene Angebote, die von israelischen sowie jüdischen Betreuern teils ehrenamtlich umgesetzt werden.

Manche aus unserem Team haben regelmäßig Basketball mit den Kindern aus dem Kiez gespielt. Wir bieten das Projekt »Kunstraum« an, bei dem eine Künstlerin jeden Montagnachmittag ihr Atelier für die Kinder öffnet. Daneben haben wir ein Mentoring, zu dem neben schulischen Themen auch Zuhören und Unterstützen bei familiären oder emotionalen Problemen gehört. Die Hilfe ist individuell: Manchmal geht es um Hilfe beim Lernen oder den Hausaufgaben, manchmal spielt man gemeinsam oder trinkt einfach zusammen eine Tasse Schokolade. Jede Mentorin, jeder Mentor schaut, was ein Kind braucht. Die Beziehungsarbeit ist zentral.

Daneben arbeite ich als Lehrerin für Judentum an der Regenbogenschule im Rollbergkiez. Dort gibt es das obligatorische Programm PRiiL – Projekt der Regenbogenschule zum interreligiösen- und interkulturellen Lernen, das vierteljährlich verschiedene Religionen behandelt. Seit dem 7. Oktober 2023 musste das Lehrpersonal verstärkt jüdische Religion thematisieren. Meinen Unterricht lege ich universeller an und setze den Schwerpunkt stärker auf jüdische Kultur, weil es viele Jüdinnen und Juden gibt, die nicht religiös sind. Ich zeige die Vielfalt jüdischer Identität und möchte Neugierde wecken, nicht Abgrenzung.

EM: Wie unterscheidet sich Shalom Rollberg von klassischen Integrations- oder Bildungsprojekten?

LQ: Shalom Rollberg ist kein Integrationsprojekt, zumindest nicht im klassischen deutschen Sinn. Integration wird in Deutschland oft so verstanden, dass man sich möglichst schnell anpasst und keine Mehrfachzugehörigkeiten zeigt. In Kanada, wo ich teils aufgewachsen bin, ist das anders: Man kann gleichzeitig Kanadierin sein und dennoch andere kulturelle Wurzeln behalten. Die jüdische Geschichte zeigt, dass vollständige Integration nicht immer Realität war und nicht immer nötig ist, um Teil einer Gesellschaft zu sein. Identitäten dürfen nebeneinander existieren. Wir arbeiten aus dieser Perspektive: nicht assimilierend, sondern begegnungs- und beziehungsorientiert.

Dialog will gelernt sein

EM: Durch das Projekt »Briefwechsel – von Kiez zu Kiez« von Shalom Rollberg knüpfen Kinder aus dem Rollbergkiez Kontakte zu Gleichaltrigen in anderen Berliner Bezirken. Warum ist es wichtig?

LQ: Das Projekt »Briefwechsel – von Kiez zu Kiez« läuft seit dem Frühjahr 2025. Dabei schreiben Kinder aus den vierten und fünften Klassen der Regenbogenschule Briefe an jüdische Kinder in anderen Berliner Bezirken, zum Beispiel Charlottenburg. Wir überbringen die Briefe dann. Viele jüdische Familien hatten vor Beginn des Projekts Angst vor Kontakten nach Neukölln, vor allem nach dem 7. Oktober 2023. Deshalb war es besonders wichtig, dass die Briefe der Kinder keine Aufschlüsse über den Nachnamen oder die Wohnadressen der jüdischen Kinder geben. Es werden nur die Vornamen ausgetauscht.

Anfangs fiel es vielen Kindern aus der Regenbogenschule schwer, über sich zu erzählen oder Fragen an ihre Briefpartner zu stellen. Manche schrieben oft nur »Hi« in ihre Briefe. Dialog will gelernt sein und er braucht Geduld. Manche Briefpaare entwickelten sofort einen intensiven Austausch, andere langsamer. Manche Kinder werden von ihren Eltern beim Schreiben der Briefe unterstützt, andere weniger. Die meisten Kinder zeigen Interesse aneinander und reagieren liebevoll. Wenn sich später Briefpartner persönlich treffen wollen, wäre das prima. Doch die Finanzierung des Projekts läuft aus und das macht mir Sorgen, denn wir sollten alle Chancen nutzen, um Begegnungen zwischen Kindern unterschiedlicher Religionen und Kulturen zu ermöglichen, um Vorurteile abzubauen. Diese Arbeit sollte finanziell gesichert sein.

In unseren Projekten vermitteln wir auch soziale Kompetenzen, die eigentlich Teil des Schulunterrichts sein müssten: Höflichkeit, Konfliktfähigkeit, Respekt gegenüber anderen Meinungen. Viele Kinder – und auch Erwachsene – brauchen dafür Übung.

EM: Wie reagieren Kinder und Eltern im Rollbergkiez auf Sie als Israelin oder auf jüdische Betreuer?

LQ: Ich kann nur für mich selbst sprechen. Die meisten Kinder reagieren mir gegenüber offen und herzlich. Besonders manche Schülerinnen aus der Regenbogenschule umarmen mich, sie vertrauen mir. Andere interessieren sich für Details wie meine Haare oder meinen Schmuck und nicht, welcher Herkunft ich bin. Der Kontakt zu ihren Eltern ist, auch aus Datenschutzgründen, begrenzt, daher kann ich wenig über ihre Perspektiven sagen.

Sehr schwierig war mein erster Arbeitstag in der Rollbergschule am 7. Oktober 2024, genau ein Jahr nach dem Überfall der Hamas auf Israel. Niemand fragte mich, wie es mir ging, es gab keine Worte der Anteilnahme oder des Schutzes. Es war keine Absicht, aber es fühlte sich seltsam und kalt an. Im Schulalltag habe ich antisemitische Kommentare erfahren. Dabei zeigte sich, dass die Strukturen in der Schule für den Umgang mit solchen Situationen noch weiterentwickelt werden müssten.

EM: Was tun Sie bei offenem Antisemitismus oder Vorbehalten?
LQ: Antisemitismus wird wohl nie ganz verschwinden. Er ist wie eine Krankheit, mit der man lernen muss, umzugehen. Antisemitismus kann man nicht wegreden. Man kann niemanden überzeugen, der nicht zuhören will. Wichtig ist die Arbeit mit Multiplikatoren und Bildung in Schulen, diese müsste aber ihre inhaltliche Ausrichtung ändern.

Man müsste stärker jüdisches Leben jenseits der Shoah sichtbar machen. Wer waren Jüdinnen und Juden, bevor sie massakriert wurden? Was haben sie der deutschen Gesellschaft gegeben? Die Shoah-Bildung ist wichtig, ganz klar. Aber es ist auch wichtig, jüdische Kultur, Wissenschaft, Musik und Alltagsleben zu zeigen. Ich nenne es Verantwortung. Ich bin immer wieder überrascht, wie wenige Nichtjuden wissen, dass wir kein Weihnachten feiern oder einen anderen Kalender haben. Nichtjuden sollten sich stärker über jüdisches Leben informieren und sich mit ihrem eigenen Unbehagen auseinandersetzen.

Wer Interesse hat, mehr über das Projekt Shalom Rollberg zu erfahren, mitarbeiten möchte oder Fragen zu Kooperationen hat, kann Lorie Quint unter lorie.quint@morus14.de kontaktieren.

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