»›Nie wieder‹ ist zu einer hohlen Phrase verkommen«

Sarah Cohen-Fantl im Interview: »›Nie wieder‹ ist zu einer hohlen Phrase verkommen« (© Tal Brushel)

Im Gespräch mit Elisa Mercier spricht die Autorin Sarah Cohen-Fantl über ihr Buch Wie alles begann und sich jetzt wiederholt und darüber, wie der 7. Oktober das Leben für Israelis und Juden für immer verändert hat.

Elisa Mercier (EM): Ihre Familiengeschichte ist stark mit der Shoah und dem Antisemitismus in Europa verbunden. Der Kern Ihres aktuellen Buchs Wie alles begann und sich jetzt wiederholt ist der Fund eines Koffers Ihrer Urgroßmutter in Auschwitz. Was hat der Fund bei Ihnen ausgelöst?

Sarah Cohen-Fantl (SC): Durch diesen Koffer sind die Erzählungen und Erinnerungen meiner Familie plötzlich sehr real geworden, ich habe noch mehr Fragen gestellt und hinterfragt, und der Fund war der Beginn meines Buchs. Und er war der Startpunkt meiner eigenen lebensverändernden Reise zu mir selbst und dem Leben, das ich heute lebe.

EM: Ihr Buch erzählt die Geschichte Ihrer Familie aus drei Perspektiven. Können Sie uns sagen, welche das sind und warum Sie sich für diesen Ansatz entschieden haben?

SC: Es geht um meine Urgroßmutter Zdenka, meinen Großvater Tomaś und meine Großtante Helga, die von den Nazis aus Prag deportiert wurden und als einzige die Shoah überlebt haben. Es geht um ihr Leben vor, während und nach der Shoah und auch darum, wie mein Vater und ich in der zweiten und dritten Generation aufgewachsen sind und wie uns unsere Umwelt begegnet ist bis hin zur jüdischen Realität nach dem 7. Oktober 2023 in und außerhalb Israels. Ich glaube, dass jüdisches Leben über Generationen hinweg miteinander verbunden ist und mehrere Perspektiven diese Diversität und Komplexität deutlich machen.

EM: Sie schreiben, dass Ihr Buch auch eine Auseinandersetzung mit Trauma und Resilienz ist. Wie spiegelt sich das in Ihrem eigenen Leben wider?

SC: Das Trauma meiner Familie prägt mich seit meiner Kindheit, es hat mich immer selbstbewusst gegen Judenhass aufstehen lassen, aber mich auch gelehrt, wachsam zu sein, die Stimmung in der Gesellschaft zu spüren und zu wissen, dass man sich nicht blind darauf verlassen kann, dass jemand an unserer Seite steht. Jetzt finde ich mich selbst in dieser Rolle wieder: Das Trauma des 7. Oktobers und der daraus explodierende Judenhass hat mich für immer verändert, und auch die Angst, wie ich meine Kinder davor schützen soll, begleitet mich täglich. Teile dieser Ängste, aber auch der Standhaftigkeit meiner Urgroßmutter, verweben sich jetzt mit meinem heutigen Leben.

EM: In Ihrem Buch beschreiben Sie die Kontinuitäten von Antisemitismus, damals wie heute. Könnte man diese Kontinuitäten als eine Art Scheitern von Erinnerungskultur beschreiben?

SC: Das ist eine sehr gute Frage. Ein komplettes Scheitern wäre es wohl, würde wirklich die Mehrheit der Deutschen jetzt auf der Straße stehen und »Yalla Intifada« schreien und »Juden verboten«-Schilder in den Läden hängen. Aber die Erinnerungskultur hat nicht das geschafft, was sie wollte, denn »Nie wieder« ist leider zu einer hohlen Phrase verkommen, und das jährliche Putzen von Gedenksteinen schützt heutige Juden und Jüdinnen nicht vor dem Hass auf deutschen Straßen.

Für immer verändert

EM: Sie sind in Hamburg aufgewachsen und leben heute mit Ihrer Familie in der Nähe von Tel Aviv. Wie erleben Sie das jüdische Leben dort, besonders seit dem 7. Oktober 2023 und nun seit der Freilassung der lebenden Geiseln? Einige der ermordeten Geiseln hält die Hamas noch gefangen.

SC: Ich bin jeden Tag dankbar für unser wundervolles Land und Leben in Israel. Ich liebe es, dass meine Kinder ganz selbstverständlich und selbstbewusst jüdisch aufwachsen, frei sind, laut Hebräisch sprechen und singen können, wir unsere Feiertage feiern. Es ist mir unbegreiflich und auch unverzeihlich, dass sich in Deutschland, wo jeder frei leben, glauben, lieben kann, Juden sich immer mehr verstecken müssen.

Dass unsere lebenden Geiseln wieder zu Hause sind, tut unglaublich gut nach diesen schmerzhaften zwei Jahren, wir haben das wirklich zelebriert. Nichtsdestotrotz hat sich unser Leben in Israel auch für immer verändert und ich hoffe sehr, dass wir den 7. Oktober niemals vergessen werden – denn dann könnte er sich wiederholen.

EM: Sie wurden für Ihr Interview mit dem Überlebenden des 7. Oktober 2023, Alon Gat, ausgezeichnet. Was hat Sie an dieser Begegnung am meisten berührt oder verändert?

SC: Wie stark Alon war, wie gefasst, aber auch klar in seiner Haltung. Ich musste während des Interviews mit den Tränen kämpfen: Er hat seine Mutter und Schwester verloren, war selbst entführt worden, hat seine kleine Tochter gerettet und zwei Monate lang um seine Frau gebangt und dennoch hat er die Kraft gehabt, für die Geiseln einzustehen, seine Geschichte zu erzählen und Deutschland vor der Hamas zu warnen. Ich hoffe sehr, dass ihm viele Gehör schenken.

EM: Die Empathie mit Israel nach dem 7. Oktober 2023 währte teils nur kurz. Bei einigen Linken setzte schnell eine in ihrer Breite und Intensität nie dagewesene Dämonisierung Israels ein. Global ist der Antisemitismus enorm gestiegen. Wie erleben Sie das in Israel und in Deutschland?

SC: Ich bin fassungslos über den offenen Judenhass der Linken. Ich frage mich ehrlich, ob es in Deutschland nicht auch andere Themen gibt, um die man sich kümmern könnte, aber es ist natürlich leichter, sich performativ auf Themen weit weg zu konzentrieren, als die eigenen Probleme anzugehen. In Israel bekommen die Menschen natürlich den Hass in Europa mit, manche wurden angegriffen, viele wissen nicht mehr, wo oder ob sie Urlaub in Europa machen können.

EM: Viele sagen, Deutschland sei sich seiner historischen Verantwortung bewusst, zugleich erleben Jüdinnen und Juden hier wieder offene Feindseligkeit. Was wünschen Sie sich vom Bildungswesen, den Medien, der Politik, der Zivilgesellschaft im Kampf gegen Antisemitismus?

SC: Da ich seit zwanzig Jahren als Journalistin arbeite, kann ich sagen, dass die Medien eine große Verantwortung tragen und sie in den vergangenen zwei Jahren nicht nur gescheitert sind, sondern sogar den Hass auf Juden und die Falschinformationen über diesen Krieg mit zu verantworten haben. Das wirkt sich dann auf die Gesellschaft und Politik aus. In der Bildung würde ich mir wünschen, dass wir mehr Begegnungen mit Juden und Israelis schaffen, Austauschreisen organisieren. Ich würde mir wünschen, dass man mein Buch in Schulen liest.

Die Politik und das Rechtssystem müssen wieder rote Linien herstellen und da konsequent vorgehen. Am allerwichtigsten ist aber, dass sich die Zivilgesellschaft endlich aus ihrer Komfortzone herausbewegt und ein Zeichen gegen Judenhass und für das Existenzrecht Israels setzt. Denn es fängt immer mit uns an, am Ende betrifft es aber andere Minderheiten genauso wie uns.

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