Israel und Somaliland: Die neue Allianz am Roten Meer

Israels Außenminister Gideon Saar zu Besuch bei Präsident Abdirahman Mohamed Abdullahi in Somaliland

Die Anerkennung Somalilands durch Israel markiert einen geopolitischen Wendepunkt am Horn von Afrika. Zwischen der Bedrohung durch die Huthi, globalen Handelsrouten und dem Kampf um internationale Anerkennung entsteht eine Partnerschaft mit strategischer Bedeutung weit über die Region hinaus.

Tal Leder

Seit mehr als 3.000 Jahren passieren Handelsschiffe die Meerenge Bab al-Mandab. Schon die Pharaonen, Römer und Osmanen wussten: Wer diesen 27 Kilometer schmalen Zugang (arabisch: »Tor der Tränen«) zwischen dem Roten Meer und dem Indischen Ozean kontrolliert, beeinflusst den Welthandel. Heute sind es keine Gewürze mehr, sondern Container, Öl und Drohnen. Und genau deshalb richtet Israel seinen Blick auf einen Staat, den die meisten Weltkarten bis heute nicht kennen: Somaliland.

Die seit 1991 als unabhängig auftretende Nation mit der Hauptstadt Hargeysa am Horn von Afrika existierte bereits als unabhängiger Staat, bevor die Republik Somalia überhaupt entstand. Fünf Tage lang, Ende Juni 1960, war das ehemalige britische Protektorat international anerkannt – auch von Israel. Danach verschwand es freiwillig in einer Union mit Somalia.

Mehr als sechs Jahrzehnte später könnte dieses fast vergessene Kapitel der Geschichte wieder geopolitische Bedeutung gewinnen. Obwohl Somaliland seit mehr als drei Jahrzehnten über eine eigene Regierung, Währung und Sicherheitskräfte verfügt, blieb es international weitgehend unbeachtet. Dies änderte sich am 26. Dezember 2025, als der jüdische Staat als erstes und bislang einziges Mitglied der Vereinten Nationen offiziell diplomatische Beziehungen zu Somaliland aufnahm.

Sicherheitspolitische Überlegungen

Die gegenseitige Anerkennung erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Machtverhältnisse am Horn von Afrika und im Nahen Osten neu ordnen. Obwohl Jerusalem und Hargeysa unterschiedliche Rahmenbedingungen aufweisen, überschneiden sich ihre strategischen Ziele. Israel sucht nach neuen Möglichkeiten, seine Position am Roten Meer zu stärken und seine sicherheitspolitischen Interessen in einer zunehmend instabilen Region zu wahren. Somaliland wiederum verbindet mit der Partnerschaft die Hoffnung auf wirtschaftliche Entwicklung, technologische Zusammenarbeit und einen entscheidenden Schritt hin zu internationaler Anerkennung.

Gleichzeitig blickt Hargeysa mit Sorge auf die im Jemen beheimateten, proiranischen Huthi, deren Angriffe seit 2023 die Sicherheitslage im Roten Meer verschärft haben. Dies könnte Somaliland zugleich als potenziellen Partner bei den Bemühungen um mehr regionale Sicherheit stärker in den Mittelpunkt rücken.

Teherans jemenitischer Proxy stellt eine vielschichtige Herausforderung dar, die militärische, wirtschaftliche und geopolitische Aspekte umfasst. Für Jerusalem liegt die Bedeutung der Huthi in deren Fähigkeit, den geografischen Fokus der Konfrontation auszuweiten, den Seehandel zu stören und als Schlüsselfaktor der Regionalstrategie des Mullah-Regimes zu dienen. Gleichzeitig deuten die regionalen Entwicklungen darauf hin, dass Irans Präsenz in Stellvertreterkriegen zunehmend unter Druck gerät. Dadurch könnten Akteure wie die Huthi zwar an Bedeutung gewinnen, zugleich aber unberechenbarer werden. Für Somaliland stellen sie ein komplexes Risiko dar, das mögliche Angriffe, Störungen des Schiffsverkehrs, steigende Lebenshaltungskosten sowie strategische Verstrickungen in regionale Konflikte umfasst.

»Somaliland sei einer der wenigen stabilen und prowestlichen Akteure in einer strategisch entscheidenden Region«, erklärt Asher Lubotzky vom Israel-Afrika-Institut in Herzlia. »Jerusalem könnte seine Beziehungen zu Hargeysa deutlich ausbauen. Und sollte es dort künftig enger kooperieren, würde dies auch seine Möglichkeiten im Roten Meer erheblich verbessern. Allerdings könnte diese Annäherung zu weiteren erheblichen Risiken für das kleine afrikanische Land führen. Denn dadurch könnten sie stärker ins Visier der Huthi oder anderer islamistischer Gruppen geraten.«

Lubotzky, der auch als Assistenzprofessor an der University of Houston über Afrika forscht, erklärt, dass Somaliland – anders als weite Teile des Horns von Afrika – innere Stabilität, regelmäßige demokratische Wahlen, friedliche Machtübergänge und eine politische Kultur bewahrt habe, die im Allgemeinen prowestlich geprägt sei und islamistischen Bewegungen sowie chinesischem und russischem Einfluss misstraue. Dies gelang ohne umfangreiche Hilfszahlungen, UN-Treuhandschaften oder internationale Anerkennung, die solche Staatsbildungsprozesse üblicherweise begleiten.

Der Afrikaexperte ist überzeugt, dass die gegenseitige Anerkennung zwischen Jerusalem und Hargeysa vor allem mit der Feindschaft zwischen Israel und dem Iran zusammenhängt – genauer gesagt mit Teherans Stellvertretern im Jemen. In den vergangenen zwei Jahren griffen die Huthi Handelsschiffe an und feuerten Raketen und Drohnen auf den jüdischen Staat ab, um die palästinensische Terrororganisation Hamas im Gazakrieg zu unterstützen. Als Reaktion bombardierten die USA und Israel ihre Stellungen.

»Aus israelischer Sicht ist die Region des Roten Meeres für seine nationale Sicherheit sehr wichtig geworden«, betont Lubotzky. »Früher hat man das Gebiet vernachlässigt oder übersehen, weil es relativ friedlich war. Doch jetzt, da die Huthi den jüdischen Staat mit relativer Leichtigkeit angreifen und den Golf von Eilat und den Suezkanal praktisch blockieren könnten, ist es zu einem globalen Problem geworden. Israel versteht, dass es sich um eine seiner größten Bedrohungen handelt und nicht nur um ein Ärgernis.«

Die Lage Somalilands ist für Israel – insbesondere im Hinblick auf die Informationsbeschaffung – von großem Interesse. Anders als im Iran, wo Jerusalem auf die Unterstützung kurdischer Verbündeter und des Nachbarlands Aserbaidschan zurückgreifen konnte, fehlten diese Möglichkeiten in Bezug auf den Jemen bislang. Zudem müssen israelische Kampfflugzeuge für Angriffe dort lange Flugstrecken zurücklegen. Eine militärische Präsenz in Somaliland könnte den Einsatz von Abwehrsystemen für Drohnen erleichtern, mit denen die Huthi Israels Verteidigung bislang am wirksamsten herausforderten.

Strategischer Gewinn

Doch sicherheitspolitische Überlegungen erklären die Annäherung zwischen Jerusalem und Hargeysa nur zum Teil. Mindestens ebenso bedeutsam ist ihre politische und diplomatische Dimension. Während Israel seine strategische Position am Roten Meer stärken könnte, verbindet Somaliland mit dem Schritt vor allem die Hoffnung auf internationale Anerkennung. Erstmals hat ein Mitglied der Vereinten Nationen den De-facto-Staat offiziell anerkannt – ein Schritt, der weit über die bilateralen Beziehungen hinausreichen und auch für andere Staaten Signalwirkung entfalten könnte. Für Somaliland geht es damit nicht nur um Sicherheit oder wirtschaftliche Zusammenarbeit, sondern vor allem um internationale Legitimität.

»Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet ein muslimisch geprägtes Land den Weg einer offenen Partnerschaft mit dem jüdischen Staat gewählt hat«, sagt Michael Freund von Shavei Israel, einer in Jerusalem ansässigen Nichtregierungsorganisation. »Mit der Anerkennung Somalilands hat Israel nicht nur eine strategisch wichtige Entscheidung getroffen, sondern auch ein Signal gesetzt, Beziehungen zu einem politisch westlich orientierten Land aufzunehmen. Doch das allein wird nicht ausreichen«, warnt Freund. »Wenn Jerusalem davon überzeugt ist, dass Hargeysa seinen Platz in der Staatengemeinschaft verdient, muss es diesem Schritt nun auch diplomatische Substanz verleihen und weitere Staaten dafür gewinnen.«

Die Öffnung Somalilands für Handel und Militärstützpunkte bedroht vor allem die Position seines Nachbarlandes Dschibuti als bisher wichtigsten Zugangshafen zum Horn von Afrika und birgt das Risiko, dessen Widerstand zu provozieren. Andere Staaten, allen voran China, profitieren von der Armut des kleinen ostafrikanischen Landes und nutzen sie auf vielfältige Weise aus – unter anderem durch illegale Fischerei in seinen Gewässern. Peking ist zudem ein bedeutender Investor in Dschibuti. Darüber hinaus haben zahlreiche Länder massiv in den Wiederaufbau Somalias und seiner Regierung investiert, die sich weiterhin entschieden gegen ein unabhängiges Somaliland ausspricht.

Dazu gehört auch die Türkei, die sich zu einem maßgeblichen Unterstützer der Regierung in Mogadischu entwickelt hat und ihren Einfluss am Horn von Afrika kontinuierlich ausbaut. Ein weiterer Grund für Ankaras Ablehnung der Regierung in Hargeysa ist die Öffnung Somalilands für andere Akteure, die die regionalen Ambitionen von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gefährden könnten. Dazu zählt auch der Zugang zu einem potenziell lukrativen Offshore-Kohlenwasserstoffabkommen, das die Türkei kürzlich mit Somalia geschlossen hat. Zudem unterhält Ankara dort seinen größten ausländischen Militärstützpunkt: Das Verhältnis zur Regierung in Mogadischu kommt einer Patronage gleich. Seit 2017 wurden dort bis zu 15.000 somalische Soldaten ausgebildet.

In israelischen Sicherheitskreisen wird die Türkei zunehmend als strategischer Herausforderer wahrgenommen – manche Experten vergleichen ihre regionale Rolle bereits mit der des Iran. Die Anerkennung Somalilands schafft damit einen doppelten strategischen Gewinn: Sie setzt Irans regionales Netzwerk weiter unter Druck und eröffnet zugleich die Möglichkeit, den wachsenden Einfluss Ankaras in der Region herauszufordern.

»Israel ist sich seit Langem bewusst, dass seine Sicherheit nicht an seinen Grenzen beginnt und endet«, erklärt Freund. »Von der Zusammenarbeit im Bereich der Nachrichtendienste über den Zugang zu Häfen bis hin zur logistischen Koordination können Beziehungen am Horn von Afrika seine Fähigkeit stärken, sich selbst und seine Verbündeten zu schützen. Somalilands Häfen, insbesondere Berbera, entwickeln sich zu wichtigen Knotenpunkten für Handel und Sicherheitskooperation. Die Stärkung der Beziehungen dorthin ist nicht optional, sondern ratsam.«

In einer Zeit, in der der jüdische Staat in internationalen Foren routinemäßig dämonisiert wird, kommt dem Aufbau von Partnerschaften mit verantwortungsbewussten muslimischen Akteuren eine besondere symbolische Bedeutung zu. Er durchkreuzt das Narrativ, Israel sei außerhalb seiner unmittelbaren Nachbarschaft isoliert oder unwillkommen.

Dieser Schritt verstärkt zugleich einen breiteren diplomatischen Trend. Die Abraham-Abkommen widerlegten den lange gepflegten Mythos, Frieden mit Israel müsse auf die Lösung der Palästinenserfrage warten. Sie haben gezeigt, dass pragmatische Staaten Kooperation dem Konflikt vorziehen, wenn dies ihren nationalen Interessen dient. Hargeysas Annäherung an Jerusalem erweitert diese Logik über den Nahen Osten hinaus auf Afrika und das Rote Meer.

Die Abraham-Abkommen waren nie als statische Liste von Unterzeichnern gedacht. Sie sind ein Rahmen, eine Denkweise und ein Präzedenzfall. Jede neue Partnerschaft auf Grundlage gemeinsamer Interessen stärkt die Vorstellung, dass Israel für Staaten, die Stabilität, Innovation und Sicherheit anstreben, ein natürlicher Verbündeter sein kann. Somalilands Anerkennung fügt sich in diese Entwicklung ein und verstärkt die Dynamik hin zu einem stärker integrierten Israel auf der Weltbühne.

Mehr als diplomatischer Schritt

Doch die neue Partnerschaft wird nicht nur in Jerusalem als strategischer Erfolg gesehen. Auch in Somaliland betrachtet man die neuen Beziehungen als weit mehr als einen diplomatischen Durchbruch. Für die Führung in Hargeysa ist die Annäherung an Israel Teil einer langfristigen außenpolitischen Strategie, die wirtschaftliche Entwicklung, sicherheitspolitische Zusammenarbeit und internationale Anerkennung miteinander verbinden soll.

»Wir haben eine starke Beziehung aufgebaut, die strategischer Natur ist und den Weg für Zusammenarbeit in nahezu allen Bereichen ebnet: von Entwicklung und Politik über Sicherheit bis hin zum Austausch zwischen unseren Gesellschaften«, ist sich Mohamed Hagi, Somalilands Botschafter in Israel, sicher. »Beide Staaten verbindet das gemeinsame Interesse an Stabilität, wirtschaftlicher Modernisierung und regionaler Sicherheit. Die Partnerschaft solle deshalb langfristig angelegt sein und beiden Seiten konkrete Vorteile bringen.«

Gerade in diesen Bereichen sieht Somaliland erhebliches Potenzial. Das Land verfügt mit dem Hafen von Berbera über einen strategisch wichtigen Handels- und Logistikstandort, kämpft jedoch zugleich mit Wasserknappheit, einer schwachen Infrastruktur und einem begrenzten Zugang zu internationalen Märkten. Wiederkehrende Dürren haben diese Probleme in den vergangenen Jahren zusätzlich verschärft. Israel wiederum gilt als weltweit führend in der Meerwasserentsalzung, wassersparenden Landwirtschaft und Agrartechnologie und könnte Somaliland gerade in diesen Bereichen unterstützen. Davon könnten auch die Interessen der USA in der Region profitieren und zugleich Anreize zur Abwanderung verringert werden.

Darüber hinaus haben die internationale Isolation und das Fehlen einer konvertierbaren Währung die wirtschaftliche Entwicklung Somalilands erheblich gebremst. Daraus ergeben sich zugleich Chancen für Investitionen, Industrie und Handel. Mit dem weiteren Ausbau seiner Infrastruktur könnte Somaliland künftig auch als Brücke für israelische – und möglicherweise amerikanische – Exporte nach Afrika dienen.

»Es geht nun darum, aus dieser Partnerschaft konkrete Ergebnisse entstehen zu lassen«, erklärt Botschafter Hagi. »Etwa durch Zusammenarbeit in Bereichen wie Wassertechnologie, Landwirtschaft, Innovation und Infrastruktur. Israel verfügt in diesen Bereichen über Erfahrungen, die für uns von großer Bedeutung sein können. Unser Ziel ist es, Somaliland stärker mit der Weltwirtschaft zu verbinden und neue Möglichkeiten für Handel, Investitionen und Entwicklung zu schaffen. Eine engere Zusammenarbeit mit Jerusalem kann dabei ein wichtiger Schritt sein.«

Die Anerkennung Somalilands ist deshalb weit mehr als ein diplomatischer Akt zwischen zwei Staaten. Sie steht exemplarisch für eine tiefgreifende Neuordnung der strategischen Landkarte zwischen dem Nahen Osten und dem Horn von Afrika. Alte Gewissheiten verlieren an Bedeutung, neue Partnerschaften entstehen entlang gemeinsamer Interessen – bei Sicherheit, Handel und Technologie. Ob daraus ein dauerhaftes Bündnis erwächst, wird sich zeigen. Für viele Experten ist jedoch bereits jetzt klar: Das Rote Meer entwickelt sich zunehmend zu einem der geopolitischen Brennpunkte des 21. Jahrhunderts.

»Dieser Seeweg ist heute nicht mehr nur eine Handelsroute«, erklärt Asher Lubotzky, »sondern ein strategischer Raum, in dem sich die Interessen verschiedener Mächte überschneiden. Israel kann es sich nicht mehr leisten, diese Region nur aus der Entfernung zu betrachten. Die Entwicklungen dort haben unmittelbare Auswirkungen auf seine eigene Sicherheit.«

Risiken und Chancen

Die Region galt lange als geopolitische Peripherie, ist durch die Angriffe der Huthi und die wachsende Konkurrenz regionaler Mächte jedoch ins Zentrum internationaler Sicherheitsinteressen gerückt. Gleichzeitig sieht Lubotzky in Somaliland einen ungewöhnlichen Partner für die strategischen Interessen Jerusalems und warnt davor, die Möglichkeiten einer solchen Beziehung zu überschätzen.

»Israel muss aufpassen, dass aus strategischer Nähe keine Überdehnung seiner eigenen Möglichkeiten entsteht«, betont der Afrikaexperte. »Eine stärkere Präsenz am Horn von Afrika kann neue Chancen eröffnen, bringt aber auch neue Verpflichtungen und Risiken mit sich. Somaliland darf nicht nur als militärischer Standort betrachtet werden, sondern muss langfristig durch wirtschaftliche Entwicklung und institutionelle Zusammenarbeit gestärkt werden. Die Anerkennung ist ein wichtiger erster Schritt, aber entscheidend wird sein, ob daraus eine nachhaltige Partnerschaft entsteht, die beiden Seiten konkrete Vorteile bringt.«

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