Als am Freitagabend in Israel Rosch ha-Schana begann, fehlte etwas, das in den vergangenen Jahren fast selbstverständlich zum jüdischen Feiertagskalender gehört hatte: die gelben Schleifen, die Mahnungen, die Namen und Fotos jener Menschen, von denen niemand wusste, ob sie den nächsten Feiertag zu Hause erleben würden.
Zum ersten Mal seit drei Jahren begann das jüdische Neujahr, ohne dass sich noch israelische Geiseln im Gazastreifen befanden. Es ist eine Veränderung, die auf den ersten Blick beinahe banal klingt. Für die israelische Gesellschaft bedeutet sie jedoch das Ende eines Zustands, der seit dem 7. Oktober 2023 praktisch jeden Feiertag überschattet hatte.
Noch an Rosch Haschana 2025 stand über allem dieselbe Forderung: »Bring Them Home«. Auch Premierminister Benjamin Netanjahu erinnerte in seiner diesjährigen Neujahrsbotschaft daran. Vor einem Jahr, sagte er, habe es vor allen anderen Wünschen für das kommende Jahr einen gegeben, nämlich die Rückkehr aller Geiseln. Dieses Jahr sei dieser Wunsch erfüllt. Doch ein normales Rosch ha-Schana ist es deshalb noch lange nicht.
Feiertage, die ihre Unschuld verloren hatten
251 Menschen wurden am 7. Oktober 2023 von der Hamas und anderen palästinensischen Terrororganisationen in den Gazastreifen verschleppt. Einige kamen nach wenigen Wochen frei, andere erst nach Monaten oder Jahren. Manche wurden von israelischen Soldaten gerettet. Zahlreiche Geiseln kehrten nur noch tot zurück. Die letzten zwanzig lebenden Geiseln kamen im Zuge des von den USA vermittelten Abkommens zurück. Doch selbst danach blieb die Frage der Toten bestehen.
Erst am 26. Januar 2026 endete dieses Kapitel endgültig: Die sterblichen Überreste des 24-jährigen Polizisten Ran Gvili wurden gefunden und nach Israel gebracht. Gvili war am Morgen des 7. Oktober im Kampf gegen die eingedrungenen Hamas-Terroristen getötet und anschließend nach Gaza verschleppt worden. Nach 843 Tagen befand sich damit erstmals keine israelische Geisel mehr im Gazastreifen.
Damit verschwand auch eine der sichtbarsten Konstanten des israelischen Alltags der vergangenen Jahre. Die gelbe Schleife war überall gewesen, an Autos, Taschen und Hauseingängen, auf Plakaten, in Restaurants und Geschäften. Am Dizengoff-Platz in Tel Aviv stand über Monate ein symbolischer Schabbat-Tisch mit leeren Stühlen für die Entführten. Der Platz vor dem Tel Aviv Museum of Art wurde zum »Platz der Geiseln«, zum Zentrum von Kundgebungen, Protesten, Begegnungen und Trauer. Die Freilassung der Geiseln war nicht nur eines der Kriegsziele. Ihr Schicksal wurde Teil des täglichen Lebens.
Gerade an den jüdischen Feiertagen war die Abwesenheit der Entführten besonders spürbar. Rosch ha-Schana, Pessach oder Schabbat handeln traditionell von Familie und Gemeinschaft. Seit Oktober 2023 bekamen diese Rituale eine zweite Bedeutung. Bei vielen Familien blieb symbolisch ein Platz frei. Gebete wurden um die Geiseln ergänzt, Synagogen hängten ihre Bilder auf, und in Israel wie in jüdischen Gemeinden weltweit wurde ihre Rückkehr Teil der religiösen Praxis. Rosch Haschana selbst verstärkte diese Symbolik noch. Im Gebet Unetaneh Tokef, einem der zentralen Texte der Hohen Feiertage, geht es um Leben und Tod und darum, wer das kommende Jahr erleben wird. Nach dem 7. Oktober erhielten diese jahrhundertealten Worte für viele Israelis eine fast unerträgliche Aktualität.
Der Geschäftsführer der Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations, William Daroff, beschreibt es an diesem Rosch ha-Schana ähnlich: Während in den vergangenen beiden Jahren die Frage, wer leben, wer sterben und wer zurückkehren werde, keine abstrakte liturgische Vorstellung mehr gewesen sei, sei dieses Jahr anders. Gleichzeitig warnt er davor, dass die in den vergangenen Jahren entstandene jüdische Solidarität mit dem Ende der unmittelbaren Geiselkrise wieder verschwinden könnte.
Die Rückkehr der Geiseln bedeutet keineswegs, dass ihre Geschichte abgeschlossen ist. Das israelische Gesundheitsministerium veröffentlichte erst wenige Tage vor Rosch ha-Schana aktualisierte Informationen über die langfristige Betreuung der ehemaligen Geiseln und ihrer Familien. Vorgesehen sind unter anderem spezialisierte medizinische und psychiatrische Betreuung, Traumatherapie, psychologische Unterstützung, Ernährungsberatung und eine langfristige Begleitung nach der Rückkehr in den Alltag. Das ist auch ein Hinweis darauf, wie irreführend das Wort »Rückkehr« sein kann. Nach Monaten oder Jahren der Gefangenschaft geht es nicht einfach darum, wieder nach Hause zu kommen. Die körperlichen und psychischen Folgen begleiten viele der Betroffenen und ihre Familien weiter.
Vom Warten zum Erinnern
Auch gesellschaftlich beginnt nun eine neue Phase. Während der vergangenen Jahre hatte Israel ein klares, sichtbares Symbol, um das sich Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Ansichten sammeln konnten: »Bring Them Home«. Über den richtigen Weg dorthin wurde erbittert gestritten, über militärischen Druck, Verhandlungen, einen Waffenstillstand und den Preis eines Abkommens. Über das Ziel selbst gab es jedoch einen bemerkenswert breiten Konsens.
Im Juli billigte der Bildungsausschuss der Knesset einen Gesetzentwurf zur staatlichen Erinnerung an das Massaker und den Widerstand vom 7. Oktober für die abschließenden Lesungen im Parlament. Vorgesehen sind unter anderem ein staatlicher Gedenktag, eine nationale Gedenkstätte im westlichen Negev, ein Museum und ein Archiv. Auch Überlebende, Angehörige der Ermordeten, ehemalige Geiseln und Vertreter der betroffenen Gemeinden sollen in die Gestaltung der Erinnerung einbezogen werden. Das klingt administrativ, beschreibt aber einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Israel bewegt sich langsam vom Warten zum Erinnern.
Das bedeutet nicht, dass der 7. Oktober Geschichte geworden wäre. Im Gegenteil: Fast drei Jahre später ist die Auseinandersetzung darüber, wie es zu dem schwersten Massaker an Juden seit der Schoah kommen konnte, politisch weiterhin explosiv. Die Frage nach Verantwortung ist ebenso wenig verschwunden wie die Debatte über den Verlauf des Krieges, den Umgang mit der Hamas und die Entscheidungen der politischen und militärischen Führung.
Auch der derzeitige Wahlkampf wird von diesen Fragen geprägt. Netanjahus Neujahrsbotschaft war deshalb auffallend auf Einheit ausgerichtet. In einer Zeit, in der erneut politische Lagerbildung und heftige Auseinandersetzungen zu erwarten sind, erklärte er, gerade jetzt müsse man sich daran erinnern, »was uns verbindet«. Gleichzeitig verwies er auf die Rückkehr sämtlicher Geiseln als eine der Leistungen des vergangenen Jahres.
Doch die israelische Gesellschaft ist heute eine andere als jene, die Rosch ha-Schana 2023 feierte, wenige Wochen, bevor Hamas-Terroristen die Grenze durchbrachen. Vielleicht ist das die eigentliche Illusion, die dieses Neujahrsfest beendet: die Vorstellung, irgendwann zum Israel vom 6. Oktober zurückzukehren.
Kein Zurück zum 6. Oktober
Die Geiseln sind zurück. Aber Familien trauern um Angehörige, Soldaten sind gefallen oder verwundet, ehemalige Geiseln versuchen, ein Leben nach der Gefangenschaft aufzubauen, Reservisten und ihre Familien tragen die Folgen jahrelanger Mobilisierung. Gleichzeitig bleiben die Konflikte in der Region bestehen. Auch deshalb befand sich die israelische Armee während der Feiertage weiterhin in erhöhter Bereitschaft. Das erste Rosch ha-Schana ohne Geiseln ist deshalb weniger ein Schlusspunkt als ein Übergang.
In den vergangenen drei Jahren war die Hoffnung in Israel häufig sehr konkret: ein Name auf einem Plakat, ein Foto an einer Hauswand, die Nachricht, dass jemand noch lebt. Die Hoffnung bestand darin, dass ein bestimmter Mensch durch eine bestimmte Tür wieder nach Hause kommen würde. Jetzt verändert sich dieses Gefühl. Es richtet sich darauf, ob eine Gesellschaft, die fast drei Jahre im Ausnahmezustand gelebt hat, wieder lernen kann, in Zukunft nicht ausschließlich in militärischen oder existenziellen Kategorien zu denken. Ob von der außergewöhnlichen Solidarität der ersten Kriegsmonate etwas Dauerhaftes bleibt. Und ob die Erinnerung an den 7. Oktober zu etwas werden kann, das verbindet, statt lediglich eine weitere Front im innenpolitischen Streit zu eröffnen.
Rosch ha-Schana ist traditionell kein lautes Fest. Es ist ein Zeitpunkt der Bilanz, der Selbstprüfung und des Neubeginns. In diesem Jahr fällt diese Bilanz für Israel besonders schwer. Aber zum ersten Mal seit dem 7. Oktober fehlt eine Frage. Niemand muss in diesem Jahr fragen, welche Geisel den nächsten Feiertag noch in einem Tunnel in Gaza verbringen wird. Alle sind zurück. Und vielleicht ist es gerade deshalb das erste jüdische Neujahr seit langer Zeit, an dem Israel nicht nur darauf wartet, dass Menschen nach Hause kommen, sondern sich fragen muss, wie es selbst weitergehen will.
