Fachleute für psychische Gesundheit und Militärvertreter warnen vor einem deutlichen Anstieg seelischer Belastungen und betonen die Notwendigkeit der Ausweitung von Behandlungs- und Unterstützungsmaßnahmen.
Kobi Erez
Die Soldaten saßen auf einem Hügel mit Blick auf Jerusalem, über ihnen wehte die israelische Flagge im Wind. Ausnahmsweise gab niemand Befehle. Niemand rannte zu einem Alarm. Niemand suchte den Horizont nach der nächsten Bedrohung ab. Für ein paar Stunden durften diese Angehörigen der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) – viele von ihnen Reservisten, die von ihren Familien, ihren Arbeitsplätzen, ihren Universitäten und ihrem normalen Leben weggerissen worden waren – etwas tun, was der Krieg selten zulässt. Sie hielten inne und ließen ihre Gedanken schweifen.
Bei einem kürzlichen Besuch in Israel hatte ich als Geschäftsführer der Zionist Organization of America – Michigan (ZOA) das Privileg, an eindrucksvollen Programmen für IDF-Soldaten teilzunehmen, die mit den emotionalen Wunden des Krieges zu kämpfen haben. Gemeinsam mit unseren israelischen Partnern organisiert, war das Ziel einfach, aber dringend. Es bestand darin, Soldaten, die die Last des Kampfes tragen, einen Ort zu geben, an dem sie durchatmen, Kontakte knüpfen und beginnen können, das Erlebte zu verarbeiten.
Das Programm verband praktische Aktivitäten – darunter die Land- und Gartenarbeit wie das Pflanzen von Bäumen – mit gemeinsamen Mahlzeiten, Musik und Gruppengesprächen am Lagerfeuer. Im Laufe des Abends öffneten die Soldaten nach und nach ihre Herzen. Einige sprachen offen. Andere sagten wenig, doch selbst das Schweigen fühlte sich bedeutungsvoll an.
Wenn die Menschen, die neben einem sitzen, verstehen, was man gesehen und erlebt hat, fühlt sich Stille nicht leer an. Sie fühlt sich geteilt an. Der sichtbare Krieg ist leicht zu erkennen. Er besteht aus Uniformen, Sirenen, Raketen, Waffen und Beerdigungen. Der stillere Krieg ist schwerer zu erkennen. Er beginnt, wenn ein Soldat nach Hause kommt.
Erschreckendes Ausmaß
Während des gesamten Programms hörten wir Geschichten, die zugleich herzzerreißend und vertraut waren. Ein Soldat erzählte, wie er mit seiner Verlobten am Schabbat-Tisch saß, sich aber emotional meilenweit entfernt fühlte. Ein anderer beschrieb, wie er im Unterricht auf eine Seite starrte und merkte, dass er denselben Absatz zehnmal gelesen hatte, ohne auch nur ein Wort aufzunehmen. Ein erfolgreicher Unternehmer berichtete, wie ihm nach Monaten im Reservedienst Entscheidungen, die ihm früher leicht gefallen waren, nun überwältigend erschienen.
Viele Soldaten berichteten von schlaflosen Nächten, wiederkehrenden Albträumen, Angstzuständen und dem Gefühl, ständig auf der Hut zu sein – selbst an Orten, an denen man sich eigentlich sicher fühlen sollte. Eine zuschlagende Tür. Ein überfüllter Raum. Der Knall eines Feuerwerkskörpers. Alltägliche Momente und Erlebnisse, die die meisten Menschen kaum wahrnehmen, können augenblicklich Erinnerungen an das Schlachtfeld auslösen. Das sind keine Anzeichen von Schwäche. Es sind ganz reale Symptome eines Traumas. Und Israel sieht sich damit in erschreckendem Ausmaß konfrontiert.
Das israelische Verteidigungsministerium hat berichtet, dass seit den von der Hamas angeführten Terroranschlägen am 7. Oktober 2023 mehr als 22.000 verwundete Soldaten behandelt wurden. Davon leiden etwa 58 Prozent an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder anderen psychischen Erkrankungen. Rund 63 Prozent davon sind Reservisten – keine Berufssoldaten, sondern ganz normale Israelis, die aus ihrem Alltag herausgerissen wurden und in den Krieg ziehen mussten.
Fachleute für psychische Gesundheit und Militärvertreter haben vor einem deutlichen Anstieg psychischer Belastungen bei Soldaten seit Kriegsbeginn gewarnt und dabei die dringende Notwendigkeit einer Ausweitung von Behandlung, Rehabilitation und langfristiger Unterstützung hervorgehoben.
Hinter jeder dieser Statistiken steht ein Mensch, der für Israel in die Schlacht gezogen ist: ein Sohn, eine Tochter, ein Ehemann, eine Ehefrau, ein Elternteil, ein Freund. Jemand, der Wache stand, damit andere schlafen konnten. Jemand, der die Last des Überlebens auf seinen jungen Schultern trug.
Solidarität
Einer der bewegendsten Momente des Programms war, als die Soldaten von den Bemühungen amerikanisch-jüdischer Gemeinden erfuhren, Israel zu unterstützen und Antisemitismus zu bekämpfen. Viele drückten ihre tiefe Dankbarkeit aus. Sie verstanden, dass Israels Kampf nicht nur auf dem Schlachtfeld ausgetragen wird. Er wird auch in den Medien, auf Hochschulgeländen, in unseren Gemeinden und in den Regierungsgebäuden geführt. Sie wollten, dass wir wissen, dass unsere Unterstützung zählt.
Wahre Solidarität bedeutet, den israelischen Soldaten nicht nur zur Seite zu stehen, wenn sie in die Schlacht ziehen, sondern auch, wenn sie die lange Heimreise antreten. Für viele von ihnen mag der Krieg enden, wenn sie das Schlachtfeld verlassen. Die Heilung dauert oft viel länger.
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)
