Ein paar Flyer gegen Antisemitismus auf einem Konzert in Köln riefen bei Teilen des Publikums bezeichnende Reaktionen hervor.
Am vergangenen Wochenende war ich auf einem kleinen Konzert in Köln. In der Location waren vielleicht sechzig Menschen und drei Bands, die man in Teilen dem israelsolidarischen Spektrum zurechnen könnte. Im Vorraum lagen Flyer von »Artists Against Antisemitism« aus. Im Laufe des Abends verirrten sich einige jüngere Menschen in diesen Vorraum. Sie nahmen die Flyer in die Hand, drehten sie um, lasen und diskutierten untereinander. Drei junge Männer blickten erst auf das Papier, dann einander an und schließlich Richtung Ausgang. »Hier spielen zionistische Bands«, stellte einer fest. Wenig später waren sie verschwunden. Nirgendwo hing eine Israelfahne. Es lagen einfach ein paar Flyer herum, auf denen gegen Antisemitismus Stellung bezogen wurde.
Ein anderer Besucher mit jenem beneidenswerten Selbstvertrauen, das sich durch Wissenslücken nicht unnötig irritieren lässt, erklärte uns, mit »gegen Antisemitismus« habe er selbstverständlich nichts einzuwenden, die Sache mit dem Antizionismus auf dem Flyer gehe allerdings entschieden zu weit. Auf die Frage, was Zionismus denn sei, folgte eine kleine Reise durch die politische Begriffswelt der Gegenwart: Kolonialismus, Rassismus, Vertreibung, weiße Siedler, Apartheid. Ein wenig TikTok, ein bisschen Instagram-Kachel, ein bisschen Seminarraum. Aus diesen Zutaten war ein Weltbild entstanden, das gerade deshalb so stabil wirkt, weil historische Einzelheiten darin nur stören.
Von einer jungen Studentin hörte man inbrünstig, sie sei natürlich gegen Antisemitismus, eine Antisemitin sei sie schon gar nicht. Aber Israel sei schließlich ein »faschistischer Staat«, der einen »Genozid« begehe, und dagegen müsse man sich ja wohl positionieren. Einige Sätze später ging sie wütend davon.
Alles nur Irrtum?
Warum erzähle ich Ihnen das? Weil an diesem Abend eigentlich überhaupt nichts passiert ist. Ein paar Flyer gegen Antisemitismus liegen auf einem Tisch, und sofort entsteht bei manchen Menschen ein geradezu dringendes Bedürfnis, etwas hinzuzufügen. Etwas richtigzustellen. Sich zu distanzieren. Da muss Israel hinein. Zionismus muss hinein. Faschismus muss hinein. Genozid ohnehin.
Aus der schlichten Aussage »Gegen Antisemitismus« wird so binnen weniger Minuten eine Diskussion darüber, was Israel falsch macht. Oder besser gesagt darüber, warum die Ablehnung des Antisemitismus keinesfalls dazu führen darf, dass man für einen Augenblick nur über Antisemitismus spricht. Das scheint inzwischen die eigentliche Zumutung zu sein. Man ist selbstverständlich gegen Antisemitismus. Wer wäre das nicht? Nur soll diese Gegnerschaft bitte keine unangenehmen Folgen für das eigene politische Weltbild haben. »Gegen Antisemitismus« verlangt nach einem sofortigen Nachsatz: »Ja, aber Israel …«
Das allein verrät einiges darüber, was in Teilen des Kulturbetriebs inzwischen als aufgeklärte Haltung gilt. Und natürlich könnte man sich über die historische Ahnungslosigkeit lustig machen. Über ein Verständnis von Zionismus, das aus diesem Begriff ein Synonym für alles Böse macht. Man könnte sich über Menschen amüsieren, die wenig wissen und dieses Wenige mit erstaunlicher Gewissheit vortragen. Nur stellt sich irgendwann auch die Frage: Woher sollten diese jungen Leute auch erfahren, dass ihre Gewissheiten möglicherweise gar keine sind?
Sie hören die immergleichen Narrative von Politikern, Aktivisten, Popstars und Akademikern, die dieselben Begriffe verwenden. Sie sehen (einst) angesehene Institutionen, die ihnen bestätigen, dass ihre Sprache nicht nur richtig, sondern moralisch überlegen sei. Und manchmal kommt die höchste denkbare symbolische Autorität gleich von den Vereinten Nationen.
Zum Beispiel Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die palästinensischen Gebiete, die sich kürzlich für eine bemerkenswerte historische Fehlleistung entschuldigen musste. Sie hatte behauptet, »Antisemitismus« habe ursprünglich nicht ausschließlich Judenfeindschaft bezeichnet, sondern sich viel allgemeiner auf »semitische Völker« bezogen. In diesem Zusammenhang verwies sie auf den Begriff »Muselmann« aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern – den sie offenbar als Bezeichnung für Muslime verstanden hatte. Tatsächlich bezeichnete der Begriff »Muselmann« in der Lagersprache der Insassen völlig entkräftete, dem Tod nahe Häftlinge.
Man könnte das als peinlichen historischen Irrtum abhaken. Bei einer UN-Sonderberichterstatterin wäre zwar selbst das schon kritikwürdig, viel interessanter ist jedoch der Reflex, der darin sichtbar wird. Denn selbst bei einem Begriff, der historisch zur Bezeichnung von Judenfeindschaft geprägt wurde, muss dessen Bedeutung erst erweitert werden, bis die Juden darin nicht mehr so störend im Mittelpunkt stehen.
Der Holocaust ist längst nicht mehr nur historische Referenz für die Vernichtung der europäischen Juden. Seine Begriffe und Bilder werden zunehmend entfremdet, um den jüdischen Staat selbst anzuklagen.
Der berüchtigte Norman Finkelstein etwa, dessen vor 25 Jahren veröffentlichte Tirade gegen eine angeblich von Juden betriebene »Holocaust-Industrie« bis weit in den Mainstream hinein als irgendwie diskussionswürdiger Beitrag zur Erinnerungskultur betrachtet wurde, bezeichnet Israels Vorgehen in Gaza als Genozid. Gleichzeitig hat er öffentlich die vielen Berichte über sexuelle Gewalt während des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober als reine Fantasieprodukte und als vollständig erfunden bezeichnet – unter anderem im Podcast des Antisemiten Tucker Carlson.
Im Kopf der Ankläger
Und damit sind wir wieder bei dem kleinen Konzert in Köln. Natürlich hatten die jungen Menschen dort vermutlich weder Albanese noch Finkelstein im Kopf. Politische Vorstellungen entstehen nicht dadurch, dass morgens jemand aufwacht und beschließt, fortan Zionismus für Faschismus zu halten. Sie werden durch Begriffe, Bilder und Vergleiche gebildet, die wiederholt werden, bis sie nicht mehr wie unbegründete Behauptungen erscheinen, sondern wie unumstößliche Tatsachen.
Wer oft genug hört, Zionismus sei Rassismus, Israel sei faschistisch und Gaza sei Auschwitz, muss nichts mehr selbst durchdenken und verstehen, um trotzdem überzeugt zu sein, sehr viel zu wissen. Und dann ist es auch nicht verwunderlich, dass bereits ein Flyer gegen Antisemitismus zur Provokation werden kann.
Niemand hatte die drei jungen Männer in Köln aufgefordert, sich zu Israel zu äußern. Niemand hatte den Studenten gefragt, was er vom Zionismus hält. Niemand hatte verlangt, die israelische Regierung zu verteidigen. Israel war nicht einmal das Thema, denn da stand lediglich: »Gegen Antisemitismus.« Den Rest haben sie selbst ergänzt.
