Im Gespräch mit Elisa Mercier schildern Regisseurin Mariana Bellini, Produzent Gabriel Ben-Tasgal und Simone Hofmann, die den Film nach Deutschland bringt, die Entstehung und Bedeutung der Dokumentation über die Bibas-Familie.
Die Dokumentation »Bibas: Murdered for Being Jewish« erzählt die Geschichte der israelisch-argentinischen Familie Bibas-Silberman und deren Schicksal nach dem Terrorangriff der Hamas auf den Süden Israels am 7. Oktober 2023. José Luis und Margit Silberman wurden am Tag des Überfalls im Kibbuz Nir Oz ermordet, ihre Tochter Shiri sowie die Enkel Ariel und Kfir später in der Gefangenschaft in Gaza. Shiris Ehemann Yarden Bibas wurde fast fünfhundert Tage von der Hamas als Geisel gehalten, bevor er freigelassen wurde.
Regisseurin Mariana Bellini, Produzent Gabriel Ben-Tasgal und Simone Hofmann, die den Film nach Deutschland bringt, schildern im Gespräch mit Elisa Mercier die Entstehung und Bedeutung des Films sowie die Herausforderungen der Dreharbeiten. Die Deutschlandpremiere findet am 5. Oktober 2026 in Frankfurt am Main statt.
Elisa Mercier (EM): Wie ist die Idee zu der Dokumentation »Bibas: Murdered for Being Jewish« entstanden?
Mariana Bellini (MB): Die Idee stammt von Alfredo Leuco, einem der renommiertesten Journalisten Argentiniens. Er reiste bereits einen Tag nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 nach Israel und war überzeugt, dass dieses Verbrechen dokumentiert und der Welt gezeigt werden müsse. Nachdem er monatelang vergeblich versucht hatte, Produktionsfirmen für das Projekt zu gewinnen, sprach er mit Gabriel Ben-Tasgal, mit dem wir seit langem in Lateinamerika und Spanien zusammenarbeiten. Gemeinsam beschlossen wir, den Film selbst zu realisieren – ohne Budget, aber mit der Überzeugung, dass diese Geschichte erzählt werden musste.
Unser Ziel war es, vor allem ein nichtjüdisches Publikum zu erreichen und damit Antisemitismus, Terrorismus und Geschichtsleugnung entgegenzutreten. Um das unfassbare Ausmaß des Massakers sichtbar zu machen, entschied sich Alfredo dafür, die Geschichte einer einzelnen Familie in den Mittelpunkt zu stellen. Die Familie Bibas-Silberman steht beispielhaft für die Tragödie des 7. Oktober 2023: Drei Generationen wurden ermordet – die Großeltern José Luis und Margit, ihre Tochter Shiri sowie ihre Enkel Ariel und Kfir. Die Familie hatte zudem argentinische Wurzeln; Ariel und Kfir waren die einzigen Kinder, die während der Geiselhaft ermordet wurden.
EM: Warum haben Sie sich entschieden, den Film als Produzent zu begleiten?
Gabriel Ben-Tasgal (GT): Als Alfredo Leuco mich fragte, ob ich die Produktion übernehmen würde, musste ich zunächst darüber nachdenken. Eine Geschichte dieser Tragweite verlangt höchste Professionalität und große Verantwortung. Ich sagte zu, weil ich überzeugt war, einen wichtigen Beitrag leisten zu können.
Mir war es wichtig, den theologischen und ideologischen Hintergrund zu erklären, der das Handeln der Hamas verständlich macht – ein Aspekt, der in vielen Analysen fehlt. Außerdem brauchten wir jemanden vor Ort in Israel, um die Dreharbeiten und die Produktion zu koordinieren. Dass Mariana Bellini die Regie übernahm, war für das Projekt ein großer Gewinn. Ihr Engagement und ihre Professionalität haben entscheidend dazu beigetragen, dass der Film die Qualität erreicht hat, die wir uns gewünscht hatten.

Menschlich kaum auszuhalten
EM: Wie verliefen die Dreharbeiten – und vor welchen Herausforderungen standen Sie dabei?
MB: Die Arbeit an diesem Film war sehr anspruchsvoll. Alfredo Leuco traf zu Beginn zwei grundlegende Entscheidungen: Zum einen sollten politische Debatten – weder israelische noch argentinische oder andere – keinen Platz im Film haben. Zum anderen wollten wir die Bilder zeigen, die die Terroristen während des Massakers selbst aufgenommen hatten.
Gerade diese zweite Entscheidung stellte uns vor große journalistische und menschliche Herausforderungen. Wir waren überzeugt, dass es nicht unsere Aufgabe ist, zu entscheiden, was Menschen sehen dürfen oder nicht. Die Aufnahmen sprechen für sich. Unser Cutter Pablo Bellini sichtete Tausende dieser Aufnahmen, die alle im Internet verfügbar sind. Sie anzusehen, war menschlich kaum auszuhalten. Als Regisseurin bestand meine Aufgabe darin, eine Auswahl zu treffen, die das Ausmaß des Verbrechens dokumentiert, ohne in Sensationslust oder unnötige Grausamkeit abzugleiten. Ich glaube, dass uns diese Balance gelungen ist.
EM: Eine Dokumentation über ein so traumatisches Ereignis wie den 7. Oktober 2023 verlangt viel Vertrauen und Sensibilität. Wie haben Sie mit den Menschen vor der Kamera gearbeitet?
MB: Über Verwandte in Argentinien konnten wir Kontakt zu Dana, der Schwester von Shiri Bibas-Silberman, und zu ihrer Cousine Yifat aufnehmen. Die Gespräche waren sehr lang und intensiv. Beide erzählten ihre Geschichte mit großer Offenheit. Während der Interviews weinten sie, lachten und erlaubten sich, an die Menschen zu erinnern, die sie verloren hatten. Über weite Strecken konnten sie ihre eigene Geschichte erzählen und José Luis, Margit, Shiri, Ariel, Kfir sowie Luis, Margit, Shiri, Ariel, Kfir und auch Yarden – der sich damals noch in Geiselhaft befand – ihre Würde, ihre Persönlichkeit und ihr Leben zurückgeben. Für einen Moment waren sie nicht mehr Geiseln oder Mordopfer, sondern in den Erinnerungen ihrer Angehörigen wieder ganz gewöhnliche Menschen – Menschen wie wir alle.
Auch Ofelia Roitman, die ebenfalls aus Argentinien stammt, schenkte uns ein mehr als eineinhalbstündiges Interview. Sie berichtete von ihrer Entführung, der Schussverletzung an ihrem Arm, der Operation in Gaza und ihrer Gefangenschaft. Schritt für Schritt schilderte sie die Gewalt und die Misshandlungen, die sie erlitten hatte.
Wenige Tage nach der Freilassung von Yarden Bibas konnten wir außerdem mit seiner Schwester Ofri sprechen. Obwohl sie in dieser Zeit zugleich die Verantwortung für seinen Empfang und seine Betreuung trug, nahm sie sich die Zeit, über seine Gefangenschaft zu berichten. Alle Interviews waren von großer Offenheit, Stille und herzlicher menschlicher Nähe geprägt. Ich bin diesen Frauen zutiefst dankbar, dass sie uns an ihrem Leben und ihrem Schmerz haben teilhaben lassen.
EM: Gab es während der Arbeit am Film einen Moment, der Sie persönlich besonders bewegt hat?
MB: Der gesamte Entstehungsprozess war tief bewegend – von der schwierigen Auswahl des Videomaterials der Terroristen bis hin zu den Begegnungen mit den Angehörigen der Familie Bibas. Viele Momente aus den Interviews mussten wir allein aus Zeitgründen aus dem Film herauslassen, obwohl jeder einzelne davon seine eigene Geschichte verdient hätte.
Sehr bewegend war auch die Begegnung mit den Menschen, die die Dokumentation als Erzählerinnen und Erzähler begleiten. Luis Brandoni, der kürzlich verstorben ist, und Federico D’Elía gehören zu den bekanntesten Schauspielern Argentiniens. Cristina Pérez und Hernán Feler sind renommierte Journalisten, und auch der ehemalige uruguayische Präsident Julio María Sanguinetti hat sich beteiligt. Nur einer von ihnen ist jüdisch. Dennoch haben sie sich mit großem Engagement für dieses Projekt eingesetzt und, wie das gesamte Team, ohne Vergütung daran mitgewirkt. Am meisten bewegt uns jedoch die Überzeugung, dass dieser Film ein historisches Dokument ist.
EM: In welchen Ländern wurde der Film bisher öffentlich gezeigt? Wie organisieren Sie die internationale Verbreitung?
GT: Der Dokumentarfilm wurde bereits in nahezu allen spanischsprachigen Ländern gezeigt, da sich die Geschichte um eine jüdische und israelische, zugleich aber auch zutiefst argentinische Familie dreht. Für die internationale Verbreitung haben wir unterschiedliche Wege gewählt. Einerseits stellten wir den Film einer jüdischen philanthropischen Organisation zur Verfügung, die ihn bei Benefizveranstaltungen einsetzte, um Spenden für den Bau eines Kindergartens zum Gedenken an Shiri, Ariel und Kfir Bibas zu sammeln.
In Ländern mit großen jüdischen Gemeinden entwickelten wir ein originelles Konzept: Wir reservierten rund dreißig Kinovorführungen, und jede Gemeinde bot die Eintrittskarten ihren eigenen Mitgliedern an. Für das breite Publikum wurde der Dokumentarfilm über Mercado Play und die Streaming-Plattform Flow verbreitet und erreichte damit ein potenzielles Publikum von rund 150 Millionen Menschen.

Zeitlose Lehre
EM: Der Film hat bislang keinen deutschen Verleih. Sie bringen ihn auf eigene Initiative nach Deutschland, wo er am 5. Oktober 2026 erstmals in Frankfurt am Main gezeigt wird. Was hat Sie dazu bewogen?
Simone Hofmann (SH): Durch die Geschichte meiner Familie während der Shoah bin ich mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass sich hinter jeder Zahl ein Mensch mit einer Familie, Hoffnungen und Träumen verbirgt. Genau daran erinnert die Geschichte der Familie Bibas. Nach dem 7. Oktober hatte ich das Gefühl, dass wir die Geschichten der Opfer erzählen müssen. Zu oft stehen politische Debatten im Mittelpunkt, während die Menschen, die alles verloren haben, aus dem Blick geraten.
Besonders Kfir und Ariel Bibas wurden zu Symbolfiguren. Millionen Menschen auf der ganzen Welt hofften monatelang auf ihre Freilassung, ohne zu wissen, dass die beiden kleinen Jungen bereits ermordet worden waren. Die beiden vereinten die jüdische Diaspora auf der ganzen Welt. Als schließlich bekannt wurde, dass die beiden Kinder ermordet worden waren, erschütterte das Israel, die jüdischen Gemeinden und unzählige Menschen weltweit, die mit der Familie gebangt hatten. Dieser Film ist daher weit mehr als eine Dokumentation. Er ist Erinnerung, Aufklärung, ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern des 7. Oktober. Nach Frankfurt zeigen wir den Film in Mannheim und München. Dabei arbeite ich mit verschiedenen Organisationen und meiner Initiative zusammen.
EM: Könnten Sie uns Ihre Initiative näher beschreiben?
SH: Ich engagiere mich seit vielen Jahren gegen Antisemitismus, für jüdisches Leben in Deutschland und für die deutsch-israelischen Beziehungen. Nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 habe ich die Initiative »Starke Stimme – Für jüdisches Leben, für Israel, gegen Antisemitismus« gegründet. Gemeinsam mit weiteren Frauen, Jüdinnen und Nichtjüdinnen organisieren wir Kundgebungen, Mahnwachen und Erinnerungsläufe. Gerade diese Zusammensetzung zeigt, dass der Kampf gegen Antisemitismus keine ausschließlich jüdische Aufgabe ist, sondern eine Verantwortung der gesamten demokratischen Gesellschaft. Zudem spreche ich seit mehr als zehn Jahren an Schulen und Hochschulen über Antisemitismus, die Geschichte meiner Familie und die Folgen des Holocaust.
EM: Welche Wirkung wünschen Sie sich beim Publikum? Geht es Ihnen auch darum, eine Debatte über Antisemitismus, den 7. Oktober 2023 und seine Folgen anzustoßen?
GT: Unser wichtigstes Ziel war und ist es, die Erinnerung zu bewahren, Empathie zu wecken und menschliche Schicksale zu zeigen. Bei den organisierten Vorführungen war die Reaktion des Publikums bisher bemerkenswert einheitlich, unabhängig von den jeweiligen Ländern oder der Zusammensetzung der Zuschauer: Die Menschen weinten tief bewegt und kamen nach der Vorstellung auf uns zu, um uns zu umarmen und sich dafür zu bedanken, dass wir diese Geschichte erzählt hatten.
Menschen hingegen, die tief verwurzelte antisemitische Vorurteile oder eine starre ideologische Haltung hatten, bezeichneten den Film häufig als bloße Propaganda, die das Image Israels verbessern solle. Solche Menschen zu überzeugen, war nie unser Ziel. Wir wollten vielmehr Menschen erreichen, insbesondere Nichtjuden, die über einen klaren moralischen Kompass verfügen und bereit sind, menschliches Leid ohne ideologische Scheuklappen zu betrachten.
EM: Warum wird die Deutschlandpremiere in Frankfurt am Main stattfinden?
SH: Frankfurt hat eine sehr lange jüdische Geschichte. Gleichzeitig erleben wir gerade hier seit dem 7. Oktober einen deutlichen Anstieg antisemitischer Vorfälle. Viele Jüdinnen und Juden fühlen sich in der Stadt zunehmend unsicher. Gerade deshalb ist Frankfurt der richtige Ort für diese Deutschlandpremiere, die ein Zeichen setzen soll: Jüdische Geschichten gehören in die Mitte unserer Gesellschaft. Einschüchterung darf niemals darüber entscheiden, welche Geschichten erzählt werden und welche nicht.
Ich hoffe, dass der Premierenabend Gespräche über Terrorismus, Antisemitismus, Menschenwürde und über die Verantwortung jedes Einzelnen auslöst. Wir müssen nicht in allen politischen Fragen einer Meinung sein. Aber wir sollten uns darin einig sein, dass die Entführung und Ermordung unschuldiger Menschen, insbesondere von Kindern, niemals gerechtfertigt oder verherrlicht werden dürfen. Der Holocaust hat gezeigt, wohin es führt, wenn Menschen aufhören, andere als Menschen zu sehen. Diese Lehre ist zeitlos.
