Der alljährliche amerikanische Dyke March mit starkem Fokus auf Lesben, Queers und Transsexuellen will intersektional sein, »Zionisten« sind jedoch unerwünscht.
Der New York City Dyke March (NYCDM) findet seit 32 Jahren statt und gilt mit seinem Fokus auf lesbischen Frauen und Transsexuellen als eine Art Gegenentwurf zur traditionellen und oft kommerziellen Pride Parade. Der Marsch ist eher eine Protestdemo als eine Party, bei der, anders als bei der Pride Parade, Sponsoren aus der Konzernwelt unerwünscht sind. Man gibt sich links und antikapitalistisch. Dieses Jahr lautete das Motto: »Dykes sagen nein zu Faschismus.«
Auch »Zionisten« waren unerwünscht. Das waren sie implizit schon früher. Im letzten Jahr wurde ein Instagram-Statement gelöscht, weil nicht nur der »schrecklichen Notlage des palästinensischen Volks« gedacht wurde, sondern es auch geheißen hatte: »Wir trauern um den sinnlosen Verlust von jüdischem Leben, der durch die Anschläge vom 7. Oktober verursacht wurde.« Dieser Satz war der Stein des Anstoßes. In einer Entschuldigung erklärten die Organisatoren, dies sei ein »Fehler« gewesen, die Erklärung sei »ohne eine vollständige Abstimmung im Komitee veröffentlicht« worden und spiegle »nicht die offizielle Haltung des Dyke March« wider.
Am 1. April 2024 veröffentlichte der NYCDM schließlich ein Instagram-Posting, um seine »Haltung für die Befreiung einschließlich der Befreiung des palästinensischen Volkes» zu bekräftigen. Das Posting verurteilte außerdem »den manipulativen Gebrauch jüdischer und queerer Identitäten zur Rechtfertigung von Gewalt«. Jüdische Dykes bildeten daraufhin ihre eigene Organisation namens Shalom Dykes.
Dass Jüdinnen unerwünscht sind oder zumindest unsichtbar bleiben müssen, hatte sich schon beim Chicago Dykes March 2017 gezeigt. Damals trugen einige Teilnehmerinnen eine Regenbogenflagge mit Davidstern, um zum Ausdruck zu bringen, dass sie jüdisch und lesbisch sind. Nach einer Diskussion forderten die Organisatoren sie auf, die Veranstaltung zu verlassen. Sie betonten, die Regenbogenfahne mit dem Davidstern könne »bei den Menschen ein Gefühl der Unsicherheit hervorrufen« und dass der Dyke-Marsch »pro-palästinensisch und antizionistisch« sei.
Denn Israel gilt ihnen als Unterdrücker und faschistischer Feind alles Progressiven. Die Jüdin Eleanor Shoshany Anderson konnte nicht verstehen, warum sie von einer Veranstaltung ausgeschlossen wurde, die sich als »intersektional« bezeichnet: »Der Dyke March soll intersektional sein. Ich verstehe nicht, warum meine Identität davon ausgeschlossen ist. Ich hatte das Gefühl, als Jüdin hier nicht willkommen zu sein.» Die jüdische Kolumnistin Bari Weiss kommentierte damals in der New York Times: »Das ist sie nicht. Denn obwohl sich die Intersektionalität im Gewand des Humanismus tarnt, vertritt sie eine manichäische Weltanschauung, in der es nur Unterdrücker und Unterdrückte geben kann. Eine jüdische Lesbe zu sein, geschweige denn eine, die Israel unterstützt, ist schlichtweg unmöglich – Unterdrücker und Unterdrückter in einer Person.«
Juden, so Weiss’ hellsichtige Mahnung damals, »sollten die Ereignisse in Chicago als Lehre verstehen, dass sie bei Progressiven vielleicht nicht so willkommen sind, wie sie es sich vorstellen«. Dies sei »eine Warnung, für die man dankbar sein sollte«.
Informeller Druck
Vergangenen März wurde auf Instagram ein Statement veröffentlicht, in dem der Dyke March als »antizionistisch« definiert wurde. So wurde die Stärkung des »Engagements für antizionistische, antirassistische und pro-LGBTQ+-Gemeinschaftsstandards« gefordert. Die einzige jüdische der Organisatorinnen, Jodi Kreines, ist trotz allem, was in den letzten Jahren passiert ist, noch immer dabei. Sie war der Ansicht, dass der Marsch alle einschließen sollte, die sich als Lesben identifizieren, unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit, und versuchte, die Formulierung zu verhindern, konnte sich aber nicht durchsetzen. Dabei blieb es nicht.
Während es letztes Jahr jüdische Lesben waren, welche die Gruppe – mit Bedauern – verließen, nachdem sie erkannt hatten, dort nicht mehr willkommen zu sein, wurde dieses Jahr aktiv versucht, »Zionisten« zu identifizieren und auszuschließen. Zu einem der ersten Opfer wurde die eigene Organisatorin Jodi Kreines. Sie wurde darüber informiert, aus dem Organisationskomitee ausgeschlossen worden zu sein. Was zuvor passiert war, schilderte sie im jüdisch-amerikanischen Magazin Forward: »Am 6. Juni postete ein Komiteemitglied in einem unserer Kanäle, dass ein BIPOC-TikTok-Ersteller aus New York City ein Video gedreht habe, in dem er uns des Zionismus bezichtigte, und seine Follower aufforderte, nicht am Dyke March teilzunehmen. Das löste im Organisationskomitee der NYCDM Panik aus.«
Zitate aus einem Artikel von ihr seien in internen Komiteekanälen gepostet worden, ohne ihren Namen zu nennen.»Das alles geschah an einem Freitagabend, an dem ich während des Schabbats nicht unbedingt telefoniere. Aus Gesprächen mit Freunden habe ich inzwischen erfahren, dass für denselben Abend eine Zoom-Notfallsitzung für alle verfügbaren Komiteemitglieder einberufen wurde, um zu besprechen, was mit mir geschehen soll.«
Am nächsten Tag habe sie ein Mail vom persönlichen Account einer anderen jüdischen Dyke erhalten, in der sie aufgefordert wurde, aus dem Komitee auszutreten. »Mir wurde mitgeteilt, dass meine öffentlichen Äußerungen, in denen ich meine Unterstützung für zionistische Inklusion und Zusammenarbeit zum Ausdruck bringe, ›im direkten Widerspruch zu unserer Mission stehen‹« – und sie sei aufgefordert worden, »dies als Gelegenheit zur Reflexion und zum Wachstum zu nutzen«.
Die Mitteilung habe sie lächerlich gefunden: Panik wegen des TikTok-Videos eines, wie sie sagt, Mikro-Influencers? Sie habe es absurd gefunden, auf eine beliebige Aufforderung zum Rücktritt zu reagieren.»Bevor ich an diesem Samstag ins Bett ging, loggte ich mich ein, um zu sehen, ob es irgendwelche Notizen von dem Meeting über mich gab. Vielleicht hatte ich etwas übersehen. Dann bemerkte ich, dass die Passwörter für alles geändert worden waren. Ich war bereits ausgesperrt.«
Später habe sie erfahren, dass auch Judith Kasen Windsor, die Witwe der 2017 verstorbenen LGBT-Aktivistin Edie Windsor, aus dem Ausschuss ausgeschlossen wurde, nachdem sie sich als »stolze Zionistin« bezeichnet hatte. Niemand habe sich direkt an sie gewandt, um darüber zu sprechen, so Kreines. »Sie wählten bewusst ein jüdisches Komiteemitglied aus, um das erste Mail am Samstag zu verschicken. Anschließend erhielt ich ein zweites vom Dyke March, in der es im Wesentlichen hieß: ›Geh freiwillig, anderenfalls …‹.« Das zeuge auch von »Feigheit, denn sie haben mich während des gesamten Prozesses nie namentlich erwähnt. Ich wurde nur als ›jüdisches‹ oder ›zionistisches‹ Komiteemitglied bezeichnet, obwohl ich nie über meine Gefühle zum Zionismus gesprochen hatte.«
Die Organisatoren bleiben ebenso vage, wenn es darum geht, wer ausgeschlossen wird. Eine offizielle Politik, Juden auszuschließen, gibt es (noch) nicht. Doch jüdische Symbole sind verboten, und was eine Jüdin abseits des Dyke March in der Presse oder den sozialen Medien geschrieben oder gesagt hat, kann, wie man sieht, gegen sie verwendet werden – ohne Anhörung. Die Überschrift eines Artikels des Nachrichtenblogs 19th News gibt die bizarre Situation gut wieder: »Dyke March New York City hat Zionisten dieses Jahr ausgeschlossen. Die Organisatoren sind sich nicht einig, was das bedeutet.«
