Gewalt im Westjordanland: Zweierlei Maß

Brandstiftung: Ausgebrannte Autowracks im palästinensischen Dorf Beita südlich von Nablus
Brandstiftung: Ausgebrannte Autowracks im palästinensischen Dorf Beita südlich von Nablus (© Imago Images / ZUMA Press)

Das internationale Interesse gilt ausschließlich Gewalttaten, die von Juden begangen werden, interessiert sich aber nicht für die alltägliche Gewalt, mit der Juden konfrontiert sind.

In den vergangenen Wochen mehren sich Medienberichte über »radikale israelische Siedler«, die im Westjordanland Palästinenser schikanieren und attackieren. Berichte über solche Vorfälle werden bereitwillig aufgegriffen, um die Präsenz von Israelis in der sogenannten Zone C der Westbank – für die laut den Oslo-Verträgen alleine Israel zuständig ist – zu einem Verstoß gegen internationales Recht und pauschal für »illegal« zu erklären. (Zu den rechtlichen Fragen in diesem Zusammenhang verweisen wir gerne auf das Mena-Watch-Dossier »Besetzt, umstritten, annektiert? Jüdische Präsenz im Westjordanland. Eine völkerrechtliche Analyse«.)

Europäische Politiker nutzen die so erzeugte Stimmung, um – wie gerade Großbritannien – Sanktionen gegen Produkte zu verhängen, die von israelischen Firmen im »illegal besetzten« Westjordanland hergestellt werden.

Wie so oft haben auch diese Geschichten zwei Seiten. Auf der einen Seite gibt es tatsächlich eine Häufung gewalttätiger Übergriffe auf Palästinenser im Westjordanland. Verlässliche Angaben über die tatsächlichen Zahlen sind schwer erhältlich, aber israelische Sicherheitskreise sprechen im ersten Halbjahr 2026 von 660 »nationalistischen« Attacken. Gegenüber dem Vergleichszeitraum im Vorjahr bedeutet das einen Anstieg um 63 Prozent.

Verantwortlich dafür sind in aller Regel Angehörige der sogenannten »Hügeljugend« (hebräisch: Noar haGvaot, besser bekannt unter der englischen Bezeichnung »Hilltop Youth«). Dabei handelt es sich um eine mehr oder minder lose Gruppe von ein paar Hundert Jugendlichen.

Meist sind es orthodoxe Jeschiwa-Aussteiger, die ihre Elternhäuser verlassen, um sich auf strategisch relevanten Hügeln im Westjordanland niederzulassen und dort sogenannte »Außenposten« zu errichten, die auch nach israelischem Recht illegal sind. Ihre Anführer waren lange Avri Ran, der mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt kam, und der Enkel des rechtsextremen Rabbiners Meir Kahane, Meir Ettinger, der zeitweise gerichtlich aus der Westbank verwiesen wurde.

Manche dieser Jugendlichen träumen von einem jüdischen Königreich; viele halten vom israelischen Staat nicht gerade viel und sogar die rechtsextremen Regierungsmitglieder Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich für Verräter, weil sie nicht dafür gesorgt haben, dass das Land von Israel annektiert wird. In ihren meist trostlosen Behausungen – von Häusern zu sprechen, wäre zu viel der Ehre – verbringen die Hügel-Jugendlichen die meiste Zeit mit dem Hüten von Schafen. (Einen Eindruck von diesen Leuten, ihren Lebensumständen und Einstellungen vermittelt Tuvia Tenenbom in seinem neuesten Buch »Wie nennt ihr dieses Land hier? Unter Siedlern«.) Insbesondere seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 sind sie aber auch vermehrt an Übergriffen auf Palästinenser beteiligt.

Zweierlei Maß

Einige dieser Straftaten sorgen weltweit für Schlagzeilen. Im palästinensischen Ort Qusra etwa wurde eine Palästinenserfamilie in ihrem Haus von Dutzenden Angreifern tagelang belagert. Israelische Soldaten, die um Hilfe gerufen wurden, waren lange nicht in der Lage, die Blockade aufzulösen.

Es ist die Pflicht der israelischen Behörden, die Rechte und die Sicherheit der Menschen im Westjordanland – Araber wie Juden gleichermaßen – zu gewährleisten. Dass sie dies entweder nicht schaffen oder es unter der gegenwärtigen Regierung nicht oder nur halbherzig versuchen, ist in der Tat ein Skandal. Wenn selbst ein so ausgesprochener Freund Israels wie der amerikanische Botschafter Mike Huckabee gegen »israelische Terroristen« in der Westbank wettert und »schwerwiegende Konsequenzen« für die Verantwortlichen fordert, sollte das zu denken geben.

Dass sich Premier Benjamin Netanjahu unlängst dazu durchgerungen hat, die Aktionen der Hügeljugend zu verurteilen, war mehr als fällig. Viel zu lange hat er im Interesse der Aufrechterhaltung seiner Koalition mit rechtsextremen Parteien dazu geschwiegen. Aber auf die Worte müssen auch Taten folgen. Einige Festnahmen hat es bereits gegeben, aber solange Teile der Regierung den Gewalttätern weiter den Rücken stärken oder deren Verfolgung behindern, mangelt es diesem Vorgehen an der nötigen Glaubwürdigkeit.

Wie eingangs erwähnt, hat aber auch diese Geschichte eine andere Seite, und hier ist – wieder einmal – die Doppelmoral hervorzuheben, mit der die Situation im Westjordanland international bewertet wird. Die Hügeljugend umfasst ein paar Hundert Köpfe, deren klar zu verurteilende Taten werden aber dazu benutzt, Hunderttausende Israelis, die im Westjordanland leben, ohne jemandem auch nur ein Haar zu krümmen, als extremistische Gewalttäter zu dämonisieren.

Dazu kommt, dass das internationale Interesse ausschließlich Gewalttaten gilt, die im Westjordanland vonJuden begangen werden, sich aber nicht im Geringsten für die alltägliche Gewalt interessiert, mit der Juden ständig konfrontiert sind. Mit der Sorge um das Wohl von Menschen allein kann nicht erklärt werden, warum international hier so offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen wird.

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 9. September. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

Tuvia allein unter Siedlern (Teil 1)

Im Interview mit Stefan Frank sprach der Schriftsteller Tuvia Tenenebom über sein neuestes Buch »Wie nennt ihr dieses Land hier? Unter Siedlern«

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten. Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung.
Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte
oder direkt über Ihren PayPal Account.