Wer die islamistische Ideologie kritisiert, greift nicht Millionen friedlicher Muslime an. Terrorismus lässt sich nur bekämpfen, wenn seine Ursachen und Zielsetzungen offen benannt werden.
Als am Samstagabend Tausende Menschen durch Berlin zogen, um den Christopher-Street-Day (CSD) zu feiern, hätte niemand ahnen können, dass der Tag mit einem Terroranschlag enden würde. Der Berliner CSD gilt seit Jahrzehnten als eines der größten Pride-Events Europas. Er ist ein Fest der Vielfalt, der Sichtbarkeit und der Freiheit. Doch genau diese Werte machten die Veranstaltung offenbar zum Ziel eines islamistisch motivierten Attentäters.
Ein 21-jähriger Mann steuerte nach bisherigen Erkenntnissen einen Kleintransporter in die Menschenmenge. Eine Frau wurde getötet, 29 weitere Menschen verletzt, mehrere davon schwer. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden soll der Täter anschließend auch ein Messer eingesetzt haben, bevor er flüchtete. Einen Tag später wurde er bei einem Polizeieinsatz in Berlin-Spandau erschossen, nachdem er die Beamten mit einer Waffe angegriffen haben soll.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt erklärte bereits kurz nach der Tat, es gebe deutliche Hinweise auf ein islamistisches Motiv. Der Verdächtige war den Sicherheitsbehörden wegen seiner Radikalisierung bereits bekannt. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einem Angriff auf Freiheit und Demokratie. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner erklärte, der Anschlag habe sich nicht nur gegen die Teilnehmer des CSD gerichtet, sondern gegen die offene Gesellschaft insgesamt.
Die Bilder vom Tatort, die verstreute Regenbogenflaggen, zurückgelassene Schuhe und Blumen zwischen Polizeibändern zeigen, verbreiteten sich innerhalb weniger Stunden weltweit. Am Brandenburger Tor versammelten sich am nächsten Abend Tausende Menschen zu einer Mahnwache für die Opfer.
Ein Symbol der Freiheit als Ziel
Der Christopher Street Day ist weit mehr als eine Parade. Er erinnert an die Stonewall-Aufstände von 1969 in New York und steht heute weltweit für gleiche Rechte, gesellschaftliche Teilhabe und individuelle Freiheit. Wer einen CSD angreift, greift deshalb nicht nur eine bestimmte Personengruppe an. Er attackiert Werte wie Selbstbestimmung, Meinungsfreiheit und das Recht jedes Menschen, ohne Angst leben zu können.
Genau das macht den Anschlag politisch so bedeutsam. Terrorismus verfolgt selten ausschließlich das Ziel, möglichst viele Opfer zu fordern. Sein eigentliches Ziel ist es, Angst zu erzeugen und das Vertrauen einer Gesellschaft in ihre eigene Freiheit zu erschüttern. Wenn Menschen aus Sorge vor Gewalt auf Demonstrationen oder öffentliche Feste verzichten, haben Terroristen ihr Ziel erreicht.
Für islamistische Organisationen gelten Pride-Veranstaltungen als Ausdruck dessen, was sie als moralischen Verfall des Westens betrachten.Die ideologischen Schriften der Al-Qaida, des Islamischen Staates oder der Hamas unterscheiden sich in vielen Punkten, nicht jedoch in ihrer Ablehnung homosexueller Menschen. Homosexualität wird darin häufig als schwere Sünde bezeichnet, teilweise wird offen zur Gewalt gegen LGBTQ-Personen aufgerufen.
Während der Herrschaft des Islamischen Staates wurden Männer, denen Homosexualität vorgeworfen wurde, öffentlich hingerichtet. Videos dieser Verbrechen dienten der Einschüchterung und Propaganda. Auch die Hamas verfolgt eine strikt islamistische Weltanschauung. Im Gazastreifen leben homosexuelle Menschen seit Jahren weitgehend im Verborgenen. Internationale Menschenrechtsorganisationen berichten regelmäßig von Diskriminierung, Einschüchterung und Verfolgung queerer Menschen sowohl durch staatliche Stellen als auch durch gesellschaftlichen Druck.
Gerade deshalb überrascht es nicht, dass Pride-Veranstaltungen immer wieder zu Feindbildern islamistischer Propaganda werden. Sie verkörpern genau jene individuelle Freiheit, die islamistische Ideologien ablehnen.
Eine Debatte mit blinden Flecken
Nach Terroranschlägen beginnt meist innerhalb weniger Stunden die politische Einordnung. Auch nach dem Angriff auf den Berliner Christopher-Street-Day war dies nicht anders. Während über Rechtsextremismus, Antisemitismus oder allgemeine Queerfeindlichkeit regelmäßig und zu Recht diskutiert wird, fällt es Deutschland oft schwerer, islamistisch motivierte Homophobie klar zu benennen.
Dabei handelt es sich keineswegs um ein neues Phänomen. Sicherheitsbehörden warnen schon lange davor, dass islamistische Propaganda westliche Freiheitsrechte als Feindbild darstellt. Dazu gehören die Gleichberechtigung von Frauen ebenso wie die Religionsfreiheit oder die Rechte sexueller Minderheiten. Pride-Paraden werden in entsprechenden Veröffentlichungen immer wieder als Symbol einer angeblich »verdorbenen« westlichen Gesellschaft dargestellt.
Trotzdem verläuft die öffentliche Debatte zögerlich. Niemand möchte Muslime unter Generalverdacht stellen oder gesellschaftliche Spannungen weiter verschärfen. Doch genau deshalb ist eine präzise Sprache entscheidend. Islamismus ist keine Religion, sondern eine politische Ideologie. Sie richtet sich nicht nur gegen Juden oder den Westen, sondern ebenso gegen Muslime, die ihre extremistische Auslegung des Islam ablehnen.
Diese Unterscheidung ist wesentlich. Wer die islamistische Ideologie kritisiert, greift nicht Millionen friedlicher Muslime an. Umgekehrt hilft es jedoch auch niemandem, ideologische Motive aus falscher Rücksicht zu verschweigen. Terrorismus lässt sich nur bekämpfen, wenn seine Ursachen und Zielsetzungen offen benannt werden.
Aus israelischer Perspektive wirkt diese Debatte häufig erstaunlich. Hier gehört die Bedrohung durch islamistischen Terror zur sicherheitspolitischen Realität. Große Veranstaltungen wie die Pride-Parade in Tel Aviv werden unter massiven Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt. Straßensperren, Polizeipräsenz und intensive Kontrollen sind keine Ausnahme, sondern Normalität.
Dennoch existieren religiös motivierte Vorbehalte gegenüber Homosexualität, und 2015 wurde die Jerusalem Pride von einem ultraorthodoxen Attentäter angegriffen. Der Staat reagierte jedoch mit einem klaren Bekenntnis: Die Sicherheit der Teilnehmer ist nicht verhandelbar, unabhängig davon, von welcher Seite die Bedrohung ausgeht.
Gerade deshalb wird der Anschlag von Berlin auch in Israel aufmerksam verfolgt. Er erinnert daran, dass der Kampf gegen islamistischen Terror nicht nur jüdische Einrichtungen, Botschaften oder öffentliche Plätze betrifft. Er richtet sich ebenso gegen jene Werte, die liberale Demokratien ausmachen: die Freiheit, das eigene Leben selbst zu bestimmen, unabhängig von Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung.
