Francesca Albanese und ihre »kritischen Theoretiker«. Antiisraelische Gerüchte und ihre akademische Legitimation (Teil 2)

Due UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese
Due UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese (© Imago Images / Anadolu Agency)

Francesca Albaneses Verständnis von Antisemitismus teilen vermutlich die meisten Unterzeichner des offenen Briefs. Dessen Fragwürdigkeit liegt aber nicht nur darin, camouflierte Formen von Judenhass auszublenden, sondern auch darin, antisemitische Ressentiments zu Kritik zu verklären.

Enrico Pfau

Es ist klar, dass die Unterzeichner in den meisten Aussagen Francesca Albaneses nichts Problematisches und erst recht nichts Antisemitisches entdecken. Wie Albanese selbst erklärt, besteht Antisemitismus für sie darin, dass Juden als Juden diskriminiert werden. Dies habe nichts damit zu tun, wie sich Israel als Teil der UN verhalte.

Dieses Verständnis von Antisemitismus teilen vermutlich die meisten Unterzeichner. Die Fragwürdigkeit einer solchen Definition liegt jedoch darin, dass sie camouflierte Formen von Antisemitismus ausblendet, sich mit den Inhalten des antisemitischen Ressentiments gar nicht auseinandersetzen muss oder nur dann, wenn diese Inhalte den Juden als Juden zugeschrieben werden. Der Zusammenhang dieser Inhalte und ihrer Projektion mit den Juden oder Israel muss dabei notwendig unverständlich bleiben.

Die nachfolgend gelisteten Aussagen zeugen indes sämtlich vom Gerücht über die Juden beziehungsweise über den jüdischen Staat. Jedes empirische Detail, jeder Bericht wird so lange verdreht und gewendet, bis er zur Delegitimierung und Dämonisierung Israels taugt, dass es, wie Léon Poliakov formulierte, der »Jude unter den Staaten« wurde.

2. Positionen Albaneses

Im Folgenden soll anhand einiger Aussagen Francesca Albaneses das Problem antisemitischer Projektion entwickelt werden. Dazu zählen

  • die Besessenheit, mit der Israel in grotesker Art und Weise für alles Schlechte verantwortlich gemacht wird, das im Nahen Osten passiert (oder auch nicht passiert),
  • der zwanghafte Vergleich mit dem Nationalsozialismus,
  • die Delegitimierung des Zionismus, die am Ende reale Juden trifft, ob sie nun Zionisten sind oder nicht,
  • der Rückgriff auf Stereotype, die eins zu eins im klassischen Antisemitismus Anwendung fanden.

Israel ist an allem schuld

Das antisemitische Ressentiment macht die Juden für die grundlegenden Übel dieser Welt verantwortlich. So ist Israel – das im zeitgenössischen Antisemitismus häufig als Chiffre für den »kollektiven Juden« dient – für Albanese zum Beispiel auch daran schuld, dass die Palästinenser keine freien Wahlen abhalten können. Demnach sind es nicht etwa die islamistische Hamas, die seit ihrer Machtübernahme in Gaza 2006/2007 keine Wahlen mehr abhält, oder die Fatah, die aus Angst vor einer Hamas-Mehrheit in den Palästinensischen Autonomiegebieten ebenfalls seit Jahren nicht mehr wählen lässt, die den Palästinensern dieses Recht verwehren, sondern ausschließlich der jüdische Staat.

Ferner ist Israel laut einem Bericht von Albanese und anderen UN-Sonderberichterstattern auch der Alleinschuldige an der Zerstörung des Gazastreifens im Krieg, der auf die Hamas-Massaker des 7. Oktober 2023 folgte. Die Zerstörung von Gebäuden sowie Angriffe auf Krankenhäuser, Hochschulen und Umwelt werden in diesem Bericht mit den Neologismen »domicide«, »medicide«, »scholasticide« und »ecocide« (vorsätzliche Vernichtung von Wohnraum, des Gesundheits- und Bildungswesens sowie der Umwelt) beschrieben, um jede Handlung Israels in die Nähe eines intendierten Genozids zu rücken. Dass es eine zentrale Strategie der Hamas ist, zivile Objekte militärisch zu nutzen; dass sie ferner ganze Straßen im Häuserkampf vermint oder den hochwertigsten Beton für Tunnel und nicht für den Häuserbau genutzt hat, wird ebenso systematisch ausgeblendet wie das Kapern von Hilfslieferungen, der Einsatz von Kindersoldaten, die Verfolgung und Ermordung von Abweichlern oder ihre Bereitschaft, die gesamte Bevölkerung Gazas als Märtyrer zu opfern.

Darüber hinaus reproduzierte Albanese bei einer Veranstaltung die erfundene Geschichte über belgische Hunde, die dafür trainiert würden, Palästinenser zu vergewaltigen. Diese Behauptung, die schon länger in den Tiefen der antiisraelischen Gerüchteschmiede kursiert, wurde durch einen Meinungsbeitrag der New York Times salonfähig gemacht, der just zu der Zeit publiziert wurde, als die israelische Zivilkommission ihren umfangreichen Bericht über die sexualisierte Gewalt der Hamas am 7. Oktober veröffentlichte. (Darüber, ob es sich bei der absurden Geschichte um eine Art projektive Abwehr der Vergewaltigungstaten von Hamas und anderen Gruppierungen oder eine bewusste Ablenkung handelt, kann nur spekuliert werden.)

Ein weiteres Beispiel für Francesca Albaneses ubiquitäre Israel-Dämonisierung zeigte sich in einer ihrer Reden im Genfer Hauptquartier der Vereinten Nationen. Dort behauptete sie, es könnten bereits über 680.000 Palästinenser, davon 380.000 Kinder unter fünf Jahren, in Gaza getötet worden sein. Abgesehen von der absurd hohen Gesamtopferzahl, die sogar den berüchtigten Leserbrief in der Fachzeitschrift Lancet [1] um ein Vielfaches übertrifft, ist die von Albanese daraus abgeleitete Zahl der getöteten Kinder mathematisch unmöglich, da laut demPalestinian Central Bureau of Statistics gegen Mitte des Jahres 2024 nur 341.790 Kinder unter fünf Jahren in Gaza lebten.

In einem späteren Interview gab Albanese an, diese Zahlen wegen des Schock-Faktors genutzt zu haben: »Die größte Zahl, die ich in diesem Interview erwähnte, hatte den von mir gewollten Effekt. Sie führte dazu, dass die Menschen den Kopf schüttelten und fragten: ›Was ist da los?‹ Diese Zahlen sind höchst umstritten.«

Das Kolportieren solcher den globalen Antisemitismus schürender Gerüchte ist lediglich ein Teilstück der Strategie, die vermeintlich generelle Schuld des jüdischen Staates an der Destabilisierung des Nahen Ostens im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Dabei ist es wenig verwunderlich, dass die UN-Sonderberichterstatterin die angeblich israelisch induzierte Destabilisierung mit der althergebrachten antisemitischen Metapher der Metastasen, sich ausbreitender Krebsgeschwüre, illustriert. Des Weiteren trage Israel auch an einem möglichen globalen Krieg die Schuld – auch dies ein klassisch antisemitischer Topos vom Juden als Feind des Weltfriedens und der Völker.

Schließlich darf auch der Klassiker antisemitischer Propaganda nicht fehlen, dass nämlich die Juden, oder die Bürger des jüdischen Staats, am Antisemitismus selbst schuld sind. So schrieb Albanese in ihrem ersten Post zum 7. Oktober: »Die heutigen Gewalttaten müssen im Kontext betrachtet werden. Fast sechs Jahrzehnte feindseliger Militärherrschaft über eine gesamte Zivilbevölkerung (die in viel zu vielen offiziellen Erklärungen und Medienberichten auf unfassbare Weise ignoriert wird) sind an sich schon eine Aggression und der Grund für noch mehr Unsicherheit für alle.« Und überhaupt, was hätten die Palästinenser denn anderes tun sollen? Ihre Gewalt sei unausweichlich, weil ihnen seit 55 Jahren das Recht auf Existenz abgesprochen würde – was angesichts der verschiedenen Vorschläge der UNO, Israels und der USA zur Schaffung eines palästinensischen Staates eine schlichte Falschbehauptung ist.

Netanjahu = Hitler

Im Antisemitismus der Nationalsozialisten wurden die Juden, wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer treffend formulierten, »vom absolut Bösen als das absolut Böse gebrandmarkt«. [2] Nach der Shoa, mit der die Nazis der Welt ihr »Böses« eindrücklich offenbart hatten, übersetzte sich der projektive Gehalt des antisemitischen Ressentiments dann perfiderweise in eine Formel, die ausgerechnet die Juden, gerne auch in der Form: »die Zionisten«, zu den neuen Nazis erklärte.

Bei der Bewertung des Staates Israel ist diese offensichtliche Projektion besonders einschlägig. Kein anderer Staat wurde mit so vielen Nazi-Vergleichen überzogen wie der jüdische. Dabei wird einerseits ein falsches Bild der Politik Israels gezeichnet und andererseits der Nationalsozialismus relativiert. Die Opfer von damals werden als die Täter von heute imaginiert, was zur Folge hat, dass sie nicht mehr geschützt werden, sondern vielmehr bekämpft oder zumindest »kritisiert« werden müssen. Das hat für die Täternation und ihre Kollaborateure in Europa und im Nahen Osten auch stets eine Entlastungsfunktion, die bereits kurz nach der Shoa beobachtet werden konnte: Mit der Bombardierung deutscher Städte sei man nun quitt. Später entwickelte sich das Unwort vom »Bombenholocaust«, dessen Ungeist auch auf Palästina-Demonstrationen zu finden ist, etwa in Slogans wie: »From Dresden to Gaza.«

Auf Schuld, Verantwortung und Holocaust stellt auch Francesca Albanese ab, wenn sie die Deutschen dazu aufruft, es nicht schon wieder zu einem Genozid kommen zu lassen, der dieses Mal von Israel an den Palästinensern verübt werde. Angesichts eines Bildes von Netanjahu in einer Gruppe amerikanischer Abgeordneter denkt sie an ein ähnlich aussehendes Bild von Hitler im Reichstag. Der Gazastreifen wird von ihr mit einem Konzentrationslager verglichen: »Gaza: Im größten und schändlichsten Konzentrationslager des 21. Jahrhunderts verübt Israel Völkermord an den Palästinensern – ein Stadtviertel nach dem anderen, ein Krankenhaus nach dem anderen, eine Schule nach der anderen, ein Flüchtlingslager nach dem anderen, eine ›Sicherheitszone‹ nach der anderen.«

Begriffe wie Genozid oder Konzentrationslager werden inhaltlich entkernt und bloß als sprachliches Instrument zur Evokation von Empörung verwendet. Jeder, der sich schon einmal ernsthaft mit der Logik der Konzentrationslager der Nazis beschäftigt hat, wird in Gaza kein solches Lager erkennen können. Wer einen Genozid unterstellt – der Israel in wahnhafter Weise vielfach schon seit 1948 oder 1967 und nicht erst seit dem jüngsten Gaza-Krieg zur Last gelegt wird und in der antizionistischen Propagandageschichte eine lange Tradition hat –, muss die Absicht beweisen, anstatt von der Wahrnehmung der vermeintlichen Opfer aus zu argumentieren. Ansonsten reichte für das Verdikt des Völkermords bereits das Gefühl von Menschen aus, die sich in ihrer kollektiven Identität geschädigt sehen.

Wenn die politisch relevanten Parteien der Palästinenser – und hier spricht die Charta der PLO durchaus eine ähnliche Sprache wie die der Hamas – ganz offen die Herstellung der palästinensischen Nation nur dadurch zu erreichen gedenken, dass sie Israel von der Landkarte tilgen – und dabei womöglich einen Genozid verüben –, muss aus ihrer Sicht all das als genozidale Politik am palästinensischen Volk verstanden werden, was sie von der Verwirklichung ihrer eigenen Vernichtungsagenda abhält. Hieraus erklärt sich auch die bereits zuvor hervorgehobene Inflation des Genozidbegriffs, wie er gegen israelische Selbstverteidigungsmaßnahmen vorgebracht wird.

Während Albanese Israel auf solche Weise mit dem Nationalsozialismus identifiziert, hat sie für die Hamas, die in ihrer Charta und in den Verlautbarungen ihrer Funktionäre ganz offen eine vernichtungsantisemitische Agenda verfolgt, mal verharmlosende, mal unterstützende Worte übrig. Darüber hinaus dethematisiert sie die weit verbreitete Judenfeindlichkeit in der arabischen Welt bis weit in die Vergangenheit hinein: »Juden wurden in Europa diskriminiert, nicht in Westasien und auch nicht in der arabischen Welt, wo sie tatsächlich willkommen waren, nachdem sie aus Spanien und anderen Teilen Europas vertrieben worden waren.« Arabische Pogrome gegen Juden und ihre Unterwerfung als Dhimmis scheint es in Albaneses Geschichtsbild nicht zu geben.

Auch behauptet sie, der 7. Oktober sei keine antisemitische Tat gewesen, sondern habe sich »nur« gegen Israel gerichtet und unglücklicherweise auch gegen israelische Zivilisten, weil sie Besatzer seien. Bereits 2014 sprach sich Albanese für eine bewaffnete Hamas aus: »Israel fordert einen entmilitarisierten (und ‚von der Hamas befreiten‘) Gazastreifen. Damit es dann dort genauso herrschen kann wie im Westjordanland?« Auf einer von der Hamas organisierten Konferenz beschwor sie die versammelte Menge: »Sie haben das Recht auf Widerstand gegen diese Besatzung.«

Zionismus als größte Bedrohung

All das steigert sich dahingehend, dass im Weltbild postkolonial geprägter Akteure – und eben auch Francesca Albaneses – oft nicht mehr nur konkrete Handlungen der israelischen Regierung oder der Streitkräfte das Urteil eines Genozids rechtfertigen sollen, sondern die Existenz des Staates Israel als solche einem Völkermord an den Palästinensern gleichkommt. Die ganze israelische Gesellschaft erscheint in diesem Wahnbild als genozidal: »Wir müssen uns der Realität stellen und das Ausmaß des Grauens begreifen, das wir angerichtet haben. Wie jede Gesellschaft, die Völkermord begeht«, wie Albanese die Autoren Amos Goldberg und Daniel Blatman zustimmend zitiert.

Für die UN-Sonderberichterstatterin hat diese Entwicklung ihren Ursprung bereits im Zionismus selbst, von dessen vielgestaltiger empirischer Wirklichkeit sie keinen Begriff haben will. Die Al-Jazeera-Dokumentation »Israelism« (»Israelismus«) empfehlend, sagt sie: »Die Gründungsideologie (und Lüge) Israels führt nun zu einem Völkermord« – ein Urteil, das bereits die Nazis über den Zionismus fällten.

Die Nationalbewegung der Juden angesichts des mörderischen Antisemitismus in Europa, der diese Bewegung im Grunde erst initiierte und ihr im 20. Jahrhundert unter der jüdischen Bevölkerung einen enormen Zulauf bescherte, als Lüge zu bezeichnen, befördert eine falsche und nur dem Antizionismus dienende Trennung von Juden und Zionismus. Falsch ist diese Trennung nicht, weil alle Juden Zionisten gewesen wären, sondern weil Albaneses Behauptung den maßgeblichen Grund für die jüdische Nationswerdung leugnet oder zumindest für nichtig erklärt: den Hass und die Verfolgung aller Juden durch die Antisemiten.

Dass nicht alle Mitglieder einer Gruppe Teil einer Nationalbewegung waren oder sind, gilt indes auch für andere Kollektive oder als Gemeinschaft betrachtete Ansammlungen von Individuen. Dennoch würden viele ohne große Umschweife von der kurdischen oder der palästinensischen Nationalbewegung sprechen. Der Unterschied zwischen den tatsächlich aktiven Nationalisten und Leuten, die sich »bloß« als Kurden oder Palästinenser verstehen, spielt in diesen Fällen in der Regel keine Rolle.

Im Fall der Juden trifft es aber alle Mitglieder dieser Gruppe, wenn die damit verbundene Nationalbewegung als genozidal verunglimpft wird. Es sei denn, sie schwören, wie im postmodernen Jewsplitting üblich, dem als böse verfemten Zionismus öffentlich ab und positionieren sich als ›gute diasporische Juden‹ – ein Ritual, das seit dem 7. Oktober zusehends weniger dabei hilft, aus der Schusslinie des Antisemitismus zu geraten. Zugleich hört man von Antizionisten nur wenig über die Anti-Hamas-Proteste in Gaza, respektive werden jene Palästinenser verunglimpft und bedroht, die auf Kompromiss und Ausgleich mit Israel hinarbeiten oder auf Probleme in der eigenen Nationalbewegung verweisen. Im Antisemitismus werden beide Pole – »die Zionisten« und »die Palästinenser« – als monolithische Blöcke konstruiert. Politische Differenzen innerhalb der Pole spielen keine Rolle oder werden in den eigenen Reihen als Anlass für Verratsvorwürfe verwendet.

Alter Antisemitismus im antizionistischen Gewand

Albanese bedient regelmäßig antisemitische Stereotype, wenn sie gegen Israel hetzt. Vor ihrer Karriere als Sonderberichterstatterin sprach sie sogar davon, dass die USA unter jüdischem Einfluss stünden und Europa einem ›Schuldkult‹ erlegen sei: »Amerika und Europa – das eine unterworfen von der jüdischen Lobby, das andere von den Schuldgefühlen wegen des Holocaust.« Später distanzierte sie sich pflichtschuldig von der Formulierung – mit der Erklärung, sie habe natürlich die »Israel-Lobby« gemeint, als sie von der »jüdischen Lobby« sprach. Seither schwadroniert sie ohne Umschweife und in trauter Eintracht mit rechtsextremen Antisemiten wie Tucker Carlson von einer Unterwanderung durch die zionistische Lobby.

So glaubte sie etwa in Bezug auf die Berichterstattung der BBC feststellen zu können: »Die israelische Lobby steckt in euren Adern und Systemen.« Abgesehen von der Tatsache, dass gerade der britische Sender nicht erst seit dem 7. Oktober mit einer klar antiisraelischen Berichterstattung aufgefallen ist, was Albaneses Vorwurf noch absurder werden lässt, gilt: Die bloße Ersetzung des Wortes »Jude« durch die Wörter »Israeli« oder »Zionist«, wie sie in der Umwegkommunikation des Post-Shoah-Antisemitismus üblich ist, wird das Geraune von der Medienbeeinflussung nicht weniger antisemitisch. Nicht, weil es nicht grundsätzlich Beeinflussung durch verschiedenste Akteure und Lobbys geben kann und gibt, sondern weil sie in diesem speziellen Fall schlicht als unhinterfragbare Tatsache gilt, ohne dass dafür irgendwelche Belege angeführt würden.

Alles an journalistischer Berichterstattung, das dem Wahnbild Albaneses und ihrer Geistesgenossen widerspricht, wird dem Einfluss der »Israel-Lobby« zugesprochen. Andere Gründe – etwa die in der Berichterstattung über den sogenannten Nahostkonflikt ohnehin nur selten eingehaltenen journalistischen Standards, oder die Meinung beziehungsweise Position eines konkreten Journalisten – werden überhaupt nicht in Betracht gezogen. Letztlich gilt ihr die BBC als zionistisch unterjocht, weil sie nicht so offen israelfeindlich agiert, wie Albanese sich das wünschen würde.

Die Vorstellung von einer bis in die Substanz hineinreichenden ›Verjudung‹, die politisch korrekt als ›Israelisierung‹ adressiert wird, lässt auch weit entfernte Ereignisse als Symptom ein und derselben Ursache erscheinen. So sieht Albanese eine Verbindung zwischen Bränden in den Palästinensergebieten und den Waldbränden in Los Angeles und zitiert zustimmend die antiisraelische Plattform Mondoweiss: »Die Brände, die heute in Palästina und Los Angeles wüten, sind Symptome derselben Krankheit: eines Systems, das Eroberung über die Bewahrung, Profit über Menschen und Expansion über das Leben stellt.« Wie in ihrer – in Teil 1 analysierten – Rede bei Al Jazeera spricht sie nicht explizit von Israel, insinuiert aber, dass Israel die Inkarnation der größten Übel dieser Welt ist. Diese Anschauung wird auch durch den auf Palästina-Demonstrationen so beliebten erlösungsantizionistischen Slogan »Palestine will free us all« (»Palästina wird uns alle befreien«) ausgedrückt, den sie sich in abgewandelter Form auch zu eigen macht: »Wenn Palästina frei sein wird (…), werden wir alle frei sein.«

Die antisemitische Verunglimpfung appelliert an tiefsitzende Abneigungen, die als Sorge um die Welt rationalisiert werden, um den Kampf gegen das vermeintlich böse Prinzip zu rechtfertigen. Das ist ein Grund für die Anziehungskraft, die etwa die seit dem christlichen Mittelalter kolportierte Ritualmordlegende ausübt, der zufolge Juden Kinder opfern und ihr Blut konsumieren würden. Wie viele zeitgenössische Antisemiten bringt Albanese diese wirkmächtige Legende mit dem jüdischen Staat in Verbindung.

Als jemand unter einem ihrer antizionistischen Posts behauptete, die Juden seien fähig, Menschenfleisch zu essen, antwortete sie: »Bitte schreiben Sie nicht dem gesamten jüdischen Volk zu, was Israel tut.« Der traditionell antisemitische Gehalt des »Gerüchts über die Juden« (Adorno) wird »nur« auf israelische Juden begrenzt. Die Grenze zwischen metaphorischer und wortwörtlicher Sprache verschwimmt und am Ende bleibt zurück, dass Israel – das hier wie so oft als eine Art Kollektivsingular beziehungsweise »als »Jude unter den Staaten« (Poliakov) adressiert wird – Menschenfleisch verschlinge: Nicht, weil in Kriegen Menschen getötet werden, sondern weil Israel danach giere.

Der Antisemitismus verfolgt sein Bild vom Juden und Jüdischen in realen jüdischen Menschen – aber nicht nur. So existiert auch ein Antisemitismus ohne Juden, in dem »das Jüdische« mitunter nicht als festbezeichnete Gruppe, sondern als geistiges Prinzip gefasst wird, das sich überallhin ausbreiten und in die verschiedensten Milieus und Gesellschaftsbereiche diffundieren könne. Der traditionelle Antisemitismus benutzte für diese Vorstellung den Terminus der »Verjudung«. Der Transformierung des Judenhasses nach der Shoah gemäß verwendet Albanese den Begriff der »Israelisierung«, um dasselbe auszudrücken.

So sprach sie auf einer Tagung in Athen darüber, dass bestimmte UNO-Staaten Israel unterstützen und zugleich Überwachungstechnologie kaufen würden, um »die Sicherheitsmaßnahmen in ihren Gesellschaften zu verschärfen«. »Das ist die Israelisierung unserer Gesellschaften«, warnte sie und fügte hinzu, was die Rettung sein könnte: »Wenn es eine Israelisierung unserer Gesellschaften gibt, gibt es auch eine Palästinisierung einiger Gesellschaften, und das geschieht bereits.« Anschließend fordert sie: »Solange die israelische Besetzung Palästinas (…) nicht vollständig und bedingungslos beendet ist, dürfen die UN-Mitgliedstaaten Israel in keiner Weise unterstützen oder beistehen.«

Mit Kritik an ihrer Warnung vor einer »Israelisierung Europas« konfrontiert, bemühte sie sich wieder einmal, zu konkretisieren und klarzustellen, wie sie mit dem Begriff gemeint haben will – und verwies dazu auf das Buch »The Palestinian Laboratory. How Israel Exports The Technology Of Occupation Around The World« (»Das Palästinensische Labor. Wie Israel Besatzungstechnologie in die ganze Welt exportiert) von Anthony Loewenstein. In einem Webinar für United Staff for Gaza – einem informellen Zusammenschluss ehemaliger und aktueller UN-Mitarbeiter in Gaza – führte sie anhand des Wahlrechts weiteres Beispiel für das aus, was ihr »Israelisierung« heißt. Viele Menschen, so führte sie aus, seien von Wahlen ausgeschlossen und »[w]er nicht wählt, kann als unerwünschte Belastung behandelt werden. (…) Diese Menschen sind bereits unter uns, Migranten und Flüchtlinge, (…). Schauen Sie sich an, wie Europa mit ihnen umgeht.«

Zwar wurde historisch auch gelegentlich von Sinisierung oder Russifizierung gesprochen, aber das beschränkte sich immer auf ein Land und war meist kulturell gemeint. »Israelisierung« hingegen ist in Albaneses Wahrnehmung ein Vorgang, der alle »unsere« Gesellschaften betrifft.

Technologie und rechtliche Differenzierung zwischen Staatsbürgern und Nichtstaatsbürgern werden als »israelisch« attribuiert, nicht der Herkunft, sondern der Funktion wegen. Profitstreben und Macht auf dem Weltmarkt sowie Sicherheitsinteressen von Staaten werden generell als »israelisch« gedeutet, wodurch der eigentliche Feind markiert ist. Palästina wird zum »idealen Versuchslabor für den israelischen militärisch-industriellen Komplex« erklärt. Der ganze Weltapparat, so wird insinuiert, sei das Resultat eines sinistren Plans oder eines nachgerade substanzhaften ›israelischen Geistes‹. Bereits 2014 sprach Albanese daher vom »Orwellschen Albtraum, der erneut durch Israels Gier erzeugt« worden sei. Jeder, der Orwells »1984« gelesen hat und die Rezeptionsgeschichte des Buches kennt, weiß vom verschwörungsideologischen Gehalt, den solche Aussagen haben.

Fazit

Derartige Fantasien sind Ausdruck eines manichäischen Schemas, in dem Israel als die Verkörperung des Bösen den Palästinensern als Verkörperung des Guten gegenübergestellt wird. In einer – bereits kurz zitierten – Rede Albaneses wird dies ebenso deutlich wie der Erlösungsgedanke, der damit verbunden ist:

»Ich sehe jenseits dieser Dunkelheit den Schimmer einer Welt, in der wir das Leben der Herrschaft vorziehen, Fürsorge der Ausbeutung, Solidarität dem Individualismus, Menschlichkeit dem Konsumdenken, Heilung der Betäubung und Liebe der Angst. Eine Welt, die sich daran erinnert, was indigene Völker schon immer gewusst haben: Diese Erde gehört uns nicht, um sie zu besitzen, sondern um sie zu schützen. Sie ist uns von unseren Kindern geliehen, nicht von unseren Vorfahren vererbt. Und wenn Palästina frei sein wird – denn es wird frei sein –, werden wir alle frei sein.«

Nicht nur die abstrakte Gegenüberstellung und durchsichtige Verteilung von Gut und Böse ist hier augenfällig. Vielmehr werden die aufgemachten Pole zu bloßen Jargonwörtern, bei denen die Wahl immer schon feststeht: Wer – außer ein »israelisierter« Individualist, dem Solidarität fremd ist – würde schon Herrschaft und Angst dem Leben und der Liebe vorziehen? Wer sich auf die Seite des Konsumdenkens und nicht auf die der Menschlichkeit stellen?

Die menschlich daherkommende Forderung, die Solidarität über den Individualismus zu stellen – statt eine solidarische Gesellschaft von Individualisten anzustreben –, ist nur ein auf links getrimmtes Echo des altbekannten antisemitischen Slogans »Gemeinnutz geht vor Eigennutz«. In Albaneses antimodernistischem, die Natur und die sogenannten Urvölker verklärenden Weltbild, hat das Individuum in der Gemeinschaft aufzugehen. Die Welt, wie sie ist, soll nur noch erhalten werden. Jede Generation hat sie an die nächste weiterzugeben und darf keinerlei weitergehende Ansprüche an sie stellen. Dieses Bild einer vormodernen Einheits- und Reinheitsharmonie wird schließlich als Freiheit der Menschheit ausgegeben. In erlösungsantisemitischer Manier soll sie erreicht werden, indem das vermeintliche Hindernis zu diesem paradiesischen Freiheitsreich beseitigt wird: die als »Zionisten« adressierten Juden oder Israel, der »Jude unter den Staaten«.

Anmerkungen:

[1] Dieser Leserbrief ist nur eine Prognose und wendet spekulativ Daten vergangener Kriege auf den Konflikt in Gaza an. Dadurch ergaben sich Opferzahlen in Höhe von 186.000 und mehr. Solche Prognosen können als Worst-Case-Kalkulation sinnvoll sein, wurden aber oft als faktische Opferzahl herumgereicht.

[2] Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. In: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Bd. 5, Frankfurt/M. 1997, S. 197.

Ich danke den Mitgliedern des AK Antisemitismuskritik der Gesellschaft für kritische Bildung für wertvolle Hinweise und Unterstützung.

Teil 3 erscheint morgen hier.

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