Francesca Albanese und ihre »kritischen Theoretiker«. Antiisraelische Gerüchte und ihre akademische Legitimation (Teil 3)

Hat offenen Brief für Francesca Albanese mitunterschrieben: die Philosoph Eva von Redecker
Hat offenen Brief für Francesca Albanese mitunterschrieben: die Philosoph Eva von Redecker (© Imago Images / Horst Galuschka)

Auf den ersten Blick erscheint es befremdlich, dass selbsternannte kritische Wissenschaftler sich öffentlich mit einer Person solidarisieren, die mit antisemitischen Äußerungen auffällt. Doch sind das Denken Francesca Albaneses und das der Theoretiker, die sich für sie einsetzen, zumindest teilweise durch ähnliche Strukturelemente geprägt.

Enrico Pfau

Gegen die im offenen Brief von Daniel Loick & Co. erhobenen Vorwürfe einer Denunziation Francesca Albaneses sowie eines Angriffs auf die Wissenschaft wurde – in Teil 2 – der Zusammenhang der bei Albanese allenthalben zu findenden antisemitischen Schemata rekonstruiert. Israel trägt für die UN-Sondergesandte Schuld an allem möglichen Bösen in der Welt – so auch am antisemitischen Hamas-Massaker vom 7. Oktober. Systematisch wird Nazideutschland mit dem jüdischen Staat gleichgesetzt, der aufgrund seiner bloßen Existenz genozidal sei. In der daraus an alle Juden gerichteten Forderung, sich vom Zionismus zu distanzieren, wird die stets angeführte Trennung von Juden und Zionisten zugleich zurückgenommen. All das zusammengenommen bedient Albanese in ihrer Agitation immer wieder klassische antisemitische Stereotype.

III. »Kritische Wissenschaft« und Ressentiment

Auf den ersten Blick erscheint es befremdlich, dass selbsternannte kritische Wissenschaftler sich öffentlich mit einer Person solidarisieren, die wiederholt mit antisemitischen Äußerungen aufgefallen ist und weiterhin auffällt. Weiter oben wurde die These vertreten, dass das Denken Albaneses und jenes der »kritischen Wissenschaftler«, die sich für sie einsetzen, zumindest teilweise durch ähnliche Strukturelemente geprägt ist. Inwiefern dies tatsächlich der Fall ist, soll im Folgenden ausgeführt werden.

Vergleicht man etwa Albaneses konkretistische Gesellschaftskritik im Namen von Naturverbundenheit, Harmonie, Homogenität und Reinheit indigener oder autochthoner Gemeinschaften mit Daniel Loicks Charakterisierung der von ihm gepriesenen Gegengemeinschaften als »unreine Praxiskontexte« [1], scheint es zunächst kaum Überschneidungen zu geben.

Gemeinsamkeiten existieren zwar insofern, als Gesellschaftskritik unter dem Motto der Anknüpfung an soziale Kämpfe hier wie dort zu einer moralistischen Überhöhung der wirklich oder vermeintlich Subalternen gerät. Im Gegensatz zu Albanese glorifiziert Loick die Subalternen jedoch nicht aufgrund ihrer angeblich harmonischen Naturverbundenheit oder ihrer traditionell-solidarischen Lebensweise. Die – nicht zuletzt moralische – ›Überlegenheit der Unterlegenen‹ basiert bei ihm ganz explizit nicht auf einer ursprünglichen Reinheit oder ungebrochenen Identität. Die ihren Unterdrückern und Peinigern überlegene Sittlichkeit der Diskriminierten und Ausgeschlossenen speist sich bei Loick vielmehr aus den besonderen gegengemeinschaftlichen Praktiken, mit denen die Unterdrückten auf ihre subalterne soziale Stellung reagieren.

Folgt man Loicks Ansatz, dann ist es gerade »die aufgrund ihrer sozialen Situiertheit intensive Erfahrung der Konfliktualität, Widersprüchlichkeit und Spannung« – sowohl untereinander als auch im Kontakt mit ihren Unterdrückern –, die Gegengemeinschaften zum normativen Maßstab und Vorbild emanzipatorischer Gesellschaftstransformation machen: »Denn anders als die Mitglieder dominanter Gruppen – anders als ›der durchschnittliche weiße Amerikaner‹ (oder Deutsche) – sind sie es gewohnt, mit Widersprüchen und Kontestationen umzugehen. Die Sittlichkeit von Gegengemeinschaften hat Fähigkeiten und Einstellungen kultiviert, die dynamisch und transgressiv sind.« [2]

Auf Israel angelegt

Hypothetisch zugespitzt ließe sich die Anwendung von Loicks Theorie einer ›Überlegenheit der Unterlegenen‹ auf den Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel in etwa so vorstellen: Die angeblich genozidale Bedrohung der Palästinenser ist die Bedingung für die Herausbildung einer spezifischen gegengemeinschaftlichen Sittlichkeit der solcherart Unterdrückten, die der herrschenden oder hegemonialen Moralität der Israelis überlegen sei. Denn, so Loicks standpunkttheoretische Annahme: »Jemand kann politisch, ökonomisch, sozial oder kulturell unterdrückt sein, aber dennoch einen epistemischen, normativen, ästhetischen oder affektiven Vorteil haben.« [3] Vorteile dieser Art kommen den Unterdrückten allerdings nicht automatisch und zwangsläufig aufgrund ihrer ›sozialen Situiertheit‹ zu. Erst der abolitionistische Kampf für »die Aufhebung, nicht die Verbesserung der bestehenden Gesellschaft« [4], mache aus den sozial Benachteiligten eine sittlich überlegene Gegengemeinschaft. [5]

Die zentrale Stellung des Kampfes als Grundlage der sittlichen Überlegenheit bei Loick könnte zusammen mit seinen öffentlichen Positionierungen für die ›pro-palästinensischen‹ Kräfte zumindest dahingehend verstanden werden, dass Hamas, Palästinensischer Islamischer Dschihad, PFLP usw. »Gegengemeinschaften« sind – zumal sein allegorisches Lob für die gegengemeinschaftlichen »Maulwürfe«, die »ihre Gänge ausdehnen und ihre Territorien erweitern« [6], diese Assoziation evoziert. [7] Allerdings würde eine emanzipatorische Gegengemeinschaft, wie sie Loick vorschwebt, wohl kaum jegliche Opposition und alternativen Lebensentwürfe gewaltsam unterdrücken oder sich die Vertreibung, Versklavung oder Vernichtung von Juden auf die Fahne schreiben, wie die Hamas dies tut. Man könnte also zumindest erwarten, dass der »kritische Wissenschaftler« sich hier eindeutig abgrenzt.

Loick neigt aber nicht nur dazu, ›die Subalternen‹ geradezu (polit-)existentialistisch zu einer moralisch überlegenen Gegengemeinschaft zu fetischisieren. Er setzt auch, wie Albanese, ganz selbstverständlich einen israelischen Genozid voraus – und gerät in der vermeintlichen Begründung für diese Annahme auf gleichsam verschwörungstheoretisches Gelände. So beantwortet er (zusammen mit Vanessa Thompson) die Frage, warum der behauptete Genozid gerade jetzt stattfinde, anknüpfend an Achille Mbembes These von der »Nekropolitik« mit einem (gesellschafts-)ökonomischen Argument.

Israel wolle die Überflüssigen als unproduktiven Kostenfaktor und potentiell Aufständische entweder aktiv vernichten oder sie in einer »nekropolitischen« bzw. »strafenden Vernachlässigung« gezielt sich selbst überlassen. [8] »Diese carcerale Wende hin zu Strafmaßnahmen, mit denen gesellschaftliche Probleme ›bewältigt‹ werden sollen, ist Ausdruck der staatlichen Steuerung relativer Überschussbevölkerungen.« [9] Für Loick und Thompson ist »der israelische Genozid an den Palästinensern« Faktor und Indikator einer faschistischen Krisenlösung, die soziale Probleme mit staatlicher Gewalt zu lösen versucht: »ein Versuch, ein Volk auszulöschen, das als überflüssig erachtet wurde.« [9]

Wie auch bei Albanese spielt in diesen Erklärungen der Antisemitismus als zentrale Ursache des Konflikts keine Rolle – ebenso wenig wie der palästinensische Überfall und das genozidale Hamas-Massaker als auslösendes Ereignis des Gaza-Krieges. Schon die beiden Intifadas haben ob der berechtigten Angst vor den andauernden palästinensischen Attentaten auf die israelische Zivilbevölkerung dazu geführt, dass weniger Palästinenser von israelischen Unternehmen beschäftigt wurden als zuvor. Und doch wäre es selbstredend vollkommen wahnwitzig, das Hamas-Massaker als Widerstand gegen die zunehmende eigene Überflüssigkeit zu deuten.

Vielmehr ist es umgekehrt so, dass erst durch den 7. Oktober die meisten Arbeitsgenehmigungen für Palästinenser (über 100.000) von der israelischen Regierung ausgesetzt wurden – sehr zum Schaden der israelischen Wirtschaft wie der palästinensischen Beschäftigten, die nun langsam durch andere Arbeitskräfte ersetzt werden. Die palästinensischen Arbeitskräfte wurden also nicht deshalb von den Israelis nicht mehr beschäftigt – und somit überflüssig –, weil diese lieber die philippinische Billiglohnkonkurrenz für sich arbeiten lassen, sondern weil sie im Anschluss an den von der palästinensischen Zivilbevölkerung vielfach gefeierten 7. Oktober – aus nachvollziehbaren Gründen – als Sicherheitsrisiko wahrgenommen wurden.

Nicht zuletzt ließe sich fragen, wie viel Verantwortung eigentlich den palästinensischen Regierungen dafür zukommt, dass sie trotz der umfangreichen internationalen Unterstützung keine eigene Nationalökonomie jenseits von Tunnelbau und Terrorrenten aufgebaut haben.

Der Erklärungsansatz von Daniel Loick und Vanessa Thomson hingegen suggeriert eine absichtliche, geplante oder durch die faschistische Lösung kapitalistischer Krisen motivierte Vernichtung der Palästinenser durch Israel. Der Gaza-Krieg wird nicht als Reaktion auf das genozidale und antisemitische Massaker der Hamas vor dem Hintergrund eines hochkomplexen Konflikts zwischen verfeindeten Bevölkerungsgruppen einer Region verstanden, sondern als davon unabhängig stattfindender Feldzug zur Vernichtung der überflüssigen, weil nicht mehr verwertbaren Arbeitskräfte.

Sicherlich ist der Kapitalismus, wie die Nazis es ausgedrückt haben, ›ursprungs-, volks- oder kollektivzersetzend‹, weil ihm solche gemeinschaftlichen Bindungen nur instrumentell für die Akkumulation und nicht als Selbstzweck in Betracht kommen. Potenziell ist damit jeder Einzelne auf sich gestellt. Die Auflösung traditioneller Abhängigkeiten und Zwangskollektive erscheint hier aber als Mangel und nicht als historischer Fortschritt. Das diesem modernen Mangel vermeintlich vorausgehende Volk oder die solidarische Gegengemeinschaft werden gegen eine als absolut menschenfeindlich gedachte Wirtschaft und Verwaltung in Stellung gebracht.

Israel wird dann, bei Loick wie bei Albanese, als Inkarnation oder bedeutendster Repräsentant und Vollstrecker eines Systems verstanden, das unnütze beziehungsweise überkommene Bevölkerungsteile entsorgt oder dem Tod überlässt. Das bringt alle konkreten Gründe für den Tod von Palästinensern zum Verschwinden oder ordnet sie als bloße Erscheinungen eines größeren Plans ein. Dieser Plan wird aber in typisch verschwörungsideologischer Denkweise als allumfassendes Unterfangen aufgefasst.

Mit der »Deportation, Kriminalisierung, organisierten Vernachlässigung oder schlichtweg Vernichtung« von »Migranten und Flüchtlingen, Feministinnen, trans- und gender-nicht-konformen Menschen, Arbeitslosen und anderen Leuten, die als unproduktiv konstruiert werden, ebenso Linken und anderen politischen Gegnern« [10] würden die zunehmend faschistisch agierenden Staaten das Kapitalinteresse exekutieren. Die Politik der Faschisierung, so die dahinterstehende instrumentelle Staatsauffassung im Anschluss an Georgi Dimitroff, sei letztlich nur der Vollzug der Interessen des Kapitals, so als ob die Bevölkerungspolitik mit dem Kapitalinteresse des Staates zusammenfallen würde und Staats- und Kapitalinteresse direkt miteinander identisch wären. Dass sie das nicht sind, gilt für Israel umso mehr, dessen Staatsinteresse der Schutz der Juden vor Verfolgung ist.

Durch die von Loick konstruierte unmittelbare Einheit aber wird der Zionismus per se als kapitalistisch aufgefasst, wie umgekehrt der Kapitalismus als zionistisch – und Israel wird zum inhärent expansionistischen und alle vermeintlich naturwüchsigen Grundlagen aufsaugenden Gebilde erklärt. Palästina wiederum wird zum Experimentierfeld dieser vermeintlich von Israel ausgehenden und auf andere Regionen übergreifenden Machenschaften phantasiert. Albaneses Formel von der »Israelisierung« lässt grüßen.

Komplexitätsreduktion

Besagte Experimentierfeldthese über Gaza teilt nicht zuletzt auch die Philosophin Eva von Redecker, die den offenen Brief für Albanese ebenfalls unterschrieben hat. Dass sich viele große politische Bewegungen der Gegenwart, wie Fridays for Future oder Black Lives Matter, mittlerweile hauptsächlich auf Palästina konzentrieren, ist für von Redecker zwar komplexitätsverdrängend, reagiere aber auf einen realen Wahnsinn, »weil es ein Labor ist für vieles, was kommen könnte. Das Völkerrecht wird ausgesetzt, eine künstliche Hungersnot hergestellt, eine Weltgegend unbewohnbar gemacht. Sich auf solche Szenen auch an anderen Orten vorbereiten zu müssen, das steht tatsächlich in der Gegenwart auf dem Spiel.«

Neben der Laborthese, der sowohl ein verschwörungsideologisches Element als auch die antisemitische Kernthese von den Juden und ihrem Staat als Ursprung des Bösen respektive einer völkervernichtenden Praxis inhäriert, fallen die radikale Einseitigkeit und das manichäische Schema auf, in das der israelisch-palästinensische Konflikt nicht nur von Albanese, sondern auch von den besagten »kritischen Theoretikerinnen« gepresst wird. Die Talking Points von Redeckers erklären Israel zum Alleinschuldigen der Lage in Gaza und lassen die Hamas und andere palästinensische Akteure außen vor.

So werden etwa Art und Umfang des Völkerrechtsbruchs von der Philosophin gar nicht erst bestimmt. Die fälschlicherweise als »Hungersnot« bezeichneten zeitweiligen Versorgungsengpässe in Gaza werden allein Israel in die Schuhe geschoben – ungeachtet der Frage, wann und wie viele Hilfslieferungen nach Gaza gelangten, nicht adäquat verteilt oder aber von der Hamas und anderen Gruppierungen gestohlen wurden. Die Unbewohnbarkeit des Gazastreifens scheint ebenfalls allein dem israelischen Bombardement geschuldet – und nicht auch der Tatsache, dass die Hamas die zivile Infrastruktur mit voller Absicht zu militärischen Zwecken verwendet, Waffen in Schulen und Krankenhäusern lagert, die Grenze zwischen Kombattanten und Zivilisten unkenntlich macht und den Küstenstreifen so umfassend untertunnelt hat, dass der Wiederaufbau vieler Gebäude schon deshalb eine große Herausforderung darstellt.

Auch von Redecker folgt dabei dem schon von Albanese bekannten Israelisierungsphantasma, wenn sie erklärt, dass die in Palästina erprobten Zustände bald auch anderswo drohten. Die systematische Dethematisierung der eigentlichen Gründe des Konflikts im Allgemeinen und des Krieges im Besonderen, ja die völlige Verharmlosung der palästinensischen Nationalbewegung und der Hamas, deren diskursive Nivellierung den Eindruck erweckt, die israelischen Streitkräfte hätten überhaupt keinen realen Gegner gehabt, sondern wahllos in Gaza gewütet und gemordet, folgt nicht zuletzt der im Antisemitismus gängigen Täter-Opfer-Umkehr.

Dabei ist sich Eva von Redecker nicht zu schade, den Kampf gegen den seit dem 7. Oktober zunehmend eskalierenden Antisemitismus in die Nähe des Faschismus zu rücken. Faschismus wird bei ihr zur Verteidigung von »Phantombesitz«, also von imaginären Verfügungs- und Herrschaftsansprüchen über Andere oder die Nation, über Institutionen, Traditionen, Land und Werte auch nach der Abschaffung der realen Herrschafts- und Verfügungsverhältnisse. Der Faschismus verteidige diese Ansprüche gegen imaginäre Feinde, die auf die eine oder andere Art vernichtet werden sollen. So erklärt von Redecker, um ihren Begriff Phantombesitz zu erläutern: »Oder es sind die Muslime und Musliminnen, die angeblich jetzt das Leben unserer – Phantombesitz, Phantombesitz – jüdischen Mitbürgerinnen unmöglich gemacht haben« – und legt beim Sprechen einen besonderen Nachdruck auf das Wort »unserer«.

Dessen ungeachtet, dass eine große Mehrzahl der Juden in der Diaspora und nicht zuletzt in Deutschland erklärt, unter dem persistierenden Judenhass zu leiden, werden Juden von ihr zum Phantombesitz eines »paternalistischen Philosemitismus« erklärt, der »um jeden Preis ›geschützt‹ und gegen zumindest partiell phantasmatische Figuren wie ›importierte Antisemiten‹ oder ›linke Hamas-Versteher‹ verteidigt werden« muss.« [11] Was nun real oder nur phantasmatisch bedrohlich an diesen Figuren ist, bleibt offen und unterstreicht die Unschärfe und damit die Untauglichkeit des Begriffs »Phantombesitz« als Analysekategorie. [12]

Das Possessivpronomen als Beweis für eine vermeintliche Phantombesitz-Haltung gegenüber den Juden ins Feld zu führen, ist dabei ähnlich absurd, als würde man einer Person vorwerfen, sie spräche von »meiner Bank« oder »meinem Friseur«, obwohl weder die Bank noch der Friseur ihr gehören. Possessivpronomen können aber auch in einem anderen Sinne gebraucht werden. In Ermangelung einer besseren Alternative darf und sollte auch der kritische Wissenschaftler vom deutschen Staat erwarten, dass dieser »seine« Staatsbürger vor antisemitischen Bedrohungen schützt.

Der eigentliche Skandal ist doch, dass Juden in der deutschen Gegenwart überhaupt massiv geschützt werden müssen und öffentliches jüdisches Leben nur unter Polizeischutz möglich ist. Wenn die jüdischen Staatsbürger so zum »Phantombesitz« des deutschen Staates werden, bezeugt dies einmal mehr die Notwendigkeit eines jüdischen Staates als Zufluchtsort vor dem globalen antisemitischen Ressentiment. Wer an dieser Stelle den Phantombesitz kritisiert und zugleich die Tatsache nicht leugnet, dass jüdisches Leben in Deutschland und anderen Ländern einer massiven Gefahr ausgesetzt ist, müsste insbesondere dafür einstehen, dass sich die Juden in einem wehrhaften jüdischen Staat selbst verteidigen können. Diese Schlussfolgerung zieht von Redecker aus ihrem Vorwurf aber nicht. Vermutlich ist Israel, ähnlich wie die Juden in der Diaspora, in ihrer Wahrnehmung auch bloß von partiell phantasmatischen Antisemiten umgeben.

Besagte Stelle in von Redeckers aktuellem Buch zeugt von einer Haltung, die den Antisemitismus vornehmlich bei den anderen – den weißen, westlichen Rechten – sehen kann, nicht aber bei Linken ihrer Couleur, bei Muslimen oder bei Migranten. Ganz im Sinne der postkolonialen Othering-Dogmatik werden Kritiken ›westlicher‹ an ›nichtwestlichen‹ Akteuren vornehmlich als herabwürdigende Phantasmen abgetan, hinter denen eine imperiale, hier gar: faschistische Bemächtigungs- oder Vernichtungsabsicht stecke. Implizit werden so z. B. Muslime oder Palästinenser zu den neuen Juden stilisiert.

Umgekehrt scheint die Analysekategorie des Phantombesitzes und seiner faschistischen Verteidigung bei der palästinensischen Befreiungsbewegung keine Anwendung zu finden, obwohl diese in ihrem Gründungsmythos einen antizionistisch begründeten Besitzanspruch auf das Land erhebt, das nur durch die Eliminierung des Feindes wiedererlangt werden kann. Bei von Redecker firmieren die Palästinenser jedoch als Beispiel für den Kampf um »Bleibefreiheit« – ihrem Gegenentwurf zum »Phantombesitz«. So schön sich Begriffe wie Bleibefreiheit oder Bleiberecht anhören mögen, wird die Beschwörung des Kampfes um dieses Recht im Fall der Palästinenser, ob gewollt oder nicht, zur Rechtfertigung für den Kampf gegen Israel. Denn das Ziel aller relevanten politischen Führungen der Palästinenser ist nicht das bloße Bleiben in einem neben Israel bestehenden Staat Palästina – das Angebot haben die palästinensischen und arabischen Führungen mehrmals ausgeschlagen –, sondern – wie in der revanchistischen Forderung eines »Rechts auf Rückkehr« artikuliert – das Bleiben anstelle Israels und damit anstelle der meisten Juden im Nahen Osten.

Dieser selektive Charakter der Othering-Dogmatik hat bei von Redecker auch die üblichen Konsequenzen im Hinblick auf die Sympathie gegenüber ›verwurzelten Gemeinschaften‹ im Gegensatz zur ›Wurzellosigkeit‹ der westlichen Zivilisation. In ihrem Buch »Bleibefreiheit« zitiert sie zustimmend das Urteil der amerikanischen Biologin Robina Wall Kimmerer und der »weisesten indigenen Ältesten« über die Europäer, die mit Kolumbus nach Amerika kamen: »Das Problem mit diesen neuen Menschen ist, dass sie nicht mit beiden Füßen am Ufer stehen. Ein Fuß ist an Bord geblieben. Anscheinend wissen sie nicht, ob sie bleiben sollen oder nicht.« [13]

Gegenüber solcher Wurzellosigkeit gelten die fein aufeinander abgestimmten natürlichen Zyklen, die durch ihr Ineinandergreifen neues Leben schaffen, als Modell für gelungene Freiheit: »Aber wo man sich der Erfahrung öffnet, Beziehungen zur Welt aufnimmt und mit ihren Gezeiten geteilte Momente der Schöpferischkeit sucht, da vervielfachen sich die Möglichkeiten proportional zur Lebendigkeit ringsumher. Mehr Leben bedeutet wirklich mehr Freiheit.« [14]

Ähnlich wie bei Albanese wird bei von Redecker das Heil der Gesellschaft im Konkretismus der guten, indigenistisch und reisschalenromantisch verklärten Kollektive und der Natur als ewig nahrhaftem Mutterschoß gesucht. Wo dergestalt das Konkrete und Geerdete dem Abstrakten und Weltläufigen moralisch vorgezogen wird, sind Ressentiments und die Suche nach Schuldigen, die die einfache Lösung verhindern, nicht weit. Diese Logik zu dechiffrieren und aufzuklären, wäre einer kritischen Theorie, die mehr sein will als akademisch veredeltes und mit geistesgeschichtlichen Referenzen garniertes Ressentiment, durchaus angemessen.

Anmerkungen:

[1] Daniel Loick: Die Überlegenheit der Unterlegenen: Eine Theorie der Gegengemeinschaften, Berlin 2024, S. 19.

[2] Ebd., S. 11.

[3] Ebd., S. 8.

[4] Ebd., S. 250.

[5] Zur konstitutiven Rolle des Kampfes für die Entstehung von Gegengemeinschaften siehe Kapitel 8: »Politik für Maulwürfe« in ebd., S. 249–288.

[6] Ebd. S. 287

[7] Vgl. ebd. S. 286–288.

[8] Daniel Loick/Vanessa E. Thompson: Surplus Fascism. Reflections on Current Tendencies of Abandonment in Germany and Beyond. In: New German Critique (2026), Volume 53, Number 1 (157), S. 210–215. Siehe dazu auch die Diskussion: Into the Wastelands. On Fascism and the Crisis of Capitalism mit Vanessa Thompson, Daniel Loick, Alberto Toscano, Bafta Sarbo und Jule Ulbricht vom 22. Mai 2026,

[9] Ebd., S. 216.

[10] Ebd. S. 204.

[11] Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen FaschismusFrankfurt/M. 2026, S. 191.

[12] Vgl. Leo Roepert: Phantom und Wiedergänger, Rezension zu »Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus« von Eva von Redecker. In: Soziopolis.

[13] Eva von Redecker: Bleibefreiheit Frankfurt/M. 2025, S. 135.

[14] Ebd., S. 144.

Ich danke den Mitgliedern des AK Antisemitismuskritik der Gesellschaft für kritische Bildung für wertvolle Hinweise und Unterstützung.

Teil 1 ist hier erschienen. Teil 2 finden Sie hier.

Missbrauch der Holocausterinnerung? Kritik an einem offenen Brief

Von Ingo Elbe / Enrico Pfau. Ausgerechnet Historiker, die überall ›Verflechtungen‹ von Massenverbrechen, insbesondere von Holocaust und kolonialen Massenmorden, propagieren, verbitten sich die Bezugnahme auf die Shoah im Kontext des antisemitischen Hamas-Massakers.

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