Der Philosoph Daniel Loick ist wütend. Er fühlt sich »denunziert«, weil in einem Interview des Philosophie-Magazins mit dem Autor Nicholas Potter eine von Loick unterzeichnete Solidaritätsbekundung für die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese »in die Nähe des Antisemitismus« gerückt werde.
Enrico Pfau
Was es mit deren Positionen auf sich hat und warum sich ausgerechnet selbsternannte »kritische Theoretiker« für Albanese einsetzen, wird im folgenden Beitrag erläutert.
Einleitung – Was ist geschehen und warum ist es überhaupt von Interesse?
Am 18. Juni 2026 veröffentlichte das Philosophie-Magazin ein Interview mit Nicolas Potter über Abwege der zeitgenössischen Linken. Darin spricht der Interviewer Potter darauf an, wieso sich namhafte Theoretiker und selbsternannte Anhänger der kritischen Theorie – etwa Eva von Redecker, Daniel Loick, Vanessa Thompson und Axel Honneth – in einem offenen Brief mit der »UN-Sondergesandten für die besetzten Gebiete Palästinas« und einflussreichen Antizionistin Francesca Albanese solidarisieren. Zu den Gründen dieser Solidarisierung sagt Potter, »dass es von der Linken im Hinblick auf Antisemitismus aktuell wenig Kritik gibt. Und ja, es gibt einige Intellektuelle, die alle möglichen offenen Briefe unterschreiben, diese Art von Aktivismus ist oft ein ›Virtue Signaling‹, eine Performance des eigenen Gutseins. Andererseits weiß ich, dass hier auch mit sozialem Druck und Gruppenzwang gearbeitet wird.«
Nur wenig später postete Daniel Loick auf besagtes Interview eine wütende Antwort. Er sehe sich und Eva von Redecker wiederholt im Philosophie-Magazin »denunziert«. Loick empört sich darüber, dass das Magazin dem Journalisten Potter, den er als einen »Scharfmacher« abtut, überhaupt eine Bühne biete und eine Solidaritätsbekundung für Albanese »in die Nähe des Antisemitismus« rücke. Dies sei als Angriff auf die Universitäten und insbesondere auf die »kritische Wissenschaft« zu werten, wodurch unter dem jetzigen gesellschaftlichen Klima eine Grenze des Akzeptablen überschritten sei.
In der folgenden Analyse soll der Konflikt beleuchtet werden, vor dessen Hintergrund die Äußerungen Loicks getätigt wurden – nämlich der Streit um die Frage, was Antisemitismus eigentlich ist. Man könnte auch über die unverhohlene Selbsteingenommenheit von Teilen des akademischen Milieus diskutieren, die als selbsternannte Repräsentanten kritischer Wissenschaft eine gebotene Kritik an ihrem Aktivismus schlicht dadurch abwehren, dass diese unter dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima nur den reaktionären Umtrieben gegen die Wissenschaft zuarbeiten würde.
Die Antwort der sich selbst als Sachwalter der »Kritik« vermeinenden Akteure ist damit keine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem gegen sie Vorgebrachten. Dem Vorwurf der Beihilfe und der Denunziation, den der selbsternannte kritische Theoretiker gegen seine Kritiker erhebt, begegnet er vielmehr seinerseits lediglich mit Denunziation (»Scharfmacher«, »gehört zum Miesesten [sic] was ich seit langer Zeit gelesen hab«). Obwohl dieser fragwürdige Umgang mit Kritik ebenfalls ein interessantes Thema sein könnte, soll es hier um Grundsätzlicheres gehen. Mithin soll
- der Anlass des von Daniel Loick mitunterzeichneten offenen Briefes genauer untersucht werden,
- anhand einiger Aussagen Francesca Albaneses das Phänomen des linken Antisemitismus dargestellt werden,
- die Anschlussfähigkeit dieses Ressentiments an einige Positionen der oben genannten kritischen Wissenschaften gezeigt werden
1. Anlass des offenen Briefes

Der offene Brief vom 26. Februar 2026 richtete sich an Minister europäischer Regierungen und der USA, weil diese Albanese wegen einer ihrer Aussagen, die sie auf einer Al-Jazeera-Konferenz in Katar getätigt hatte, kritisiert und zum Rücktritt aufgerufen haben. Die UN-Sonderberichterstatterin habe, so der Vorwurf der Politiker, habe Israel dämonisiert und zum »Feind der Menschheit« erklärt. Die Albanese zugeschriebene Aussage, die in einem Video im Internet verbreitet wurde, sei aber, so die Verlautbarung im offenen Brief, manipulierend gekürzt worden. Die Angriffe auf Albanese seien deshalb haltlos beziehungsweise ein repressiver Versuch, die wichtige Arbeit der Sonderbeauftragten zu torpedieren. Der offene Brief fordert die Adressaten auf, sich öffentlich zu entschuldigen, die Angriffe auf Albanese einzustellen und sich für die Integrität und Unabhängigkeit der UN-Mandatsträger und ihrer Organisationen einzusetzen.
Auch hier findet sich ein ähnliches Muster wie eingangs beschrieben. So wird eine Denunziation behauptet, ohne dass sich mit dem erhobenen Vorwurf inhaltlich auseinandergesetzt würde. Vielmehr wird erklärt, die vermeintliche Denunziation sei ein Resultat dessen, wie Albanese zu Israel steht: So habe Israel seit der Waffenruhe im Oktober 2025 über 590 Palästinenser umgebracht und setze den »Genozid« fort. Statt den jüdischen Staat zur Verantwortung zu ziehen, würden die Minister jedoch mithilfe erfundener Anschuldigungen eine UN-Mitarbeiterin delegitimieren, die versuche, internationales Recht hochzuhalten.
Der Kunstgriff in dem offenen Brief besteht denn auch darin, sich mit einer formal richtigen Quellenkritik gegen jegliche inhaltliche Auseinandersetzung zu sperren. Behauptet wird, dass die ungekürzte Rede unproblematisch gewesen sei. Betrachtet man die vollständige Rede auf ihrem Instagram-Kanal [1], hat Albanese zwar in der Tat nicht explizit gesagt, dass Israel der »Feind der Menschheit« sei. Als Kommentar schrieb sie auf Instagram nun zusätzlich, sie habe nicht Israel, sondern das System dahinter gemeint.
Allein, ob sie nun Israel direkt oder das vermeintliche System aus Finanzkapital, Algorithmen und Waffen als Menschheitsfeind tituliert, das hinter dem andauernden Genozid stünde; in jedem Fall wird ein antisemitisches Stereotyp aufgerufen, das, wenn auch indirekt, mit dem jüdischen Staat assoziiert wird. Denn genau diese Kombination aus Geldmacht, kalter Berechnung und Zerstörung, die von der Gesellschaft abgespalten und ihr von außen feindlich entgegengesetzt wird, macht einen der zentralen Inhalte der antisemitischen Feindbestimmung aus. Gegen Ende ihrer Rede artikuliert Albanese den Wunsch, dass Palästina dereinst frei sein werde. Frei wovon, ist dabei die Frage.
Offensichtlich geht es den Verfassern des offenen Briefes und seinen Unterzeichnern nicht nur um ein gekürztes Video, die Einhaltung des Völkerrechts oder um ungerechtfertigte Angriffe auf eine UN-Mandatsträgerin. Vielmehr teilen bekannte Wissenschaftler wie Etienne Balibar, Nancy Fraser, Judith Butler, Michael Rothberg und Robin Celikates vermutlich auch inhaltlich einige Positionen mit Albanese, zumindest solche, die auch im offenen Brief angeführt werden. Zudem ist davon auszugehen, dass die Unterzeichner auch weitere Standpunkte der UN-Sonderbeauftragten kennen und sie mit ihrer Solidaritätsbekundung zumindest tolerieren. So gibt es von besagten Akteuren nicht einmal in Ansätzen eine Kritik an Albaneses notorisch israelfeindlichem Aktivismus. Was an deren Aussagen antisemitisch ist, soll im Folgenden exemplarisch gezeigt werden.
Anmerkung:
[1] »Wir haben uns in den letzten zwei Jahren mit der Planung und Durchführung eines Völkermords beschäftigt. Und dieser Völkermord ist noch nicht vorbei. Der Völkermord als vorsätzliche Vernichtung einer Gruppe als solcher ist nun eindeutig offenbart. Er lag schon lange in der Luft und ist nun in vollem Umfang sichtbar. Es war schwierig, über diesen Völkermord zu berichten. Al Jazeera weiß das besser als jeder andere in den Medien, im Medienbereich, aufgrund all der Verluste, die es als Medienunternehmen erlitten hat. Aber niemand weiß es besser als die Palästinenser selbst. Die Palästinenser haben weiterhin von der Flut des Leids berichtet, die unerbittlich über sie hereingebrochen ist. Und das ist eine Herausforderung.
Die Tatsache, dass der Großteil der Welt Israel nicht gestoppt hat, sondern es bewaffnet, ihm politische Ausreden geliefert, politischen Schutz gewährt sowie wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung geleistet hat, ist eine Herausforderung. Die Tatsache, dass die meisten Medien in der westlichen Welt die Pro-Apartheid- und Völkermord-Rhetorik verstärkt haben, ist eine Herausforderung. Und gleichzeitig liegt hier auch die Chance. Denn wenn dem Völkerrecht ein Stich ins Herz versetzt wurde, so ist es doch auch wahr, dass die Weltgemeinschaft noch nie zuvor die Herausforderungen gesehen hat, denen wir alle gegenüberstehen.
Wir, die wir keine großen Mengen an Finanzkapital, Algorithmen und Waffen kontrollieren. Wir erkennen nun, dass wir als Menschheit einen gemeinsamen Feind haben und dass die Freiheiten – die Achtung der Grundfreiheiten – der letzte friedliche Weg, das letzte friedliche Instrumentarium sind, das uns bleibt, um unsere Freiheit zurückzugewinnen. Aber wir müssen uns zur Wehr setzen. Wir müssen das Richtige tun, wir alle, in unserem jeweiligen Umfeld: ob als Juristen, Journalisten, Pädagogen, Studierende oder einfache Bürger zu Hause. Wir alle haben eine Rolle zu spielen, und diese Rolle besteht darin, unsere Gewohnheiten zu ändern.
Angefangen bei dem, was wir kaufen, konsumieren und lesen, bis hin dazu, wie wir uns gegenüber der Macht verhalten. Wir müssen in der Lage sein, unsere Stimme zu erheben. Wir müssen die Kraft haben, einander anzusehen und in unseren Mitmenschen Brüder und Schwestern sowie Verbündete zu erkennen.
In dieser Hinsicht steht Al Jazeera meiner Meinung nach vor einer größeren Herausforderung als andere, denn es geht darum, seinen Grundwerten treu zu bleiben, der Mission, die den Sender weltweit bekannt gemacht hat: seiner Fähigkeit, die wahren Fakten zu liefern und mit ihnen in der Hand für Gerechtigkeit einzutreten. Ich glaube fest daran, dass Palästina frei sein wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle frei sein werden, denn nach achtzig Jahren der Vermittlung und Lehre der Menschenrechte ist das Bewusstsein für diese Menschenrechte in der heutigen Welt zu tief verwurzelt. Aber wir müssen handeln, und zwar jetzt. Deshalb braucht es 2026 einen vollen Einsatz für Rechenschaftspflicht und Gerechtigkeit.«
Englisches Original: »We have been spending the last two years looking at the planning and making of a genocide. And the genocide is not over. The genocide as the intentional destruction of a group as such is clearly unveiled now. It’s been in the air for a long time and now it’s in full display. It’s been difficult to report the genocide. Al Jazeera knows better than anyone else in the media, in the media realm, because of all the losses it has suffered as a as a media company. But no other people knows it better than the Palestinians themselves. The Palestinians have continued to narrate the deluge of conscious that fell upon them relentlessly. And this is a challenge. The fact that instead of stopping Israel, most of the world has armed, given it political excuses, political sheltering, economic and financial support. This is a challenge.
The fact that most of the media in the western world has been amplifying the pro-apartheid, the genocidal narrative, is a challenge. An at the same time, here also lays the opportunity. Because if international law has been stabbed in the heart, it’s also true that never before the global community has seen the challenges that we all face.
We who do not control large amounts of financial capitals, algorithms and weapons. We now see that we as a humanity have a common enemy and freedoms, the respect of fundamental freedoms, is the last peaceful avenue, the last peaceful toolbox that we have to regain our freedom. But we need to stand up. We need to do the right thing, all of us, in our individual sphere. Being as lawyers, journalists, educators, students, ordinary citizens at home. We all have a role to play and this role is changing our habits.
From what we choose to buy, to consume, to read, to how we stand in front of power. We need to be able to speak up. We need to have the strength, to look at each other and see our brothers and sisters and see allies in them, and in this respect, I think that Al Jazeera has a bigger challenge than others because it is to stay true to its core values, true to the mission that has made it known around the world, its ability to produce true facts and march toward justice with them in their hands. I do believe that Palestine will be free. I do believe that we will all be free, because too much human rights conscience is rooted in todays world after eighty years of preaching and teaching human right. But we need to, we need to act, and the time is now. So for a [20]26 of full commitment toward accountability and justice.«
Ich danke den Mitgliedern des AK Antisemitismuskritik der Gesellschaft für kritische Bildung für wertvolle Hinweise und Unterstützung.
