Drei Jahre nach dem 7. Oktober rekapituliert die Mena-Watch-Autorin Lisa Vavra ihre Erlebnisse am Morgen des Schwarzen Schabbat – und wie sich ihr Leben seitdem verändert hat.
6:29 Uhr in der Früh. Mein damaliger Nachbar und bester Freund Nikko läuft in meine Wohnung und weckt mich auf. »Lisa, wir haben Alarm.« Schlaftrunken stehe ich auf. Am Abend zuvor war Simchat Tora gewesen, ein jüdisches Fest der Freude und des Neubeginns. Wir waren bis spät in die Nacht unterwegs gewesen und hatten gefeiert.
Nikko ist aufgeregt. »Was sollen wir machen?« Unser Haus hatte weder ein geschütztes Treppenhaus noch einen Bunker und war generell sehr alt. Ich nahm die Situation zunächst erstaunlich gelassen. »Ach, es ist wahrscheinlich nur eine Rakete aus Gaza. Lass uns Kaffee kochen.«
Kurz darauf gibt es wieder Alarm. Wir fragen unseren Vermieter, wo sich der nächste öffentliche Schutzraum befindet. Doch er ist zu weit entfernt. Innerhalb der neunzig Sekunden, die uns in Tel Aviv bleiben, würden wir es nicht dorthin schaffen. Langsam spüre ich, dass an diesem Morgen etwas anders ist.
Nachrichten, die das Gehirn nicht aufnehmen will
Nur nach und nach verstehen wir, was passiert. Wir lesen von Terroristen und beschließen, alle Türen zu versperren. Dann schreibt uns unsere Freundin Maysa. Ihr Freund ist auf einem Festival im Süden. So erfahren wir, was nur wenige Kilometer entfernt geschieht. Auch ich kenne jemanden, der auf dem Nova-Festival ist. Amos schickt mir wirre Nachrichten. Er sucht seine Freundin und versteckt sich im Gebüsch.
Mein Gehirn weigert sich, diese Nachrichten wirklich aufzunehmen. Ich lese die Worte, aber ich begreife ihre Bedeutung nicht. Es fühlt sich an wie ein Albtraum, in dem die Zeit gleichzeitig rast und stillsteht.
Den restlichen Tag versuchen wir, Freunde und Bekannte zu erreichen. Israel ist ein kleines Land. Fast jeder kennt jemanden, der jemanden kennt. Plötzlich werden Nachrichtenmeldungen zu Namen, Gesichtern und Menschen aus dem eigenen Umfeld.
Am Nachmittag erreicht uns eine Nachricht unseres Vermieters: Die Baustruktur unseres Hauses sei nicht sicher. Wir müssen das Gebäude bis auf Weiteres verlassen. Dotan, ein Bekannter von mir, holt mich mit dem Auto ab. Für den Abend wird dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben und die Straßen nicht mehr zu verlassen. Ich bin die Letzte in unserem Haus. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand genau, wie weit die Terroristen gekommen sind. Ich habe Angst, dass sie es bis nach Tel Aviv geschafft haben könnten.
Es ist spät am Abend, als wir durch fast vollkommen leere Straßen fahren. Nur Polizeiautos sind noch unterwegs. Dotan erzählt mir, dass er mit Freunden nahe der Grenze zum Gazastreifen gezeltet hatte. »Dort kann man laute Musik machen und niemanden kümmert es«, sagt er. Am Morgen hätten sie Terroristen über die Grenze kommen sehen. Sie seien sofort zu ihren Autos gelaufen und davongefahren. »Die ganze Wüste ist von Soldaten abgesperrt«, sagt er zu mir. »Da kommt niemand durch.« In diesem Moment will ich ihm glauben.
Die Tage danach
Die nächsten Tage verbringe ich in der leerstehenden Wohnung eines Freundes. Was ich an Israel immer bewundert habe, zeigt sich in diesen Tagen besonders deutlich: In Krisenzeiten hilft jeder jedem. Dieses Gefühl von Gemeinschaft hatte ich so in Europa nie erlebt. Und trotzdem falle ich in ein Loch. Vollkommen isoliert und ohne richtiges Zeitgefühl verbringe ich meine Tage in dieser leeren Wohnung. Ich kann nicht begreifen, was passiert ist. Viele meiner Freunde werden zum Reservedienst eingezogen. Von entfernten Bekannten weiß man, dass sie nach Gaza verschleppt wurden. Niemand weiß, ob sie noch leben.
Die Raketenalarme werden Teil des Alltags. Eines Tages beginne ich zu weinen und kann nicht mehr aufhören. Ich weine mehrere Tage lang. Ich wusste nicht, dass ein Mensch so viel weinen kann. An einem dieser Tage setze ich mich auf eine Parkbank am Boulevard in der Nähe meines Hauses. Ich weine, als ein fremder Mann auf mich zukommt und fragt, ob ich Hilfe brauche. Ich bringe kein Wort heraus. Er setzt sich einfach neben mich. »Wir müssen nicht reden«, sagt er. »Ich bleibe einfach hier sitzen, bis es dir besser geht.« Ich habe seinen Namen nie erfahren. Aber an diesen Moment erinnere ich mich bis heute.
Ich erinnere mich auch an ein Telefongespräch mit meinen Eltern. Sie sagten mir damals, dieser Krieg werde lange dauern. Ich glaubte ihnen nicht. Und doch sitze ich heute, drei Jahre später, auf meinem Balkon in Jaffa – und der Krieg ist noch immer nicht wirklich vorbei.
Freunde dienen weiterhin als Soldaten. Wir haben in diesen drei Jahren Dinge erlebt, die zuvor außerhalb meiner Vorstellungskraft lagen. Wir hatten Angst vor den Raketen aus dem Libanon, bis auch sie Teil einer neuen Realität wurden. Wir hatten Angst vor einem direkten Krieg mit dem Iran. Bis auch iranische Angriffe plötzlich zu einer Realität wurden, für deren Eintreffen man wusste, wo die Schuhe, das Wasser und die Schlüssel für den Weg in den Schutzraum bereitliegen mussten. Vielleicht ist das Verstörendste am Leben im Krieg, wie schnell sich der Mensch selbst an das Unvorstellbare gewöhnt.
Die Lebenslust nicht verlieren
Zu Beginn des Krieges las ich das Tagebuch meiner Großmutter, das sie während des Zweiten Weltkriegs geschrieben hatte. Ein Gedanke begleitete sie bis ans Ende ihres Lebens: das Leben zu genießen, selbst wenn man durch die schlimmsten Zeiten geht.
In den vergangenen drei Jahren habe ich angefangen zu verstehen, was sie damit meinte. Es bedeutet nicht, zu verdrängen, was passiert ist. Es bedeutet nicht, den Schmerz, die Angst oder die Menschen zu vergessen, die fehlen. Es bedeutet auch nicht, so zu tun, als wäre alles wieder normal. Es bedeutet, sich vom Schrecken nicht das gesamte Leben nehmen zu lassen.
Vielleicht ist genau das eine der Lektionen, die mir diese drei Jahre gegeben haben: Zu leben ist nicht selbstverständlich. Gerade deshalb darf man sich die Freude am Leben nicht nehmen lassen. Man darf tanzen, obwohl man Angst hat. Man darf lachen, obwohl man trauert. Man darf Pläne machen, obwohl man nicht weiß, was morgen passiert. Denn wenn Angst irgendwann alles bestimmt, nimmt der Krieg einem noch etwas weg: die eigene Lebenslust.
