Das Wort »Pogrom« ist der Blickfang einer in der österreichischen Wochenzeitung profil veröffentlichten »Streitschrift« des Historikers Doron Rabinovici.
Ganz prominent springt der Begriff schon im Titel ins Auge: »Vertreibung im Westjordanland: Die Logik des Pogroms«. Das bezweckte Aufsehen wird damit vermutlich erreicht. Dass hier Unsinn transportiert wird, ist anscheinend nebensächlich. Auf den Punkt gebracht: Nein, es ist kein Pogrom, und daher gibt es auch keine Logik eines solchen. Der Begriff »Pogrom« markiert in diesem Zusammenhang einen Denkfehler oder einen terminologischen Fehlgriff, der einem Historiker nicht passieren darf. Dabei ist die Sache, so kompliziert der israelisch-palästinensische Konflikt auch ist, relativ klar.
- Und jetzt kommt’s: Pogrom (wie zum Beispiel Kischinev 1903, Wien 1938, Bagdad 1941, Kielce 1946, …) ist die Bezeichnung für Massenmord und Verwüstung ohne Kriegssituation. 1903 gab es keinen Krieg zwischen Russland und den Juden. Nazideutschland stand 1938 nicht im Krieg mit den österreichischen Juden. Die Verwendung des Begriffs »Pogrom« durch den Historiker Rabinovici ist also historisch schlicht falsch.
- Die Terror- und Vandalenakte jüdischer Fanatiker im Westjordanland müssen verhindert, verfolgt und bestraft werden. Terror ist Terror ist Terror. Die israelischen Streitkräfte und die israelischen Behörden sind zu lax. Immerhin merkt sogar Rabinovici an: »Nicht alle Juden, die … im 1967 besetzten Westjordanland leben, befürworten diese Gewalt.« Das ist aber verdreht und irreführend formuliert. Die große Mehrheit der Juden, auch jener im Westjordanland, lehnt diese Gewalt ab.
- Was immer im Westjordanland geschieht, passiert, allgemein gesprochen, im Kontext einer Kriegssituation. Solange es keine Friedensregelung gibt, stehen Juden leider im Krieg mit Palästinensern. Der Grund dafür ist, dass die palästinensische Führung und eine Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung überhaupt keinen jüdischen Staat, egal in welchen Grenzen, akzeptieren. Zu jedem Zeitpunkt, auch während ich das schreibe und während Sie das lesen, bereiten organisierte, bewaffnete palästinensische Gruppen (die viel mehr Mitglieder zählen und viel mehr Waffen haben als die rechtsextreme, anarchistische »Hügeljugend«, über die Rabinovici zu Recht entsetzt ist) Terrorangriffe und -morde vor.
Horrorwörter gegen Israel
Außerdem empfinde ich die Verwendung dieses Begriffs als Tiefschlag und Gemeinheit. Ich frage mich, was Rabinovici treibt, wenn er so einen Fehler begeht. Dazu fällt mir Folgendes ein. Ich sehe seit Jahren ein System in der Öffentlichkeitsarbeit der Feinde Israels. Sie nennen Israel immer wieder in einem Atemzug mit Horrorwörtern: »Völkermord«, »Kriegsverbrechen«, »Apartheid«, »Vertreibung«, »Aushungern«, »Kindermord«, »Kolonialismus«, »Ghetto«. Zuletzt hatten wir »NAZA« als Filmtitel. Und »Pogrom« gehört natürlich auch dazu.
Es ist zwar jedes Mal eine Lüge, aber wenn man es immer wieder sagt, bleibt etwas hängen. Gerade erst ist auch der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen darauf hereingefallen und hat mit besorgtem Blick das Wort »Kriegsverbrechen« beigesteuert. Rabinovici ist sicher kein Feind Israels, im Gegenteil. Aber wem nützt es, wenn er jetzt wahrheitswidrig ein »Pogrom« nachschiebt?
