Am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur kommt auch Israels säkulare Metropole Tel Aviv zu einem fast vollständigen Stillstand.
Wer Tel Aviv an einem gewöhnlichen Wochenende erlebt, würde die Stadt kaum als religiös bezeichnen. Die Cafés sind voll, am Strand läuft Musik, Restaurants und Bars bleiben bis spät in die Nacht geöffnet. Gerade im Zentrum der Stadt spielt Religion im Alltag vieler Menschen kaum eine sichtbare Rolle. An Jom Kippur verändert sich dieses Bild allerdings innerhalb weniger Stunden. Die Straßen leeren sich, Autos verschwinden fast vollständig, Geschäfte und Restaurants schließen.
Wo sonst der Verkehr über Ibn Gabirol, die Dizengoff-Straße oder den Rothschild-Boulevard rollt, fahren Kinder mit Fahrrädern und Familien gehen mitten auf der Straße spazieren. Über der Stadt liegt eine Ruhe, die man in Tel Aviv sonst kaum erlebt. Außerdem verzichten auch viele Menschen, die sich selbst ausdrücklich als säkular bezeichnen, an Jom Kippur für rund 25 Stunden auf Essen und Trinken.
Dass dies keineswegs nur ein subjektiver Eindruck ist, zeigt eine aktuelle Untersuchung des Israel Democracy Institute. Demnach fasten 74 Prozent der jüdischen Israelis an Jom Kippur vollständig oder zumindest teilweise. 63 Prozent halten das gesamte Fasten ein, weitere elf Prozent fasten entweder einen Teil des Tages oder nur in manchen Jahren. Besonders bemerkenswert sind jedoch die Zahlen unter säkularen Israelis: 47 Prozent von ihnen fasten zumindest teilweise. 28 Prozent halten das vollständige Fasten ein, weitere neunzehn Prozent zumindest teilweise.
Mit anderen Worten: Fast jeder zweite Israeli, der sich selbst als säkular bezeichnet, verzichtet an Jom Kippur zumindest zeitweise auf Essen und Trinken. Die Untersuchung basiert auf einer repräsentativen Befragung von 1.002 jüdischen Israelis ab achtzehn Jahren, die im Juli und August 2026 durchgeführt wurde. Auch die Times of Israel griff diese Zahlen unmittelbar vor Jom Kippur auf. Während Israel am Sonntagabend für den höchsten jüdischen Feiertag weitgehend zum Stillstand kam, zeigte die neue Umfrage, wie weit die Tradition des Fastens über die religiöse Bevölkerung hinausreicht.
Religiös sein, ohne religiös zu sein
Gerade in Tel Aviv wird an Jom Kippur sichtbar, wie wenig sich israelische Identität mit den in Europa üblichen Kategorien »religiös« und »nicht-religiös« erklären lässt. Ein Israeli mag am Freitagabend nicht regelmäßig den Schabbat einhalten, koscheres Essen für sich persönlich für unwichtig halten, nur selten eine Synagoge betreten und trotzdem an Jom Kippur fasten. Für manche ist der Grund dafür religiös, für andere familiär oder kulturell. Wieder andere beschreiben den Tag eher als Moment der persönlichen Reflexion.
Das Israel Democracy Institute zeigt diese Bandbreite besonders deutlich. Unter den sogenannten traditionell-nichtreligiösen Israelis fasten sogar neunzig Prozent zumindest teilweise, 77 Prozent davon vollständig. Erst bei jenen, die sich ausdrücklich als säkular bezeichnen, sinkt die Zahl deutlich, bleibt aber mit 47 Prozent überraschend hoch. Auch beim Synagogenbesuch verschwimmen die Grenzen. Insgesamt besuchen 57 Prozent der jüdischen Israelis an Jom Kippur einen Gottesdienst. Selbst unter säkularen Juden sind es zwanzig Prozent. Für einen beträchtlichen Teil ist Jom Kippur sogar der einzige Tag des Jahres, an dem sie eine Synagoge betreten.
Die Jerusalem Post berichtete in diesem Jahr ebenfalls über die Ergebnisse. Dabei zeigt sich auch, dass Herkunft und familiäre Tradition eine Rolle spielen: Unter Mizrahi-Juden ist das vollständige Fasten deutlich verbreiteter als unter aschkenasischen Israelis. Die religiöse Selbstdefinition allein erklärt das Verhalten an Jom Kippur also nur teilweise.
Die besondere Stellung Jom Kippurs zeigt sich nirgendwo deutlicher als auf Israels Straßen. Es gibt zwar kein allgemeines Gesetz, das Israelis verbietet, an Jom Kippur Auto zu fahren, aber trotzdem kommt der private Verkehr im jüdisch geprägten Teil des Landes nahezu vollständig zum Erliegen. Das israelische Gesundheitsministerium bezeichnet den Verzicht auf motorisierten Verkehr ausdrücklich als eine über Jahre entstandene gesellschaftliche Norm. Daraus entwickelte sich zugleich eine typisch israelische Jom-Kippur-Tradition: Kinder und Erwachsene fahren mit Fahrrädern über Straßen, die sonst zu den meistbefahrenen Verkehrsachsen des Landes gehören.
In Tel Aviv ist dieser Kontrast besonders auffällig. Eine Stadt, die normalerweise laut, schnell und rastlos ist, wird für einen Tag beinahe geräuschlos. In diesem Jahr begann das Fasten in Israels Mittelmeermetropole am Sonntagabend um 18:18 Uhr und endete am Montagabend um 19:16 Uhr. Für etwas weniger als 25 Stunden veränderte sich damit nicht nur das Leben ihrer Bewohner, sondern der Rhythmus der ganzen Stadt. Flughäfen und öffentliche Verkehrsmittel stellten ihren Betrieb ein, das öffentliche Leben kam weitgehend zum Stillstand. Nach Ende des Fastens öffnete am Montagabend auch der israelische Luftraum wieder; die ersten Flüge waren für den späteren Abend vorgesehen.
Nach dem 7. Oktober hat sich auch Jom Kippur verändert
In diesem Jahr kommt noch eine weitere Ebene hinzu. Die vergangenen drei Jahre haben das Verhältnis vieler Israelis zu ihrer jüdischen Identität verändert, auch unter jenen, die mit Religion wenig anfangen können.
Die Jerusalem Post sprach vor Jom Kippur mit säkularen Israelis darüber, wie sich ihr Verhältnis zu dem Feiertag seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 verändert hat. Die Erfahrungen gehen dabei in unterschiedliche Richtungen. Während manche nach dem 7. Oktober stärker mit Religion und Spiritualität in Kontakt kamen, entfernten sich andere davon oder begannen, ihren Glauben grundsätzlich infrage zu stellen. Gemeinsam ist vielen jedoch eine verstärkte Beschäftigung mit der Frage, was jüdische Identität für sie überhaupt bedeutet.
Gerade darin liegt vielleicht eine Erklärung dafür, warum Jom Kippur auch im säkularen Israel eine solche Kraft behalten hat. Schließlich verlangt der Tag nicht zwingend eine eindeutige religiöse Selbstdefinition. Man kann fasten, ohne regelmäßig zu beten. Man kann am Abend zu Kol Nidrei in die Synagoge gehen und am nächsten Wochenende wieder am Strand sitzen. Man kann an Gott glauben, zweifeln oder die religiöse Dimension des Tages weitgehend ausblenden und trotzdem das Bedürfnis verspüren, diesen einen Tag anders zu verbringen.
Von außen wird die israelische Gesellschaft häufig entlang klarer Kategorien betrachtet: religiös gegen säkular, orthodox gegen liberal. Im Alltag sind die Übergänge jedoch wesentlich fließender. Jom Kippur macht diese Grauzonen besonders sichtbar. Tel Aviv steht wie kaum ein anderer Ort des Landes für das säkulare Israel. Und trotzdem verstummen hier an Jom Kippur die Straßen. Menschen, die das restliche Jahr keine Synagoge besuchen, fasten. Andere fasten nicht, verzichten aber auf Autofahrten, Arbeit und laute Unterhaltung. Familien treffen sich, Nachbarn gehen gemeinsam durch die leeren Straßen, Kinder erobern auf Fahrrädern die Fahrbahnen.
Das bedeutet nicht, dass Tel Aviv für einen Tag religiös wird. Vielmehr zeigt Jom Kippur, dass jüdische Tradition in Israel nicht ausschließlich über Religiosität funktioniert. Sie ist zugleich kulturelle Praxis, Familiengeschichte, kollektive Erinnerung und gesellschaftliche Konvention.
Vielleicht erklärt genau das die zunächst überraschende Zahl von 47 Prozent fastenden säkularen Israelis. Für viele von ihnen bedeutet das Fasten offenbar nicht, plötzlich religiös zu sein. Es bedeutet, für einen Tag Teil einer Tradition zu sein, die weit über die Frage hinausgeht, wie oft jemand eine Synagoge besucht oder wie streng er religiöse Gebote im restlichen Jahr einhält. Und nirgendwo lässt sich dieser Widerspruch so gut beobachten wie in Tel Aviv: Eine der säkularsten Städte Israels wird einmal im Jahr still und erinnert daran, wie schwer sich die israelische Identität in die einfachen Kategorien »religiös« oder »nicht-religiös« einordnen lässt.
