Fast drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 ist der Krieg längst Teil des Alltags geworden. Nicht unbedingt als Ausnahmezustand, sondern als ständiger Begleiter.
Es ist zehn Uhr morgens am Jerusalem Beach im Zentrum Tel Avivs. Noch vor wenigen Jahren war es um diese Uhrzeit schwierig, einen Platz in den Cafés entlang der Promenade zu finden. Reisegruppen schoben sich durch die Straßen, Backpacker frühstückten vor ihren Hostels, Familien aus Europa und den USA spazierten Richtung Jaffa. Heute ist es ruhiger. Einige Jogger drehen ihre Runden, ein paar Menschen spielen Matkot, Surfer tragen ihre Bretter zum Wasser. Das Mittelmeer sieht aus wie immer. Und doch hat sich die Stadt verändert.
Fast drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 ist der Krieg längst Teil des Alltags geworden. Nicht unbedingt als Ausnahmezustand, sondern als ständiger Begleiter. Tel Aviv funktioniert, lebt und feiert, doch unter der Oberfläche ist eine Anspannung geblieben, die den Rhythmus der Stadt nachhaltig verändert hat.
Kaum etwas zeigt den Wandel so deutlich wie der Tourismus. Tel Aviv gehörte über Jahre hinweg zu den beliebtesten Reisezielen im östlichen Mittelmeer. Millionen Besucher kamen jedes Jahr wegen der Strände, des Nachtlebens und der Restaurants. Heute fehlen viele von ihnen.
Vor allem unter der Woche wirken selbst beliebte Strandabschnitte deutlich leerer als früher. Die Liegen sind längst nicht mehr vollständig besetzt, Englisch, Französisch oder Deutsch sind seltener zu hören. Wer durch die kleinen Gassen von Neve Tzedek oder über den Flohmarkt in Jaffa spaziert, begegnet nur gelegentlich Reisenden. Als ich vor sieben Jahren nach Tel Aviv zog, war das vollkommen anders. Im Sommer waren die Strände auch unter der Woche immer voll und vor allem in Jaffa hatte man das Gefühl, nur Touristen um sich zu haben.
Die wirtschaftlichen Folgen sind ebenfalls sichtbar. Kleine Souvenirläden, Reisebüros und Geschäfte, deren Geschäftsmodell fast ausschließlich auf internationalen Besuchern beruhte, mussten schließen oder kämpfen bis heute ums Überleben. Andere haben ihr Angebot auf die lokale Bevölkerung umgestellt.
Das Leben findet im Heute statt
Auch die Hotels haben sich verändert. Zu Beginn des Krieges wurden viele von ihnen zu vorübergehenden Notunterkünften für Evakuierte aus dem Norden und Süden Israels. Heute versuchen Hotelbesitzer, ihre Zimmer an Israelis zu vermieten. Dass dies funktionieren kann, ist nur ein Beweis dafür, wie frustrierend der israelische Wohnungsmarkt geworden ist. So geben sich einige eher mit einem sauberen Hotelzimmer zufrieden, als unglaubliche Summen für kleine Studio-Apartments zu bezahlen.
Viele Israelis haben aufgehört, weit in die Zukunft zu planen oder auch nur bis zum nächsten Wochenende. Niemand weiß, ob sich die Sicherheitslage erneut verschlechtert, ob Reservisten wieder eingezogen werden oder ob eine weitere Eskalation bevorsteht. Diese Unsicherheit verändert den Blick auf das Leben vollkommen. Der Moment wird stärker genutzt. Viele Menschen erzählen, dass sie gelernt haben, Gelegenheiten nicht mehr aufzuschieben. Was heute möglich ist, wird heute gemacht. Das bedeutet nicht, dass Israelis ihre Zukunft aufgegeben hätten. Vielmehr hat sich der Fokus verschoben. Der gegenwärtige Moment hat an Bedeutung gewonnen.
Wer in Tel Aviv lebt, kennt inzwischen den nächstgelegenen Schutzraum von der Wohnung, dem Arbeitsplatz oder dem Lieblingslokal. Fast automatisch richtet sich der Blick beim Betreten eines Cafés oder Restaurants darauf, wo sich der sicherste Ort befindet. Die Warn-App auf dem Mobiltelefon gehört ebenso selbstverständlich zum Alltag wie der Wohnungsschlüssel.
Sirenen sind längst nicht mehr alltäglich. Doch die Möglichkeit, dass sie jederzeit wieder ertönen könnten, bleibt im Bewusstsein vieler Menschen präsent. Jeden Abend vor dem Einschlafen lese ich noch einmal die Nachrichten und wäge ab, ob die Nacht ruhig bleiben wird, und fast jeden Morgen wundere ich mich, nicht von einem Alarm geweckt worden zu sein.
Diese permanente Anspannung ist schwer zu beschreiben. Sie zeigt sich nicht unbedingt in Angst, sondern vielmehr in einer ständigen Wachsamkeit. Ein lautes Geräusch, eine Eilmeldung auf dem Handy oder Gerüchte über eine neue Eskalation reichen oft aus, um Erinnerungen an frühere Raketenangriffe oder Nächte im Schutzraum wachzurufen. Es gehört vollkommen zum Smalltalk dazu, sich darüber auszutauschen, wann die nächsten Eskalationen stattfinden werden, ob es klug ist, einen Urlaub zu buchen oder besser zu warten, da man lieber nicht im Ausland stecken bleiben möchte.
Kaum eine Bevölkerungsgruppe hat die vergangenen Jahre so stark geprägt wie die Reservisten. Hunderttausende Israelis wurden seit Oktober 2023 mehrfach zum Reservedienst einberufen. Viele verbrachten Monate im Gazastreifen oder an der Nordgrenze. Andere wurden kurz nach ihrer Rückkehr erneut eingezogen. Für ihre Familien wurde diese Situation zur neuen Normalität. Partnerinnen und Partner organisierten den Alltag über Monate allein. Kinder mussten sich immer wieder daran gewöhnen, dass Mutter oder Vater plötzlich verschwanden. Arbeitgeber suchten nach Vertretungen, Selbstständige verloren Aufträge oder mussten ihre Unternehmen zeitweise schließen.
Gleichzeitig entstand eine Welle der Solidarität. Nachbarn kochten für Familien von Reservisten, Freiwillige betreuten Kinder oder halfen bei alltäglichen Besorgungen. Gerade in Tel Aviv entstanden zahlreiche private Initiativen, die dort einsprangen, wo staatliche Unterstützung nicht ausreichte. Diese Solidarität lässt sich meiner Meinung nach immer noch spüren.
Normalität als bewusste Entscheidung
Trotz allem wäre es falsch, Tel Aviv als Stadt des Krieges zu beschreiben. Auch wenn sich Nervosität und Angst in unserem Bewusstsein verankert haben, geht das Leben dennoch weiter. Es wird weniger geplant, dafür vielleicht mehr gelebt.
Die Cafés sind trotz allem voll. Menschen sitzen bis spätabends am Rothschild-Boulevard, treffen Freunde am Strand oder tanzen in Bars. Wer morgens an der Promenade entlangläuft, sieht zwar weniger Touristen, jedoch Jogger, Radfahrer und Menschen beim Yoga. Das Leben geht weiter. Nicht, weil der Krieg vergessen wäre, sondern weil viele Israelis sich dafür entscheiden, sich ihre Normalität nicht nehmen zu lassen. Vielleicht liegt genau darin die größte Veränderung der vergangenen drei Jahre. Früher war Normalität selbstverständlich. Heute ist sie etwas, das aktiv bewahrt werden muss.
Tel Aviv lebt weiter, auch wenn man eine gewisse Bedrücktheit spüren kann. Eine generelle Ermüdung der Bevölkerung. Schließlich braucht es auch Energie, immer weiterzumachen, obwohl Angst und Instabilität den Alltag bestimmen. Ich habe es immer bewundert, wie resilient Israelis sind und vor allem Tel Aviv.
