Stolz präsentieren die Huthi erbeutete amerikanische Waffen und Militärfahrzeuge. Die Eroberung Mokkas ist derweil ein geostrategisches Worst-Case-Szenario für Saudi-Arabien.
Es war 2014 und die Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) rückten, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, unaufhörlich vor. Voller Entsetzen verfolgte man, dass ihnen die Millionenstadt Mosul im Irak quasi kampflos in die Hände fiel. Und nicht nur das: Stolz präsentierten sie damals die amerikanischen Waffen und Fahrzeuge, die ihnen dabei in die Hände gefallen waren und fortan ihrer weiteren dschihadistischen Expansion zur Verfügung standen.
»Wie konnte das nur geschehen?«, fragten sich damals Beobachter und Analytiker und, wie so oft nach derartig desaströsen Entwicklungen, hieß es, so etwas dürfe nie wieder geschehen. Nur ist es bekanntlich mit dem »Nie wieder« so eine Sache und es dauerte genau zwölf Jahre, bis sich ganz ähnliche Szenen wiederholten. Denn ähnlich kampflos fiel die gesamte jemenitische Westküste in der vergangenen Woche an die mit dem Iran verbündeten Huthi-Milizen, die nun faktisch den Bab al-Mandab und damit den Zugang zum Roten Meer kontrollieren.
Und das Bild, das die von Saudi-Arabien und den USA unterstützte jemenitische Armee abgab, erinnerte stark an das völlige Versagen der irakischen 2014. Statt zu kämpfen – was sie nur zum Teil aus dem Grund nicht tat, dass saudische und amerikanische Luftunterstützung ausblieb – nahm sie die Beine in die Hand oder kapitulierte. Bei ihrem nahezu ungebremsten Vormarsch fielen den Huthi unzählige gepanzerte Fahrzeuge und Waffen aus US-amerikanischer Produktion in die Hände, die sie nun so stolz präsentieren, wie es damals der IS tat:
Nur ist, will man bei dem Vergleich bleiben, die Einnahme von Mokka und vorgelagerten Inseln geostrategisch ein noch größeres Desaster, als es der Fall Mosuls war, und die Folgen kann man sich kaum ausmalen. Das vermutlich treffendste Wort dafür fand eine regionale Quelle, die es schlicht ein »Versagen epischen Ausmaßes« nannte:
»Eine Quelle aus der Region erklärte gegenüber CNN, dies sei ›ein völliges Versagen der politischen Führung‹ inmitten heftiger Streitigkeiten und verzögerter Entscheidungsfindung in Riad. ›Gestern gab es den ganzen Tag über keinen einzigen Luftangriff (durch saudische Unterstützungstruppen), obwohl es minütliche Updates gab‹, fügte die Quelle hinzu. ›Das ist ein saudisch-amerikanisches Fuck-up epischen Ausmaßes.‹«
Druckmittel Wasserstraße
Während 2014 die Obama-Administration weitgehend untätig zusah, wie der IS eine irakische oder syrische Stadt nach der anderen übernahm, und erst aktiv wurde, als – wie völlig vorhersehbar – die Dschihadisten den Sinjar stürmten, dort einen Völkermord an den Jesiden begannen und dann unmittelbar Irakisch-Kurdistan bedrohten, erklärte der amtierende US-Präsident auf einer Pressekonferenz in Dublin:
»›Die Huthi haben uns angerufen und wollen nicht gegen uns kämpfen‹, sagte Trump gegenüber Reportern. ›Sie wollen nicht, dass wir gegen sie vorgehen.‹«
Ganz offenbar ist in Washington nicht einmal klar, was sich da eigentlich ereignet hat: dass der traditionell engste Verbündete der USA in der Region gerade eine militärische und ökonomische Niederlage einstecken muss, die ihresgleichen sucht, und man in Riad nun offenbar sogar fürchtet, dass die Huthi ihre Offensive weiterführen.

Seit Tagen bombardieren die jemenitischen Milizen Stellungen der saudischen Armee mit Raketen und Drohnen. Und nicht nur das: Ebenfalls vom Iran unterstützte Milizen im Irak, die eigentlich in wenigen Tagen ihre Waffen abgeben sollen, haben derweil die saudische Ost-West-Pipeline angegriffen, über die – seit die Straße von Hormus de facto gesperrt ist – Saudi-Arabien einen Großteil seines Erdöls transportiert. Die Pipeline musste erst einmal stillgelegt werden.
Robert Worth fasst die Entwicklung im Atlantic so zusammen: »Diese Niederlage beschert Trump, der gehofft hatte, die Kontrolle über die Straße von Hormus vom Iran zurückzugewinnen, eine bittere Überraschung. Seine Gegner kontrollieren nun beide zentralen Meerengen im Nahen Osten, durch die täglich insgesamt etwa ein Drittel der weltweiten Öllieferungen fließt.«
In Teheran, wo zwar die Währung weiter an Wert verliert und es auch sonst wenig zu lachen gibt, feiert man unterdessen einen strategischen Sieg, der es wirklich in sich hat, denn:
»›(Die Huthi) brauchen keine hochmodernen Waffen, um Bab al-Mandab zu sperren. Sie können einfach eine Kanone auf einem Auto einsetzen‹, sagte Amr Al-Bidh, der oberste Vertreter des Südlichen Übergangsrats (STC) des Jemen. Der STC hat in der Vergangenheit sowohl gegen die Huthi als auch gegen die von Saudi-Arabien unterstützten Kräfte gekämpft und strebt einen unabhängigen Staat im Süden an. »Das ist ein Druckmittel, über das sie verfügen, ohne hochentwickelte Waffen einsetzen zu müssen‹, erklärte Al-Bidh in einem Interview mit CNN. ›Und sie werden es behalten.‹«
Derweil folgt, was auf solche »Fuckups« immer folgt, eine neue große Flüchtlingswelle, bei der die UNO schon am ersten Tag erklärte, sie könne nicht helfen, weil ihr dafür das Geld fehlt. Schon über 75.000 Menschen sollen vor den vormarschierenden Huthi in andere – noch unter Kontrolle der offiziellen Regierung stehende – Gebiete des Landes geflohen sein.
Der Artikel erschien zuerst bei Jungleblog.
