Die Huthi verhalten sich nicht mehr wie eine bedrängte Rebellenbewegung, sondern wie eine Regionalmacht, die davon überzeugt ist, dass ihren Feinden der politische Wille zum Kampf fehlt.
Habtom Ghebrezghiabher
Vier Jahre nach dem Zugeständnis eines Waffenstillstands durch Riad zerstörten die Huthi am 13. Juli mit einem Angriff auf den internationalen Flughafen von Abha die saudi-arabische Illusion, Sicherheit gewonnen zu haben. Auslöser war die Entscheidung der jemenitischen Regierung, einen Flug der iranischen Mahan Air – einer Waffenpipeline für die Islamische Revolutionsgarde – an der Landung in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa zu hindern. Die Huthi reagierten darauf, indem sie Saudi-Arabien ins Visier nahmen. Eine Woche später, am 20. Juli, eskalierte die Terrorgruppe die Spannungen weiter, indem sie eine sofortige Seeblockade gegen Saudi-Arabien verkündete.
Die anschließende Drohung des Huthi-Führers Abdul Malik al-Huthi, saudische Ölanlagen und andere Infrastruktureinrichtungen zu bombardieren, signalisiert einen gefährlichen Paradigmenwechsel: Die jemenitische Terrormiliz diktiert nun die Regeln des Konflikts. Sie tut dies in der festen Überzeugung, dass jede Infragestellung ihrer Herrschaft wirtschaftliche Kosten mit sich bringt, die Riad aus Angst nicht zu tragen bereit ist.
Strategische Verschiebung
Wie die renommierte Nahost-Analystin Nadwa Al-Dawsari dargelegt hat, beruhte der Waffenstillstand von 2022 auf grundlegend unvereinbaren Annahmen: Saudi-Arabien sah in ihm eine Grundlage für Verhandlungen zwischen der jemenitischen Regierung und den Huthi, bei denen es selbst lediglich als Vermittler fungiert. Die Huthi hingegen betrachteten ihn als direktes, bilaterales Abkommen mit Riad und lehnten jede Legitimität der jemenitischen Regierung zur Gänze ab. Folglich hat der Waffenstillstand den Konflikt nicht gelöst, sondern eingefroren und den Huthi Zeit gegeben, ihre militärischen Fähigkeiten zu festigen und ihre strategische Partnerschaft mit dem Iran zu vertiefen.
Der Versuch, die seit mehr als einem Jahrzehnt stillgelegten Direktflüge zwischen Teheran und Sanaa wieder aufzunehmen, zeigt, wie dramatisch sich die strategische Lage verändert hat: Der Iran und die Huthi versuchen offen, den Norden des Jemen als eine dem Iran nahestehende Einheit zu etablieren.
Riad lehnt diese Flüge entschieden ab, da es befürchtet, dass sie dazu genutzt werden, Waffen, Militärtechnologie und iranische Berater direkt an die jemenitische Terrormiliz zu liefern. Indem sie Saudi-Arabien statt der jemenitischen Regierung, die den Flug eigentlich blockiert hatte, angriffen, haben die Huthi ihren Krieg unter eine neue Doktrin gestellt: Sie haben Saudi-Arabien zu einem unfreiwilligen Schutzschild ihrer Herrschaft gemacht, indem sie sich über die Bande eine De-facto-Immunität gegen den Druck der jemenitischen Regierung in Aden verschafften.
Diese neue Strategie ist von einer auffälligen Ironie geprägt: Nachdem es den Huthi nicht gelungen war, Israel durch Angriffe auf sein Territorium und seine Schifffahrt zu einer Änderung seiner Militärkampagne zu zwingen, wenden sie nun dieselbe Zwangslogik auf Saudi-Arabien an. Indem sie Riad ins Visier nehmen, anstatt auf die legitime Regierung des Jemen zu reagieren, halten die Huthi Saudi-Arabien als Geisel lokaler Entscheidungen auf dem Schlachtfeld. Diese Ausweitung des Konflikts zielt darauf ab, die regionale Abschreckung neu zu definieren und Riad zu zwingen, die jemenitische Regierung unter Kontrolle zu halten und zur Zurückhaltung zu zwingen.
Saudi-Arabien verfügt zwar über eine überwältigende militärische Überlegenheit, doch das Kräfteverhältnis hat sich verschoben: Die Huthi verhalten sich nicht mehr wie eine bedrängte Rebellenbewegung, sondern wie eine Regionalmacht, die davon überzeugt ist, dass ihren Feinden der politische Wille zum Kampf fehlt. Ihre Vergeltungsmaßnahme gegen Riad war eine kalkulierte politische Botschaft, die beweist, dass sie nach Belieben zuschlagen können. Diese gefährliche Entwicklung ist das Ergebnis einer bitteren Realität: Die Erfahrung hat die Huthi gelehrt, dass ihre Eskalation stets mit saudischen Zugeständnissen belohnt wird.
Weit über den Jemen hinaus
Die erste diesbezügliche Lehre erfolgte seitens der Vereinigten Staaten. 2021 strich die Biden-Regierung die Huthi von der US-Liste der ausländischen Terrororganisationen und begann, der Beendigung der von Saudi-Arabien geführten Militärkampagne im Jemen Priorität einzuräumen. Während diese Maßnahmen darauf abzielten, die humanitäre Lage zu verbessern und die Diplomatie zu fördern, wurden sie von den Huthi als Beweis dafür angesehen, dass Washington eine Deeskalation einer entschlossenen Konfrontation vorzog.
Die Saudis verstärkten diese Wahrnehmung, indem sie dem Waffenstillstand von 2022 zustimmten. Dieser sollte den Konflikt entschärfen, wurde von den Huthi jedoch als Beleg interpretiert, dass anhaltender Widerstand Riad dazu zwingen könnte, eher nach einem Kompromiss als nach einem Sieg zu streben. Anstatt die Huthi zu mäßigen, festigte der Waffenstillstand ihr Selbstbewusstsein dauerhaft.
Die Trump-Regierung trieb diese Entwicklung noch weiter auf die Spitze. Zwar änderte der Biden-Nachfolger den Kurs seines Vorgängers, indem er die Huthi erneut als ausländische Terrororganisation einstufte und im März 2025 eine Militäraktion startete. Doch sein bald darauffolgender Waffenstillstand vom Mai 2025, der es den Huthi in Folge ermöglichte, Israel anzugreifen, sendete ein weiteres widersprüchliches Signal. Aus der Sicht der Terrormiliz hatte ihr anhaltender Widerstand erneut ein amerikanisches Zugeständnis erzwungen, anstatt eine dauerhafte Abschreckung zu schaffen.
Im Gegensatz dazu war Israel die einzige Macht, die bereit war, den Huthi anhaltende militärische Kosten aufzuerlegen, da es erkannte, dass Terrorgruppen eher auf Gewalt als auf Diplomatie reagieren – eine Lektion, die der Westen noch lernen muss. Doch während israelische Luftangriffe die Infrastruktur und Führung der Terrormiliz schwer getroffen haben, kann Luftmacht allein eine fest verwurzelte Aufstandsbewegung nicht zerschlagen. Jede Pause ermöglicht es den Huthi, sich wieder zu bewaffnen und anzupassen.
Darüber hinaus nutzte die jemenitische Terrormiliz die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten aus und spalteten damit die Anti-Huthi-Koalition. Während Abu Dhabi die südlichen Kräfte unterstützt, die auf einen militärischen Sieg setzten, räumt Riad Verhandlungen den Vorrang ein und unterstützt die schwache international anerkannte Regierung. Diese Spaltung zerstörte den Einfluss der Koalition und stärkte direkt die strategische Position der Huthi.
Die Folgen davon reichen weit über den Jemen hinaus. Der Iran ahmt die Methoden der Huthi bereits in der Straße von Hormus nach, und sein gesamtes Netzwerk von Stellvertretern beobachtet die Entwicklung aufmerksam. Jedes Zugeständnis bestärkt die Überzeugung, dass Beharrlichkeit die Abschreckungskraft überlegener Mächte zunichte macht. Islamistische Bewegungen, darunter al-Shabaab in Somalia und Fraktionen der Muslimbruderschaft im Sudan, betrachten die Huthi mittlerweile als das ultimative Vorbild dafür, wie asymmetrische Kriegsführung den politischen Willen überlegener Gegner systematisch brechen kann. Saudi-Arabien zahlt den Preis dafür in Form erneuter Angriffe aus dem Jemen.
Notwendige Schritte
Die Lehre daraus sollte nun unmissverständlich sein: Abschreckung lässt sich nicht allein durch Waffenstillstände wiederherstellen, sondern nur durch einen Sieg. Und das erfordert drei strategische Schritte.
Erstens müssen Washington und Riad die Illusion aufgeben, dass die Huthi oder der Iran durch Zugeständnisse in Schach gehalten werden können. Beide müssen als militärische Kräfte entscheidend besiegt und nicht bloß eingedämmt werden.
Zweitens müssen die Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien eine breite regionale Koalition aufbauen, die anhaltende Luftangriffe mit einer Bodenoffensive verbindet, da nur Bodenoperationen die territoriale Kontrolle der Huthi zerschlagen können.
Drittens muss auf den militärischen Sieg eine umfassende Nachkriegsstrategie folgen, die die international anerkannte Regierung des Jemen wiedereinsetzt, staatliche Institutionen wiederaufbaut und eine regionale Stabilisierungs- und Friedenstruppe aufrechterhält.
Werden Washington und Riad die Aggressionen des Iran und seiner Stellvertreter weiterhin mit Zugeständnissen belohnen oder werden sie endlich eine glaubwürdige Abschreckung wiederherstellen? Wie der US-Präsident gerne sagt: »Wir werden sehen.«
Habtom Ghebrezghiabher von der Hebräischen Universität Jerusalem ist Experte für geopolitische und sicherheitspolitische Dynamiken am Horn von Afrika und in der Region des Roten Meeres. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)
