Das Interview mit Ali Sadrzadeh im NDR zum aktuellen Krieg wirkt analytisch, bis der Iran-Experte des Hessischen Rundfunks zu Israel kommt, dann wird es schnell prätentiös.
Jenny Möhlmann
Der Autor einer Khamenei-Biografie Ali Sadrzadeh blickt mit Hoffnung und Sorge auf die Entwicklungen in Teheran. Im Gespräch mit NDR Info geht es um interne Machtkämpfe, Regimewechsel und geschlossene Bankautomaten, bis Sadrzadeh mit nur einem Satz seine Rolle als Journalist diskreditiert: »Ich habe den Eindruck, dass die Israelis mit ihren Bombardements so eine Semi-Gaza-Aktion machen.« Der Iranexperte macht die Küstenenklave hier in drei Sekunden zu einer Chiffre für entgrenzte Gewalt, die eine Skala impliziert, auf der die Gaza-Operationen der Referenzpunkt für maximale Zerstörung sind. Ein Bild, mit dem Israel hinter vorgehaltener Hand wieder zum ewigen Aggressor deklariert werden kann.
Das allein geht Sadrzadeh jedoch offensichtlich noch nicht weit genug, spricht er doch auch davon, dass »die Israelis« bombardieren würden. Nicht die israelische Luftwaffe, nicht die Regierung Netanjahu. Die Israelis selbst werden bei Sadrzadeh zu einem einzigen brutalen Akteur. Diese Kollektivierung ist voreingenommene Rhetorik par excellence und der Journalist folgt damit einem klassischen Muster, denn die Verbindung von Pauschalurteil und pseudo-nüchternem Ton ist charakteristisch für den modernen, gern auch medial verbreiteten israelbezogenen Antisemitismus.
Denn Ali Sadrzadeh wendet diesen Maßstab ausschließlich auf Israel – alias »die Israelis« – an. Auf die allgemeine Kriegssituation in Teheran blickt er mit Ambivalenz und hofft auf die positiven Entwicklungen, die sich daraus für die Bevölkerung perspektivisch ergeben können. Israel aber bereitet ihm Sorgen – und bekommt den Gaza-Vergleich umgehängt. Das ist strukturelle Ungleichbehandlung – unabhängig davon, ob sie bewusst oder unbewusst geschieht.
Bloße Polit-Floskel
Wer sich noch fragt, was genau Ali Sadrzadeh überhaupt mit »Semi-Gaza« meint – Trefferzahl? Zivilopfer? Flächenschaden? –, wird enttäuscht. Er begründet sein Meinungsbild einzig mit der »Massivität« der Militäraktionen. Wie könnte er auch anders, sind doch die Operationen im Gazastreifen und im Iran militärisch, rechtlich und politisch fundamental verschieden. Sein Neologismus ist also eine rein emotionale Verortung, der jeder analytische Inhalt vollkommen abhandenkommt.
Seit dem 7. Oktober 2023 ist »Gaza« im öffentlichen Diskurs zu einem Codewort für israelische Unverhältnismäßigkeit geworden. Das ist rhetorisch effektiv, aber journalistisch unredlich, besonders in einem Experteninterview im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo Zuhörer eine sachliche Einordnung erwarten dürfen.
Nonchalant eingestreute Polit-Floskeln dieser Form sind symptomatisch für ein Denkmuster, das Israel einen Sonderstatus als dauerhaft moralisch verdächtigen Akteur zuweist, während andere Mächte wie die USA und selbst die Islamische Republik Iran mit anderen Maßstäben gemessen werden. Dass dies im NDR-Info-Interview unkommentiert stehengelassen wird, festigt das Narrativ, das die Öffentlich-Rechtlichen sich selbst und ihren Konsumenten wieder und wieder erzählen. Und es hat nicht den Anschein, als würde sich daran so schnell etwas ändern.
