Wie das Regime der Islamischen Republik Iran nach dem Krieg gegen Israel seine Terrorherrschaft im Inneren verschärft.
Während die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit weiterhin auf den Spannungen zwischen Israel, den Vereinigten Staaten und der Islamischen Republik liegt, vollzieht sich innerhalb des Iran eine Entwicklung, die weit weniger Schlagzeilen macht – deren Folgen für die iranische Bevölkerung jedoch kaum gravierender sein könnten. Das Regime in Teheran nutzt die sicherheitspolitische Ausnahmesituation nach dem Krieg, um mit einer neuen Welle von Hinrichtungen, Massenverhaftungen und politischen Prozessen seine Herrschaft zu festigen. Die Todesstrafe ist dabei längst nicht mehr nur ein Instrument der Strafjustiz. Sie ist zu einem politischen Werkzeug geworden, das Angst erzeugen und jede Form von Opposition beenden soll.
Spionagevorwurf als politisches Instrument
Anfang August ließ die iranische Justiz zwei Männer, Omid Behzad und Pouria Safvat, hinrichten. Ihnen wurde vorgeworfen, für den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad spioniert und militärische Einrichtungen sowie sicherheitsrelevante Informationen an Israel weitergegeben zu haben. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Fars seien die Urteile vom Obersten Gericht bestätigt worden, bevor sie vollstreckt wurden. Unabhängige Beweise für die gegen die beiden erhobenen Vorwürfe wurden jedoch nicht veröffentlicht. Die Verfahren fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Die beiden Exekutionen sind jedoch weit mehr als Einzelfälle. Menschenrechtsorganisationen beobachten eine deutliche Verschärfung der Repression während der letzten Monate. Vor allem seit Beginn des Krieges greift das Regime verstärkt auf die Todesstrafe zurück, insbesondere gegen Menschen, denen Spionage, Gefährdung der nationalen Sicherheit oder eine angebliche Zusammenarbeit mit Israel vorgeworfen wird.
Amnesty International spricht von einer eskalierenden Kampagne willkürlicher Hinrichtungen und weist darauf hin, dass zahlreiche Todesurteile auf Verfahren beruhen, die grundlegenden rechtsstaatlichen Standards nicht entsprechen. Nach Angaben der Organisation wurden allein im Zusammenhang mit den Protesten Anfang 2026 bereits mindestens 26 Menschen nach unfairen Verfahren hingerichtet; zahlreiche weitere Gefangene warten auf ihre Vollstreckung.
Der Vorwurf der Zusammenarbeit mit Israel besitzt im politischen System der Islamischen Republik eine besondere Funktion. Wer als Mossad-Agent oder als »Spion des zionistischen Regimes« bezeichnet wird, gilt nicht nur als Straftäter, sondern als Verräter an Staat und Religion. Damit schafft das Regime eine moralische und ideologische Rechtfertigung für die härtesten Strafen.
Gerade nach den militärischen Auseinandersetzungen mit Israel gewinnt dieses Narrativ zusätzlich an Bedeutung. Die erfolgreichen israelischen Operationen gegen hochrangige Funktionäre, Militärstandorte und Teile des iranischen Atomprogramms haben in Teheran die Überzeugung verstärkt, dass Israel über ein weitreichendes Netzwerk von Informanten innerhalb des Landes verfügt. Seitdem wurden zahlreiche Personen unter Spionageverdacht festgenommen.
Ob sämtliche Vorwürfe berechtigt sind oder ob politische Gegner unter dem Deckmantel der Spionage ausgeschaltet werden, lässt sich in vielen Fällen kaum überprüfen. Internationale Beobachter kritisieren, dass Verfahren vor den Revolutionsgerichten häufig hinter verschlossenen Türen stattfinden, Angeklagte nur eingeschränkten Zugang zu unabhängigen Anwälten erhalten und Geständnisse vielfach unter Druck oder Folter erzwungen werden.
Autoritäre Systeme reagieren auf Krisen selten mit Reformen. Sie antworten mit Repression. Je größer der Druck von außen und je deutlicher die eigenen Schwächen sichtbar werden, desto stärker richtet sich der Blick der Machthaber nach innen. Die Islamische Republik bildet dabei keine Ausnahme.
Der Krieg mit Israel und den USA hat das iranische Regime militärisch und politisch in eine schwierige Lage gebracht. Mehrere hochrangige Kommandeure der Revolutionsgarde kamen bei israelischen Angriffen ums Leben, wichtige militärische Einrichtungen wurden getroffen und selbst Teile des iranischen Atomprogramms gerieten ins Visier. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Israel über außergewöhnlich präzise Informationen aus dem Inneren des Landes verfügt. Die gezielten Operationen nährten in Teheran den Verdacht, dass sich Informanten und Agentennetzwerke tief in den staatlichen Sicherheitsapparat eingeschlichen hätten.
Für die Führung in Teheran stellt dies eine Gefahr für den eigenen Machtanspruch dar. Seit der Islamischen Revolution von 1979 stützt sich das Regime auf das Bild eines starken Staates, der seine Feinde unter Kontrolle hat und die islamische Ordnung schützt. Jeder erfolgreiche Angriff, jede spektakuläre Geheimdienstoperation und jede öffentliche Blamage beschädigen dieses Selbstbild. Gerade deshalb versucht die Führung, Stärke an anderer Stelle zu demonstrieren. Nicht gegenüber Israel, sondern gegenüber der eigenen Bevölkerung.
Die Todesstrafe wird dabei zu einem Mittel politischer Kommunikation. Jede Hinrichtung sendet dieselbe Botschaft: Der Staat bleibt handlungsfähig, Verrat wird kompromisslos bestraft und jede Form der Zusammenarbeit mit ausländischen Akteuren endet am Galgen. Ob die Betroffenen tatsächlich schuldig sind oder nicht, rückt dabei häufig in den Hintergrund. Entscheidend ist die abschreckende Wirkung.
Höchste Hinrichtungsrate der Welt
Kaum ein Staat verübt so häufig Todesstrafen wie die Islamische Republik. Nach Angaben der in Norwegen ansässigen Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights wurden bereits 2025 mehr als 970 Menschen hingerichtet. Das ist der höchste dokumentierte Wert seit Jahren. Auch 2026 setzt sich dieser Trend fort. Unter den Hingerichteten befinden sich nicht nur wegen Mordes oder Drogendelikten Verurteilte, sondern zunehmend auch politische Gefangene und Personen, denen Spionage oder die Unterstützung oppositioneller Gruppen vorgeworfen wird.
Besonders alarmierend ist dabei die Geschwindigkeit vieler Verfahren. Zwischen Festnahme, Urteil und Vollstreckung liegen mitunter nur wenige Monate. Internationale Beobachter sehen darin den Versuch, potenziellen Protest bereits im Ansatz zu ersticken. So soll den Iranern gezeigt werden, welchen Preis Widerstand kosten kann.
Trotz der alarmierenden Entwicklung bleibt die internationale Reaktion bislang erstaunlich verhalten. Zwar verurteilen die Vereinten Nationen, die Europäische Union und zahlreiche Menschenrechtsorganisationen regelmäßig die Anwendung der Todesstrafe im Iran. Konkrete politische Konsequenzen bleiben jedoch meist aus. Die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft richtet sich derzeit vor allem auf das iranische Atomprogramm, die regionalen Stellvertretergruppen Teherans sowie die Folgen des Krieges mit Israel. Die systematische Repression im Inneren gerät darüber zunehmend in den Hintergrund.
Gleichzeitig wächst innerhalb des Iran der Widerstand gegen diese Entwicklung, wenn auch meist im Verborgenen. Angehörige von Gefangenen veröffentlichen über soziale Medien Hilferufe, Menschenrechtsaktivisten dokumentieren Hinrichtungen trotz erheblicher persönlicher Risiken und politische Gefangene protestieren immer wieder mit Hungerstreiks gegen die zunehmende Zahl der Exekutionen. Viele dieser Proteste gelangen jedoch kaum an die internationale Öffentlichkeit, weil unabhängige Medien im Iran praktisch nicht existieren und Journalisten massiver staatlicher Kontrolle unterliegen.
Der Galgen als Botschaft
Die jüngsten Hinrichtungen zeigen, dass die Todesstrafe im Iran längst mehr ist als eine strafrechtliche Sanktion. Sie ist ein Instrument politischer Machtausübung. Wer als Spion, Staatsfeind oder Gegner der Islamischen Republik gilt, soll nicht nur bestraft werden, seine Hinrichtung soll eine Botschaft an Millionen andere senden.
Gerade nach dem Krieg mit Israel scheint das Regime entschlossen, jeden Eindruck von Schwäche zu vermeiden. Militärische Rückschläge nach außen werden durch maximale Härte im Inneren kompensiert. Der Staat versucht, Kontrolle zu demonstrieren, indem er Angst erzeugt. Das eigentliche Ziel ist nicht allein die Bestrafung einzelner Verurteilter, sondern die Abschreckung einer gesamten Gesellschaft.
Die Geschichte der Islamischen Republik zeigt, dass Phasen äußerer Krisen fast immer mit verstärkter Repression im Inland einhergehen. Nach den Protesten der Grünen Bewegung 2009, nach den landesweiten Demonstrationen 2019 und insbesondere nach der Bewegung »Frau, Leben, Freiheit« ab 2022 reagierte das Regime mit Massenverhaftungen, Schauprozessen und Hinrichtungen. Die aktuelle Entwicklung fügt sich nahtlos in dieses Muster ein. Solange die politische Führung ihre Legitimität zunehmend aus Angst statt aus Zustimmung bezieht, bleibt die Todesstrafe eines ihrer wirkungsvollsten Herrschaftsinstrumente.
