Das Buch Jüdische Realitäten nach dem 7. Oktober versammelt Stimmen, die in der Kulturdebatte weitgehend fehlen.
Es ist ein leises Buch, das eine umso lautere Lücke füllt. Der Band Jüdische Realitäten nach dem 7. Oktober, herausgegeben von der Architekturhistorikerin Alexandra Klei und der Kunsthistorikerin Annika Wienert, ist ein künstlerisch-essayistisches Dokument der Gegenwart nach dem Schwarzen Sabbat vom 7. Oktober 2023. Die Bilder dieses Tages und seiner Folgen haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben und zugleich eine mediale, kulturelle und gesellschaftliche Leerstelle offengelegt: die Abwesenheit jüdischer und israelischer Perspektiven in der öffentlichen Debatte und im Kulturbetrieb.
Vierzig Stimmen
Der vorliegende Band antwortet mit Ausdruck und einer klaren Haltung. Er versammelt Gedichte, Essays, Fotografien, Kunst, Notate. Was Klei und Wienert konzipiert haben, ist eine offene, atmende Struktur, mehr Organismus als Statement.
Entstanden ist ein Raum, in dem Erfahrungen sprechen dürfen, ohne dass sie erklärt, eingeordnet oder relativiert werden müssen. In Beiträgen von über vierzig Stimmen – jüdischen wie nichtjüdischen, aus Kunst, Wissenschaft und Literatur – zeichnet sich ein Mosaik ab, das keine Deutungshoheit beansprucht. Dieses Buch macht keine inhaltlichen Vorgaben. Es erlaubt Subjektivität, Schmerz und Wut ganz ohne Rechtfertigungsdruck. Gerade das macht es politisch. Man darf diesen Band als Manifest gegen die Leerstelle jüdischer Stimmen im Kulturbetrieb lesen.

Die Kunsthistorikerin Jacky Klein etwa beschreibt in ihrem Beitrag Notes from a Storm ihre persönliche Wahrnehmung vor und nach dem 7. Oktober 2023. Eine Erfahrung, die sich wie ein Riss durch ihre Wirklichkeit zieht. Gesichter von Vermissten, Geiseln auf Bannern, Parolen auf Demonstrationen, das Schweigen von Freundinnen und Freunden. Ihre Notizen sind brüchig, tastend, intim. Sie spricht vom Krieg in »vier Farben«, begleitet von Fotostrecken, die eine israelische Realität im Hoffen auf die Geiseln wiedergeben.
Der israelische Fotograf Tomer Applebaum zeigt Szenen aus Tel Aviv und dem Grenzgebiet zum Gazastreifen. Er dokumentiert Soldatinnen und Soldaten in Blumenfeldern und Ruinen, Alltagsfragmente in Israel, Sonnenuntergänge mit Kriegsschatten. Seine Bilder sind unmittelbar und fast zu nahe, jedenfalls zu nahe für den deutschsprachigen Medienbetrieb, der lieber gefilterte, abwägende Werke zeigt.
Die deutsche Schriftstellerin Dana von Suffrin protokolliert in einem Zoom-Call alltäglichen, strukturellen Antisemitismus und zeigt, wie jüdische Perspektiven an den Rand gedrängt werden – durch Passivkonstruktionen, wohlmeinende Floskeln, durch Ignoranz. In ihrem Beitrag Der Vorschlag macht sie sichtbar, was geschieht, wenn jüdische Subjektivität zur Erzählung der anderen wird.
Der Reporter und Fotograf mit ukrainischen Wurzeln Yonatan Ginzburg erzählt in Fotografien und kurzen Texten von seinem Militärdienst unmittelbar nach dem Reserveeinzug des 7. Oktobers, seinem Alltag, dem Verlust und dem Überleben. Es entsteht ein visuelles Tagebuch der Einberufung, gewidmet dem gefallenen Ofir Libstein, der mit ihm in der Sanitätskompanie diente. Pathos meidet er bewusst. In knappen Notizen führt er die Leser durch das Kriegsgeschehen.

Einladung
Die fünfte Ausgabe des Jahrbuchs Werkraum Bild und Sinn versteht sich ausdrücklich nicht als thematisch kuratiertes Projekt, sondern als eine Einladung zum Erzählen, zum Zeigen, zum Bleiben. Dass eine solche Einladung notwendig und längst überfällig ist, zeigt nicht zuletzt der kulturpolitische Kontext, in dem dieses Buch erscheint.
Während jüdische Stimmen im Kulturbetrieb zunehmend marginalisiert oder ausschließlich in konfliktbeladenen Rollen wahrgenommen werden, entzieht sich dieser Band bewusst jeder Erwartungshaltung. Und genau das ist seine Stärke.
Die gestalterische Umsetzung ist sorgfältig durchdacht. Typografische Setzungen, Bildstrecken, die Art, wie der Band gelesen, gewendet, befragt werden kann. Gestaltung wird hier zur Sprache einer Haltung. Man blättert nicht, man bewegt sich. Dieses Buch ist mehr als eine Sammlung von Stimmen. Es öffnet einen Möglichkeitsraum. Einen Einspruch gegen das Verstummen, gegen die Kulturalisierung des Antisemitismus, gegen die museale Haltung der Mehrheitsgesellschaft. Gegen das Wegkuratieren jüdischer Wirklichkeit. Und es zeigt, dass Erinnern möglich ist, ohne zu verzerren.

