Im MENA-Talk spricht Jasmin Arémi mit dem österreichischen Schriftsteller Sama Maani über seine Kindheit im Iran vor der Islamischen Revolution, die Verfolgung religiöser Minderheiten und den Widerstand gegen das Regime.
Der österreichische Schriftsteller Sama Maani war vor einiger Zeit mit seinem Buch »Zu Besuch bei Onkel Napoleon« im MENA-Talk zu Gast. Für ein Folgegespräch trafen wir ihn in Wien, um einige der damals angesprochenen Themen zu vertiefen.
Maani verbrachte einen Teil seiner Kindheit im Iran, bevor er nach Österreich kam. Seine Erinnerungen an das Land vor der Islamischen Revolution von 1979 sind geprägt von einer Gesellschaft, die trotz autoritärer Herrschaft kulturelle und gesellschaftliche Freiheiten kannte, die heute keineswegs mehr selbstverständlich sind.
Eine seiner frühesten Erinnerungen führt ihn gemeinsam mit seiner Großmutter in ein Lebensmittelgeschäft in Teheran. Sie trug damals keinen Schleier, denn Frauen konnten selbst entscheiden, wie sie sich kleideten. In dem Geschäft befand sich ein Geistlicher, der, wie Maani erzählt, beinahe schüchtern und zurückhaltend erklärte, dass er – also die Mullahs – versuche, den Frauen das richtige Verhalten aufzuzeigen, damit sie ins Paradies kämen. Seine Großmutter ließ sich davon allerdings wenig beeindrucken und wies den Geistlichen mit Spott zurecht. Dabei machte sie sich insbesondere über die vermeintliche Sittsamkeit verschleierter Frauen lustig und darüber, was sich hinter dem Schleier tatsächlich abspielen könne. Für Maani ist diese Erinnerung auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Freiheit, die im heutigen Iran kaum noch vorstellbar ist.
Auch die Deutsche Schule Teheran, die der Schriftsteller in seiner Kindheit besuchte, hat Eingang in sein literarisches Werk gefunden. In seinem Roman » Žižek in Teheran« wird aus der ehemaligen deutschen Schule ein Internat für islamische Mädchen. Auch der sogenannte »Palast der Jugend«, eine kulturelle Einrichtung, an die sich Maani aus seiner Kindheit erinnert, findet sich im Roman wieder. So verbindet der Schriftsteller autobiografische Erinnerungen an das Teheran seiner Kindheit mit surrealen Elementen.
Ein zentrales Problem sieht Maani in der westlichen Wahrnehmung der iranischen Gesellschaft. Insbesondere in Europa werde der Iran häufig mit dem Islam gleichgesetzt, als gäbe es jenseits der Religion keine anderen gesellschaftlichen und politischen Realitäten. Diese Sichtweise hat weitreichende Konsequenzen, die bis in die Iranpolitik der Europäischen Union hineinreichten.
Wer den Iran ausschließlich als islamische Gesellschaft begreife, gehe zwangsläufig davon aus, dass auch gesellschaftlicher Fortschritt nur innerhalb des Islam möglich sei, etwa durch einen liberalen oder feministischen Islam. Dabei wird übersehen, dass sich große Teile der iranischen Bevölkerung längst von der Religion distanziert hätten. So verweist er etwa auf empirische Untersuchungen, denen zufolge sich eine Mehrheit der Befragten nicht mehr als muslimisch bezeichnet. Diese Entwicklung werde in westlichen Debatten über den Iran kaum berücksichtigt.
Verfolgung der Bahai
Seine religiöse Herkunft und die spätere Abkehr vom Glauben prägen ihn bis heute, auch in seiner schriftstellerischen Arbeit. Bis zu seinem 24. Lebensjahr sei er ein überzeugter und aktiver Anhänger der Bahai-Religion gewesen. Er vergleicht die Bahai-Religion in mancher Hinsicht mit dem Protestantismus, da sie keine Priesterschaft im klassischen Sinne kennt und die Gläubigen ihren Glauben eigenständig praktizieren.
Auch hinsichtlich der Frauenrechte und der Ablehnung von Gewalt sieht er deutliche Unterschiede zum Islam, die er als positive Aspekte der Bahai-Religion hervorhebt. Seine spätere Abkehr vom Glauben hatte vor allem philosophische Gründe. Bereits in seiner Jugend beschäftigte er sich intensiv mit Philosophie und den Schriften Sigmund Freuds, deren Gedanken sich für ihn zunehmend schwer mit seinen religiösen Überzeugungen vereinbaren ließen. Trotz seiner heutigen Distanz zur Religion beschäftigt ihn die Verfolgung der Bahai im Iran weiterhin.
Besonders in den ersten Jahren nach der Islamischen Revolution seien Angehörige der religiösen Minderheit brutal verfolgt und teilweise als vermeintliche Spione Israels hingerichtet worden. Als Vorwand diente dem Regime dabei der Umstand, dass sich das religiöse Weltzentrum der Bahai in Haifa im heutigen Israel befindet.
Israel-Solidarität statt staatlicher Propaganda
Auch das Verhältnis der iranischen Bevölkerung zu Israel habe sich nach seiner Einschätzung in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Noch 2016 hat Maani es keineswegs für selbstverständlich gehalten, dass eine demokratische Regierung nach einem möglichen Regimewechsel zwangsläufig israelfreundlich wäre. Inzwischen beobachte er jedoch eine deutlich gewachsene Solidarität mit Israel, insbesondere seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023.
Während das Regime versuchte, mit öffentlichen Aktionen und Solidaritätsbekundungen Unterstützung für die Hamas zu mobilisieren, sei die Resonanz in der Bevölkerung auffallend gering geblieben. So gab es eine iranische Fernsehdiskussion vom November 2023, in der selbst ein regimetreuer Politikwissenschaftler die geringe Beteiligung an einer »pro-palästinensischen« Kundgebung in Teheran kritisiert habe. Während in westlichen Metropolen Zehntausende gegen Israels Vorgehen im Gazastreifen demonstrierten, habe man in der Millionenstadt Teheran nicht einmal einige Tausend Menschen für eine Solidaritätskundgebung mobilisieren können.
Auch bei einem Fußballspiel mit Zehntausenden Menschen sei die Ablehnung der staatlichen Propaganda deutlich geworden. Als regimenahe Basidsch-Anhänger mit und palästinensischen und Hamas-Fahnen auftraten, hätten zahlreiche Zuschauende mit lautstarken und wenig höflichen Protesten reagiert. Für den Schriftsteller sind auch solche Szenen Ausdruck einer wachsenden Distanz zwischen der iranischen Bevölkerung und der antiisraelischen Ideologie des Regimes.
Solidarität wird zur Projektion
Dass der Iran in seinen Romanen immer wieder auftaucht, hat auch mit seiner persönlichen Verbundenheit zu den Menschen dort zu tun. Besonders beschäftigt ihn die Frage, weshalb westliche politische Milieus, die sich selbst als progressiv verstehen, so wenig Interesse an den tatsächlichen Anliegen der iranischen Bevölkerung zeigen. Politik, Wirtschaft und das öffentliche Leben müssten sich von religiösen Vorgaben emanzipieren können. Dass eine solche Entwicklung auch im Iran möglich sei, werde in westlichen Debatten jedoch kaum in Betracht gezogen.
Dahinter sieht der Schriftsteller eine grundsätzliche Schwierigkeit westlicher Solidaritätsbewegungen. Statt sich mit den tatsächlichen Forderungen und Lebensrealitäten der Menschen auseinanderzusetzen, würden diese häufig zur Projektionsfläche der eigenen politischen Überzeugungen. Er erinnert in diesem Zusammenhang an das einstige Ideal internationaler Solidarität, das Che Guevara als »Zärtlichkeit der Völker« bezeichnete. Zwar sei auch diese Vorstellung nicht frei von ideologischen Projektionen gewesen, doch habe zumindest der Anspruch bestanden, sich mit den konkreten Anliegen anderer Menschen zu solidarisieren.
Heute hingegen habe er den Eindruck, dass weder die tatsächlichen Lebensverhältnisse der Palästinenser noch die Forderungen der iranischen Bevölkerung im Mittelpunkt stünden. Stattdessen dominierten politische Vorstellungen, die von außen an diese Gesellschaften herangetragen würden. Eine wirkliche Solidarität müsse deshalb zunächst bereit sein, den Menschen zuzuhören, und sie nicht für die eigenen ideologischen Überzeugungen zu vereinnahmen.
