Im MENA-Talk mit Jasmin Arémi spricht der Psychologe und Autor Ahmad Mansour über sein neues Buch »Haltung ohne Hass« und die Folgen des 7. Oktobers. Er erklärt auch, weshalb demokratische Streitkultur für ihn zu einer Priorität geworden ist.
Für Ahmad Mansour markiert der 7. Oktober 2023 eine Zäsur – politisch sowie persönlich. Der Psychologe und Autor wurde in Israel geboren und stammt aus einer palästinensischen Familie. Den Morgen des Hamas-Massakers beschreibt er als einen Tag, der auch sein eigenes Leben grundlegend verändert habe. Während er sich um Familie und Freunde in Israel sorgte, habe er in Berlin beinahe unmittelbar erlebt, wie Unterstützer der Hamas und Gegner Israels auf den Angriff reagierten.
Dass drei Jahre später in der öffentlichen Debatte vor allem über den Krieg im Gazastreifen gesprochen werde, während dessen Ausgangspunkt zunehmend aus dem Blick gerate, hält er für problematisch. Es müsse daran erinnert werden, was den Krieg ausgelöst habe: der Angriff der Hamas auf israelische Zivilisten am 7. Oktober 2023. »Natürlich kann man über den Krieg sprechen. Selbstverständlich kann man auch Israel kritisieren. Aber ich habe das Gefühl, wir haben vergessen, wie all das angefangen hat. Und warum Israel gezwungen wurde, diesen Krieg zu führen. Und das ist der 7. Oktober.«
Radikalisierung beginnt vor der Gewalt
Diese Entwicklung führt zu einer der zentralen Thesen seines neuen Buches »Haltung ohne Hass«. Mansour kritisiert einen Begriff von Radikalisierung, der erst dann greift, wenn Menschen bereit sind, Gewalt anzuwenden. Für Sicherheitsbehörden seien solche engen Kriterien nachvollziehbar. Präventionsarbeit müsse jedoch wesentlich früher ansetzen. Seit Jahren arbeitet er mit Jugendlichen und an Schulen. Dort gehe es nicht darum, Menschen vorschnell als Extremisten abzustempeln, sondern Risikofaktoren und Radikalisierungstendenzen zu erkennen, bevor sich Weltbilder vollständig verhärten.
Das gelte für Islamismus ebenso wie für Rechts- und Linksextremismus – und auch für israelbezogenen Antisemitismus. Mansour zieht die Grenze nicht bei Kritik an der israelischen Regierung oder bei Trauer über zivile Opfer im Gazastreifen. Problematisch werde es dort, wo Terror nicht mehr als solcher bezeichnet, die Hamas zu einer Befreiungsbewegung umgedeutet oder nicht für eine Zweistaatenlösung, sondern für die Beseitigung Israels demonstriert werde. Auch die Verwendung islamistischer Symbole und die Bereitschaft, gemeinsam mit radikalen Islamisten und Antisemiten zu demonstrieren, seien deutliche Warnzeichen.
Dass einfache Weltbilder gerade unter jungen Menschen an Attraktivität gewinnen, erklärt der Psychologe mit den Krisenerfahrungen der vergangenen Jahre. Pandemie, Krieg in Europa und im Nahen Osten, wirtschaftliche Unsicherheit und Zukunftsängste haben ein Gefühl von Kontrollverlust geschaffen. Radikale Ideologien bieten darauf scheinbar einfache Antworten. Die Welt wird in Täter und Opfer, Gut und Böse unterteilt und liefert eindeutige Schuldige. Verstärkt werde diese Entwicklung durch soziale Medien. Plattformen wie TikTok, Instagram oder X belohnten Emotionalisierung, Zuspitzung und moralische Empörung, während komplexe Erklärungen weniger Aufmerksamkeit erhielten.
Hinzu komme die Logik digitaler Echokammern. Wer über Stunden täglich Inhalte sieht, die das eigene Weltbild bestätigen, wird immer seltener mit Gegenargumenten konfrontiert. Mansour spricht in diesem Zusammenhang von einer zunehmenden Unfähigkeit, Ambivalenzen und Widersprüche auszuhalten. Andersdenkende werden nicht mehr als Gesprächspartner wahrgenommen, deren Argumente es zu widerlegen gelte, sondern als Personen, denen überhaupt keine Bühne mehr gegeben werden dürfe. Gerade darin sieht er eine Gefahr für die Demokratie. Demokratische Streitkultur bedeute nicht, sich ausschließlich mit Menschen zu umgeben, die dieselben Überzeugungen teilen. Sie müsse im Gegenteil davon leben, Widerspruch auszuhalten.
Der persönliche Preis der Haltung
Der Titel seines Buches ist für Mansour auch autobiografisch. Seine öffentliche Haltung nach dem 7. Oktober habe ihn nicht nur beruflich und gesellschaftlich unter Druck gesetzt, sondern auch private Beziehungen gekostet. Weil seine Eltern sich ausschließlich als Palästinenser verstünden und viele Menschen in seinem persönlichen Umfeld eine grundlegend andere Sicht auf den Nahostkonflikt haben, seien zahlreiche Kontakte abgebrochen. Seine Eltern hätten über zwei Jahre nicht mit ihm gesprochen. Freunde, die ihn zuvor regelmäßig in Israel getroffen hätten, hätten sich nach dem Hamas-Angriff nicht einmal erkundigt, wie es ihm gehe.
Haltung, wie er sie versteht, beginnt gerade dort, wo sie einen Preis hat. Er kritisiert Politiker, Künstler und andere Personen in Führungspositionen, die aus Angst vor beruflichen oder gesellschaftlichen Konsequenzen schwiegen. Wer Haltung nur dort zeige, wo Zustimmung sicher sei, verteidige damit noch keine demokratische Gesellschaft.
Radikale Gruppen versprachen ihren Anhängern Gemeinschaft und zugleich das Gefühl, einer moralischen Elite anzugehören. Diese Mechanismen sieht er bei Islamisten ebenso wie bei Links- und Rechtsextremisten. Eine Demokratie müsse deshalb die Gefahren unterschiedlicher Formen des Extremismus gleichzeitig wahrnehmen, statt sie je nach politischer Präferenz gegeneinander auszuspielen. Entscheidend sei zudem, Menschen nicht vorschnell aufzugeben. Aus seiner früheren Arbeit in einer Beratungsstelle wisse er, wie entscheidend es sei, dass Eltern, Lehrer und Freunde den Kontakt zu Menschen aufrechterhalten, die in radikale Weltbilder abrutschen.
Am Ende seines Buches steht deshalb kein Appell an Harmonie. Der Autor möchte, dass wieder gestritten wird. Politische Konflikte haben längst auch private Beziehungen zerstört. Menschen sprechen nicht mehr mit Nachbarn, Geschwistern, Freunden oder ehemaligen Partnern, weil sie bei Themen wie Migration, Corona, Klima, Gender, Israel oder politischen Parteien unterschiedliche Auffassungen haben. Genau diese Entwicklung hält er für fatal. »Haltung ohne Hass« ist damit auch ein Plädoyer dafür, Demokratie nicht mit Einigkeit zu verwechseln. Eine demokratische Gesellschaft müsse Widerspruch nicht beseitigen, sondern aushalten können. Und Haltung müsse sich gerade dort bewähren, wo sie nicht mit Applaus belohnt wird.

