»Autoritäre Kaderorganisationen bieten jungen Menschen einen klaren politischen Rahmen«

Tuija Wiegard im Mena-Watch-Interview: »Autoritäre Kaderorganisationen bieten jungen Menschen einen klaren politischen Rahmen«

Im Gespräch mit Elisa Mercier spricht Tuija Wigard über die democ-Handreichung »Die Erben Stalins. Autoritarismus und Antisemitismus bei neuen kommunistischen Jugendgruppen«.

Der Berliner Verein democ hat kürzlich die Handreichung Die Erben Stalins. Autoritarismus und Antisemitismus bei neuen kommunistischen Jugendgruppen veröffentlicht. Darin beschreibt die Organisation eine zunehmende Orientierung linker Jugendgruppen an stalinistischen und maoistischen Ideologien sowie an autoritären Organisationsformen. Im Mena-Watch-Interview erläutert Tuija Wigard, Mitglied des democ-Vorstandes, wie diese Gruppen politisch eingeordnet werden und welche Rolle Autoritarismus, Antisemitismus und Demokratieverachtung in ihnen spielen.

Elisa Mercier (EM): Warum sind autoritär geprägte linke Jugendorganisationen für junge Menschen attraktiv?

Tuija Wigard (TW): In der Handreichung ordnen wir das als Krisenphänomen ein. Junge Menschen sind heute in einer Zeit sich überlagernder Krisen sozialisiert worden: die politische Repräsentationskrise, soziale und ökologische Zukunftsängste, dazu die Erfahrung der Coronapandemie mit monatelangem Verlust sozialer Räume. Studien zeigen ein verstärktes Gefühl, nicht gehört zu werden und keinen Einfluss auf für das eigene Leben relevante Entscheidungen zu haben. Autoritäre Kaderorganisationen bieten hier einen klar strukturierten politischen und sozialen Erfahrungsraum, vermitteln das Gefühl von Selbstermächtigung und -wirksamkeit und liefern mit dem Kommunismusbegriff ein teleologisches Geschichtsbild, dem sich persönliche Belange unterordnen lassen. Das macht ein solches Angebot gerade für junge Menschen attraktiv, die sich politisch ohnmächtig fühlen.

EM: In Ihrer Handreichung beschreiben Sie, dass autoritäre Kaderstrukturen versuchen, Einfluss auf Bündnisse und Protestbewegungen zu nehmen. Wie sind diese Strukturen aufgebaut und in welchen Organisationen zeigt sich diese Entwicklung?

TW: Young Struggle (YS) und Rote Jugend Deutschland (RJD) sind straff hierarchisch geführte Kaderorganisationen. Nach außen treten sie mit uniformer Kleidung, choreografierter Demoaufstellung und Vermummung als homogene Organisation auf; nur wenige Personen agieren öffentlich, oft Frauen als Sprecherinnen, obwohl mehrheitlich Männer organisiert sind. Bei Versammlungen bilden sie eigene, abgegrenzte »Jugendblöcke«.

YS wurde 2010 in Stuttgart als Jugendorganisation der türkischen MLKP gegründet und ist mittlerweile europaweit aktiv, mit realistisch geschätzt rund dreihundert Anhängerinnen und Anhängern bundesweit. RJD ist Nachfolgestruktur der 2019 aufgelösten Gruppe Jugendwiderstand und verfügt mittlerweile über rund fünfzehn Ortsgruppen (Stand Oktober 2025).

Besonders auffällig ist ihr Agieren innerhalb von Protestbewegungen: Ohne Kontaktaufnahme zu Veranstaltern drängen sie sich in Demonstrationen, etwa bei CSD-Paraden über die Untergruppe Pride Rebellion, ignorieren dabei Wünsche der Organisatorinnen und Organisatoren und suchen die Auseinandersetzung mit der Polizei oder politischen Gegnerinnen und Gegnern. In Hannover ist mit dem »Bündnis Klassenkampf Hannover« sogar eine feste organisierte Zusammenarbeit mit weiteren Gruppen entstanden, in die sich auch die Ortsgruppe der Linksjugend [’solid] Hannover eingebunden hat.

Autoritarismus und Antisemitismus

EM: Sie schreiben, dass autoritäre und antidemokratische Orientierungen häufig mit antisemitischen und israelfeindlichen Positionen einhergehen. Worin bestehen die ideologischen Zusammenhänge zwischen diesen Phänomenen?

TW: Der von YS und RJD vertretene Antiimperialismus formuliert sich deutlich als Antizionismus. Israel wird dabei nicht als legitimer Nationalstaat, sondern als »koloniale Siedlernation« und imperialistischer Vorposten interpretiert, dessen Existenzrecht bestritten wird. Diese Umdeutung des Antizionismus zum »nationalen Befreiungskampf« führt zur offenen Solidarisierung mit PFLP, Hamas und Hisbollah.

Wir dokumentieren beispielsweise die Aussage einer YS-Aktivistin bei einer Hochschulbesetzung, die Israel das Existenzrecht abspricht, weil es dort »keine israelische Nation« und keine »Arbeiter*innenklasse« gebe – eine Aussage, die auf der klassisch antisemitischen Gleichsetzung von Jüdinnen und Juden mit Kapitalismus beruht. Zugleich betreiben diese Gruppen einen selektiven »Antifaschismus«, der sich ausschließlich auf den kommunistischen Widerstand bezieht, ohne der Opfer der Shoa zu gedenken, und der Erinnerungsorte teils sogar als Ausdruck einer »obrigkeitshörigen Staatsräson« angreift.

EM: Kürzlich wurden interne Chats aus der Linksjugend bekannt, in denen Stalin und die DDR positiv dargestellt sowie israelfeindliche Positionen geäußert wurden. Sind das Einzelfälle oder strukturelle Probleme in der Linksjugend?

TW: Die Vorfälle deuten darauf hin, dass es zumindest in größeren Teilen der Linksjugend ein strukturelles Problem mit der Verharmlosung autoritärer Regime und dem Umgang mit israelfeindlichen Positionen gibt. Bestenfalls müsste diese Frage anhand einer internen Aufarbeitung beantwortet werden. Allerdings sieht es zurzeit nicht so aus, als würde eine kritische Aufarbeitung ernsthaft verfolgt werden.

EM: Welche Verantwortung tragen Parteien und Jugendverbände, wenn sich Mitglieder oder Funktionäre positiv auf autoritäre Regime oder gewaltlegitimierende Ideologien beziehen, und welche Konsequenzen müssten daraus gezogen werden?

TW: Angesichts eindeutiger antisemitischer Bezüge sollte diesen Gruppierungen weder Infrastruktur noch Räume überlassen werden. Zivilgesellschaftliche Organisationen, Gewerkschaften und demokratische Jugendorganisationen sollten sich klar dazu verständigen, dass mit solchen Gruppierungen – auch digital – keine Zusammenarbeit stattfindet. Das schließt deren begründeten Ausschluss von Veranstaltungen und Versammlungen ein. Es geht dabei nicht nur um eine klare Grenzziehung zu antisemitischen und antidemokratischen Positionen, sondern auch darum, einen Gewöhnungseffekt gegenüber autoritärem Gedankengut zu verhindern.

Gemeinschaft und Gewaltverherrlichung

EM: Welche Rolle spielen das Bildungssystem und soziale Medien bei der Radikalisierung und Rekrutierung kommunistischer Jugendgruppen, und unterscheiden sich ihre Strategien von denen anderer extremistischer Milieus?

TW: Soziale Medien sind ein zentrales Instrument der Propaganda und Mitgliedergewinnung: Postings inszenieren Kampfbereitschaft und Gemeinschaft, begleitet von einem spezifischen, gewaltverherrlichenden Deutschrap, der die Ästhetik der Gruppen transportiert.

Auffällig ist zudem eine bewusste Bildsprache mit Kampfsport, Uniformierung und einer an die 1920er-Jahre angelehnten Ästhetik. Bemerkenswert sind dabei auch Überschneidungen mit rechtsextremer Symbolik und Rhetorik – etwa die Parole »Jugend voran«, die aktuell auch von neonazistischen Jugendgruppen verwendet wird, oder ein Zahnrad-Emblem, das an das Symbol der Deutschen Arbeitsfront erinnert.

EM: Welche Maßnahmen wären geeignet, um junge Menschen für demokratische Werte zu gewinnen und extremistischen Tendenzen entgegenzutreten?

TW: Erstens braucht es Aufklärung, gerade weil diese Gruppen unter Tarnnamen auftreten und Medien ihnen teils unkritisch Raum für Statements geben. Hier ist mehr journalistische Sensibilität gefragt. Zweitens braucht es, wie beschrieben, eine klare Grenzziehung durch Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und demokratische Jugendorganisationen, die jegliche Kooperation mit diesen Gruppierungen ablehnen und ihnen keine Räume oder Infrastruktur überlassen. Hier sollte auch die Linke eine strukturierte Aufarbeitung anstoßen.

Drittens – und das halten wir für zentral – braucht es niedrigschwellige, attraktive Orte sozialer, kultureller und persönlicher Interaktion als positive Antwort auf die Suche junger Menschen nach linker Identität und Zusammenhalt. Junge Menschen erwarten, dass ihre Anliegen gehört und ernst genommen werden; populistische oder repressive Antworten verstärken nach unserer Einschätzung eher die Tendenz zum Autoritarismus, als dass sie ihr entgegenwirken.

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