Iran: »Ich bin süchtig: Um ›clean‹ zu werden, gebe ich mein normales Leben auf«

Das Leben der Iraner ist zusehends von Verzicht geprägt
Das Leben der Iraner ist zusehends von Verzicht geprägt (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Die Verhältnisse im Iran haben einen Punkt erreicht, an dem die Menschen nicht mehr fragen: »Was wollen wir?« Sie fragen: »Worauf können wir verzichten?«

»Hallo. Ich bin süchtig. Seit zwei Jahren verzichte ich auf Fleisch. Vor anderthalb Jahren habe ich aufgehört, Hähnchen zu essen. Vor einem Jahr habe ich aufgehört, Kleidung zu kaufen. Vor sechs Monaten habe ich aufgehört, in Restaurants zu gehen und Obst zu kaufen. Aber ich bin immer noch nicht ganz ›clean‹. Denn ich esse immer noch gelegentlich Reis, manchmal Eier, und bin nach wie vor auf Hülsenfrüchte und Soja angewiesen. Aber wenn die ehrenwerten Behörden der Islamischen Republik das Land weiterhin auf diese Weise führen, werde ich wahrscheinlich auch darauf bald verzichten.«

Dieser mit bitterem Humor vorgetragene Satz beschreibt das Leben vieler Menschen im Iran, die unter dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck und der stetig sinkenden Kaufkraft gezwungen sind, ihre Lebensweise zu ändern. Für viele Familien ist das Streichen von Posten aus dem Haushaltsbudget zu einer Überlebensstrategie geworden. Zuerst verschwindet der Restaurantbesuch. Dann das Reisen. Dann neue Kleidung. Dann Obst. Dann Fleisch und Hähnchen. Irgendwann werden es die Dinge sein, die bis vor wenigen Jahren noch als essenzielle Bestandteile eines normalen Lebens galten.

Das Zynische an der Situation ist: Jedes Mal, wenn etwas aus dem Leben der Menschen verschwindet, bezeichnen die Verantwortlichen dies als »Geld sparen«. Während der Großteil der Iraner hungert, schienen viele der Vertreter des Regimes – von Geistlichen bis hin zu Regierungsbeamten – ein auffälliges körperliches Merkmal gemeinsam zu haben: dicke Bäuche und extreme Fettleibigkeit. Den einfachen Menschen hingegen wird gesagt, sie sollen sparen, weniger konsumieren und mit weniger auskommen.

Der Verzicht auf ein normales Leben

Normalerweise geben Süchtige, wenn sie versuchen, »clean« zu werden, eine Substanz auf und kehren zum »normalen« Leben zurück. Im Iran scheint dieser Prozess umgekehrt zu verlaufen: Der Versuch, »clean« zu werden, bedeutet hier die Abkehr vom normalen Leben. Jedes Mal, wenn der Preis eines Grundnahrungsmittels steigt, verschwindet dieses aus dem Leben der Menschen. Dieser Prozess breitet sich wie eine Epidemie über verschiedene Bereiche des iranischen Alltags aus und macht aus diesem einen – zunehmend auf Dauer gestellten – Ausnahmezustand.

Es ist ein bitterer Witz, aber nicht die Art von Witz, die man zur Unterhaltung erzählt. Dahinter verbirgt sich eine langsame und tiefgreifende Veränderung im Lebensstil von Millionen Menschen. Wenn die Einkommen ständig hinter den Preisen und den rasch steigenden täglichen Ausgaben zurückbleiben, streichen Familien zunächst die nicht-lebensnotwendigen Güter. Dann sparen sie bei Dingen, die einst alltäglich und selbstverständlich waren. Schließlich beginnen sie, die Lebensqualität selbst zu opfern. Die Verhältnisse im heutigen Iran haben einen Punkt erreicht, an dem die Menschen nicht mehr fragen: »Was wollen wir?« Sie fragen: »Worauf können wir verzichten?«

Eine Mutter, die ihre Kinder auf das neue Schuljahr vorbereitet, beschreibt, was passiert, wenn sie einkaufen geht: »Heute war ich auf dem Markt und habe drei Kilogramm Kartoffeln, drei Kilogramm Obst und Gemüse sowie einige Hefte und Stifte für meine Kinder gekauft. Insgesamt hat das etwa zwei Millionen Toman gekostet. Vor dem Einkauf habe ich mich lange mit meinen beiden Kindern unterhalten und sie gebeten, ihre alten Schulranzen und Schuhe aus dem letzten Jahr weiter zu benutzen. Ich habe ihnen keine neuen gekauft. Trotzdem haben wir am Ende mehr als die Hälfte unseres Monatseinkommens für ihre Schulausstattung ausgegeben.«

Das ist die Realität, mit der viele iranische Familien konfrontiert sind. In vielen Volkswirtschaften weist steigender privater Konsum auf wachsende Kaufkraft und Zuversicht für die Zukunft hin. Für einen großen Teil der iranischen Gesellschaft hingegen ist höherer Konsum mit einer Erinnerung an vergangene Zeiten identisch geworden.

Die Alltagsfragen werden alle mit der gleichen negativen Antwort bedacht. »Neue Schulkleidung? Die vom letzten Jahr ist noch in Ordnung. Ein Gang ins Restaurant? Selbstgekochtes Essen ist gesünder. Ein Ausflug? Wir können einfach irgendwo in die Nähe fahren. Obst? In der nächsten Saison ist es vielleicht billiger. Außerdem kommen wir auch ohne aus. Fleisch? Soja reicht, es hat denselben Nährwert. Hähnchen? Essen wir doch einfach Eier. Eier? Warum nicht einfach Brot und Tee zum Frühstück?« So werden die Menschen im Iran nach und nach zu Wesen, deren wichtigste Fähigkeit nicht mehr darin besteht, zu wissen, wie man Dinge kauft, sondern wie man sie nicht kauft.

Für viele Familien gehörte das Reisen einst zum normalen Leben – selbst wenn es nur einen kurzen, günstigen Ausflug einmal im Jahr bedeutete. Doch wenn die Kosten für Transport, Unterkunft und Verpflegung gleichzeitig steigen – und steigende Kraftstoffpreise die Lage noch verschlimmern –, wandelt sich das Reisen allmählich von einem Freizeitbedürfnis zu einem Luxus, den sie sich nicht mehr leisten können.

Ein als Angestellter arbeitender Vater mittleren Alters beschreibt die Veränderung im Leben seiner Familie: »Früher sind wir mehrmals im Jahr verreist. In den letzten Jahren hatten wir das wegen des wirtschaftlichen Drucks auf eine Reise pro Jahr reduziert. Aber dieses Jahr wurde die Lage so prekär, dass sogar diese eine Reise wegfiel. Wir konnten nirgendwo hinfahren. Es wurde noch schwieriger, als ich meine Tochter wegen eines medizinischen Problems nach Isfahan bringen musste. Aufgrund der hohen Kosten für Reise, Unterkunft und Krankenhausaufenthalt mussten wir die Fahrt vorerst aufgeben und verschieben. Ihr Gesundheitszustand ist so, dass eine Verzögerung der Operation die Lage verschlimmern könnte.«

Die vielleicht treffendste Beschreibung der bitteren Lage im heutigen Iran lautet: Die Menschen geben ein normales Leben auf. Nicht auf einen Schlag, sondern schrittweise, bis der Verzicht auch Dinge betrifft, von denen es unmöglich erscheint, dass sie auch noch wegfallen könnten.

Entzug als Normalität

Das Problem ist, dass ein »normales Leben« in den Wirtschaftsstatistiken nicht als einzelner Posten auftaucht. Offizielle Tabellen verzeichnen vielleicht nur einen Rückgang des Verbrauchs einer bestimmten Ware. Doch hinter diesen Zahlen steht mehr. Sie sind Anzeichen für einen erzwungenen Wandel in der Lebensweise der Menschen. So ist im heutigen Iran der Begriff des wirtschaftlichen Erfolgs für einen Teil der Gesellschaft geradezu auf den Kopf gestellt: Für diesen Teil besteht Erfolg darin, es zu schaffen, den Monat zu überstehen, ohne etwas zu kaufen, das man einst für unverzichtbar hielt – und immer effizienter darin zu werden, auf Dinge zu verzichten, um länger durchzuhalten.

Letztendlich geht es nicht mehr nur darum, dass Fleisch und Hähnchen vom Esstisch verschwinden, man seltener in Restaurants isst oder auf Reisen verzichtet. Was nach und nach verschwindet, ist etwas viel Größeres: die Möglichkeit eines normalen Lebens, in dem man nicht jede alltägliche Entscheidung gegen die Sorge um die damit verbundenen Kosten abwägen muss. Für viele Iraner geht es nicht mehr nur um eine bloße Veränderung der Konsumgewohnheiten, sondern um eine allmähliche Veränderung der eigentlichen Definition von »normalem Leben«.

Die womöglich gravierendste Gefahr besteht darin, dass der Entzug selbst zur Normalität wird. Selbst der Verzicht auf die grundlegendsten Bedürfnisse und Wünsche wird zunehmend als Zeichen von Vernunft und Realismus akzeptiert. Und wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird vielleicht eines Tages die letzte Generation, die noch eine klare Vorstellung davon hat, wie ein normales Leben aussah, die nachfolgende Generation fragen: »Erinnert sich noch jemand daran, wie ein normales Leben eigentlich aussehen sollte?« Und vielleicht lautet die Antwort dann: »Wir wissen es nicht. Wir haben es schon vor langer Zeit aufgegeben.«

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