Vom Anstieg der sexuell übertragbaren Krankheiten bis hin zur Armutsprostitution: Die iranische Krise zeigt sich auch im Bereich der sexuellen Gesundheit.
Jugendliche gehören zu den am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen im Iran und sehen sich einer Vielzahl von Herausforderungen bezüglich ihrer Sexualitätsentwicklung gegenüber: Geschlechterungleichheit, sexueller Missbrauch, Kinderheirat, Polygamie, weibliche Genitalverstümmelung (FGM), ungewollte Schwangerschaften oder solche in kurzen Abständen sowie sexuell übertragbare Krankheiten, einschließlich HIV bzw. AIDS.
Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass der Iran mit einer stillen Krise im Bereich der sexuellen Gesundheit konfrontiert ist. Diese Krise ist nicht durch sichtbare Epidemien oder überfüllte Krankenhäuser gekennzeichnet. Stattdessen hat sie sich im Schatten von sozialer Stigmatisierung, kulturellen und politischen Tabus sowie dem Fehlen eines offenen Dialogs entwickelt und ausgebreitet.
Eine wachsende Zahl von Berichten, Forschungsergebnissen und Expertenwarnungen belegt, dass die steigende Prävalenz sexuell übertragbarer Infektionen, die unzureichende Aufklärung, der wirtschaftliche Druck, die Ausweitung des Schwarzmarktes für sexuelle Dienstleistungen sowie ganz allgemein das Fehlen einer kohärenten Strategie im Bereich der sexuellen Gesundheit eine Reihe von Faktoren bilden, die diese Krise immer weiter verschärfen.
In den letzten Jahren haben Ärzte wiederholt vor einem starken Anstieg der Infektionen mit dem humanen Papillomavirus (HPV) gewarnt. Gleichzeitig berichten HIV/AIDS-Experten, dass die sexuelle Übertragung mittlerweile einen steigenden Anteil an den HIV-Neuinfektionen ausmacht. Sie warnen zudem davor, dass es aufgrund sozialer Stigmatisierung, des eingeschränkten Zugangs zu Sexualaufklärung und der Zurückhaltung vieler Menschen, sich testen zu lassen, eine beträchtliche Dunkelziffer an Infizierten gibt.
Ein weiterer Faktor ist die wirtschaftliche Lage des Iran. Durch sie ist die Ehe, die zugleich das einzige rechtlich und gesellschaftlich anerkannte Mittel zur Befriedigung sexueller Bedürfnisse darstellt, für viele Menschen unerreichbar geworden. Infolgedessen ist die Heiratsrate auf den niedrigsten Stand der letzten Jahre gesunken.
Gleichzeitig haben die Einschränkungen der sozialen Freiheiten und individuellen Rechte, die Jugendlichen von der Islamischen Republik auferlegt werden, viele dazu veranlasst, nach alternativen Wegen zu suchen, ihre persönlichen Freiheiten und sozialen Rechte auszuüben und dabei rechtliche Konsequenzen zu vermeiden. Obwohl sich die Bedingungen in den Großstädten seit der »Frau, Leben, Freiheit«-Bewegung im Vergleich zu kleineren Städten und ländlichen Gebieten verbessert haben, besteht die Sorge, dass mit der weiteren Festigung der Macht der Regimes die sozialen Einschränkungen wieder das vor den Protesten herrschende Niveau erreichen oder sogar noch strenger werden könnten.
Diese Entwicklungen werfen eine grundlegende Frage auf: Wenn rascher gesellschaftlicher Wandel mit wirtschaftlicher Not, unzureichender Bildung und tief verwurzelten kulturellen Tabus einhergeht – welche Folgen hat dies für die öffentliche Gesundheit und die Zukunft der Gesellschaft?
Ausbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten
Sexuell übertragbare Infektionen geben den Gesundheitsfachkräften im Iran zunehmend Anlass zur Sorge. So fehlt es im Iran nach wie vor an einem umfassenden nationalen HPV-Impfprogramm, während solche Programme in vielen Ländern zu einem Eckpfeiler der präventiven Gesundheitspolitik und Krebsvorsorge geworden sind. Das Fehlen einer umfassenden Sexualaufklärung sowie die begrenzte Verfügbarkeit und die hohen Kosten von Kondomen im Iran haben dazu beigetragen, dass immer mehr junge Menschen wegen HPV und anderer Komplikationen, die aus ungeschütztem Geschlechtsverkehr resultieren, ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen.
Schulen bieten wenig bis gar keine Aufklärung über die natürliche sexuelle Entwicklung, sicherere Sexualpraktiken oder sexuell übertragbare Krankheiten. Auch die Mainstream-Medien widmen diesen Themen nur begrenzte Aufmerksamkeit. Infolgedessen wenden sich viele Jugendliche und junge Erwachsene an soziale Medien, Freunde oder Online-Plattformen, um Antworten auf ihre Fragen zu finden. Dabei sind sie oft mit Quellen konfrontiert, die ungenaue, irreführende oder unvollständige Informationen verbreiten.
Gesundheitsexperten haben zudem wiederholt betont, dass das soziale Stigma rund um sexuelle Beziehungen und sexuell übertragbare Infektionen viele Menschen davon abhält, sich testen zu lassen oder medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Im Falle von HIV erschweren solche Verzögerungen nicht nur die Behandlung, sondern erhöhen auch die Wahrscheinlichkeit einer Weitergabe der Infektion.
Statistiken zufolge ist die Mehrheit der Iraner, bei denen HIV diagnostiziert wurde, in der jungen Generation zu finden und zwischen 20 und 45 Jahre alt. Fachleute haben zudem davor gewarnt, dass der Anteil der HIV-Infektionen durch sexuelle Übertragung mittlerweile zunimmt, was darauf hindeutet, dass die Krankheit nicht mehr als auf bestimmte Hochrisikogruppen beschränkt betrachtet werden kann. Dieser Trend verdeutlicht die sich vergrößernde Kluft zwischen den sozialen Realitäten im heutigen Iran und der offiziellen Gesundheitspolitik des Regimes.
Wirtschaft, Migration und Sexarbeit
Die öffentliche Gesundheit lässt sich nicht von den wirtschaftlichen Bedingungen trennen. Feldberichte über iranische Frauen, die in den Golfstaaten in der kommerziellen Sexindustrie tätig sind, heben die wirtschaftlichen Gründe hervor, die dieses Phänomen antreiben. Wäre unabhängige Forschung zu Prostitution und Sexarbeit im Iran erlaubt, würden die Erkenntnisse ein noch alarmierenderes Bild offenbaren. Die iranische Regierung verhindert jedoch konsequent Forschung zu diesem Thema, ähnlich wie sie die Erhebung und Veröffentlichung von Daten zu anderen großen sozialen Problemen, darunter Selbstmord, Sucht und damit verbundene soziale Schäden einschränkt. All das führt zu erheblichen Lücken in den öffentlich zugänglichen Informationen über diese Phänomene.
Den wenigen Berichten zufolge, die sich auf iranische Frauen und Mädchen konzentrieren, die außerhalb des Iran sexuelle Dienstleistungen anbieten, sind Dutzende Iranerinnen aufgrund schwerer finanzieller Not zur Prostitution in Hotels der omanischen Hauptstadt Maskat gezwungen. Zu ihnen gehören Medizinstudentinnen, Softwareentwicklerinnen, Künstlerinnen, Kosmetikerinnen, Sportlerinnen und Hochschulabsolventinnen, was die Tiefe der ökonomischen Krise im Iran offenbart. Die hohen Kosten für medizinische Behandlungen, Arbeitslosigkeit, geschäftliche Misserfolge, Verschuldung, sinkende Kaufkraft und der Mangel an geeigneten Beschäftigungsmöglichkeiten gehören zu den Gründen, die die Betroffenen für ihre Auswanderung und den Einstieg in die Sexindustrie angeben. Die Berichte zeigen, dass diese Frauen trotz eines relativ stabilen Einkommens oft unter äußerst prekären Lebensumständen leben. Vielen fehlt es an Krankenversicherung und rechtlichem Schutz. Sie sind einem erhöhten Risiko für sexuell übertragbare Infektionen ausgesetzt und leiden unter ständiger Angst vor der Enthüllung ihrer Identität sowie unter schwerwiegendem psychischem Stress.
Internationale Forschungsergebnisse haben wiederholt gezeigt, dass Armut, wirtschaftliche Ungleichheit und unzureichende Sozialsysteme die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Menschen in informelle und risikoreiche Arbeitsmärkte eintreten. Aus dieser Perspektive sollte Prostitution und Sexarbeit weniger als moralisches Problem verstanden werden denn als eine Folge von wirtschaftlicher Ungleichheit, finanzieller Unsicherheit und schwindenden Beschäftigungsmöglichkeiten.
