Iran: »Dank an die Regierung: Wenn ich protestiere, wird sie mich hinrichten«

Im Iran werden sarkastische Handy-Videos zu einer neuen Form des Protests
Im Iran werden sarkastische Handy-Videos zu einer neuen Form des Protests (© Imago Images / NurPhoto)

Die Angst vor Repression und Gewalt durch das islamistische Regime lässt die Iraner neue Formen des Protests entwickeln.

Kürzlich veröffentlichte ein iranischer Arbeiter auf der Social-Media-Plattform Instagram ein Video, in dem er sagt: »Ich bin Vollzeitbeschäftigter und arbeite in einer der Fabriken in der Nähe von Teheran. Ich verlasse mein Zuhause um fünf Uhr morgens und arbeite bis kurz vor Sonnenuntergang, aber der Lohn, den ich erhalte, reicht nicht aus, um meine Lebenshaltungskosten zu decken. Ich stehe unter Druck, über die Runden zu kommen, aber ich danke der Regierung, denn wenn ich protestiere, wird sie mich hinrichten.«

Einige Tage später postete ein Motorradkurier ein ähnliches Video. Darin sagt er, er arbeite Tag und Nacht auf den Straßen von Teheran, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Trotzdem könnten die erzielten Einnahmen aber mit seinen Ausgaben nicht mehr Schritt halten und er habe »keine Optionen mehr«. Dann sagt er sarkastisch, dass auch er bald »unsterblich« werde – eine Anspielung auf eine Bezeichnung für diejenigen, die bei den jüngsten Protesten getötet wurden.

Diese Videos sind keine Einzelfälle. Ähnliche Beiträge kursieren in den sozialen Medien und verbreiten sich dort viral: von einem Patienten, der sich keine Medikamente leisten kann, bis hin zu einem Bürger, der die steigenden Preise und den Zusammenbruch der Kaufkraft satt hat. Sie mögen der Regierung in ihren kurzen Videos »danken«, doch diese »Dankbarkeit« drückt keine Zufriedenheit aus, sondern ist durch Humor und Sarkasmus geprägt: »Danke; denn wenn wir protestieren, könnte uns das teuer zu stehen kommen und wir könnten hingerichtet werden.«

Dies ist möglicherweise eines der deutlichsten Anzeichen für den Wandel, der sich in der Sprache des Protests in der iranischen Gesellschaft vollzogen hat. In einer Situation, in der direkter Protest für die Bürger mit hohen Kosten verbunden sein kann, wird die Unzufriedenheit in scheinbar harmloser Form zum Ausdruck gebracht: Das »Danken« wird zu seinem Gegenteil, zu einem Ausdruck der Unzufriedenheit.

Von der Straße auf den Handybildschirm

Um dieses Phänomen zu verstehen, muss man auf die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zurückblicken. Während der gesamten Existenz der Islamischen Republik wurden soziale und politische Proteste mit Festnahmen, Inhaftierungen, Repression, Gewalt und in einigen Fällen sogar mit der Hinrichtung von Demonstranten beantwortet. Gleichzeitig haben zahlreiche Bürger das Land verlassen, um dem politischen und sozialen Druck zu entkommen.

In den letzten Jahren, insbesondere seit den (Benzin-)Protesten im November 2019, ist die Unterdrückung für einen großen Teil der Gesellschaft zu einer unmittelbaren Erfahrung geworden. Die Proteste der Jahre 2019, 2021 und 2022 entstanden jeweils unter unterschiedlichen Umständen, hatten jedoch ein gemeinsames Merkmal: Soziale Unzufriedenheit konnte schnell in politischen Protest umschlagen – und die Regierung reagierte darauf mit sicherheitspolizeilichen und gerichtlichen Maßnahmen. Unabhängig von der Zahl der Opfer und den Streitigkeiten über die Angaben ist die zentrale Tatsache, dass diese Repressionserfahrungen die Art und Weise beeinflusst haben, wie Menschen protestieren.

Wenn Protestieren zu Festnahme, Inhaftierung oder schwerer Bestrafung führen könnte, ist es nur naheliegend, dass die Iraner nach anderen Wegen suchen, ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen. Unter solchen Umständen verschwindet der Protest nicht, sondern verändert seine Sprache und Form. Was heute in den Social-Media-Videos zu sehen ist, ist Teil dieses Wandels. Instagram, Telegram, X und andere Plattformen sind längst nicht mehr nur Kommunikationsmittel. Für viele Iraner sind sie zu Räumen geworden, in denen sie persönliche Erfahrungen und Probleme zum Ausdruck bringen können, deren direkte öffentliche Erörterung mit hohen Kosten verbunden sein könnte.

In diesem neuen Umfeld kann ein nur wenige Sekunden langes Video – zumindest symbolisch – die Rolle einer Protestkundgebung übernehmen. Ein Arbeiter, der sich über niedrige Löhne beschweren möchte, schaltet vielleicht, statt direkt zum Protest aufzurufen, seine Handykamera ein und sagt in bitterem oder sarkastisch-humorvollem Ton, dass sein Einkommen nicht einmal ausreicht, um die elementaren Lebensbedürfnisse zu decken. Am Ende bedankt er sich jedoch bei der Regierung, weil er weiß, dass Protestieren gefährliche Folgen für ihn haben könnte. Hier wird Ironie zur Politik.

Ein wichtiges Merkmal dieser Protestform ist, dass die Menschen sich nicht nur über ihre Probleme beschweren, sondern auch über ihre Angst davor sprechen, sich zu beschweren. Klassischerweise würde ein von Armut bedrohter Iraner sagen: »Ich habe kein Geld«, »Ich kann mir keine Medikamente leisten«, »Ich habe keine Arbeit« oder: »Ich lehne diese Politik ab.« Bei den neuen Protestformen kommt jedoch ein weiterer Satz hinzu: »Ich kann nicht einmal gegen diese Situation protestieren.«

In solchen Äußerungen ist die Repression nicht mehr nur die Reaktion der Regierung auf Protest. Vielmehr wird die Repression selbst zum Gegenstand des Protests. Der Sprecher mag zwar über Löhne, Medikamente, Inflation oder Lebensqualität sprechen, lenkt die Aufmerksamkeit des Publikums aber letztlich auf eine übergeordnete Frage: Warum sollte man Bestrafung fürchten müssen, nur weil man seine Unzufriedenheit zum Ausdruck bringt? Es ist diese Umkehrung, die solche Botschaften für ein breiteres Publikum verständlich macht. Ein humorvoller Satz kann gleichzeitig eine wirtschaftliche Beschwerde, politische Kritik und einen Verweis auf die Atmosphäre der Unterdrückung vermitteln.

Unterminierung der offiziellen Sprache

Wenn Regierungsvertreter – vom Parlamentspräsidenten bis zum Obersten Richter – eine Rhetorik der Drohung verwenden, statt auf die Forderungen der Menschen einzugehen, kann die Sprache der Obrigkeit zur Entstehung einer ironischen Ausdrucksform in der Gesellschaft beitragen. Unter solchen Umständen verändert sich die Sprache des Protests und drückt sich in neuen und manchmal unerwarteten Formen aus. Ein Iraner, der sich vor laufender Kamera sarkastisch bei der Regierung für die bestehenden Verhältnisse »bedankt«, macht diesen Ausdruck von »Dankbarkeit« zu einem Mittel, um Unzufriedenheit zu äußern.

Einer der kreativsten Aspekte dieser Protestformen ist der Einsatz der offiziellen Sprache gegen die Machtstruktur selbst. In einem System, dessen offizielle Rhetorik Begriffe wie Zufriedenheit, Sicherheit, Stabilität und Unterstützung für das Volk auf den Lippen führt, können die Adressaten die an sie gerichteten Worte in umgekehrter Bedeutung zurückspielen. Sie »danken« der Regierung, doch jeder weiß, dass diese Dankbarkeit nicht aufrichtig ist. Sie sprechen von »Sicherheit«, doch hinter ihren Worten verbirgt sich Unsicherheit und die Angst vor Unterdrückung.

Auf diese Weise kann das, was oberflächlich betrachtet wie eine gewöhnliche oder sogar humorvolle Botschaft erscheint, zu einer Form des politischen Protests werden. Diese erfordert nicht unbedingt eine zentrale Organisation, einen bestimmten Anführer oder einen offiziellen Aufruf zum Handeln. Jeder kann seinen eigenen Beitrag veröffentlichen, und jemand anderes kann dieselbe Sprache wiederholen.

Zwar gibt es keine Garantie dafür, dass Humor, Ironie und Online-Proteste zu politischem Wandel führen. Beispiele wie die »Weiße-Mittwoch«-Bewegung – im Zuge derer Iranerinnen weiße Hidschabs trugen, um gegen das Regime zu protestieren und zugleich nicht wegen Verletzung der Verschleierungspflicht belangt werden zu können – haben aber gezeigt, dass einzelne und vereinzelte Handlungen im Cyberspace sich manchmal zu breiten gesellschaftlichen Phänomenen entwickeln können. Tatsächlich lässt sich das, was wir heute im iranischen Internet beobachten, vielleicht nicht als eine völlig neue Form des Protests verstehen, sondern als eine Veränderung in dessen Sprache und Schauplatz. Der Protest ist nicht verschwunden, sondern hat sich an neue Umstände angepasst – indem er versucht, die Angst vor Repression in die Sprache des Protests zu verwandeln.

Was wir heute in den Protestvideos sehen, die von Menschen im Iran geteilt werden, sind nicht bloß Scherze über hohe Preise. Die Videos sind eine neue Form, Unzufriedenheit unter Umständen auszudrücken, in denen direkter Protest das Leben kosten kann. Die Iraner in den Videos sprechen über hohe Preise und die Schwierigkeiten des Alltags und erklären dann mit einem Lächeln, dass sie »glücklich« seien – denn wenn sie nicht glücklich wären, könnten sie bestraft werden. Auf diese Weise ist die »erzwungene Zufriedenheit« zu einer Sprache des Protests geworden.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten. Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung.
Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte
oder direkt über Ihren PayPal Account.